Das Leben in den Zeiten der Koboldkriege

Keine Fantasy diesmal.

Leider.


Eine Armee ist in unser Nest eingefallen. Vor Jahren schon. Ein Heer listenreicher Koboldwesen. Viele sind sie.

Und gerissen.

Wenn meine Großmutter mal wieder ihre Brille verlegt hatte, rief sie da sitzt doch wohl schon wieder so ein Kobold drauf!

Erst wenn der sich wegbequemt hatte, wurde die Brille wieder sichtbar, lag, wo die Oma doch vorher schon fünfmal nachgesehen hatte.

Allein Anschein nach haben diese Kobolde mich zur Erbin meiner Großmutter erkoren. Ich bin zu kurzsichtig, um meine Brille abzulegen, aber auf meinen Schlüsseln, Werkzeugen, Haarbändern und seit neustem auch auf den von meiner Schwester so liebevoll genähten Schutzmasken tummeln sich muntere Koboldpopulationen.

Alles in allem sind diese Kobolde eine liebenswerte Bande, manchmal zu lästigen Streichen aufgelegt, letztlich aber geben sie alles heimlich Entliehene getreulich zurück und wer die Ohren spitzt, hört sie unter den Dielen und hinter Schränken herumwurschteln, empfängt so die freundliche Gewissheit ein wirkliches Zuhause auf Erden zu haben. Irgendwann habe ich mal eine lange Geschichte geschrieben, dort werden sie zum Rettenden. Wen scheren da ein paar Schlüssel und Mützen?

Was ich nicht wusste:

Es gibt auch andere Kobolde.

Ihnen und ihren freundlichen Geschwistern mag der Spaß am Schabernack gemein sein, die unglaubliche Flinkheit und die Fähigkeit scheinbar aus dem Nichts aufzutauchen ebenfalls.

Aber ihre Boshaftigkeit, ihre Hinterlist, ihr unglaublicher Drang zu zerstören,vor der Nase wegzuschnappen und Schmerzen zuzufügen macht, dass das Zuhause auf Erden sich zeitweilig nicht mehr wie eines anfühlt.

In den Father Christmas Letters, die J. R.R. Tolkien Jahr für Jahr an seine Kinder schrieb, bis sie erwachsen waren, tauchen sie plötzlich auf kleine, schwarze goblins, die dem Weihnachtsmann das Leben zur Hölle machen. Zum Glück hat er den gutmütigen, aber auch starken und mutigen Nordpolarbären an seiner Seite.

Ich spreche NICHT vom Kleinen Fundevogel. Er ist kein Kobold, ein herzloser schon mal gar nicht, das wird niemand glauben, der die Wucht erlebt hat, mit der um den unlängst in unserer Straße überfahrenen Eichelhäher getrauert hat. Doch diese Wesen gehören zu ihm, wie der Erzählvogel auf meine Schulter gehört. Der ist nur um einiges sozialverträglicher.

Wenn die Kobolde ihm vorschlagen, wird in der Regel getan. Sie springen offensichtlich dreimal flinker, als er denken kann.

Kobolde finden es erstrebenswert auf jeden Schalter, jede Klingel zu drücken, an jedem Hahn zu drehen, jede Tür zu knallen, jede Flüssigkeit zu schütteln, den Badeanzug durch die Toilette zu spülen, die Zahnbürsten in den Abfluss zu quetschen, die Schuhe zwischen die meterhohen Brennnesseln zu schleudern oder von der Brücke in den Bach.

So weit so nervig und was Schuhe und UV-schützendes Badezeug angeht, auch teuer.

Aber irgendwie noch okay, manchmal sogar recht unterhaltsam..

Das eigentlichen Koboldprobleme sind die gefährlichen:

Immer in Erwartung zu sein etwas – vielleicht auch Schweres – an den Kopf geworfen zu bekommen oder es den Balkon herunter oder in den Straßenverkehr fliegen zu sehen. Bei den geringsten Anforderungen einen Widerstand zu erfahren, als ginge es nicht um Zähneputzen oder Verkehrsregeln, sondern um die nackte Existenz, Widerstand mit Zähnen, mit Klauen, mit Fäusten, sehr schmerzhaft mittlerweile.

