Neunzehn Jahre warten auf Gerechtigkeit

Dieser Text enthält Links zu Websites, denen ich vertraue. Dass auch dort Daten von Ihnen gespeichert werden, ist Ihnen sicherlich bewusst.

Es gibt Orte auf der Welt, an denen bin ich nie gewesen und werde vermutlich auch niemals hinkommen und dennoch hänge ich sehr an ihnen. Es sind keine großen, berühmeten Städte wie New York oder Venedig, wo auch ich niemals war, sondern kleine unbekannte Örtchen ohne Glamour und Sehenswertes und doch lebt ein Stückchen meines Herzens in ihnen. Ihre Menschen und Geschichten haben mich tief bewegt.

Einer davon ist Kilometer 16 in Paraguay, aber heute bin ich mit einem Teil meines Herzens in Uganda.

Mein Körper war dagegen gestern auf einer politischen Kundgebung (unter Einhaltung aller Coronaregeln!) in der Hamburger Hafen City, auf der „Coffee Plaza“ vor dem Firmensitz der Neumann Kaffee Gruppe, die rund 10% des weltweiten Rohkaffeehandels abwickeln.

Foto: Goliathwatch

Diese beiden Orte verbindet eine sehr bittere Geschichte und ich war gebeten ( von den Veranstaltern Goliathwatch und der Agrarkoordination) worden sie zu erzählen. Oh je, war ich aufgeregt, lang ist es her, dass ich das letzte Mal öffentlich gesprochen habe, aber nachdem mir beim ersten Satz fast die Luft wegblieb, ging es doch wieder und auch der nachdrücklich seinen Kopf schüttelnde Mitarbeiter von Neumann brachte mich nicht aus dem Konzept.

Ich spreche hier für FIAN.

FIAN ist eine internationale Menschenrechtsorganisation, die sich für das Recht auf Nahrung einsetzt, das universelle und unveräußerliche Recht sich ausreichend und selbstbestimmt ernähren zu können.

In unseren Augen wurde dieses Recht gebrochen, in Uganda, im August 2001, als etwa 4000 Menschen aus vier Dörfern im Distrikt Mubende gewaltsam durch die ugandische Armee vertrieben wurden, vertrieben, um Platz für die Kaweri Kaffee Plantage der Firma Neumann zu schaffen. Die Menschen hatten sich geweigert das Land zu verlassen, denn nach ugandischem Recht lebten sie dort legal, teilweise seit Generationen, manche sogar mit offiziellen Landtiteln, die sie FIAN-Mitgliedern zeigen konnten.

Die Räumung der Dörfer durch die Armee muss unglaublich grausam vonstatten gegangen sein. Uns wurde berichtet von Menschen, die so brutal geschlagen wurden, dass sie in den folgenden Tagen verstarben, von Ställen, die mitsamt der darin lebenden Ziegen angesteckt wurden, von Plünderungen, traumatisierten Kindern und niedergebrannten Bienenstöcken.

Die Häuser mit allem Hab und Gut und teilweise Tieren darinnen wurden von Baggern niedergerissen. Gräber wurden nicht umgebettet, sondern zerstört. Den Betroffenen wurden keine Ersatzunterkünfte angeboten, nicht einmal Zelte. Sie mussten nach der Vertreibung nachts im Freien ausharren, während die Armee tagelang um sie herum patrouillierte.

Seither haben die einstigen Bewohner:innen wenig Möglichkeit für ihre Nahrungssicherheit zu sorgen, viele von ihnen leiden chronischen Hunger, nicht alle haben sicherer Zugang zu Trinkwasser. Vertreter:innen von FIAN sind immer wieder in Mubende gewesen und berichten, dass sich die Situation vieler der Vertriebenen immer weiter verschlechtert, trotz hoher internationaler Aufmerksamkeit, trotz fortlaufender juristischer Auseinandersetzungen.

Nein, die Firma Neumann hat diese Verbrechen nicht begangen. Das war die ugandische Armee. Dennoch trägt die Neumann- Kaffee-Gruppe einen großen Teil der Verantwortung, da die Räumung der Dörfer nur geschah, damit sie ihre Kaffeeplantage anlegen konnten.

2015 forderte der UN-Menschenrechtsausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte Uganda auf die Rechte der Vertriebenen unverzüglich wieder herzustellen. Das ist nicht geschehen.

Auch die Neumann Kaffee-Gruppe weist ihre menschenrechtliche Verantwortung beharrlich zurück und verweigert sowohl eine Aufarbeitung der Geschehnisse von 2001 als auch den Vertriebenen angemessene Entschädigungen zu zahlen, angemessen wären Summen, die es den Menschen ermöglichen würden, sich am anderen Orte wieder eine ihre Ernährung sichernde Existenz aufzubauen. Auch im gerichtlich angeordneten Mediationsverfahren von 2019 ging die Neumanngruppe nicht auf die Vertriebenen zu.

Stattdessen erreichen FIAN immer wieder Berichte von Vertriebenen, dass sie vom Sicherheitsdienst der Plantage bedroht oder sexuell belästigt würden.

