Einladung zur Preisverleihung (ABC-Etüde)

In der ersten Coronarunde im Frühjahr waren alle im Krankenhaus in bereit, viel extra zu arbeiten, aber das Krankenhaus verharrte in einem seltsamen Dämmerschlaf.

Nun in der zweiten Welle arbeitet es mehr oder weniger im Normalbetrieb, Coronafälle hat es als Kinderkrankenhaus eher wenig, aber viele, die dort arbeiten sind krank und noch mehr in mehr oder weniger nachzuvollziehender Quarantäne.

Ich jedenfalls habe in den letzten zehn Tagen dort so viel gearbeitet wie seit Einzug des Kleinen Fundevogels nicht mehr. Und bei aller Liebe zu diesem Job an das Aufsehen vor fünf Uhr morgens werde ich mich in diesem Leben nicht mehr gewöhnen.

So bin fast erstaunt, dass doch noch eine Geschichte in der letzten Etüdenrunde des Jahres zu Ulli Gaus schöner Wortspende (siehe Grafik) gewachsen ist.

Die Hauptperson meiner Etüde ist frei erfunden, der Aachener Friedenspreis ist es nicht, alles über diesen schönen Preis erfährt man bei der Kommunikatz Lea. Lea, ich hoffe, du teilst meine Einstellung, dass sie eine würdige Preisträgerin wäre.

Christane gebührt wie immer der Dank für alle Arbeit um dieses wunderbare Etüdenschreibspiel.

Wie kann ein Neugeborenes so griesgrämig gucken, dachte Isi beklommen. Man kann regelrecht Angst vor ihr kriegen, kommentierte Vater Matze.

Isi und Matze waren verliebt in ihren unkonventionelle Lebensstil, sie stopften ihre Kinder hemmungslos mit Musik und Wörtern voll und erlaubten ihnen fast alles. Tanzten sie aus der Reihe, feierten sie es lautstark. Doch ihre Fünftgeborene verwirrte sie: Nie stöberte Alicia als herrlich fotogener Schmutzfink im Dreck herum. Todernst und aufmerksam wie ein kleiner Landvermesser stapfte sie durch den Wald. Sie machte ihren Eltern keinen Ärger, aber auch keine rechte Freude. In der Schule lief es ähnlich, Einsen – ja, Freundinnen – nein.

Matze bewunderte Alicias unbestechliche Sturheit, aber Isi fragte sich in den Nächten, in denen sie weitere Babys stillte, wie sie ihre sonderbare Tochter bloß glücklicher machen konnte,

Weil Alicias mürrischen Züge weicher wurden, wenn sie Katzen um sich hatte., erlaubte Isi ihr, jedes abgemagerte, flohzerstochene Exemplar, das sie auf ihren Streifzügen fand, gesund und rund zu pflegen.

Als Alicia sich nach dem Abitur für ein Jurastudium entschied, grinsten sich Matze und Isi nur vielsagend an und zahlten ein WG-Zimmer, in dem Katzen erlaubt waren, während die Geschwister um die Erde wooften, in Drogen schwelgten und vor Kreativität barsten.

Alicia meldete sich nach dem Studium kaum noch, schickte nur ab und an katzenlastige, nichtssagende Weihnachtskarten.

Jahre später erhielten Matze und Isi eine Einladung zur Verleihung des Aachener Friedenspreises an die Anwältin Dr. Alicia Waldvogel, die viele respektvoll die Flussfrau nannten, große Anerkennung genoss die Verteidigerin der Quellen, Flussläufe und Ästuare. Frau Waldvogel galt als unerbittlich in ihrem Kampf für die Rechte Indigener an ihren Wasserläufen. Ausgebufft wie keine andere wies sie Kohlekonzerne und Goldminenbetreiber in die Schranken.

Echt jetzt, murmelteMatze verdattert, während er das Lebenswerk seiner eigenen Tochter googelte und Isi merkte, wie Scham sie seltsam durchfloss.

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35 Gedanken zu “Einladung zur Preisverleihung (ABC-Etüde)

  1. Ulli November 24, 2020 / 10:49 pm

    Ich freue mich, dass du Zeit und Rsum gefunden hast, um diese Etüde zu schreiben. Sie stimmt nachdenklich,was Eltern erwarten und wer das Kind wirklich ist,. Hier einmal umgedreht zu gewohnten Erwartungen: wild geht gar nicht…
    Liebe Grüße
    Ulli 👌🌠

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    • fundevogelnest November 26, 2020 / 7:44 pm

      Wobei es ja durchaus Eltern sind, die am Wohlergehen ihrer Tocchter interessiert sind und sie auch nicht mit Gewalt verbiegen wollen, sie verstehen sie nur nicht.
      Als verlässlicher Schreibraum bzw. Schreibzeit erweist sich zurzeit ein extrem ungemütlicher,neonausgeleuchteter Warteraum, in dem ich jede Woche 45 Minuten auf den Kleinen Fundevogel warten muss.
      Etüdenschreiben wertet diese Umgbung ungemein auf.

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  2. kommunikatz November 24, 2020 / 11:02 pm

    Wow, was für eine schräge Idee zwischen all Deinem alltagsirrsinn 🙂 Danke für die nette „Werbung“! Ja, sie hört sich wie eine interessante Person an.

