Im Wäldchen (ABC-Extra-Etüde)

Vieles bleibt liegen in dieser verrückten Coronazeit: Der Kleine Fundevogel ist wunderbar und liebenswert, aber eben auch nach wie vor völlig unberechenbar. Lieb und aufmerksam erlernt er das Zähneputzen – und drückt dann schneller als ich Stop sagen kann die Zahnbürste so tief in den Siphon, dass ich alles auseinanderschrauben muss.

Er darf aus guten Gründen auf keinen Fall allein auf den Balkon und schafft es trotzdem den Schuh seiner Schwester über jemanden drüber aus der Stube heraus über die Balkonbrüstung zu werfen zum Glück auf niemandens Kopf. Das waren zwei eher harmlose Beipiele, die Aufmerksamkeit darf eben immer erst nachlassen, wenn er schläft.

Und die Kita findet Woche für Woche neue Gründe ihn noch nicht wieder aufzunehmen, er ist bald das letzte Kind Hamburgs, das noch nicht wieder zur Kita geht.

Darum bin ich glücklich , dass es mir kurz vor knapp doch noch gelungen ist, Christianes Einladung zu einer Extraetüde zu folgen, mit den Wortspenden — siehe Graphik–  von den Blogs Olpo Olponator und Kopf und Gestalt.

Vielen Dank dafür und Christiane für die viele, viele Arbeit.

 

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Die Jungs nennen die beiden nebeneinanderliegenden Findlinge den „Katamaran“, und sie führen allerhand waghalsige Kunststücke darauf aus, beschießen sich als Piraten mit ihren blöden Nerfs und schreien albern, wenn sie in Wasser fallen, das nichts anderes ist als weiches Gras.

Janina mag es nicht, wenn die Jungs im Wäldchen sind. Sie sind ihr unheimlich. Außerdem will sie es leise haben. Wenigstens hier.

Ihre Mutter findet die Jungs nicht schlimm, sie hätte es gern, wenn Janina mitspielt, denn sie mag es nicht, wenn Janina allein im Wäldchen ist. Nach Schulschluss soll sie den Plattenweg laufen und nicht im Wäldchen verwilderte Johannisbeeren pflücken, Gedankenspiele pflegen und den Zeitplan der Familie durcheinanderbringen.

Mädchen, die sich alleine herumtreiben, kann schnell etwas passieren.

Janina fragt nicht, was für ein Etwas das sein soll, irgendwas mit bösen Männern und sie hätte selber schuld, wenn es geschähe.

Heute regnet es, endlich regnet es, sagen die Erwachsenen. Aber Janina mag es nicht, wenn es regnet, dann soll sie zu Hause bleiben und muss hören, wie Mami und Christoph sich anschreien, wenn sie sich auch Mühe geben nur zu brüllen, wenn Janina in ihrem Zimmer ist.

Und mach die keine Sorgen, wenn wir uns streiten, alle Menschen streiten sich mal. Das ist ganz normal und tausendmal besser, als alles totzuschweigen. Du streitest dich doch auch mal mit deinen Freundinnen.

Tut sie nicht. Sie kennt gar kein Mädchen gut genug, um sich mit ihr zu streiten. Und wenn sie eine Freundin hätte, würde sie sich von der ganz bestimmt nicht anschreien lassen.

Das Gute am Regen wiederum ist, dass die Jungs wahrscheinlich nicht auf dem Katamaran rumnerven.

Im Regen kann Janina selbst auf den Findlingen hocken und sich vorstellen, dass da Trolle wohnen und dann kämen nette Menschen, die sich verirrt hätten im Wald und ließen sich von Janinas Trollfreunden bewirten. Mit etwas großspuriger Freundlichkeit führt Janina in diesem Gedankenspiel die liebenswürdigen Fremden in die Gesellschaft der Trolle ein und fühlt sich großartig.

Ein Kind sitzt auf einem der Findlinge, keiner von den Katamaranjungs. Passen tut Janina das deswegen noch lange nicht, unschlüssig bleibt sie bei den Johannisbeeerbüschen stehen.

Pass auf, hier gibt es Trolle, die beißen dich gleich, sagt das Kind, nachdem es eine Weile zu ihr hin gestarrt hat. Überraschenderweise ist es ein Mädchen.

Gar nicht wahr, schnappt Janina und lässt offen, ob sie die Trolle als solche oder nur deren Bissigkeit anzweifelt.

Wirst ja sehen, antwortet das Mädchen nicht minder garstig. Und fügt dann unvermittelt hinzu: Bist du auch weggelaufen?

Janina nickt, dabei traut sie sich solche Abenteuer nur in Gedankenspielen.

Da, das Mädchen hält ihr auf seiner unglaublich schmuddeligen Hand ein paar verklebte Gummibärchen hin. Auf dem Unterarm hat sie blutige Striemen.

Nein danke , Janina ist ja nicht wirklich weggelaufen und wird gleich Mittagessen bekommen. Gleichmütig schiebt sich das Mädchen die Gummibären in den Mund

Da, sagt sie nochmal und deutet auf den Boden. Unter dem Katamaranstein lugt ein Schwanz hervor, ein Schwanz mit einer Quaste.

Sie beißen nicht, sagt Janina. Sie sind meine Freunde.

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8 Gedanken zu “Im Wäldchen (ABC-Extra-Etüde)

  1. Christiane Juni 7, 2020 / 10:12 am

    So beginnen Freundschaften: was zu essen abgeben, Geheimnisse teilen. Sehr berührend, ganz großartig.
    Danke.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌥️☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. fundevogelnest Juni 7, 2020 / 10:33 pm

    Ja, wer weiß, ob wir von den beiden noch mehr hören werden.
    Die Geschichte hat Potenzial, nur ich gerade eher nicht.

    Gefällt 1 Person

  3. fundevogelnest Juni 11, 2020 / 9:33 pm

    Tja, das war eine von diesen drolligen Geschichten, die sich selbst geschrieben haben,der Plan war gaaaanz anders.
    Und nun sitze ich da mit den nach Fortsetzung rufenden Quasten und habe keinen Plan.
    Feen konnten es übrigens keinesfalls sein, im Wäldchen gabs kein Gewässer. Inzwischen stehen längst Wohnungen drauf.
    Ach sieser Awesome Award, Sarah vom Mutter-Sohn-Blog hat mich schon vor etwas längerer Zeit nominiert.
    Lieb von euch, deine Fragen reizen mich auch sehr. Vielleicht schummele ich und beantworte sie nur, ohne mir neue aus den Fingern zu saugen.
    Igelsocken fände ich echt cool oder Trollsocken, meist trage ich einfach geringelte.

    Liken

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