Wie kam die Kuh auf den Rathausmarkt?

Nicht freiwillig.

Savira wurde in einen Anhänger geladen und fand sich von der Presse umzingelt im Zentrum der Hamburger Politik wieder. Sie hat diesen Termin ziemlich cool hinter sich gebracht, nur das Läuten der Rathausglocke setzte ihr sichtlich zu.

Savira und Hauke Jaacks, 22. September 2020

Normalerweise lebt Savira auf dem Bauernhof der Familie Jaacks in Hamburg-Rissen, ein konventioneller, aber grünlandbasierter Betrieb auf gepachtetem Land. Die Pächter hätten das Land, als es verkauft werden sollte, gern gekauft. Der Zuschlag ging jedoch an Immobilienmakler, für die ein Bauernhof nicht lukrativ genug ist.

Savira und ihre 140 Milchkuhkolleginnen müssen weg.

Der Verkauf von landwirtschaftlichen Flächen ist in Deutschland keine reine Privatsache, sondern muss genehmigt werden, in Hamburg von der Wirtschaftsbehörde, die Teil des rot-grünen Senats ist und keine Schwierigkeiten mit der Genehmigung gehabt zu haben scheint, schließlich soll ein Teil der Fläche zum Reiterhof werden, also irgendwie landwirtschaftlich genutzt werden.

Nichts gegen Pferde, aber in einer Zeit, in der regionale Versorgung immer wichtiger wird, das falsche Signal.

Weltweit werden landwirtschaftliche Flächen an Großinvestoren (in Deutschland zum Beispiel die Aldi-Familienstiftung oder die Südzucker AG, aber auch ausländische Konsortien) veräußert, in Europa genauso wie in Afrika.

Es scheint, als hätten diese Großinvestoren, die das Land aufkaufen, viel besser als die Regierenden begriffen, was mit dem Wandel des Klimas, dem Verlust von Böden, von Arten, von sauberen Wasser auf uns zukommt. Dass es sein kann, dass wir, wenn wir so weitermachen wirklich nicht nur Hungerkrisen aufgrund schlechter Vertreilung erleben werden, sondern dass die Nahrungsgrundlage wirklich knapp werden könnte.

Landgrabbing (dass Sie mit dem Anklicken externer Links, Zugriff auf Ihre Daten ermöglichen , wissen Sie ja längst …) nennt sich das. Konzerne sichern sich Flächen in allen Teilen Erde. Meist werden diese in industrielle Anbauflächen umgewandelt, wo oft mit hohem Pestizideinsatz und vergleichsweise wenig Personal überwiegend für den Export produziert wird.

Kleinbäuerliche, familiäre Existenzen werden vernichtet, Menschen vertrieben. Saviras Heimat mag ich nicht als kleinbäuerliche Existenz bezeichnen, doch es ist so ziemlich das Kleinteiligste, was in Deutschland rentabel ist. Saviras Menschen, werden nicht hungern auch wenn es sehr, sehr bitter für sie sein wird, ihren Hof zu verliern. Für viele ihrer Tiere wird der Schlachthof das letzte Ziel sein.

In vielen anderen Teilen der Welt bedeutet Vertreibung Hunger.

Doch es sind oft genau diese kleinen Höfe, die wenig zum Bruttosozialprodukt beitragen, die wirklich die Bevölkerung vor Ort ernähren, die Viehmengen halten, die der Boden erträgt und darüber hinaus den lokalen Gegebenheiten am ehesten angepasst sind, wo mehr mit der Hand gearbeitet und wenig gespritzt wird.

Genau diese nachhaltigen Anbaumethoden schwinden.

Und in einer so verqueren Welt, schafft schon mal ein Bauer seine Kuh auf dem Rathausmarkt einer Millionenstadt.

