Haarsträhne – Julian und Cardámine 59

Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Unser Kobel am Weststamm war nur noch eine leere Zweigkugel. Schön wäre es, dachte ich, wenn ein Gartenschläfer seine Starrmonde darin verbringen oder im nächsten Haselkätzchenmond eine Blaumeise ihre Eier hineinlegen würde. Mit unserem Feuersteinmesser schnitt ich mir ein paar Haarsträhnen ab, als Einzugsgeschenk für zukünftige Bewohner. Feenhaar war ein allseits beliebtes Nestbaumaterial. Dann packte ich das Messer in meinen Korb. Der Abschied wurde uns nicht schwer gemacht.

Auch nachdem der große Menschenschwarm verschwunden war, wurden wir weiter belästigt. Zuerst kam eine Gruppe, die genauso aussah wie die Teichzuschieberbande, sodass uns die Eingeweide gefroren. Sie waren jedoch ziemlich harmlos. Ihr Auto sah wie ein Zwilling des versunkenen aus. Klug geworden, hatten sie es am Harten Weg abgestellt. Sie luden ein paar Schaufeln voll Schlamm in riesige Feenfallen, pieksten mit endlos langen Nadeln ins Erdreich und ersetzten schließlich das rot-weiß gestreifte Bannband durch einen soliden Zaun, auf dem stand: „BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!“, was seit meinem Verrat bloße Übertreibung war.

Zaun wie Schild stellten sich als absolut wirkungslos heraus. Nacht für Nacht tummelten sich ungeladene Gäste unter unserer Erle. Manche kicherten: „Guckt mal! Ich trau mich. Iiiih, Hilfe unter meinem Fuß wird es schon ganz weich. Reich mir schnell das Brett rüber …“

Dabei war der Grund durch das freundliche Wetter der letzten Tage ganz anständig getrocknet, ohne unser Zutun würde kein Auto mehr darin versinken können, geschweige denn ein Kichermensch. Andere brachten Blumen, knieten am Zaun nieder und dankten der Mutter Natur für das Wunder, das Filipendula und Pamina vollbracht hatten. Besonders viele kamen mit diesen silbern blitzenden Kästen. Die Altfrau Jo hatte uns gezeigt, wie die Menschen damit Abbilder von allem und jedem machen konnten – also vermutlich auch von Feen, wenn wir nicht unablässig Vorsicht walten ließen.

Nach zwei Tagen hatten die Absperrmenschen diese Faxen dicke gehabt. Seitdem stand ein Auto mit Polizistenmenschen darinnen Tag und Nacht am Brombeerdom. Alle Neugierigen, Dankbaren und Kichernden schickten sie fort, nur leider sich selber nicht.

Ich legte die Haarsträhnen auf den Boden des leeren Kobels. Dann setzte ich mich ein letztes Mal in das Einflugloch und ließ den vertrauten Blick schweifen von der Schule, zum Schilfgürtel mit den Teichhuhnestern, über die dicht aneinander geschmiegten jungen Erlen, von deren Füßen nun endlich das Hochwasser abgeflossen war, zum Brombeerdom und zuletzt über die Feenwasser, die in der Sonne funkelte. Hier war ich geschlüpft, hier war ich meine Larvenjahre geschwommen, bevor ich an einem wunderbaren Apfelblütenmondtag an Land gekommen war, schon damals zusammen mit Anemona und Achillea. Gemeinsam hatten wir am Ufer unsere Flügel trocknen lassen, gemeinsam waren wir das erste Mal unter Ortigas Aufsicht geflogen. Nun driftete ihr Geist tief in der Feenwasser, in die ich im nächsten Jahr meinen ersten Laich gleiten lassen wollte. Ich schluchzte laut auf.

„Ich werde verrückt, das heilige Wiesenschaumkraut wird nostalgisch.“

Ja, wurde ich. Sogar die dummen Sprüche der Gemeinen Hundspetersilie würden mir fehlen.

„Feeometer, Cardámine. Du musst dich mal wieder richtig aufregen, macht ja gar keinen Spaß mehr, dich zu ärgern.“

So brachte Aethusa mich glatt zum Lachen.

„Mach jetzt nicht schlapp, wenn Filipendula und ihr anderen Irren die Schnauze voll davon habt, Menschenmaskottchen zu spielen, dann kehrt ihr einfach zurück. Matricaria wird eine Superaltfee sein. Wer konnte Ortigas Geist den Wasser übergeben? Sie oder Filipendula?“

Da die Antwort bekannt war, schwieg ich.

Filipendula hatte Matricaria den Altfeerang nicht streitig gemacht, doch sie hatte Erfahrung und verbot sich nicht, weiterzudenken. Das Feenleben musste sich verändern. Wir waren der Vernichtung nur sehr knapp entronnen, eigentlich nur, weil ich Julian gerade Wünsche erfüllt hatte und Dennis Julian überzeugt hatte, uns zu warnen. Zuviel Zufall, um sich darauf zu verlassen. Dennoch wollte Matricaria alles so lassen wie es war.

„Aethusa, warum in allen Wassern stört es dich, wenn es zwei Schwärme hier in der Gegend gibt? Du, ich und manche andere werden im nächsten Jahr ablaichen, es kann nur gut sein, wenn wir zahlreicher werden.“

„Rede du dir dieses Menschenhaustierchendasein nur schön. Letztlich wollt ihr diesen Umzug nur, weil dieser Bengel sich von Filipendula gewünscht hatte, in seinem Garten mögen Feen leben. Von wegen freier Wille. Ich weiß, ich könnt da nichts für. Nur wäre es schön, wenn Filipendula mit ihrem Möchtegern-Altfeegetue das zugeben könnte.“

Aethusa hatte schon immer gewusst, in welcher Verpackung die Wahrheit am schmerzhaftesten war.

„Tust du mir einen Gefallen?“, fragte ich sie. „Wünschst du mich bitte mitsamt meinem Korb in die neue Heimat?“

„Wirst mir fehlen, verrücktes Wiesenschaumkraut“.

Sie zückte ihren Zauberstab.

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