So verletzt die Neumann-Gruppe fortwährend die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die besagen, dass alle Aktivitäten im Einklang mit den universellen Menschenrechten zu stehen haben, dass Menschenrechtsverletzungen beendet und kompensiert werden sollen, selbst wenn die Unternehmen nicht direkte Verursacher, sondern nur Nutznießende dieser Aktivitäten sein sollten.

Wir fordern die Neumann-Kaffee-Gruppe auf ihre bald zwanzig Jahre währende Politik des Ignorierens und Verleugnens zu beenden, den Geschädigten durch die Kaweri-Plantage nach einer verlorenen Generation endlich auf Augenhöhe zu begegnen und die geforderten, angemessenen Entschädigungen zu zahlen.

Ach, es sind immer nur so Kleingkeiten, die ich tun kann. Kleinste Nadelstiche. Und doch hegen wir die Hoffnung, dass bald zwanzig Jahre Nadelstiche auch einen Elefanten zum Einlenken bringen können. Und sei es nur, um uns los zu werden. Finanziell würden die Entschädigungen einen Konzern wie Neumann nicht ruinieren. Aber für die Vertriebenen von Mubende würde es ihr Leben ändern.

Wer mehr über den Fall wissen möchte, findet die auf der Website von FIAN und in dem sehr sehenswerten auf YouTube verfügbaren Film „Kaffee mit dem Geschmack der Vertreibung“ von Michael Enger.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

6 Gedanken zu “Neunzehn Jahre warten auf Gerechtigkeit

  1. kommunikatz Dezember 15, 2020 / 10:43 pm

    ßEine beeindruckende Rede, finde ich. Sowas so zu schreiben und dann vor Publikum und den Angeschuldigten vorzutragen, ist keine Kleinigkeit, auch wenn es im Gesamtergebnis wohl nicht über den kleinen Nadelstich hinausreicht. Trotzdem: Danke für diesen Text und hoffentlich irgendwann bald Erfolg in der Sache!

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  2. fundevogelnest Dezember 16, 2020 / 10:38 am

    Danke dir.
    Ich habe in sofern Hoffnung, dass die Firma irgendwann so sclau sein wird, ihren Ruf aufzupolieren, mit der Zahlung einer Entschädigung, die sie „Eigentlich nicht zahlen müssten,es aber um der Menschen Willen tun.“
    Bis dahin bleibt nur weiter den Ruf zu ramponieren, auf ihrer Website geht es nämlich viel um Nachhaltigkeit etc.

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  3. violaetcetera Dezember 17, 2020 / 12:05 pm

    Hut ab vor deinem Mut, ich würde mich das wohl nicht trauen.
    Hauptsache, diese Missstände geraten nicht in Vergessenheit, das ist das Wichtigste und hoffentlich auch das, was der Firma irgendwann zu unbequem wird.

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  4. fundevogelnest Dezember 17, 2020 / 9:19 pm

    Mit dem Mut ist das so eine Sache.
    Ich würde nie eine Rede um ihrer selbst Willen halten mögen, jeder und jedem hätte ich den Vortritt gelassen, ich mag mein hohe, schnell schrille Stimme nicht, finde, ich sehe komisch aus (okay, wer tut das mit Wollmütze und FFP-Maske nicht) und so wichtig bin ich nun wirklich nicht.
    Aber wenn es um etwas geht, das wichtig ist, denke ich mir, ich kann das ja nun nicht nur wegen meiner komischen Stimme, meines komischen Aussehens, meiner Gesamtkomischkeit lassen und mache es dann halt so gut ich kann. Inhaltlich habe ich mich mit der Frau, die am nächsten an dem Fall dran ist, aber aus Köln nicht kommen konnte,eng abgestimmt und den Text quasi auswendig gelernt.

    In der Menschenrechtsarbeit ist ein langer Atem eines der wichtigsten Dinge.
    Und den habe ich wenigstens.

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    • fundevogelnest Dezember 19, 2020 / 9:11 pm

      Der Deutschlandfunk hat sich dieser Sache schon öfter angenommen. Dass die greise Aktivistin Anna Nandyose Kabende vor über zehn Jahren von einem CEO des Neumannkonzerns persönlich empfangen wurde, hatte bestimmt auch etwas damit zu tun, dass ein Journalist des Deutschlandfunks sie damals begleitete.
      https://fundevogelnest.wordpress.com/2018/10/05/fahrstuhlgeschichten/
      Da Neumannmit Rohkaffee handelt, kann dieser tatsächlich in quasi jeder Kaffeemarke auftauchen.
      Eine Alternative sind Kaffeeproduzenten die direkt von Kleinbauernkooperativen kaufen. In Hamburg, dem weltgrößten Umschlagplatz für Rohkaffee gibt es da z.B „El Rojito“ oder „Aroma Zapatista“ (das soll jetzt keine Werbung sein, es sind nur zwei , die mir spontan einfallen, es gibt noch viele mehr)

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