Nach der Kundgebung, zu der unter anderem Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (Sie wissen, dass Sie beim Anklicken … s.o.), Attac, FIAN, aber auch der Bund Deutscher Milchviehhalter aufgerufen hatten, eilt die Frau Fundevogel nach Hause, zu ihrer Pseudokleinbäuerlichkeit, die nichts als ein Hobby ist. Das eine Huhn kann nämlich nicht mehr laufen. Der Tierarzt schläfert es ein- Obwohl für ein Huhn nicht besonders alt, sind seine Knochen komplett verbraucht, tragen nichts mehr. Es ist eines der ehemaligen Bodenhaltungshühner, gezüchtet um schnell viel Ertrag zu bringen.

Auch Savira ist eine Hochleistungsmilchkuh.

Landwirtschaft bleibt ein widersprüchliches Geschäft, mit vielen Abgründen, die größte Gefahr für das Klima und den Planeten.

Ohne Landwirtschaft wären wir längst alle verhungert.

Es schader also nicht, sich hin und wieder damit zu beschäftigen und eine eigen Position dazu zu entwickeln.

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7 Gedanken zu “Wie kam die Kuh auf den Rathausmarkt?

  1. J. Ferrer Oktober 1, 2020 / 3:32 pm

    Guten Tag! Gute Geschichte, wenn auch nicht schön. Was die Datenübertragung durch Links angeht, ist Ihnen bewußt, dass man diese verhindern kann, wenn man die verlinkte Adresse als Text kopiert? Sicher, es ist unbequemer. Man muss die www-Adresse markieren, Ctrl.-C kopieren, ein neues Fenster aufmachen (Ctrl.-D in Firefox) und Ctrl.-V einfügen. Es sieht auch nicht so schön aus wie ein blau hervorgehobenes Wort. Aber wenn es jemanden wichtig wäre, wäre dies ein möglicher Ausweg.
    Muss jetzt gehen, sonst würde ich noch schnell gegen Facebook und Twitter und so weiter schimpfen, die bei WordPress immer mitgeführt werden. Aber das ist eine andere Baustelle

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    • fundevogelnest Oktober 1, 2020 / 10:15 pm

      Nein, das wusste ich nicht, ich dachte immer verlinkt ist verlinkt, wie auch immer es angestellt wird (und muss den Lesenden angegeben werden).
      Vielen Dank für die Information.
      Natalie

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      • Christiane Oktober 20, 2020 / 11:10 pm

        Natalie, wenn du eine komplette Adresse aus der Browserleiste kopierst und in einen Kommentar einfügst, erkennt WP die automatisch als URL und wandelt sie in einen klickbaren Link um. Das können wir mit unseren kostenlosen Blogs nicht ändern.

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        • fundevogelnest Oktober 21, 2020 / 12:35 pm

          Okay, deshalb krieg ich das nicht hin …
          Ich liebäugele eh mit der kleinsten Bezahlversion, die Werbung nervt, finde ich.

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          • Christiane Oktober 21, 2020 / 1:52 pm

            Falls die Werbung DICH nervt: In dem Moment, wo du auf dem entsprechenden Gerät bei WP eingeloggt bist, siehst du keine Werbung, nicht bei dir, nicht auf fremden Seiten. Falls du mit Firefox (oder Chrome) surfst, könntest du zudem einen Adblocker installieren.
            Hilft den Nicht-WP-Lesern nicht, schon klar, falls du für die was tun willst – aber auch die könnten wissen, dass es Adblocker gibt.

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            • fundevogelnest Oktober 22, 2020 / 10:30 pm

              Mich nervt das Geschäftsmodell an sich.
              Ich zahle lieber für eine Dienstleistung (4 Euro im Monat ist ja erschwinglich) als mich als Litfaßsäule zur Verfügung zu stellen.
              Ich habe eigentlich nur Sorge mit was für neuen Herausforderungen ich dann wieder konfrontiert werde. Bloggen ist ein Wohlfühlluxus und da mag ich nicht mit technische Sperenzchen ringen . Erst al muss der Computer wieder in Ordnung kommen, ich habe es aber noch nicht mal geschafft ihn zur Reparatur zu bringen.

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