Kuno — Julian und Cardámine 60

Liebe Frau Stachelbeemond, heute zeigt sich, warum ich vom Genuss von Feengetränken vorsichtig abriet. Für die lila Punkte habe ich inzwischen auch eine Erklärung bekommen, ich hoffe ich schaffe bald sie aufzuschreiben.

So erschöpft wie ich bin, würde ich einen Feentrank glatt annehmen.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Endlich durfte Julian den Bagger auch mal fahren. Eingequetscht zwischen Wolfgangs Beinen bediente er mit dem rechten Fuß das Gaspedal und Wolfgang half wirklich nur ein bisschen beim Lenken mit den zwei Hebeln. Julian gelang es, genau neben Paminas Grabungen zum Stillstand zu kommen. Dann musste man den Bagger „hinsetzen“, nach links und rechts fuhr er seine Raupenketten aus und ließ sich mit einem kleinen Rumms dazwischen nieder.

Das Graben selbst war eine heikle Angelegenheit, vier Hebel waren im Wechsel zu bewegen, bis der Bagger einen Happen aus der Schröterwiese biss und diesen dann auf den neuen Hügel plumpsen ließ. Beim ersten Mal ließ Julian den Bagger in die Luft schnappen, beim zweiten Mal schabte er zu flach über die Grasnarbe, beim dritten Mal fraß er so viel, dass dem Minibagger die Kraft fehlte, die übervolle Schaufel wieder hoch zu heben. Als es endlich klappte, entleerte Julian die Schaufel vor Schreck gleich wieder und die Erde lag da, wo sie herkam. Wolfgang griente: „Gib nicht auf, die Werbung verheißt Kuno, den Minibagger, kann jeder fahren, ich las keine Fußnote, die besagte, Menschen mit dem Namen Julian seien davon ausgenommen“.

Diesmal gelang es Julian, den Aushub in Paminas Baggerloch zu werfen. Ihr Blick war vernichtend. Dass Cardámine und Achillea die ganze Zeit aufgeregt um Julians Kopf schwirrten, machte die Sache nicht besser.

„Lebt vom Müll und mietet einen Bagger für 119 Euro am Tag“, hatte Jo gelacht. „So einen wie Wolfgang gibt es kein zweites Mal in der Welt“.

„Wir haben es echt versucht“, verteidigte Julian die Schröters. „Aber mit Hacke und Spaten hätten wir diesen neuen Feenteich erst fertig gehabt, wenn die schon wieder im Winterschlaf sind. Außerdem gab es Kuno übers Wochenende zum Sonderpreis.“

Jo hatte wieder gelacht und unter dem Titel „Naturschutzgebiet Selbstgebaut“, erschien ein Artikel im „Neuen Tageblatt“. Kein Wort über Feen, aber ein Foto von Dennis auf Kuno. Grosse hatte seinen Schmierzettelvertrag erfüllt. Jo war seit einer Woche verantwortliche Redakteurin für Umweltthemen.

Am Sonntagmittag gelang ihnen der Durchbruch. Die kleine, erbärmlich begradigte Helster Au begrenzte das Schrötergrundstück zur Landstraße hin. Nach dem regenreichen Frühsommer führte sie reichlich Wasser, das nun gurgelnd in die neu geschaffene Feenwelt strömte. Menschen und Feen applaudierten, Kaiser kläffte.

Komisch sah er aus, dieser Teich mitten auf der Wiese, ohne Erlensaum und Binsenbüschel.

„Zur Larvenaufzucht komplett ungeeignet“, stellte Filipendula fest. „Doch die Natur wird sich übers Jahr zu helfen wissen. Wenn wirklich eine von uns noch in diesem Sommer ablaichen sollte, gibt es ja noch die alte Feenwasser.“

Schnelles „kreck-kreck-kreck“ ertönte. Aufgeregt wie ein Ehepaar bei einer Wohnungsbesichtigung, schwammen zwei Teichhühner in das funkelnagelneue Gewässer.

Zur Einweihungsfeier am nächsten Tag hatte selbst Jo sich frei genommen. Beladen mit Apfelsaft, Chips- und Flipstüten fuhr sie vor. Den Feen hatte sie zum Einzug eine Tüte Schokostreusel mitgebracht.

Imke und Wolfgang schleppten Tische, Stühle, selbstgebackenen Kuchen, Obst-und Gemüseplatten auf die Wiese. Aus Rücksicht auf die Feen sollte das Festmahl vegetarisch sein.

