Erinnerungsglitzer

Es gibt so Erinnerungen, die trägt hoffentlich jeder und jeder in einem Schatzkästchen voller glitzernder Kleinode mit sich herum. Manchmal fällt ein Wort im Gespräch, flackert ein Song auf oder ein Geruch, und dann gibt es nichts Notwendigeres als den Kästchendeckel hochzuklappen, die Kostbarkeiten entweder still frohlockend zu betrachten oder stolz im Kreise der Anwesenden herumzureichen.

Diese Erinnerung weckte das seltsame, irgendwie beschämende Gefühl nichts mit einer Geschichte anfangen zu können, die offensichtlich allen anderen sehr gut gefiel.

Nikolai (Name geändert) war sechs oder sieben Jahre alt, Erstklässler, frisch aus Sibirien nach Hamburg verpflanzt, sein flinker Geist überholte im Gespräch immer wieder seine noch im Wachstum begriffenen Deutschkenntnisse.

Viele Jahre habe ich nachmittags im „Ganztagsschulprogramm“ der hiesigen Grundschule mit Kindern gegärtnert, Bäume gepflanzt, Insekten und im nahen Entwässerungsgraben gekescherte Tierchen bestimmt.

Nikolais Neugier und Begeisterungsfähigkeit kannte keine Grenzen. Sein Tatendrang auch kaum. Immer war er der erste, der bereit war mit aufzuräumen. Und so gingen wir eines Tages schwer bepackt Seite an Seite zum Lagerraum.

Was willst du denn dieses Jahr in deinem Beet pflanzen?, fragte ich ihm.

Möhren, Sonnenblumen, Kartoffeln vielleicht auch … Kurzes Zögern. Keine Tomaten. Ich hasse Tomaten.

Echt jetzt? Ich mag Tomaten fast am allerliebsten. In meinem Garten pflanz ich immer welche.

Abrupt bliebt das spatenbeladene Kindchen stehen und sah auf einmal ganz bedrückt aus. Ich mag sie aber wirklich nicht, sagte er kläglich.

Das ist doch nicht schlimm. Stell die mal vor, alle würden das Gleiche pflanzen wollen – wie unendlich langweilig sähe unser Schulgarten dann aus, wie ein Feld.

Er lächelte.

Wenn auch in den Läden alle nur das Gleiche kaufen würden…

würde alles andere vergammeln, ergänzte ich.

Und alle würden nur die gleichen Filme gucken …

und die gleichen Bücher lesen …

Und alle hätten Kaninchen und die Hunde müssten ins Tierheim.

Oder umgekehrt.

Alle würden die selben Berufe lernen wollen.

Genau, was wäre das für eine Welt, in der es nur Gärtner gäbe und niemand Müllmann oder Krankenschwester werden wollte.

Nie wüsste man, in welcher Wohnung man gerade ist, weil alle die gleichenn Möbel hätten.

Und die gleichen Anziehsachen.

Und weißt du was, Frau Fundevogel, alle würden gleich heißen, weil alle Eltern die selben Namen gut finden würden.

Was für ein Durcheinander.

Schrecklich wäre das.

„Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ ist ein abgedroschener, oft dezent herablassend geäußerter Satz, durch den schimmert, lass den Armen, den Unerleuchteten halt ihren Spaß. Man muss ja tolerant sein…

Aber zu gern denke ich an den kleinen eifrigen Jungen, der sich im vollen Galopp auf sein Gedankenpferdchen schwang und das hohe Lied der Vielfalt sang.

Danke Nikolai.

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14 Gedanken zu “Erinnerungsglitzer

  1. wildgans Dezember 3, 2020 / 11:44 am

    Wie toll,der kleine Kerl von weither…
    Erinnert mich daran, wie mal einer der aus Sibirien vertriebenen Pfingstlerjungs mit seiner klaren Stimme ein Lied von dort uns vorsang…

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    • fundevogelnest Dezember 3, 2020 / 7:31 pm

      Hier im Quartier leben sehr viele russischstämmige Menschen, der EDEKA hat eine extra Abteilung für aus Russland importierte Lebensmittel und es gibt eine bilinguale Kita.

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  2. Myriade Dezember 3, 2020 / 12:26 pm

    Mir hat die Geschichte auch nicht gefallen. Die überhaupt nicht hinterfragte Schadenfreude der Hauptpersonen darüber, dass jemand tödlich verunglückt ist, finde ich sogar ziemlich abstoßend. Dafür schäme ich mich gar nicht!

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    • fundevogelnest Dezember 3, 2020 / 7:32 pm

      Na, du hast ja gleich richtig kombiniert.
      Es ist weniger Scham, sondern eher das Gefühl, was ist da, was ich nicht wahrnehme?

