E-Mail — Julian und Cardámine, letzter Teil

Heute kommt der letzte Teil der Geschichte von Julian und der Fee Cardámine und ich hoffe, ich habe keinen Strang zu lösen vergessen, sonst fragen Sie gern.

Und denen, die noch mehr lesen wollen von Frau Fundevogel, empfehle ich mein – feenfreies-Buch Zwischenzeit. Es ist im Buchhandel erhältlich. Wenn Sie es direkt bei mir bestellen, lässt sich über den Preis gern reden.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Jo arbeitete während der gesamten Sommerferien, von frühmorgens bis mitten in der Nacht. Julian regte sich nicht mehr darüber auf. Er war sogar stolz auf seine Mutter, die in den letzten Wochen fast berühmt geworden war, weil sie sich so unermüdlich für Wiesen und Teiche einsetzte und natürlich, weil sie das weltbekannte Phänomenfoto gemacht hatte. Berühmter war nur der der auf den Fotos zu sehen war: Wolfgang Schröter. Er stieg nur noch selten in Müllcontainer. Den Supermärkten des Viertels war es eine Ehre, dem Retter ihre abgelaufene Ware frei Haus zu liefern. Nichtsdestotrotz waren einige Supermärkte dazu übergegangen Wachmänner auf ihren Hinterhöfen aufzustellen, denn in Containern nach Essbarem zu suchen, war zur coolsten Masche dieses Sommers geworden, wie das „Neue Tageblatt“ in einem langen Artikel verwundert feststellte. Wenn man sie gut kannte, konnte man auf dem unscharfen Schwarz-Weiß-Foto Isabella, Desdemona und den Kameramann mit dem Drachentatoo erkennen.

Heute Morgen hatte Jo eine Überraschung für ihren Sohn.

„Komm mit zum Computer.“

Sie deutete auf eine E-Mail. Die Absenderadresse kam Julian vage bekannt vor, wirklich einordnen konnte er Ilse Stern nicht. Er las: „liebe altfrau jo, dein vorschlag nach ellerbruch zu fahren, war sehr gut. ilse, die vogelfreundin, hat mich mit überwältigender gastfreundschaft in ihren kobel aufgenommen. stell dir vor, sie kennt bereits feen. sie führte mich zu einem weiher, an dem sie oft feen tanzen sah, während sie eigentlich zugvögel zählen sollte.

so lernte ich tussilaga farfara kennen, eine wahre altfee, die schon über hundert sommer gesehen hat. nie hätte ich gedacht, dass feenartigen ein so langes leben geschenkt werden kann. mir scheint, sie weiß alles, was eine fee wissen kann.

sie kennt einen zauber, mit dem der glitzer- und dahinschwindebann von der menschenfrau schmidtbruhns genommen werden kann. sage das dem jungen julian, ich weiß, er macht sich sorgen um diese böse frau.

Ich habe eine freundin gefunden, eine, die richtig zu mir passt und mich auf meiner weiteren suche nach feenschwärmen begleiten wird. nur mit dir im auto fahren will sie bislang nicht, aber zu zweit können wir uns durch die gegend wünschen. stell dir vor, sie heißt ortiga, wenn das kein gutes zeichen ist. es wäre so schön, nicht mehr alleine auf der suche zu sein. achilleas absage tut noch immer weh, aber gute zauberstabschnitzerinnen brauchen wir natürlich auch.

grüße alle geliebten menschen und feen von mir, auch matricaria. sie wird das nicht verstehen, aber tussilaga farfara würde sie gerne kennen lernen.

möge die sonne auch euch scheinen.

cardámine.

p.s. hat schon eine gelaicht?“

Das war bestimmt die erste feengeschriebene Mail im gesamten Internet.

„Druckst du mir das aus? Für Pamina, Tamino und Dennis?“

Das Blatt Papier in der Hand hüpfte er zum Schröterhaus voller Vorfreude auf die überraschten Gesichter. Es waren tolle Ferien. Sie spielten viel am neuen Feenteich und unterhielten sich mit den daheim gebliebenen Feen. Sie gingen schwimmen und halfen Imke bei der Beerenernte. An Regentagen spielten sie auf Jos Computer „Anno 1503“, gelegentlich schauten sie auch mal bei der Huvv-Gang vorbei. Dank Filipendulas Unterweisungen würden Pamina, Julian und Dennis, wenn sie nach den Ferien in die Gesamtschule kamen, wohl Schulbeste in Naturkunde werden. Pamina wurde ein bisschen rot, als sie zugeben musste, dass Libellen gar nicht mit Stacheln ausgestattet waren.

