Das Haus (ABC-Etüde)

Der geheimnisvolle Landvermesser aus der ersten Etüde, die ich zu Werner Kastens schöner Wortspende (siehe Illustration) schrieb, ist noch einmal vorbeigekommen und hat etwas aus seinem Leben preisgegeben.

Die Idee kam mir, als ich mit dem Großen Fundevogel zusammen an unserem Gartenhaus gestrichen habe. Und es war auch wirklich hochnotdringend. Dieses Haus habe aber weder ich noch jemand anders selbst gebaut, es ist eine Fertiglaube aus dem Jahr 1984, Typ „Seebek“, wie sie gefühlt in jedem dritten Schrebergarten steht.

Leider hat die Festplatte meines Computers den Geist aufgegeben, die zweite schon in diesem Jahr. Nun ringe ich mit meinem alten Laptop, der nur noch mit einer veralteten Firefoxversion mühselig durchs Internet schlurfen kann. Schlimmer noch ist sein hampeliger Cursor, der andauernd das Wort und die Zeile verliert und die getippten Buchstaben da abwirft, wo er gerade zufällig umherspringt. Es nervt! Falls sich hier also noch irgendwo Wortsalat befindet, habe ich mein Textprogramm nicht richtig beaufsichtigt und bitte das zu entschuldigen.

Alle anderen schönen Texte zu Werners Wortspende und überhaupt alles Wissenswerte zu den Etüden, finden sich wie immer bei Christiane. Danke und immer wieder danke dafür.

Agnes streicht. Wieder mindestens zwei Jahre zu spät, zwei Schalbretter faulen schon.

Die Farbe riecht heutzutage nicht mehr so aufdringlich wie früher, findet sie. Und auf Leitern fühlt sie sich mittlerweile unwohl.

Wer früher denkt, wird alt. Allein das Haus weiß noch, wie sie auf Leitern stehend flirten konnte, erinnert Holger und den Landvermesser.

Jedes dieser Bretter hat der Landvermesser in der Hand gehabt, streichend sieht sie sein sanftes Lächeln ohne jede Hinterlist, spürt … ach lassen wir das.

Eigentlich war das Holzhaus Holgers Projekt gewesen, ihre Hütte auf Land, das ihnen Agnes‘ Tante zur Verfügung gestellt hatte, wie der Dichter Emerson dem jungen Thoreau das seine. Hier sollte ihr Entwurf der neuen Gesellschaft erstehen, ihr Walden, ihr Liebesnest.

Thoureau hatte zwei Jahre am Waldensee ausgehalten, Holger wurden das Haussprojekt und Agnes schneller über, ebenso der verstörte junge Vietnamdeserteur, den er wie eine Trophäe durch sein politisches Dasein zu schwenken pflegte.

Agnes baute stur weiter, ohne den Landvermesser hätte sie es allerdings nie geschafft. Sie fand sich undankbar, weil sie ihn weder bezahlen noch überreden konnte bei ihr einzuziehen. Seit Vietnam hielt er geschlossene Räumen nicht mehr aus, schlief selbst im Winter auf der Veranda.

Als ihr Bauch runder wurde, blieb er fort. Seine wunderbare Tochter Claudia ist über fünfzig und er kennt sie nicht. Er weiß nichts von Agnes Bioladen, von ihren Freundschaften, ihren Kämpfen, den Festen, auch nicht, dass Holger seine Doppelhaushälfte hatte bauen lassen. An ihrem Leben ist wenig auszusetzne, nur manchmal schleicht sich leise Verzweiflung ein.

Claudias hat ihren jungen Schützling Fatih zum Helfen mitgebracht.

Ist es dir recht, wenn morgen mein Vater mitkommt, fragt Fatih, seine Hände brauchen immer was zu tun, sonst kommt nicht klar mit seinen Erinnerungen, die Zeit beim IS, weißt du, bis er fliehen konnte.

Das Haus wird ihn lieben, sagt Agnes.

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5 Gedanken zu “Das Haus (ABC-Etüde)

  1. Christiane Oktober 18, 2020 / 9:25 am

    Wer in dem Alter überhaupt noch zum Streichen auf Leitern klettert, verdient Respekt! Und wer „früher“ denkt, hat eine Vergangenheit, ja, und?
    „Das Haus wird ihn lieben.“ Ich mag deine Geschichte. Zeiten ändern sich und bleiben dennoch gleich …
    Danke dir für den Nachschlag und die News vom Landvermesser.
    Morgenkaffeegruß 😁🌧️☕🥐👍

    Gefällt 2 Personen

    • kommunikatz Oktober 18, 2020 / 10:15 am

      Da kann ich mich nur anschließen – wieder so eine wunderschöne Etüde mit so viel Tiefe und einer so reichen Story in so wenigen Worten!

      Gefällt 2 Personen

      • fundevogelnest Oktober 18, 2020 / 8:26 pm

        Ja die Versuchung einen Roman in 300 Wörter zu quetschen ist immer riesig.
        Von Luis Borges gibt es Romanrezensionen zu Romanen, die es gar nicht gibt, sowas ähnliches geht auch mit Etüden.

        Gefällt 1 Person

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