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      • Christiane Dezember 3, 2020 / 7:52 pm

        Einfach „nur“ eine andere Art der Verarbeitung? Du hältst ihre Geschichten ja laut deiner eigenen Aussage „ganz bestimmt nicht“ für „moralisch verwerflich“.
        Ich verstehe bei vielen Sitcoms auch nicht, dass die Leute daran so lustig finden, was ich für ein beständiges emotionales Hauen und Stechen halte, aber ich sage mir, dass ich halt meine eigenen Hintergründe (und damit Schäden) habe.
        Wir leben in unterschiedlichen Welten, in denen vieles unterschiedlich wahrgenommen und ausagiert wird. Sie klaffen immer mehr auseinander, und vieles erschreckt mich zutiefst. Ich finde es korrekt, dass du deine Erschütterung in Worte fasst und versuchst, nicht zu werten. Danke dir dafür.

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      • Myriade Dezember 3, 2020 / 8:15 pm

        Es gibt Situationen im Leben da ist alles, was man sagen könnte aus irgendeinem Grund falsch. Das ist jetzt für mich so eine Situation, deswegen verfolge ich das Thema nicht weiter. Herzliche Grüße in deine Richtung !

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        • Christiane Dezember 3, 2020 / 8:35 pm

          @Myriade: Weißte was? Mir geht es gerade genauso, und ich weiß nicht, ob ich darüber weinen oder lachen soll. Aber es tröstet mich ein bisschen, dass es dir ebenso zu gehen scheint, auch wenn es vermutlich aus ganz verschiedenen Gründen ist …
          Abendgrüße!

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            • fundevogelnest Dezember 4, 2020 / 9:53 pm

              Liebe Myriade, Liebe Christiane,
              Huch, was ist denn hier jetzt passiert?
              Ich versuche mal zu sortieren.
              Ja , Anlass in meinen Erinnerungen zu wühlen, war die Adventüde zum 1.12.
              Ich habe mir vorgenommen jede Adventüde durch mindestens einen Kommentar zu würdigen, weil ich das ganze Projekt so schön finde, aber verlogen sollten die Kommentare nicht sein…
              Sonst beschränke ich mich in solchen Fällen meist darauf, das Liken zu lassen
              Nein, moralisch verwerflich finde ich die Geschichte noch immer nicht, da sie so überzogen ist, dass zumindest ich sie nicht als Aufruf zur Gewalt empfinde,
              Sie würdigt keine Menschengruppe herab, verletzt niemanden persönlich.
              Es ist nicht schlimm, sondern wie ich gesagt habe, eine Art zu erzählen, ein Humor, der mich nicht anspricht, eher abstößt.
              Was — ohne die beiden Werke gleichsetzen zu wollen — für mich z.B auch für die Karikaturen von Charlie Hebdo gilt, die ich meist abstoßend finde, ein Verbot rechtfertigt das m. E. nicht, Mord natürlich sowieso nicht.
              Solchen Gedankengängen folgend, landete ich bei meiner Erinnerung an ein Kind, das erkannte, dass es verschiedene Arten gibt, die Welt zu empfinden und das nicht unbedingt die eine die Richtige ist.
              Was euch bei diesen Gedankengängen jetzt so resigniere lässt, verstehe ich gerade nicht.
              Ich freue mich, wenn ihr es aufklärt und kann aber auch gut damit leben, wenn ihr es lieber ruhen lassen mögt.
              Natalie, ordentlich hustend, aber ohne Corona (puuh, bin ich erleichtert,)

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              • Myriade Dezember 5, 2020 / 12:29 am

                Also, was mich betrifft, ist das alles nicht dramatisch. Ich mag die Geschichte nicht, aus den erwähnten Gründen und wäre gar nie auf die Idee gekommen, dass sie „humorvoll“ sein sollte. Aber nur weil sie mir nicht gefällt, darf sie ja anderen gefallen, ich verstehe halt nicht warum. Ich habe auch im Vorjahr die Geschichte mit den Leichenteilen eher geschmacklos gefunden und sie wurde bejubelt. Es kann ja jede/r schreiben, was er/sie möchte, aber ich muss nicht behaupten, dass mir alles gefällt.
                Schön, dass dich nur der Husten erwischt hat, das ist ja unangenehm genug !

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                • fundevogelnest Dezember 5, 2020 / 8:54 am

                  Ich denke, wir sind uns einig und können das Thema undramatischh ruhen lassen …

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    • fundevogelnest Dezember 3, 2020 / 7:29 pm

      Ich weiß es nicht, er müsste jetzt etwa 15 sein. Ich weiß noch, dass er nach der Vierten auf die Stadtteilschule gewechselt ist, wo man alle Abschlüsse machen kann, da sprach er schon einwandfrei deutsch.
      Er ist intelligent, hat in einnehmendes Wesen und so weit ich das von den kurzen Abholsequenzen beurteilen kann, liebevolle, kompetent wirkende Eltern.
      Nicht die schlechtesten Voraussetzungen.

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