Roiboos-Zimt-Orange

Zeit für Weihnachtsgeschichten, aus guten Gründen nur eine aus der Dose.

Aber vielleicht gefällt sie ja trotzdem . Und falls Sie Sören so ins Herz schließen sollten wie ich, verspreche ich es gibt sehr bald ein Wiedersehen.

Nikolas Bergt maß Weihnachten nicht viel Bedeutung bei. Natürlich, als er noch ein Kind gewesen war, hatte ihn das Strahlen des geschmückten Weihnachtsbaumes jedes Jahr überwältigt und die Sorge, dass der Weihnachtsmann die Bestellnummern aus dem Lego-Katalog auf seinem Wunschzettel eventuell nicht richtig entziffern könnte, hatte immer angenehm aufregend gekitzelt.

Das war lange her. Der Weihnachtsmann war niemals jemand anders gewesen als seine Eltern, die ihren Lebensabend nun in der andalusischen Heimat seiner Mutter verbrachten. Da die Flugpreise in der Weihnachtszeit einfach unverschämt waren, verzichtete die Familie vernünftigerweise darauf, sich zu dem Fest zu besuchen, obwohl sie sonst einander sehr zugetan waren.

Während des Studiums hatte Nikolas den Weihnachtsabend meistens mit André Stein verbracht. Sie hatten zusammen gekocht, Schach gespielt und hinterher ein paar Discos unsicher gemacht. Doch dann hatte André diese Corinna mit der Schlangenphobie kennen gelernt, seitdem hatte er sich nicht mehr bei Nikolas gemeldet und auch dessen Anrufe und Briefe unbeantwortet gelassen.

Nikolas selbst hatte keine feste Freundin. Er haderte weder mit diesem Umstand noch mit den einsamen Weihnachtsfesten, vielleicht weil das Hadern schlicht nicht seinem Naturell entsprach.

Er pflegte sich am 24. Dezember etwas Feines zu kochen, seinen Schlangen die fettesten Mäuse und dem Chamäleon die leckersten Heimchen zu servieren.

Dann las er, hörte klassische Musik oder schaute sich eine DVD an, bevorzugt Tierfilme. Spätabends, wenn die bescherungsbedingte Leere im Internet vorbei war, plauschte er unter dem Namen „Schlangennick“ noch ein wenig im Reptilienchat.

Im Grunde genoss er diese stille Zeit. Wenn er in den Tagen vor dem Fest etwas einkaufen musste, staunte er wie schlecht seine Mitmenschen im Gegensatz zu ihm aussahen. Die meisten wirkten, als stünde die Katastrophe ummittelbar bevor, mitleidig ließ er sie an der Supermarktkasse vor.

In seinem bevorzugten Bioladen kaufte Nikolas am 23. Dezember für sein Weihnachtsessen ein. Er plante einen aufwändigen Gemüsecurry, im Gegensatz zu seinen Haustieren war er Vegetarier.

„Fröhliche Weihnachten“.

Das blasse, abgehetzte Mädchen an der Kasse überreichte ihm ein kleines Päckchen. „Geschenk des Hauses“, sagte sie dazu. Es war eine kleine Packung Rooibustee, Geschmacksrichtung „Zimt-Orange“. Nikolas verabscheute parfümierte Tees, bedankte sich jedoch artig und legte das Päckchen zu seinen Einkäufen in den Fahrradkorb.

Schon auf dem Heimweg fragte er sich, woher wohl der leichte Zimtgeruch stammte, der durch sämtliche Straßen wehte. Er vermutete eine zufällige Häufung von Zimtsternbackaktionen. Oder – diese Theorie verursachte im leichte Übelkeit -, dass seine weihnachtsdekosüchtige Nachbarschaft, nachdem das Thema „Lichterketten“ weitgehend ausgereizt war, dazu überging, Duftorgeln mit Weihnachtsdüften aufzustellen.

Ganz so schlimm war es nicht. Der Geruch entströmte lediglich dem Werbegeschenk aus dem Bioladen.

Kopfschüttelnd studierte Nikolas die Zutatenliste. „Frei von künstlichen Duft- und Aromastoffen“, stand da. Zum ersten Mal kamen ihm Zweifel an der Glaubwürdigkeit seines Lieblingsgeschäftes.

Er legte das Päckchen weit hinten in den Küchenschrank, mit der vagen Idee, es weiterzuverschenken. Nachdem er seine Einkäufe verstaut hatte, schwang er sich wieder aufs Rad, diesmal um die Versorgung seiner Reptilien über die Feiertage sicher zu stellen.

Bei seiner Rückkehr waberte Zimt-Orangen-Geruch durch die ganze Wohnung. Seine Schlangen hatten sich verschreckt zu festen Kugeln gerollt, das Chamäleon sich so tief wie möglich im Blätterwald verkrochen. Wenigstens schien kein Tier unter Atemnot zu leiden. Im Gegensatz zu ihm, der, seit frühster Kindheit mit Heuschnupfen und diversen Allergien geschlagen, japsend Fenster und Balkontür aufriss. Ein Taschentuch vor den Mund gepresst, kämpfte er sich zum Küchenschrank durch und schleuderte die Zimt-Orangen-Bombe auf den Balkon.

