Menschen sind keine Schäden

Es gibt diese nicht aus der Welt zu schaffende Legende, Autismus werde durch Impfungen verursacht. Soviel ich bis jetzt gelesen habe, gibt es keinen (mich) überzeugenden wissenschaftlichen Beweis dafür.

Und so verwundert es nicht, wenn autistische Menschen oder ihre Angehörigen in ihren Blogs oder andernorts gegen diese kruden Theorien aufbegehren, nicht mit unnötigen Vorwürfen belastet werden wollen hättest du dein Kind nicht geimpft, hättest du den ganzen Schaden nicht.

Menschen werden im Rahmen dieser Diskussion zu Schäden deklariert, zu abschreckenden Beispielen, Fotos von Kindern die sich blutig gekratzt haben, von fixierten oder um sich schlagenden Kindernnwerden auf Websites gestellt. Fotos, die an Monströsitätenkabinette denken lassen. Schaut her sowas passiert, wenn ihr impfen lasst.

Ein Rückfall in finstere Zeiten.

Albert Schweitzer, der Friedensnobelpreisträger, bei dem den meisten wahrscheinlich als erstes die Ehrfurcht vor dem Leben einfällt, bewies mit einem in der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung sehr beliebten Zitat, dass diese Ehrfurcht für ihn durchaus Grenzen hatte: Wer nie dabei war, wenn eine Missgeburt ins Dasein trat … (den Rest erspare ich Ihnen und mir auch, das Zitat entstammt dem Buch „Friede oder Atomkrieg“ erschienen 1958)

Ich fand das Zitat schon immer entwürdigend, genau wie die propagandistische Verwendung von Fotos von Kindern mit Behinderungen, die mutmaßlich durch radioaktive Strahlung verursacht wurden. Ich wälze gerade ein paar alte Bücher und bin erschüttert wie verbreitet und entwürdigend diese „abschreckenden“ Babybilder waren. Mein Protest wurde schnell abgebügelt, denn im Dienste der Sache … sollte man sich nicht so anstellen.

Heute denke ich, ich hätte mehr Mut zum Anstellen gehabt haben sollen.

Nichtsdestotrotz halte ich es nach wir vor für richtig, auf die Gefahren der radioaktiven Strahlung hinzuweisen, Herrn Schweitzers Fehler war es wahrlich nicht seinen Ruhm gegen die unmenschlichen Atombombentests einzusetzen.

Die Sprache und mehr noch das dahinter stehende Menschenbild ist das Erschütternde.

Anders als bei Autismus, gibt es nun einmal Behinderungen, die klar benennbaare und zudem vermeidbare Ursachen haben. Conterganschädigungen zum Beispiel. Oder Kinderlähmung und noch einiges mehr, wogegen man heutzutage impfen kann. Für die Polioimpfung wurde in meiner Kindheit gnadenlos mit dem Gespenst sowas geworben. Das ist zum Glück und vor allem auf Druck von Betroffenen heutzutage anders, trotzdem wird die Vision der Welt ohne Polio nur von wenigen Fanatikern wie den Taliban bekämpft.

Und nun der Grund warum mich die eingangs erwähnten Artikel so verunsichert haben: Werte ich meine Kinder ab, wenn ich immer wieder in meinen Texten darauf hinweise, in der Schwangerschaft keinesfalls und auch nicht einmal ausnahmsweise Alkohol zu trinken?

Im Gegensatz zu Autismus ist das Fetale Alkoholsyndrom eine zu 100% vermeidbare Behinderung, ganz ohne Pränataldiagnostik und Spätabtreibung.

Kein mit dem Fetalen Alkoholsyndrom oder irgendeiner anderen Behinderung geborenes Kind ist ein Schaden, auch kein Unglücksfall, sondern ein wunderbarer, einzigartiger Mensch. Dieser wunderbare Mensch hat aber einen erheblichen Schaden erlitten, der nicht seine Einzigartigkeit zerstört, aber ihm oder ihr das Leben ganz schön schwer machen kann und viele Möglichkeiten verbaut.

