Der Engel auf dem Parkdeck (ABC- Etüde)

Heute sind den ganzen Tag Wildganskeile über unser Nest hinweggeflogen, ihr unverwechselbarer Schrei bringt wohl nicht nur in meiner Seele viel Widersprüchliches zum Klingen.

Im Nest toben weiterhin schwere Stürme, die mich vollauf beschäftigen. Daher bin ich froh, nicht nur endlich meine Adventüde (Danke für die Geduld, liebe Christiane), sondern auch noch einen Beitrag zur ersten Etüdenrunde des Herbstes fertigbekommen zu haben. Schreiben tut mir immer gut – nur muss ich halt dazu kommen. Eine Lehre der letzten Monate ist. weder dafür noch für anderes am Schlaf zu sparen.

Die Wörter ( Idee, engelhaft, vergraben) spendete Ludwig Zeidler, der urspüngliche Erfinder der Etüden und sie gefielen mir ausgesprochen gut. Und erst recht die geheimnisvoll leuchtende Illustration, die die Etüdenpflegerin Christiane beigesteuert hat.

Bei ihr findet sich auch alles , was zum Etüdenschreiben wichtig ist.

Die Nächte sind am schlimmsten. Wenn Ilona sich durch einen Tag, an dem selbst das Atmen zu mühselig scheint, gekämpft hat, möchte sie vergessen, ein paar Stunden nur. Doch alle Hättes und Wäres halten sie gnadenlos wach. Yesko war so hilflos gewesen, mit einer Lernbehinderung gelten 25 Jahre nicht viel. Diese Punks, die er so liebte, hatten ihn nicht beschützt. Nur so getan. Die Skins hatten angeblich auch nur so getan, hatten ihm eine Lehre erteilen wollen. Tot war er am Ende aus Versehen.

Ilona kennt die Nächte ihres Zimmers bis in die tiefsten Abgründe. Das seltsame Licht, das seit drei Nächten zum Fenster hereinscheint, ist neu. Es nervt. Gegen Mitternacht rafft sie sich hoch und schaut nach.

Auf dem Dach des Parkhauses steht ein Engel. Steht einfach da und leuchtet. Leuchtet, als lächele er ihr zu.

Yesko, denkt sie. Sie schaut lange, lächelt beinahe zurück, weint und schläft zum ersten Mal, seit die Polizei vor ihrer Tür gestanden hatte, zwei Stunden am Stück.

Bibo und Schnugge starren Penny an. Sie trägt ein bodenlanges blaues Federkleid. Im Saum hat sich allerlei Kruschelkram des Bauwagenplatzes verfangen. Von ihrem Rücken stehen zwei gewaltige Flügel ab.

Du erscheinst seiner Mutter nachts als Engel? Was für eine bekloppte Idee!, Bibo spuckt aus. Sein Hund winselt.

Haste ne bessere? Sie will nicht mit uns reden, vergräbt sich total, ich habe Angst, sie tut sich was an.

Bibo zuckt mit den Schultern.

Ehrlich, ich noch nie jemanden gesehen, der weniger engelhaft aussieht als du.

Wieviel echte Engel hast du denn in deinem Leben schon gesehen?, gibt Penny schnippisch zurück.

Seht mal!, Schnugge klingt alarmiert. Wer da kommt!

Ilona erstarrt, als sie Penny mit ihren Piercings in dem derrangierten Engelskostüm zwischen den Hunden stehen sieht. Dann wirft sie sich an ihre Brust.

Und dann heulen sie alle.

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21 Gedanken zu “Der Engel auf dem Parkdeck (ABC- Etüde)

  1. Christiane September 19, 2020 / 9:28 am

    Ach Mensch, Natalie, das dreht mir das Herz um. Ja, du musst mehr schreiben (und zeigen), unbedingt.
    Ich war nicht geduldig mit der Adventüde, wir hatten einen Deal 😉
    Hab einen leichten Tag und ein echt gutes Wochenende!
    Morgenkaffeegruß 😁🌞☕🥐👍

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    • fundevogelnest September 19, 2020 / 8:44 pm

      Mein Problem ist, dass ich mir zwar schnell was ausdenke, eigentlich ununterbrochen, aber sehr langsam schreibe. Von den Flüchtigkeitsfehlern, die dennoch überleben, gar nicht zu reden.
      Zu einem Deal gehören immer zwei und da war von deiner Seite schon einiges an Geduld vorhanden.
      Wir waren nun letztendlich mit dem Rad auf der ehemaligen Trasse der südstormanischen Dampfeisenbahn Richtung Großensee unterwegs, immer wieder eine schöne Strecke, heute leider mit sehr viel koboldförmigen Mitfahrern, was den leichten Tag etwas mühsam machte.

