Weiterschreiben

Genau wie mein vorvoriger Beitrag ist auch dieser das vorläufige Ergebnis ausführlicher Gedankensortierung nach moralischer Verunsicherung, verursacht durch das Lesen diverser Blogs.

Stelle ich meine Kinder bloß?

Die Fundevögel haben dem Fundevogelnest seinen Namen gegeben. Und nicht nur deshalb kommen sie hier immer wieder vor, sie sind einfach das Präsenteste und Prägendste in meinem Leben, so viele Jahre nun schon.

Um sie mache ich mir unendlich viele Gedanken, sie lösen die heftigsten Gefühle in mir aus und bringen mich an Grenzen, von denen ich gar nicht, gewusst hatte, das ich sie habe.

Und darüber schreibe ich, gerne indirekt als Motiv in ausgedachten Geschichten, manchmal unverschlüsselt.

Vieles beschreibe ich nicht.

Weil ich nicht im Internet von meiner Mutter entblößt werden wollen würde.

Doch die Instanz, die entscheidet, was entblößt und was nicht, bin ich letztlich selbst. Und sich selbst kontrollierende Systeme haben im Lauf der Geschichte schon viel Schaden angerichtet.

Den Großen Fundevogel, der sich selbst im Internet auf eine Weise entblößt, die mich nach einem möglichst blickdichten virtuellen Samtmorgenrock schreien lässt, frage ich manchmal vorher um Erlaubnis dieses oder jenes zu schreiben und halte mich dran. Gegenlesen tut er nicht

Der Kleine kann noch nicht lesen und beklagt nur, dass ich hier die falschen Fotos poste, also nicht die von den Baggern, Leitplanken und Altglascontainern. Das übernimmt er dann später, wenn er seinen eigenen ganz tollen Blog haben wird.

Viel habe ich nun also gelesen über sogenannte Pitty Parents, über Eltern, die von sich ein Bildnis schaffen als die, die mit bewunderungswürdiger Kraft und Geduld eine Bürde tragen, die Bürde ihrer behinderten – in den von mir gelesenen Texten meist autistischen – Kinder.

Die Likes dafür sammeln, es auszuhalten. Kommentare einheimsen, deren Tenor ist das könnte ich nicht.

Und dabei vielleicht aus dem Blick verlieren, dass das Netz nichts vergisst, dass ihre Kinder eines Tages Texte lesen können, die kommentiert sind mit der Frage, wie man sie bloß aushalten konnte, wie man soviel Gutsein bloß aufbringen konnte.

Mich hat das Nest ganz gewiss nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Manchmal habe ich Angst auf den Schlachtfeldern der Koboldkriege ein schlechterer zu werden, zu verrohen, unausgeglichen und reizbar zu werden, wie heimgekehrte Soldaten, deren Seele in wirklichen Kriegen zu Schaden kam.

Und dagegen anzuschreiben, zu reflektieren, was ich tue, sage, denke, fühle ist für mich ein sehr wichtiger Antrieb diesen Blog zu schreiben.

Klar, das könnte auch alles in einem verschlossenen Tagebuch stehen, aber das ist ein nicht ganz ungefährlicher Ort, da kann ich mich nämlich auch so richtig schön ungestraft im Selbstmitleid suhlen und die Schuld mit vollen Händen auf alle um mich rum werfen. Manchmal befriedigend, selten hilfreich.

Öffentliches Schreiben diszipliniert, nicht nur die Grammatik, auch die Gedanken, es zwingt zur erzählerischen Fairness, zum Einfühlen in andere Positionen, zum genauen Blick, zur angemessensten Wortwahl, derer man fähig ist.

Und ich hoffe niemals tritt aus den Texten hervor, die Fundevögel seien eine Last für mich, denn das sind sie nicht.

Anstrengend ja, aber anstrengend ist vieles im Leben, Kinder haben generell, manche Haustiere auch, ein Geschäft aufbauen, eine Doktorarbeit schreiben, Karriere machen, Politik machen. Bücher veröffentlichen, Sport…

Machst du etwas ernsthaft, wird nichts davon ohne Anfechtungen laufen.

Wenn die blauen Flecke sich häufen, wenn der Glaser, die Klempnerin und der Hausmeister sich kopfschüttelnd die Klinke in die Hand geben, das Wispern die Mutter ist wohl überfordert zum Getöse wird, bin ich schon manchmal erschöpft, beschwichtige hier, jammere dort Ohren voll und Ratlosigkeit breitet sich aus, kriecht in jeden Spalt.

Ich hasse es ratlos, oder noch schlimmer hilflos zu sein. Ich glaube es gibt kaum ein Gefühl, dass ich schlechter ertragen kann und ein Teil unserer Probleme liegt vielleicht genau dort.

Tage, an denen ich das Schreiben lieber lasse oder zumindest was anderes schreibe. Etwas, das mit mir nichts zu tun hat.

Wenn sich allerdings alle das Schreiben in den schwierigsten Zeiten versagen würden, wäre das Nest vermutlich nicht an dem Punkt, an dem es jetzt ist. Die entscheidenden Denkanstöße, die Buchtipps, den Mut das Herkömmliche über den Haufen zu werfen, die oft nur graduelle und dennoch überaus wirksame Veränderung des Blickwinkels, die Ideen, die wirklich Rettendes in Gang setzten, kamen meistens weder aus dem Freundeskreis noch von den zahlreichen Fachleuten, die ich der Fundevögel Absonderlichkeiten wegen bemühte, sondern aus Blogs und Fachforen, aus dem viel gescholtenen Internet also.