Die Kobolde können jederzeit zuschlagen, man darf sich nicht täuschen lassen von scheinbar friedlichen Situationen, von Harmonie, Liebesbeweisen und der Aussicht auf fröhliche Vorhaben. Koboldkrieg ist Zermürbungskrieg.

Man muss auf der Hut sein vom Aufstehen bis zum Schlafengehen und das misslingt einer, der Erzählvogel und Wolkenkuckuck in die Ohren raunen, so verlässlich, wie den Kobolden keine Schwäche in der Wachsamskeitsmauer entgeht.

Die permanente Wachsamkeit, in den letzten drei Monaten ohne nennenswerte Ablösung erschöpft mich mehr als die eigentlichen Koboldschäden. Noch war keiner von ihnen wirklich gravierend. Aber die Vorstellung, dass es jederzeit zum Großangriff mit fatalen Folgen kommen kann, frisst mich auf. Ich schaffe keine Daueraufsicht, ich werde ganz wuschig davon, verliere Schlüssel, Handy, meinen Contenance und einen Teil des Verstandes, ein Chaos das jeder auch nur halbwegs gewitzte Koboldstratege für sich zu nutzen weiß.

Um den Koboldpartisanen ein Schnippchen zu schlagen, schließen wir große Teile der Wohnung permanent auf und ab, wirkungsvoll, solange nicht auch auf den Schlüsseln Kobolde hocken, meine ererbten wohl in diesem Fall.

Ja, ja ich höre schon: Das gäbe es bei mir nicht! Da musst du konsequent sein! Wie wäre es mal mit Erziehung?

Auf Schimpfen, ob laut oder leise, ob im knappen Befehlston oder freundlich erklärend, reagieren diese Quälgeister schon mal gar nicht.

Auf die vielfach hochgelobten Konsequenzen, das Wundermittel aller ungefragt Beratenden bringen eigentlich … nichts,

Mir vielleicht die kurzfristige Befriedigung, etwas getan zu haben, durchgegriffen zu haben, vor anderen Müttern nicht ganz wie die letzte Erziehungsversagerin darzustellen.

Die Kobolde reagieren auch drauf, durchaus, nur nicht im erwünschten Sinne, sondern in der Regel mit einem massiven Gegenangriff.

Konsequenzen im Koboldkrieg sind sinnvoll, wenn sie praktisch sind und der Sicherheit dienen, Fahrrad weg, wenn keine Verkehrsregeln eingehalten werden, Spielzeug weg, das durch die Wohnung fliegt, Mahlzeiten beenden, bei denen das Essen der anderen plötzlich Koboldspucke enthält. Das schützt in dem Moment, in die Zukunft wirkt es anscheinend nicht. Die Kobolde holen dann mal kurz Luft und beratschlagen ihre Strategie.

Dann wäre da noch die körperliche Intervention, nein nicht Schlagen, Beißen, Treten – diese schnöden Waffen überlassen wir der Koboldschaft.

Aber Festhalten, das schon, Festhalten um Schäden zu vermeiden, Schmerzen zu vermeiden.

Widerlich finde ich das, auf dem Zwerg zu hocken wie ein Bereitschaftspolizist auf einem randalierenden Fußballfan.

Die Wirkung auch dabei: Schadensbegrenzung, jetzt in diesem Moment, von Erziehung keine Spur.

Der Kleine Fundevogel wäre die Quälgeister selbst gerne los.

Ahnt schon, dass es Gründe hat, noch nie auf einen Kindergeburtstag eingeladen gewesen zu sein, keine Freundebücher zum Eintragen aufs Fach gestellt zu bekommen, so vieles, vieles nicht zu dürfen, weil ich einfach aus Sicherheitsgründen nicht erlauben kann allein zum Bäcker zu laufen, mit dem Fahrrad rumzufahren, vor dem Haus zu spielen. Fast jeder vorsichtige Versuch, den wir in diese Richtung starten, endet mit einer Riesensuchaktion: Kleiner Fundevogel in einer fremden Wohnung, jenseits aller abgesprochenen Wege an der größten Straße entlang radelnd, damit beschäftigt Laubsäcke in einen in einen Altkleidercontainer umzufüllen….

