Eine Sammlung unsortierter Erinnerungen – geweckt durch aktuelle Diskussionen

Seit 1989 arbeite ich auf „meiner“ Station, dreißig Jahre sind es dennoch nicht, denn ich war nicht durchgehend dabei, aber doch gut die Hälfte meines Lebens, ich fühle mich dort zuhause.

„Meine“ Station ist eine interdisziplinäre Intensivstation für Kinder von null bis achtzehn Jahren, es gibt sie seit 1985.

Seit ihrem Bestehen dürfen die Eltern Tag und Nacht zu ihren Kindern, war das damals fortschrittlich. Heute ist alles andere vorsintflutlich.

Ein Bett für die Eltern mit im Zimmer war damals noch die große Ausnahme und wer die Ausnahme machte, musste auf Diskussionen gefasst sein. Ich liebe ja nichts mehr als Ausnahmen zu machen und fand schon immer, wenn die Kinder ansprechbar sind, sollten sie jemanden Vertrautes neben sich haben. Heute ist die Ausnahme die Regel, baulich hat die Station sich leider nur minimal anpassen können. Ich weiß nicht, wie oft ich mich irgendwo stoße.

Von Corona hat damals noch keiner geträumt, HIV hieß das große angstbesetzte Thema, erzog dazu bei Blutentnahmen immer, wirklich immer Einmalhandschuhe zu tragen, was irgendwann automatisch geschieht, nur die alten Haudegen, die schon Medizin gemacht hatten, als die Beatmungsgeräte noch die Größe von Waschmaschinen hatten, die machten so einen Quatsch aus Prinzip nicht mit, hat ihnen noch nie geschadet.

Irgendwann während meiner Schwangerschaft, rief der Chefarzt mich zu Hause an: Frau Fundevogel, du musst unbedingt zu deiner Frauenärztin gehen. Der XY, der hat Diphtherie, das ist für Ungeborene nicht gut und du hast ihn doch versorgt. Die muss unbedingt deinen Impfschutz prüfen.

Diphtherie? Echt jetzt? Davon erzählten doch sonst nur die Alten, die, die fast schon in Rente waren. Heutzutage sind die Kinder doch dagegen geimpft.

Ich konnte ihm sagen, dass ich meine Impfung erst ein Jahr vorher hatte auffrischen lassen und seine Erleichterung schwappte durchs Telefon.

Ein paar Tage später rief er wieder an, der XY hat auch HIV. (wahrscheinlich der Grund, dass er Diphtherie bekommen konnte)

Einatmen. Ausatmen. Test negativ.

Heute arbeitet quasi keine Schwangere mehr in diesem Beruf, wegen der Gefahr durch die Keime für das Ungeborene wird ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen. Vernünftig vermutlich und kommt mir in etwa so notwendig vor, wie den alten Haudegen die Vorgabe zur Blutentnahme Handschuhe anzuziehen.

XY und sein Zwillingsbruder sind später, als ich in Elternzeit war, beide an AIDS gestorben. Sonst kam die Krankheit bei uns nur am Rande vor.

Eine große Rolle spielte dagegen winters die Epiglottitis, die Entzündung des Kehlkopfes. Meist waren es Kinder im Kitaalter, die plötzlich an höchster Luftnot litten, dramatische Notfallsituationen, in denen man häufig nur mit viel Mühe noch einen Beatmungsschlauch für Neugeborene in die zugeschwollene Stimmritze irgendwie reinbekommen hat.

Weil seit über zwanzig Jahren fast jedes Kind hierzulande gegen Hämophilus influenzae geimpft wird, ist die Krankheit jungen Pflegenden so unbekannt wir mir die Diphtherie Und ebenso die oft lebenslang folgenreiche eitrige Gehirnhautentzündung, die durch den selben Erreger verursacht wird.

Oder der Keuchhusten, der ist auch fast weg, nachdem er zwischenzeitlich wieder da war. Die alte Keuchhustenimpfung, in deren Genuss auch ich gekommen bin, wurde immer wieder mit bestimmten zum Teil sehr gravierenden neurologischen Schädigungen in Verbindung gebracht und schließlich aus gutem Grunde nicht mehr empfohlen. Schwupps war der Keuchhusten wieder da, für Kinder und Erwachsene eine Qual, die vorübergeht, für kleine Säuglinge manchmal ein Todesurteil, den die haben oft nicht die typischen Hustenattacken, sondern hören schlichterdings auf zu atmen.

Inzwischen gibt es eine neue, risikoärmere Impfung.

Ich habe in der ganzen Zeit eine schwere Impfkomplikation bei einem Kind miterlebt, eine schwere Blutgerinnungsstörung nach einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung. Sie verschwand zum Glück wieder vollständig. Aber lustig war es nicht.

Krankheiten verschwinden, andere wachsen nach. Das RSV-Virus macht uns Jahr für Jahr zu schaffen, fängt jetzt im November an die Station zu füllen. Ein Keim, der vermutlich nicht neu ist, sondern erst seit einiger Zeit zu identifizieren ist. Spätestens im Kindergartenalter hat fast jeder und jede diese eigentlich harmlose Erkältungskrankheit hinter sich. Kleine Neugeborene und vor allem Frühgeborene macht sie schwerst krank. Immer wieder trifft es kleine Kinder, die über Monate aufgepäppelt worden sind, die endlich keine Atemhilfe, keinen Sauerstoff mehr benötigen, fast oder endlich zu Hause sind und dann sind sie wieder todkrank, so coronamäßig krank, wie man das im Fernsehen begucken kann, ist ja auch ein Virus, der die Lunge befällt..