Cardámine, Filipendula, Achillea, Anemona und Lemna hatten in einem alten Quittenbaum bereits zwei Feenkobel geflochten. Sie waren in der vergangenen Woche mindestens so fleißig gewesen, wie Julian, Dennis und die Schröterfamilie. Und Herr Börner. Die angewünschte Alkoholallergie tat ihm gut. Zwar war er blass und seine Hände zitterten, trotzdem hatte er den Spaten beinahe am eifrigsten geschwungen. Dennis entwickelte an der Seite seines Papas ein regelrechtes Dauergrinsen.

„Abends hat er sogar noch das Licht im Bad repariert“, vertraute er seinen Freunden an. „Siebzehn blaue Müllsäcke hat er aus der Wohnung getragen und jeden Morgen duscht er.“

Wolfgang und Isabella trugen frisch gebrühten Kaffee auf, als Filipendula und Cardámine mit einem Binsenkörbchen auf der Tischdecke landeten.

„Ihr teiltet eure Nahrung mit uns. So ist es recht und billig, dass wir dasselbe tun. Sättigen werden die Feenportionen euch kaum, doch es könnte sein, dass sie euch auf andere Weise gut tun.“

Das Feengeschirr war aus Eicheln und Kastanien geschnitzt und hielt erstaunlich dicht. Die Getränke schmeckten anders als alles was Julian jemals probiert hatte. Sie waren süß, aber nicht wie Cola oder Limonade, sondern die Süße drang direkt ins Herz. Heute war ein Tag zum Zerspringen schön, doch Julian konnte sich vorstellen, dass dieser Trank die Macht hatte, dem Trinkenden auch noch am trübsten Tag Zuversicht zu geben. Besonders Herrn Börner taten die „Feenschnäpschen“, wie er sie nannte, sichtlich gut. Nach der dritten Eichel hörten seine Hände auf zu zittern, ein Hauch von rosa legte sich auf seine eingefallenen Wangen.

„Nie mundete etwas köstlicher“, sagte Wolfgang.

Imke fragte: „Was um alles in der Welt ist es?“

Einmachen und Kochen waren ihre großen Leidenschaften. Bestimmt würde sie gleich die Rezepte in ihr großes blaues Ringbuch schreiben.

„Blütenstaub, Tau, Sonnenlicht, manchmal ein paar Beeren oder ein wenig Grashalmmilch und natürlich Pipi.“

„Pipi?“

Wer noch ein Eichelbecherchen zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, ließ es auf die Tischplatte sinken.

„Feenpipi?“, hakte Desdemona nach.

„Hätte es ja wissen müssen“, murrte Herr Börner. „Feen legen einen immer rein.“

„Natürlich Feenpipi. Keine Stinkebrühe, wie Fuchs, Marder oder Mensch absetzen. Feen stammen – anders als ihr – nicht nur von den Tieren ab, sondern auch von den Blumen.“

„Tja, wenn man das berücksichtigt“, meinte Imke begütigend. Die Lust Feenrezepte in ihr Ringbuch schreiben schien ihr vergangen zu sein. Sie konnte ihre neuen Nachbarinnen kaum zum Pinkeln in ihre Küche bitten.

„Ihr esst tote Tiere und raubt die weiße Flüssigkeit aus der Brust der Säugetiere“, Lemnas Stimme war immer noch leise, aber gut zu verstehen. „Ihr nehmt eure Nahrung mit Gewalt. Wie könnt ihr euch ekeln vor dem, was aus Liebe gegeben wird?“

„Weil Pisse eklig ist.“

Dennis schüttelte sich.

„Diese nicht“, sagte Julian leise. Er dachte an Mo, die darauf bestanden hatte, ein paar Köttel zum Fressen im Stall zurückzubehalten. Er schob sich eine Hand voll Chips in den Mund, aufdringlich, ranzig und versalzen schmeckten sie nach der Süße des Feentrunks. Dieser Tag war einfach zu schön, um ihn sich von einer Eichel voll Feenpipi kaputt machen zu lassen, zumal das Getränk mit Tau und Sonnenlicht verdünnt war.

Wolfgang fand wieder die schönsten Worte: „Meine Damen, wir danken Ihnen für diese außergewöhnliche Einladung. Wir wissen die einmalige Ehre zu schätzen, die uns zuteil wurde.“

Filipendula lächelte, Herr Börner schnaubte.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

3 Gedanken zu “Kuno — Julian und Cardámine 60

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s