Gemeinsam statt gegeneinander in den Koboldkrieg zu ziehen, war ein guter erster Schritt. Der Kleine Fundevogel ist nicht mein Feind, sondern mein kleiner Kamerad, gut täte ich daran mir immer dessen bewusst zu sein, selbst in Momenten, in denen er mir weh tut und alle um mich herum die Köpfe schütteln. Ein Satz im Konjunktiv. Leider.

Wir uns schon so einiges Listenreiches einfallen lassen. Koboldspray zum Beispiel. Sobald der Angriff losgeht, sollte man die (unsichtbaren) Dosen zücken und kräftig sprühen, ganze Koboldlegionen haben wir so schon entwaffnet, rosa angesprüht, grün, blau metallic. Glitzer fürchten sie besonders.

Gefangene macht man seit jeher im Kriege. Die große Kobolddose steht auf dem Tisch, manchmal sind wir während der Mahlzeiten schnell genug sie hineinzuzwängen. Legt er dann sein kleines Ohr an die Dose, kann er sie befriedigt wüten hören.

Und wer hätte gedacht, dass es die Kampfmoral der Kobolde schwächt, wenn der Kleine Fundevogel bei Tisch auf einem wabbeligen Luftkissen sitzt? Danke für diesen Tipp.

Gut essen und viel trinken demoralisiert sie auch, deshalb darf jetzt Apfelsaftschorle zu jeder Mahlzeit getrunken werden. Ätschibätsch.

Und genug Schlaf. Für ALLE. Selbst für die Kobolde.

Als die Erziehungsberaterin, die ich mir als – wunderbare – Allierte in diesem Krieg gewählt habe, anruft, will der Kleine Fundevogel sie sprechen und fragt Kennst du eine gute Koboldfalle?

Nun ja, diesen oder jenen Tipp wie das Koboldärgerkissen haben die vielen Spezialisten schon schon und viel Wissen über das komplexe Wesen jener so rätselhaft böse erscheinender Eindringlinge. Und sie betonen immer wieder wie toll wir das doch alles machen. Das tut dem in den Koboldkämpfen zerzausten Selbstbewusst sein zwar ganz gut, aber ein narrensicheres Patentrezept, ändern Sie doch bitte die Punkte A,B und F in Ihrer Erziehung,wäre mir lieber.

Ich höre Koboldheere in infernalisches Gelächter ausbrechen.

Es bleibt Ausprobieren und Suchen, verlorene Schlachten, siegreiche Scharmützel, immer wieder neue Listen ersinnen, die kurzen Waffenstillstandszeiten genießen.

Und nun kommt nicht unerwartet Vorschlag zur Chemiewaffe zu greifen, zum Koboldzid, Methylphenidad, Ritalin oder wie man die alle nennt.

Es fühlt sich an, als hätte man die Hoffnung auf einen Friedensschluss endgültig aufgegeben.

Vielleicht ist das realistisch.

Oder zu kurz gedacht.

Ich weiß es nicht.

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2 Gedanken zu “Das Leben in den Zeiten der Koboldkriege

  1. mijonisreise Juli 3, 2020 / 11:40 pm

    Auch wenn du dem kritisch gegenüber stehst, manchmal ist es tatsächlich die Hilfe, den Fuß in die Tür zu bekommen. Meinem Sohn hat es gut getan und positiv verändert. Gerade sein Sozialleben.
    Diese Kämpfe zermürben furchtbar … ich wünsch dir Kraft, diese Zeit gut durchzustehen … 🍀

    Gefällt 1 Person

  2. fundevogelnest Juli 4, 2020 / 10:19 pm

    Liebe Mijoni,
    Danke für deine Erfahrung. Darf ich fragen, wie alt dein Sohn war, als er damit angefangen hat?
    Vernunftmäßig weiß ich es, dass es sinnvoll wäre, es zu probieren und ich habe auch den notwendigen Voruntersuchungen zugestimmt, aber auf einer anderen emotionalen Ebene bin ich total aufgewühlt von diesm Vorschlag und habe fürchterliche Angst, das Falsche zu entscheiden, dem Kind Schaden zuzufügen, sei es durch die Entscheidung dafür oder dagegen.
    Liebe Grüße Natalie

    Liken

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