„Desdemona hatte mir jahrelang damit Angst gemacht. Ich hatte einfach Lust, diesen Schwindel bei dir auszuprobieren, nachdem du zum vierten Male keine Lust gehabt hattest, meine Primzahlensammlung anzugucken.“

Primzahlensammlung! Julian erinnerte sich schwach an ein vollgekritzeltes Schulheft, das Pamina ihm durchaus öfter als viermal unter die Nase gehalten hatte. Im Endeffekt hatte sich Paminas Zahlenliebe allerdings als nützlich erwiesen. Nur weil sie das Kennzeichen des orangefarbenen Golfs automatisch auswendig gelernt hatte, war der Drogenhändler gefasst worden. Sie hatte von der Polizei eine Belohnung bekommen, mit der sie als echte Schröter nicht knauserig war. Sie spendierte Ausflüge ins Spaßbad, ins Kino und in den Zoo. Mit Achillea als Beraterin in der Jackentasche kaufte sie im Gartencenter ein: Teichrosen, wilde Iris und ein ganzes Bündel junger Schwarzerlen.

Nachdem es Dennis gelungen war, die im Hause Börner aufgelaufenen Kartons voller Radio-Gut-Drauf-Freibier an Herrn Grosse zu verkaufen, waren sie richtig wohlhabend. Dennis verbrachte die Ferien im Schröterhaus, nachdem Jo und Imke Herrn Börner zu einer Therapie in einem Krankenhaus überredet hatten.

Heute stürzten Dennis und Pamina Julian entgegen.

„Rate, was heute Nacht passiert ist! Du wirst es nicht glauben.“

„Cardámine hat eine E-Mail geschickt“, sagte Julian prompt, obwohl sie davon nicht wissen konnten. Der uralte Computer, an dem Imke und Wolfgang ihre Bücher schrieben, war nicht internetfähig. Pamina hatte gar nicht zugehört, sondern zerrte Julian die Treppe hoch zum Meerschweinchenparadies. Behutsam hob sie eines der Häuschen hoch.

„Ist es nicht ein Glück, dass wir damals nicht genug Geld hatten, um alle drei Meerschweinchen kastrieren zu lassen?“

„Lass das! Ich beiße dich!“, zischte Mo. Dann erblickte sie Julian.

„Julian, liebster Julian. Guck sie an. Sind sie nicht perfekt?“

Sie waren perfekt.

Vier winzige Körperchen mit riesigen Köpfen, vollständig befellt und fledermausohrig. Mit blanken schwarzen Augen schmiegten sie sich an Mo, die stolze Mutter. Eines war schwarz wie sie, zwei braun-weiß gefleckt wie Pummel aus dem Mülleimer und das vierte sogar schwarz-weiß-braun, dieses struppig wie Mo. Alle anderen waren pummelglatt. Begeistert streckte Julian die Hand aus, doch Mo klapperte erbost mit den Zähnen, fast hätte sie ihn gebissen.

„Weg da, Feind! Niemand berührt meine Kinder ungestraft!“

„Ist ja gut“, stotterte Julian. „War ja nur, weil deine Kinder so süß sind. Herzlichen Glückwunsch überhaupt. Sind es Jungen oder Mädchen?“

Wieder eine Frage, die Mo komplett überforderte.

„Julian, stell das Haus über uns. Meine Kinder und ich brauchen ganz dringend eine Gurke.“

Julian stülpte das Häuschen über die junge Familie.

„Müsst keine Angst haben, meine Herzblättchen“, gurrte es darinnen. „Das war Julian, der liebste und beste Julian der Welt, er hat mich hierher gebracht, er hat mich zu Pummel gebracht, er bringt Gurken, er streichelt. Wenn Julian kommt, müsst ihr sofort und ganz laut quieken.“

Julian strahlte. Wünsche erfüllen konnte er besser als wünschen. Mo war glücklich und liebte ihn. Richtig unterhalten konnte man sich zwar nicht mit ihr, aber er wurde langsam ein echter Meerschweinchenspezialist.

„Ja, ja, Julian der Meerschweinchenversteher“, maulte Desdemona. Nachdem sie ausgiebig ausgeschlafen hatte, wollte sie auch Babys gucken. Aber Julian verbot es, „weil das Mo zu sehr aufregt.“

Sie hielt sich dran und versuchte nur auf dem Bauch liegend in das Wochenbetthäuschen hinein zu schielen. Nach dem die Neugeborenen nicht mehr zur Dauerbesichtigung freigegeben waren, fand auch Cardámines E-Mail den gebührenden Anklang.

„Eine unerschrockene Pionierin!“, würdigte Wolfgang die winzige Fee.

Nach dem Mittagessen trainierte Dennis auf der Terrasse Julian im Rülpsen. Seit Ferienbeginn machte Dennis aus seinen Leithammelfähigkeiten kein Geheimnis mehr, sondern gab sie großzügig weiter. Das Schröterhaus hatte auf ihn abgefärbt. Tamino erwies sich als gelehriger Schüler, während Julian es in der Rülpskunst wohl nie zur Meisterschaft bringen würde.