Allerdings nicht von den Leuten, die das könnte ich nicht kommentierten

Wer ungewöhnliche Sorgen hat, wird dankbar für ungewöhnliche Gemeinschaften, die sich nicht unbedingt in der Nachbarschaft finden lassen, zumal ich eine bin, die nicht mal eben auf dem Spielplatz oder dem Schulfest ins Reden kommt, manchmal ja, meistens eher nicht.

So wird das virtuelle Fundevogelnest zur Möglichkeit mitzuwirken in einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig weiterbringt, ermuntert und über Verzweiflungsabgründe trägt. Schluchten, die andere schon durchmessen haben, schrecken weniger ab als welche, bei denen man nicht sicher sein kann, ob sie nicht vielleicht doch die äußerste oder innerste Abbruchkante der Welt sind. Immer nur von der großen Offenheit anderer zu profitieren, ohne selbst etwas beizutragen, ist gewiss legitim, fühlt sich für mich aber nicht gut an.

Ich werde die Fundevögel nicht wirklich ändern können und will das eigentlich auch nicht, sie sind gut so wie sie sind, wenn ich mich auch weiterhin abstrampeln werde, um ihnen ihren Weg etwas leichter zu machen, ihnen Umwege und geheime Trampelpfade zu zeigen.

Ändern, wirklich ändern kann ich nur mich selbst, als schädlich erkannte Gewohnheiten endlich hinter mir lassen, die Kobolde in mir überlisten, meinen Zorn, meine Hilflosigkeit, meine Abgründe, meine Gespensterkeller ausloten, meine Werte und Maßstäbe hinterfragen.

Und darum bin ich diejenige, die am Ende am bloßgestelltesten hier herumsteht.

Es gibt ein schönes, Anaïs Nin zugeschriebenes Zitat:

Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind. Wir sehen die Dinge wir wir sind.“

Das gilt für jedes Wort, das ich hier schreibe.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

12 Gedanken zu “Weiterschreiben

  1. kommunikatz Oktober 11, 2020 / 10:33 am

    Liebe Nathalie,
    Du machst das schon genau richtig, finde ich. Schreiben ist so eine gute und hilfreiche Sache und das Feedback darauf ist oft tatsächlich nützlicher als das im echten Leben. Du nennst niemanden beim namen und stellst niemanden bloß – an sich ist es ähnlich wie bei mir selbst, wir stellen uns höchstens selber bloß und werden auf diese Weise gezwungen, unsere Gedanken, Ethik, Ziele und Wünsche zu sortieren. Wir benutzen das ganz bewusst als Werkzeug, um mit unseren Leben zurechtzukommen. Das finde ich legitim. Lass
    Dich nicht verunsichern!
    liebe Grüße
    Lea

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Oktober 12, 2020 / 7:58 pm

      Für mich selbst sehe ich das genauso, die Frage ist, wie legitim es ist die Kinder damit reinzuziehen.
      Keine Namen sind eine Sache,, aber jeder Text sollte so sein, dass sie ihn selbst lesen können ohne sich vorgeführt zu fühlen.

      Liken

  2. Melina/Pollys Oktober 11, 2020 / 11:29 am

    Das finde ich sehr interessant, wie Du das beschreibst mit dem Unterschied von öffentlichen Schreiben und Tagebuch.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Oktober 12, 2020 / 8:01 pm

      Das mag ja nicht allen Menschen so gehen, ich steiger mich beim Tagebuchschreiben gern mal in was rein, das führt u.U.zu so einem Geschmiere, dass ich mein Geschreibsel nie wieder entziffert bekomme.
      Wenn ich will, habe ich eigentlich eine ganz anständige Handschrift.
      Manchmal diszipliniert schon die Vorstellung jemand anders könnte es lesen.

      Gefällt 1 Person

      • Melina/Pollys Oktober 12, 2020 / 11:34 pm

        Ich schreibe fast gar nichts mehr mit der Hand,, ich habe das nahezu verlernt nur die Notizen mach ich noch (und die kann auch oft ich nur noch mit Mühe lesen) – sonst alles am Computer.

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        • fundevogelnest Oktober 14, 2020 / 7:15 pm

          Hallo Melina, Ich schreibe viel mit der Hand u.a. die gesamte Dokumentation bei meiner Arbeit, aber das wird nächstes Jahr Geschichte sein.
          Ich habe auch privat kein mobiles Gerät bzw. nehme meinen Laptop nie mit und schreibe doch unterwegs sehr viel und tippe meine Texte dann abends nur noch ab.
          Liebe Grüße
          Natalie

          Gefällt 1 Person

  3. findevogel2015 Oktober 11, 2020 / 4:41 pm

    Sehr ehrliche und mutige Gedanken. Manchmal wünschte ich mir, mehr Menschen wären so ehrlich. Am besten, ich fange selbst mal damit an.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Oktober 12, 2020 / 8:09 pm

      Ich fürchte Mut und Ehrlichkeit fallen mir schriftlich leichte r als täglich von Angesicht zu Angesicht …Ich arbeite dran und manchmal klappt es einigermaßen

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  4. gkazakou Oktober 11, 2020 / 9:35 pm

    gefällt mir sehr. es ist schwierig, die gebotenen Grenzen nicht zu überschreiten. Denn es ist duchaus nicht dasselbe, sich selbst oder andere bloßzustellen. Mir wurde das erstmals sehr bewusst, als es darum ging, für eine Initiative mit jugendlichen geistig Behinderten Geld zu sammeln. Die Erzieherin wehrte sich vehement dagegen, dass die Initiatorinnen von den Erziehungsberechtigten die Erlaubnis für Fotos zu Werbungszwecken einholen wollten – meines Erachtens zu recht .

    Gefällt 1 Person

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