Was er oder sie am Ende daraus macht, steht auf einem anderen Blatt. Wenn das Kind eines Tages sagen kann, so wie ich bin, mit meinen Stärken und meinen Schwächen bin ich gut, ist das wundervoll und das Ziel einer liebevollen Erziehung.

Aber ein Nachteil ist die Behinderung eben doch, deswegen gibt es ja einklagbare Rechte auf Nachteilsausgleich.

Werten Menschen mit Conterganschäden, die im abscheulichen Ausmaß als erschreckende Beispiele herhalten mussten, sich ab, wenn sie von der Firma Grünethal endlich angemessene Entschädigungszahlungen verlangen?

Nicht für ihre Existenz, sondern für den erlittenen Schaden, für die bodenlose Ignoranz, ohne die vieles hätte verhindert werden können.

Erniedrigen Eltern ihr Baby, wenn sie vor Gericht ziehen, weil ihr Kind einen durch sachgerechtes Handeln vermeidbaren Hirnschaden unter der Geburt erlitten hat? Oder tun sie ihre Pflicht und setzten seine Rechte durch?

Es mag verbitterte, ja im tiefsten Innern behindertenfeindliche Eltern geben, die auf diese Weise vermitteln du bist ein Schaden. Bei den meisten wird es aber eher heißen: Du hast einen Schaden erlitten und wir helfen dir, damit du mit diesem Schaden bestmöglich leben kannst, denn du bist unser wunderbares, einzigartiges, heißgeliebtes Kind.

Wir sollten uns, unsere Kinder, alle Kinder dieser Welt und unseren Planeten nach Kräften vor Schäden bewahren und das heißt für mich auch auf Gefahren hinweisen zu dürfen.

Und ganz bestimmt heißt es unsere Kinder davor zu bewahren, als abschreckende Beispiele herhalten zu müssen.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

20 Gedanken zu “Menschen sind keine Schäden

  1. kommunikatz Oktober 3, 2020 / 10:56 pm

    Meine volle Zustimmung zu diesem sehr guten Beitrag! Natürlich darf und muss mensch vor vermeidbarem Leid warnen. Unvermeidbares oder unbeeinflussbares Leid hat damit nichts zu tun. Und kein Leid dieser Welt darf als Abschreckung benutzt werden, denn das ist Instrumentalisierung und macht die geschädigten Menschen zu Objekten. wobei auch der Begriff Leid schon problematisch ist, denn von den betroffenen Personen selbst werden Schädigungen welcher Art auch immer meist ja gar nicht als Leid oder Bürde empfunden sondern sind für sie eben ein ganz normaler Teil des Lebens. Nur der mitleidige Blick von Außen macht es zu einem Leiden.
    liebe Grüße von Einer, deren Eltern sich auch oft rechtfertigen mussten, obwohl sie tatsächlich keinerlei vermeidbare Fehler gemacht haben

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    • fundevogelnest Oktober 4, 2020 / 7:33 pm

      Hallo Lea,
      Das war bestimmt anstrengend für deine Eltern und auch für dich, das mitzubekommen.
      Das sind ja oft so unterschwellige Sachen, die das Gefühl erzeugen irgendetwas ist nicht richtig.
      Der Kleine Fundevogel wird in der Regel nicht als behindert wahrgenommen, sondern als maximal schlecht erzogen.
      Und dem Rechtfertigungsdruck schaffe ich auch nicht immer mich zu entziehen, ich habe auch nicht vor Wildfremden seine Geschichte zu erzählen. An guten Tagen unterbinde ich ruhig sein Verhalten, entschuldige mich und sag mir „so ist es halt“
      Das Verhältnis zur Nachbarin, die ja auf Dauer mit uns leben muss, wurde allerdings nach einigen Hintergrundinformationen deutlich besser.
      Beom Großen Fundevogel war es früher ähnlich, wenn der auch nicht ganz so ausfällig war. Heute als junge Erwachsene fällt es den meisten Leuten doch auf.