„Denen werde ich was erzählen“, fluchte er röchelnd. „Treue Stammkunden und unschuldige Reptilien in Lebensgefahr zu bringen.“

Kurz darauf klingelte Frau Burmeester von nebenan: „Herr Bergt, was um Himmels Willen ist das da auf ihrem Balkon? Falls das eine Weihnachtsbowle werden sollte, haben Sie sich mit der Dosierung gründlich vertan!“

„Habe dieses Zeugs selbst geschenkt bekommen“, setzte Nikolas zu seiner Verteidigung an, doch Frau Burmeester hörte ihm nicht zu. Andere ausreden zu lassen, lag nicht in der Natur seiner Nachbarin.

„Ich habe ja noch nie etwas über ihre abartigen Haustiere gesagt, aber wenn sie nun noch anfangen hier mit Drogen zu experimentieren, muss ich …“,

„Ich kümmere mich“, versicherte Nikolas.

Mit angehaltenem Atem barg er das Päckchen vom Balkon. Er hüllte es in mehrere Lagen Zeitungspapier und insgesamt fünf Plastiktüten, die er alle dicht verknotete. Dann warf er es in den Müllcontainer vor dem Haus.

Die Küche konnte er den Rest des Abends trotz intensiven Lüftens nicht betreten, doch die Tiere im Wohnzimmer machten wieder ihrer vertrauten Bewegungen. Vorsichtshalber schaltete er seinen Computer ein und fragte die anderen User des Reptilienchats, ob sie schon mal von Schäden durch die Ausdünstungen von Rooibos Zimt-Orange gehört hätten.

„Schlangennick, was hast du denn genommen?“, schrieb einer zurück. Verärgert stellte Nikolas den Computer ab; er trank nie, rauchte und kiffte nicht, und kaum bekam er so ein blödes Teepäckchen geschenkt, verdächtigte man ihn innerhalb einer halben Stunde zweimal irgendwelcher Drogenexzesse.

Als er zu Bett ging und gewohnheitsmäßig sein Schlafzimmerfenster auf Kipp stellte, drang sofort wieder der verhasste Duft herein, dazu Stimmen.

„Er hat es quasi zugegeben. Ich bin sicher, das ist Schlangengift. War doch nur eine Frage der Zeit bis dem Bergt mal was schief geht.“

Ein Weilchen stocherte Herr Burmeester unter dem Kommando seiner Frau erfolglos im Container herum, dann gaben sie auf und beschlossen am nächsten Morgen den Hauswart zu verständigen.

Kaum waren die Beiden verschwunden, sprintete Nikolas die Treppe herunter, angelte das Päckchen aus dem Müllcontainer, warf sich auf sein Rad und raste zum Bioladen, wo er den Rooibostee des Grauens in den Papierkorb warf. Morgen früh würde er wieder kommen und dem Inhaber eine gehörige Standpauke halten.

Doch als er am 24. Dezember gegen elf Uhr angeradelt kam, war die Straße mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Neben dem Papierkorb stand ein Wagen des Kampfmittelräumdienstes. Der bärtige Ladenbesitzer rang hinter der Glastür die Hände.

Genug gestraft, dachte Nikolas und drehte um.

Zu den Klängen von Bachs Weihnachtsoratorium bereitete er in der Dämmerung seinen Gemüsecurry zu. Den Hauch Zimt, mit dem er es sonst verfeinerte, ließ er diesmal weg. Auch die Flasche mit dem teuren, fair gehandelten Bioorangensaft öffnete er nicht.

Gegen achtzehn Uhr klopfte es an der Tür, für einen Heiligabend absolut ungewöhnlich.

Einen Herzschlag lang ersehnte Nikolas nichts mehr als den Anblick eines geschenkbepackten Menschen. Vielleicht seine Eltern, die überraschend einen Billigflug bekommen hatten. Oder gar André. Aber wahrscheinlich war es doch nur wieder Frau Burmeester, die glaubte Schlangengift gerochen zu haben.

Als er jedoch die Tür geöffnet hatte, hielt er es selbst für möglich, dass ihm jemand Rauschgift untergejubelt hatte. Mit geschultem Auge identifizierte er den Ankömmling unschwer als ein männliches Exemplar der Gattung Alces alces. Im Deutschen besser bekannt als Elch. Nun hatte er bereits von zahmen Elchen gehört. Besonders wenn man die Kälber mit der Nuckelflasche aufzieht, sollen sie sehr zutraulich werden und sich sogar reiten lassen. Doch ist der Weltgeschichte kein Elch bekannt, der mit donnernder Stimme sagen kann: „Guten Abend. Nikolas Bergt, geboren am 10. Juli 1979, wenn ich nicht irre?“

Das war zuviel für einen Biologen. Nikolas wurde schummerig, er musste sich am Türrahmen festhalten.

„Du bist auswählt“, dröhnte der Elch.

„Bitte?“

„Auserwählt!“

Der Türrahmen, an den er sich klammerte, erbebte.

