Die Frau Vinzenz, ihr Mann und der dicke Ottokar (nachgereichte ABC-Etüde)

Eigentlich hat heute schon die neue Etüdenrunde begonnen, mit ganz wunderbaren Wörtern von Ulli Gau. Doch in meinem Notizbuch dümpelte noch eine zu Kain Schreibers Wortspende (siehe Graphik) herum.

Handschriftlich fast exakt 300 Wörter, sowas sollte man nicht verkommen lassen, auch wenn „heiter“ noch immer nicht so recht gelingen will.

Und ich weiß ja, dass Christiane ein Herz für Nachzüglerinnen hat.

Vielen Dank

Etüdenkennbild mit den vorgegebenen Wörtern: Nachtlicht, lieblich, teilen und dem Hinweis auf den Spender kainschreiber

Wenn Mama nachts weint, steht Nicki auf und stellt ihr ein Nachtlicht hin. Manchmal kriecht sie auch zu ihr unter die Decke und streichelt, bis die Schluchzer langsam verebben.

Eigentlich schläft Nicki lieber im eigenen Bett, weil die Mama immer so rumwühlt , aber nur wenn sie neben ihr liegt, kann Nicki sicher sein, dass nichts passiert.

Nicki passt immer auf, denn manchmal will Mama sterben und dann muss Nicki da sein, damit das nicht wirklich passiert.

Denn Nicki braucht ja eine Mama, die auf sie aufpasst.

Darum geht sie lieber nicht so oft zur Schule. Und woanders sowieso nicht hin. Wenn die Mama sie nicht braucht, sitzt sie am Schreibtisch und zeichnet Pferde oder guckt sich auf Youtube Pferdefilme an.

Seit Neustem kommt dienstags und freitags die Frau Vinzenz. Sie kommt, um mit der Mama zu reden und Mama lässt sie auch jedes Mal rein.

Heute ist ein Mann dabei, der Herr Vinzenz und er sieht aus wie ein richtiger Opa.

Die Mama und ich haben uns gedacht, du sollst auch etwas Besonderes bekommen, sagt Frau Vinzenz und Mama nickt dazu, wenn du magst, nimmt mein Mann dich mit auf unseren Hof.

Nicki ist unschlüssig. Was, wenn Mama in der Zwischenzeit was passiert?

Frau Vinzenz raunt ihr zu, wir beide teilen uns heute die Arbeit auf, ich gehe nicht fort, bevor mein Mann dich zurückbringt. Versprochen.

Die Vinzenz haben Katzen, Kaninchen und Hühner.

Komm mien Deern, ich muss dir noch unseren dicken Ottokar vorstellen.

Ottokar ist ein rundes, falbes Pferd, das sich geduldig streicheln lässt, begierig saugt Nicki den lieblichen Pferdegeruch in sich rein, streicht verzückt über die samtige Lippe.

Kurz darauf sitzt sie auf seinem warmen Rücken, vertraut sich seinen wiegenden Schritten an.

Frau Vinzenz ist bei der Mama und sie wird getragen vom dicken Ottokar.

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13 Gedanken zu “Die Frau Vinzenz, ihr Mann und der dicke Ottokar (nachgereichte ABC-Etüde)

  1. Melina/Pollys November 15, 2020 / 11:47 pm

    Dir ist bestimmt klar, dass das bittere Realität für manche Kinder ist…. dass sie ihre Kindheit dran geben, damit ihren Eltern nichts passiert – weil sie sie doch brauchen und lieben…. So ein Kind war ich auch…. das hat mich ganz schön heftig berührt. Ging unter die Haut.

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    • fundevogelnest November 16, 2020 / 8:51 pm

      Ich hoffe, das war nicht zu schlimm für dich diese Etüde zu lesen…
      Ich versiche ja immer Triggerwarnungen in den Stichworten zu setzen(siehe Seitentext)
      Aber ob das immer gelingt, weiß ich nicht.

      Gefällt 1 Person

  2. Christiane November 16, 2020 / 8:37 am

    Das ist vielleicht nicht heiter, aber es berührt das Herz ❤️. Wie gut, dass es solche Menschen auch noch gibt (und ich weiß, dass es viele gibt), die sich einfach menschlich verhalten, ohne große Worte zu machen.
    Danke, dass du deine Etüde nachgeschoben hast, ich trage sie gleich nach.
    Morgenkaffeegruß 😁☁️☕🥐👍

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest November 16, 2020 / 9:02 pm

      Danke wie immer für deinen Langmut.
      Man sagt ja oft, dass ein einziger Mensch bei dem ein Kind Vertrautheit und Verlässlichkeit erfährt ein ganzes Leben ändern kann.
      Ich habe in der Etüde offen gelassen, ob das Ehepaar Vinzenz aus Freundschaft handelt, professionell (zumindest die Frau) oder ehrenamtlich, alles ist vorstellbar.
      PFIFF e.V., die uns auch als Pflegekinderdienst unterstützen, vermitteln hier in Hambur Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern, wo die Kinder andocken können, Zuwendung erfahren und bei Bedarf auch kurzfristig unterkommen können
      https://www.pfiff-hamburg.de/patenschaften.html
      Ich finde das ein sehr schönes Projekt, dann bleibt es nicht so sehr dem Zufall überlassen, ob die Kinder jemanden finden oder nicht

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  3. Katharina November 16, 2020 / 12:15 pm

    Leider gibt es so Kinder, aber zum Glück gibt es auch so Menschen wie die Vizenzs. Da wünscht man sich, dass es immer mehr von letzteren und immer weniger von ersteren gibt. Sehr berührend.

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  4. fundevogelnest November 16, 2020 / 9:17 pm

    Allemal besser als über die Mutter herzuziehen.
    Weil es aber nicht unbedingt einfach ist, auch bei gutem Willen zueinanderzufinden, finde ich das in der Antwort an Christiane erwähnte Patenprojekt so toll.

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