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  2. gkazakou Oktober 3, 2020 / 11:23 pm

    du hast da viele wirklich wichtige Punkte angesprochen, nur würde ich diese Punkte nicht in der gleichen Weise verbinden wie du. Das wichtigste ist für mich anzuerkennen, dass jeder Mensch, mit ohne ohne „Behinderungen“, einzigartig ist und als solcher auch respektiert werden soll. Schwieriger wird es bei der Frage, ob Behinderungen um jeden Preis aus der Welt geschafft werden sollten. Und was eine solche Einstellung (Politik) für behinderte Kinder und deren Eltern hat.

    Das fängt mit der eher unschuldigen Frage an, was die Mutter während der Schwangerschaft vermeiden sollte und endet mit der Frage, ob es ethisch zu verantworten ist, kräftige, gesunde Kinder duch „Zuchtauswahl“ früher und heute durch genetische Scheren etc zu „machen“ – und als Extremfall durch „Euthanasie“-Programme zur „Vernichtung nicht lebenswerten Lebens“ missgebildete oder anderweitig „behinderte“ Kinder kurz vor oder kurz nach der Geburt zu ermorden. Dazwischen gibt es sehr viele Abschattierungen wie Abtreibung bei festgestellter oder befürchteter Behinderung, künstliche Befruchtung mit ausgewählten Spendern, aber auch die Polio-Impfung. Alle diese Maßnahmen haben ja ein Ziel: Kinder sollen möglichst „ohne Behinderungen“ geboren werden. Je weiter die Möglichkeit der Manipulation fortschreitet, werden Kinder, die dennoch mit Behinderungen geboren werden, automatisch zu Problemfällen, und Eltern, die sich nicht entsprechend den gerade gültigen Standards verhielten (…), werden zu unverantwortlichen, „asozialen“ Personen, gestempelt.
    Das ist die eine Seite
    Die andere Seite und auch anders zu behandeln sind Schäden, die durch Medikamente, Radioaktivität, Umweltgifte, Zwangsimpfung zustande kommen, für die der Staat bzw Einzelunternehen unmittelbar verantwortlich sind. Sollche Fragen müssen vor Gericht durchgekämpft werden.
    Das Thema ist sehr komplex und beschäftigt mich besonders hinsichtich der ethischen Problem, die bei der künstlichen Befruchtung entstehen, die hier in Griechenland zu einem großen Geschäftszweig geworden ist. Ich habe etliche Klientinnen, die damit Erfahrungen haben.

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    • fundevogelnest Oktober 4, 2020 / 8:03 pm

      Liebe Gerda,
      Das Thema Abtreibung oder gar Tötung bereits geborener behinderter Kinder habe ich in dem Text bewusst weggelassen. Das wäre einfach zuviel auf einmal gewesen.
      Für mein Empfinden heißt Behinderungen vermeiden auch nicht, die, die sie haben zu töten. Ich weiß, das sehen viele anders.
      Es gibt vieles, was durch moderne Medizin überhaupt nicht zur Behinderung werden muss, eine übermäßig starke Neugeborenen- Gelbsucht zum Beispiel, rechtzeitig erkannte Stoffwechseldefekte, Rhesusfaktorunverträglichkeiten, Unterzuckerung nach der Geburt,alles Routinegeschichten, den Eltern wird versichert, sich bloß keine Sorgen zu machen und erst wenn man plötzlich ein schwer geschädigtes Kind trifft, das auf der Flucht oder in einem IS Camp zur Welt kam, fällt einem auf, wie glücklich wir sind, das alles so leicht vermeiden zu können.
      Andere Behinderungen kommen hinzu, wenn immer jüngere Frühgeborene überleben, immer komplexere Herzfehler operiert werden können, immer schwere Krankheiten und Unfälle überlebt werden.
      Die Dinge verschieben sich fortwährend und werden moralisch nicht einfacher.

      Liebe Grüße und danke für deine ausführlichen Gedanken
      Natalie

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      • gkazakou Oktober 4, 2020 / 9:10 pm

        Ja: „Die Dinge verschieben sich fortwährend und werden moralisch nicht einfacher“ Sie werden sogar schwieriger, je mehr Eingriffsmöglichkeiten es gibt.