Pamina hatte einen Drogenhändler überführt, die Feeheit, drei Bauarbeiter und mehrere Polizisten gerettet. Es verstand sich von selbst, dass sie keine Rülpskurse besuchte.

„Würde es euch etwas ausmachen, mit diesen vulgären Übungen zu pausieren, um freundlicherweise ein paar Fichtenzapfen im Wäldchen zu sammeln?“

„Hä?“

Obwohl Dennis wusste, wie sehr Wolfgang dieses Wörtchen hasste, rutschte es ihm immer wieder raus. Schnell verbesserte er sich: „Entschuldigung. Ich meinte, wofür brauchst du die?“

Wolfgang griente.

„Der Sommer neigt sich, die Mauersegler sind nach Afrika aufgebrochen. Es wird Zeit unsere Bienen einzufüttern.“

Er erklärte, wie er in großen Schüsseln Zucker und Wasser vermengen würde, „im Verhältnis zwei zu eins. Auf dieser Lösung werden dann eure Fichtenzapfen treiben. Die Damen Bienen können sich auf diesem schwimmenden Untersatz niederlassen und speisen.“

Für die Bienen tat Julian immer gerne etwas, rülpsen konnten sie auch unterwegs.

„Außerdem können wir dann gleich Achillea und den anderen von der Feenmail erzählen.“

Jeder mit einem Plastikeimer in der Hand zogen sie los. Die ersten Habichtskrautblüten hatten sich bereits geschlossen. Es erschien ihnen völlig selbstverständlich, daraus zu schließen, dass es ungefähr drei Uhr nachmittags sein musste.

„Schenkst du mir eines von deinen Meerschweinchenbabys?“, fragte Dennis, während sie über die Obstwiese stapften. „Ich meine natürlich, wenn sie groß sind.“

„Eines nicht, aber zwei, wenn dein Papa es erlaubt. Meerschweinchen sind unglücklich, wenn sie keine Gefährten haben. Du musst sie natürlich auch immer schön füttern und sauber machen, aber nicht zu gründlich. Ein paar Köttel zum Knabbern musst du ihnen übrig lassen.“

„Wird gemacht, Meerschweinchenchef“.

Lachend gab Dennis Julian einen kleinen Nasenstüber.

„Du solltest ein Buch über Meerschweinchen schreiben. Du fragst Mo, wie sie alles gern hätte, alle Leute würden ihre Meerschweinchen besser behandeln und du würdest einen Haufen Kohle verdienen.“

Julian lachte auch, aber eigentlich war das keine schlechte Idee.

„Menschen brauchen auch Gefährten“,

Julian schaute auf. So nachdenklich und rätselhaft sprach Dennis sonst nicht.

„Es war so toll von dir, dass du gewünscht hast, dass wir Freunde sind.“

Julians aufgekratzte Stimmung war dahin. Also hatte Pamina Dennis den dritten Julianwunsch erzählt. Er hatte sie darum gebeten, weil ihm selbst der Mut dazu fehlte und er ahnte, dass die Geschichte über kurz oder lang die Runde machen würde. Bis jetzt hatte Pamina nichts von Dennis Reaktionen berichtet und Julian hatte lieber vergessen, sie danach zu fragen. Mit rasendem Herzen murmelte er: „Du fandest das nicht peinlich oder aufdringlich?“

Dennis schaute zu Boden, lange sagte er nichts, Julian wurde vor Aufregung ganz schlecht. Schließlich antwortete Dennis, leise wie nie: „Als Pamina davon erzählte, habe ich mich gefreut wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte doch noch nie einen richtigen Freund. Jetzt habe ich dich. Und Tamino. Und Pamina. Und Wolfgang. Und Imke. Und die Feen. Immer hatte ich gedacht, ihr wärt die Dööfsten des Universums. Dabei seid ihr die Coolsten.“

Julian wurde innerlich wohlig warm. Er verzichtete darauf, Dennis zu sagen, dass er ihn jahrelang für den Dööfsten des Universums gehalten hatte und auch, dass er sich bei Filipendulas Worten geschämt hatte, wie nie in seinem Leben. Stattdessen hüpfte er vor Freude wieder wie ein Floh. Vor Dennis war ihm das schon lange nicht mehr peinlich.

An der Nachtigallenwasser winkte Filipendula ihnen zu.

„Heute Abend tanzen wir. Seid ihr dabei?“

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8 Gedanken zu “E-Mail — Julian und Cardámine, letzter Teil

  1. Katharina Juni 5, 2020 / 1:56 pm

    Ein schönes Ende. 🙂 Die Geschichte hat mir wahnsinnig gut gefallen. Sie war spannend, kreativ und ich habe richtig mitgefiebert. Ich bin nur etwas traurig, dass es schon vorbei ist. 😉

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