Gegen RSV kann man auch impfen, sehr umständlich (muss alle vier Wochen aufgefrischt werden) und sehr teuer (etwas mehr als 500 Euro pro Dosis), weshalb man nur Hochrisikokinder während der Wintermonate impft.

Mit dem Kleinen Fundevogel habe ich das seinen ersten Winter durchgezogen und er ist auch gut durch selbigen gekommen.

Denn der Kleine Fundevogel war ja mal sehr klein, 650 g Geburtsgewicht, im März statt wie geplant im Juli geboren. Als ich anfing zu arbeiten hätte ihm niemand eine Überlebenschance eingeräumt, die 26. Schwangerschaftswoche galt als unterste Überlebensgrenze. Inzwischen liegt sie eher in der 22./23.Woche. Leicht ist der Weg nicht, er verlangt den Kindern und denen, die sie lieben, unendlich viel ab.

Gerade bei den ganz Kleinen ist es eine moralische Gratwanderung.

Zur höheren Überlebensrate trug nicht nur bessere Medizin und modernere Beatmungstechnik bei, sondern auch ganz stark das Zurücknehmen, den Kindern mehr zuzutrauen, ihnen mehr Ruhe zu gönnen und Nestwärme statt Keimarmut.

Früher war es wieder nur eine meiner heißgeliebten Ausnahmen: Ein beatmetes Kind seinem Vater oder seiner Mutter in den Arm zu geben, während diese bequem im Liegestuhl liegen, Känguru-Methode heißt das so nett.

Quatsch, alles Quatsch, wütete der Chefarzt damals, als das Kängurun – ja Kinderkrankenschwestern benutzen das als Verb – anderen Kliniken aufkam, viel zu risikoreich. Und knallte uns ein paar Tage später den ersten Liegestuhl hin.

Corona bzw. der Schutz davor isoliert die Kleinen wieder stärker und es tut weh, wieder zäh um eine Ausnahme ringen zu müssen, damit eine Großfamilie Abschied von einem sterbenden Frühchen nehmen darf.

In der Medizin ändert sich alles immerzu. Medikamente, die man für unentbehrlich hielt, stellen sich als wirkungslos hinaus. Was Wunder zu wirken schien, beschwor medizinische Katastrophen hinauf. Als veraltet Geltendes wird wiederentdeckt. Krankheiten kommen und gehen, Behandlungsmethoden auch.

Immer wichtig bleibt genaues Beobachten, Gewissenhaftigkeit, der Blick aufs Individuum, die Freundlichkeit und der Respekt auch vor den Allerkleinsten.

Und Ausnahmen natürlich.

ein Stofftier sitzt auf einem medizinischen Überwachungsgerät

PS: Falls das jemand mutmaßen sollte: Ich bin entschiedengegen eine Impfpflicht, gegen welche Krankheit auch immer, wegen des Respekts und des Blicks auf das Individuum. Zureden tät ich schon.

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8 Gedanken zu “Eine Sammlung unsortierter Erinnerungen – geweckt durch aktuelle Diskussionen

  1. Sarah (mutter-und-sohn.blog) November 15, 2020 / 12:34 am

    Danke für diesen wunderbaren Artikel. Die Menschlichkeit, die ich darin spüre, würde ich mir für meine Kinder wünschen, sollten sie – bitte nicht… – einmal auf der Kinder-Intensivstation Hilfe von Menschen wie dir benötigen. Herzlichen Gruß, Sarah

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest November 15, 2020 / 8:53 pm

      Liebe Sarah,
      nein, das wünscht sich niemand, aber im Zweifelsfall ist man dann doch dankbar, dass es so etwas gibt. Der Kleine Fundevogel hätte ohne Intensivmedizin vermutlich nicht länger als ein, zwei Stunden gelebt.
      DieZeit ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen, aber er lebt und ich denke er lebt gern
      Viele unsere Kinder bleiben auch nur ein, zwei Tage.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. stachelbeermond November 15, 2020 / 10:08 am

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Einblick in unbekanntes Land. Ich habe vor einigen Jahren zum ersten Mal in meinem Leben von der Hand-Mund-Fuß-Krankheit gehört. War mir vorher noch nie begegnet.

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    • fundevogelnest November 15, 2020 / 8:57 pm

      Die wirst es kaum glauben, aber auch nach mehreren Jahrzehnten begegnen einem immer noch Krankheiten, von denen man noch NIE gehört hat.
      Hand-Mund-Fuß fällt ja zum Glück eher unter nervig, der Kleine Fundevogel hatte das auch mal.

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      • stachelbeermond November 15, 2020 / 10:21 pm

        Krankheiten sind ein weites Feld… es ist nur so unglaublich, dass es Krankheiten gibt, die viele Menschen kennen (und haben!), und ich wohne bloß ein Haus weiter und hab noch nie in meinem Leben davon gehört. Unglaublich, echt.

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