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  3. Christiane November 25, 2020 / 8:20 am

    Ich glaube, dass es das öfter gibt: Kinder, die den Lebensstil ihrer Eltern satthaben und es anders machen. Wie schön, dass sie die inneren Freiräume, die ihre Eltern ihr gelassen haben, auf diese Weise nutzen konnte und Erfolg hat. Aber dass der Vater googeln muss, wer seine Tochter in „der Welt“ ist, da habe ich doch geschluckt …
    Morgenkaffeegruß 😁⛅☕🥐👍

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    • fundevogelnest November 26, 2020 / 8:06 pm

      Ja vielleicht war das Googeln des Vaters etwas übertrieben, aber ich finde gerade Umwelt- und MenschenrechtsaktivistInnen, auch jene, die viel erreichen und sehr viel riskieren sind oft außerhalb der „Szene“erschreckend unbekannt (Greta Thunberg mal ausgenommen).
      Ich habe mich nie wirklich für Fußball interessiert, aber natürlich wusste ich sofort wer Diego Maradona war, einfach weil viel über ihn gesprochen wurde.
      Und das ist bei Menschen, die so wichtige Dinge tun, ganz anders.

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  4. Katharina November 25, 2020 / 8:26 am

    Interessant wie du den Klassiker umgedreht hastl, also strenge Eltern und ausufernde Kinder. Eine tolle Geschichte!

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      • Olpo Olponator November 28, 2020 / 10:37 am

        Und dann ist das Leben rundum im Kopf mit dir durchgegangen, wie man sagen könnte. Ein notwendiges und willkommenes Ventil, die Schreiberei (?). Deine Einfälle/Wendungen sind ja oftmals überraschend, je weiter sich eine Geschichte entwickelt – wie zB in deinem Buch ‚Zwischenzeit‘ nachzulesen ist … 😉

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        • fundevogelnest November 28, 2020 / 8:09 pm

          Sagen wir es so, das permanente Geschichtenausdenken und Parallelwelten bnebenher laufen zu haben ist ein Teil von mir, beim Aufschreiben verändern sich die Geschichten in der Regel – und das hat gewiss auch etwas entlastendes.

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          • Olpo Olponator November 30, 2020 / 7:59 pm

            Meine eigenen Parallelwelten machen sich zum Glück selten tagsüber bemerkbar -was nicht bedeutet, daß ich sie ganz abstellen kann- was wiederum in eher anspruchsvollen Situationen nicht immer bedeutungslos ist … doch wenn ich sie tagsüber nicht pflege kann es sein, daß sie einfach verschwinden, wenn ich sie abends in Worte fassen möchte – es ist schon eine Plage mit ihnen, manchmal … 😉

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  5. gkazakou November 25, 2020 / 9:55 am

    Eine sehr schöne Geschichte über Eltern, die vor Lebenslust berstend Kinder um Kinder in die Welt setzen, die ihrerseits eine hedonistisch-überschwängliche Selbstverwirklichung suchen – bis auf das eine, das, wie im Märchen von den sechs Brüdern, die in Schwäne verwandelt wurden, Heilung zu ihrem Beruf macht.

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    • fundevogelnest November 26, 2020 / 11:10 pm

      Nun habe ich die Geschichte von den sechs Schwänen noch einmal gelesen, von der ich nur noch erinnerte, sie schaurig zu finden. Das finde ich immer noch, aber ich gebe zu Alicia Waldvogel würde ich es zutrauen sechs Jahre weder zu lachen noch zu sprechen der guten Sache Willen, selbst wenn ihr darüber drei Kinder geraubt werden.

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  6. Myriade November 25, 2020 / 6:00 pm

    Eine sehr interessante Geschichte. Eltern müssen nicht immer streng und verknöchert sein, um ihre Kinder nicht zu schätzen und nicht zu verstehen …

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      • fundevogelnest November 27, 2020 / 8:16 pm

        Ich habe immerhineine Freundin, die quasi ihr ganzes Leben auf Demos und zugehörigen Konferenzen verbringt – und ihre Tochter arbeitet bei einer Versicherung. An die beiden hatte ich beim schreiben aber gar nicht gedacht, obwohl es sogar eine Verbindung zum Aachener Friedenspreis gibt.

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        • Olpo Olponator November 28, 2020 / 10:45 am

          Ich bin in meiner Umgebung nur einer Handvoll Menschen begegnet, die ihr gutes Verhältnis zum Nachwuchs in beiderseitigem Verstehen über die Adoleszenz hinaus aufrechterhalten konnten – und dies war nicht schichtspezifisch.

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  7. Nicole Vergin November 29, 2020 / 4:06 pm

    Eine sehr eindringliche Geschichte, die mir gut gefällt und unter die Haut geht. Ein Kind so nehmen wie es ist, ist auch eine große Aufgabe.
    Liebe Grüße
    Nicole

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  8. fundevogelnest November 29, 2020 / 8:54 pm

    Ja, mir fällt es bei meinem einen Kind auch gerade schwer – vielleicht der eigentlich Grund warum sich diese Geschichte erzählte.

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    • Nicole Vergin Dezember 1, 2020 / 9:07 am

      Ich glaube diese Zeiten, wo es einem schwerfällt, kennen alle Eltern – also ich auf jeden Fall! Und es dann schreiberisch rauszulassen, tut mir immer gut. Alles Gute für Dich und viel Kraft, wenn es gerade mal schwer ist.

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      • fundevogelnest Dezember 1, 2020 / 9:35 am

        Danke, ich weiß das wird schon wieder.
        Und sonst hilft die Postkarte, die an meinem Schreibtisch häng, die ich mir kaufte, als ich mal in einer tiefen Krise mit einem der andern Kinder war.
        „Ihr müsst mich nicht verstehen – Liebhaben reicht!“
        Und ich finde das machen Matze und Isi gar nicht so schlecht.

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        • Nicole Vergin Dezember 1, 2020 / 9:41 am

          Der Spruch ist schön und trifft es so gut! Sollte auch unter Erwachsenen in Betracht gezogen werden… 😉
          Hab einen schönen Tag!

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