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        • fundevogelnest Oktober 4, 2020 / 9:26 pm

          Bestimmt, was früher Schicksal war, wird nun Ermessenssache.
          Und wenneine Frau händeringend versucht eine Scheinehe einzugehen, nur mit ihr Kind auf die europäische Transplantationsliste kommt, scheinen alle Maßstäbe zu wackeln.

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      • fundevogelnest Oktober 11, 2020 / 9:48 pm

        Hallo Myriade, könntest du die Frage etwas präzisieren? So weiß ich nicht, was ich antworten soll.

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        • Myriade Oktober 11, 2020 / 10:20 pm

          Ich hatte Gerda gemeint, aber Ich frage mich, ob du als Krankenschwester auch der Meinung bist, das Polio-Impfungen ein Übel sind …
          Auf jeden Fall herzliche Grüße

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          • fundevogelnest Oktober 11, 2020 / 10:26 pm

            Ich halte Impfungen für einen echten zivilisatorischen Fortschritt.
            Und Jonas Salk, der mit der Erfindung der Schluckimpfung soviel Gutes geleistet hat und sich die Impfung bewusst nicht patentieren ließ, wird von mir sehr geschätzt
            Ich hatte die Art der Werbung gemeint, die in meiner Kindheit gang und gäbe war, Plakate mit Kindern im Rollstuhl als abschreckendes Beispiel. Heute wird anders geworben und das ist gut so.

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    • fundevogelnest Oktober 4, 2020 / 8:51 pm

      Liebe Mijoni,
      Danke für die lobenden Worte!
      Ich schaue übrigens immer mal wieder auf Ihrem Blog vorbei, durchschaue das Ganze aber nicht so recht — nur dass es zur Zeit sehr mühsam ist und wünsche bessere Tage und alles, alles Gute
      Natalie

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      • mijonisreise Oktober 4, 2020 / 9:47 pm

        Liebe Natalie, zuerst vorweg, es würde mich freuen, wenn das „Sie“ unter den Tisch fallen würde. Ich heiße Steffi.
        Ja, die Geschichte hinter dem Blog ist auch recht mühsam. Im Kern geht es um mein Zusammenleben mit meiner jüngsten Tochter, die eine psychische Störung hat und dazu noch andere, erhebliche Baustellen.
        Dazu kommen noch zwei ältere Geschwister und ein Enkelkind. Alles zusammen plus der alltägliche Wahnsinn ergibt meinen Blog.
        Ich bin zuversichtlich, das es auch wieder leichter wird, danke 🍀

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        • fundevogelnest Oktober 4, 2020 / 10:39 pm

          Hallo Steffi ,
          ja „du“ ist ok, ich tu mich mit damit immer schwer, wenn ich Menschen zum ersten Mal anspreche, bin da vielleicht etwas altmodisch.
          Mit Sympathie oder nicht Sympathie hat das nichts zu tun!

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  3. Melina/Pollys Oktober 5, 2020 / 10:18 pm

    Sehr wichtiger Text und viel Wahrheit darin! Ich habe vor 40 Jahren einige Jahre bei der Lebenshilfe gearbeitet – mit mehrfach behinderten Jugendlichen. Das war der schönste Job, den ich je hatte. Er stellte meine Welt auf den Kopf und diese Menschen lehrten mich was Menschsein tatsächlich ist – ohne Lügen – voller entwaffnender gezeigten Liebe – ohne Arglist – einfach im Jetzt sein. Menschen sagten oft: wie schaffst Du das bloß, das ist doch schwer…. Sie hatten keine Ahnung wie leicht das war und wie schön mit diesen Menschen zu sein.

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  4. fundevogelnest Oktober 11, 2020 / 12:00 am

    Liebe Melina, schön, dass du so tolle Erinnerungen an diese Zeit hast. Die von dir geschilderte Harmonie spricht m.E. sehr für die Einrichtung
    Ich habe auch mehrfach behinderte Menschen kennengelernt, die massiv „herausforderndes Verhallten“ an den Tag legen, wie das so schön heißt.
    Und das macht diese Menschen kein Stückchen weniger wertvoll und einzigartig.

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