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      • Christiane September 20, 2020 / 9:16 am

        Und ich in den Wäldern zwischen Hamburg und Niedersachsen, eine Herausforderung an das Schuhwerk, aber überaus befriedigend. Kannst du Mittwoch lesen 😁
        Dann wünsche ich dir heute gnädige bzw. gut gelaunte Kobolde und einen schönen Sonntag!
        😁🌼☕🥐👍

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    • fundevogelnest September 20, 2020 / 10:48 pm

      Ja und dann denke ich, der heutige Abend wäre fein dazu und dann klingelt erst der Sohn meiner Freundin, möchte bei uns übernachten, weil er es heute in seinen Studienort nicht mehr schafft.Na klar, komm rein kein Problem. Willst du noch was essen ? Quassel, quatsch und wie schön. Währenddessen schläft der Kleine Fundevogel keineswegs wie gedacht, sondern schließt sich im Zimmer des großen Bruders ein. Yeah, Fernseher und Ipad zum Rumdrücken frei. Gutes Zureden? Macht doch, ich habe hier Spaß.
      Wir haben noch einen Schlüssel, der für das Zimmer passt, aber der Kleine hält bei jedem Manipulation den Schlüssel fest., genießt die Situation.
      Ihm wird es bei rausgedrehter Hauptsicherung nicht zu langweilig, das Ipad hat ja Akku, uns anderen schon.
      Irgndwann nachdem wir Stück füt Stück den halben Werkzeiugkasten aus dem Keller geholt haben, gibt der Schlüssel nach.
      Kind ins Bett „Hat J. gesehen,dass ich auf deinen Teppich gekackt habe?“ Nö, da lag die Bettdecke drüber.
      Bett beziehen, Teppich einshampoonieren, das Ipad muss reanimiert werden , geht dann aber wieder, die Küche ist auch noch nicht aufgeräumt und der Große Fundevogel bekommt den morgigen Tag nicht organisiert…
      J. und ich sind uns einig, dass eine Sitcom über das Fundevogelnest vermutlich ziemlich erfolgreich wäre.
      Ein paar E-Mails hane ich immerhin eben noch geschrieben. Das wars dannaber auch.
      Gute Nacht
      Aber an einem solchen Abend so ein Kompliment zu lesen tut trotzdem gut ❤

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      • stachelbeermond September 21, 2020 / 10:03 pm

        Du meine Güte… ja, eine Sitcom bekämt ihr bestimmt zusammen! Da muss man aber sehr, sehr gute Nerven haben, ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob ich die hätte… vermutlich eher nicht. Ist es nicht erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen sind? Der kleine Fundevogel genießt die Aufmerksamkeit und hält alle Strafandrohungen locker aus, während ich schon beim allerersten Klopfen eingeknickt wäre. Geschweige denn überhaupt abgeschlossen hätte. Geschweige denn überhaupt auf die Idee gekommen wäre! Ich glaube, ich hätte gern eine Scheibe von deinem kleinen Findevogel… aber nur eine ganz dünne. 🙂

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        • fundevogelnest September 22, 2020 / 9:12 pm

          Ohne seinen unbändigen Willen und Kampfgeist hätte er vermutlich seine ersten Lebensmonate nicht überstanden.
          Das erkenne ich an, aber manchmal wird es mir trotzdem etwas viel
          Sitcomfolge vom 22.9.20:
          Der Siphon im Bad hatte urplötzlich ein Loch. Altes Haus, kommt vor.
          Der Kleine Fundevogel war natürlich sehr interessiert. Und musste als ich eben mit ihm kuschelte, gaaanz dringend mal zum Klo.
          Beim Aufstehen bin ich dann in die erste Pfütze getreten.
          Schön auf dem Parkett und der große Fundevogel hat versehntlich irgendetwas auf seine Handyrechnung gekauft, keine Ahnung was, aber 45 Euro hats gekostet… Gleich gehts ans Recherchieren.
          Also werde ich die wahre Geschichte von der Kuh auf dem Hamburger Rathausmarkt erst morgen schreiben.
          Wir leiden definitiv nicht unter Langeweile.

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          • stachelbeermond September 22, 2020 / 9:19 pm

            Lass mich überlegen, 45 Euro… eine heilige indische Kuh? (passend zur Kuh auf dem Rathausmarkt?) Einen Karton linke Socken, Sonderposten? Vier große Pizzen mit Salami und Pilzen? Oder Elektronik aus Schanghai, um das Handy zur Haussprechanlage umzurüsten? Unendliche Möglichkeiten. 🙂

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            • fundevogelnest September 22, 2020 / 9:50 pm

              Es waren wohl eher Apps, Klingeltöne, Spiele und ähnlich Unentbehrliches, diese Möglichkeit ist nun blockiert.
              Andere Fragen bleiben offen …

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              • stachelbeermond September 22, 2020 / 10:24 pm

                Eigentlich müsste es ein Handy für unter 16 und unter 18 Jahren geben, auf dem einfach alles blockiert ist, was Geld kosten oder schaden könnte. Sowas wie ein Kinderhandy oder ein Noch-nicht-volljährig-Handy.
                Andererseits. Naja. Es klingt irgendwie sehr, sehr langweilig, was ich da gerade geschrieben habe. Und alle Kinder und Minderjährigen lachen gerade laut.

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