„Da muss ein Irrtum vorliegen“

„Du bist auserwählt“, wiederholte der Elch. „Auserwählt, dieses Jahr dem Weihnachtsmann zu helfen.“

„Blödsinn. Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann.“ Hilfesuchend schielte Nikolas zur Wohnungstür des Ehepaars Burmeester, die Männer mit den weißen Kitteln wären ihm in diesem Moment durchaus willkommen gewesen. Doch seine Nachbarn schienen den Gottesdienst zu besuchen.

„Du brauchst nicht an den Weihnachtsmann zu glauben“, sagte der Elch nun fast beschwichtigend. „Es reicht, wenn du seine Aufträge heute Nacht zusammen mit mir ausführst Glaube mir, ich war auch erst überrascht. Plötzlich steht der Weihnachtsmann mit zehn Rentieren in meinem Gehege bei Hagenbeck, verleiht mir eine menschliche Stimme, hält mir eine widerlich riechende Tüte unter die Nase, sollte angeblich ein magisches Teepäckchen sein, das nur in den Händen der Auserwählten seinen Geruch entfaltet. Auf jeden Fall hat der Weihnachtsmann mich beauftragt, der Geruchsspur zu folgen bis ich Nikolas Bergt gefunden habe. So eine Aufregung hatte ich nicht mehr, seit ich als Jungtier von Leipzig nach Hamburg verkauft worden bin. Sag mal, du bist doch dieser Nikolas Bergt? Diese Geruchsspur führt nämlich noch weiter, aber an ihrem Ende steht nur ein gesprengter Papierkorb, der von Polizeibeamten bewacht wird. Sie heißen alle nicht Nikolas Bergt und sind auch nicht auserwählt. Stattdessen haben sie bei Hagenbeck angerufen und gefragt, ob ein Elch vermisst wird. Da bin ich lieber zurück gelaufen. Also, bist du es nun oder nicht?“

„Ich bin es“, gab Nikolas verzweifelt zu. „Aber es gibt, zum Teufel noch mal, keinen Weihnachtsmann. Meine Eltern haben selbst zugegeben, dass sie mich immer beschenkt haben.“

„Die meisten Eltern tun das. Sonst wäre der Weihnachtsmann ja selbst mit auserwählten Assistenten heillos überfordert. Aber um ein paar Sonderfälle muss er sich halt kümmern, und wir sind auserwählt! Hier!“

Mir dem Maul riss der Elch einen Sack von seinem Rücken, er enthielt eine Weihnachtsmannuniform, ein paar eingewickelte Geschenke und eine auf einer altmodischen Schreibmaschine getippte Liste.

Auf einmal glaubte Nikolas zu verstehen.

„Dich hat ein Privatsender geschickt“, sagte er. „Das ist hier so eine idiotische Show. Wenn ich jetzt diesen Anzug anziehe, wird das mit versteckter Kamera gefilmt, und ganz Deutschland lacht sich in der Heiligabend-Late-Night-Show über mich kaputt. Vergiss es, Elch.“

„Ich war schon mal im Fernsehen“, sagte der Elch, nicht ohne Stolz. „Das erste Elchkalb, das im Leipziger Zoo geboren wurde. Aber glaubst du ernsthaft, dass die mir eine menschliche Stimme verleihen konnten? Das kann nur der Weihnachtsmann. Also komm’ jetzt endlich. Du bist auserwählt.“

Beim letzten „Auserwählt“ wackelten schon wieder die Wände, aber dabei stupste der Elch Nikolas sanft mit seiner weichen Nase an. Wahrscheinlich war es diese Geste, die seinen Widerstand bröckeln ließ. Warum eigentlich nicht, dachte er, endlich mal was anderes als DVD und Reptilienchat.

Es war im egal, ob der Weihnachtsmann ihn auserwählt hatte, aber dieser sprechende Zooelch war in gewisser Weise der Weihnachtsgast, den er auserwählt hätte.

„Ein Moment, bitte“, sagte er und verschwand mit der Weihnachtsmannkleidung im Bad. Sie passte wie maßgeschneidert und beinhaltete zu seiner Erleichterung keinen künstlichen Bart.

Als er sich in den Spiegel schaute, stellte er allerdings fest, dass ihm während des Gesprächs mit dem Elch, ein rauschender Weihnachtsmannbart gewachsen war, der zu seinen dunkelbraunen Dreadlocks unsagbar bescheuert aussah. Aber er zog ja die Zipfelmütze über die Haare. Zum Friseur und zum Psychiater konnte er nach Weihnachten gehen.

Er holte dem Elch ein paar Möhren aus der Küche, die dieser hocherfreut mampfte und schaute sich den Zettel an. „Familie Theusner, Boltenhagener Straße 42“, stand dort als erstes. Das war nicht weit. Nikolas schulterte den Sack und sie gingen los.

Da es fast zehn Grad warm war, schwitzte Nikolas unter der dicken Mütze, außerdem wurde ihm übel bei der Vorstellung in diesem lächerlichen Aufzug bei wildfremden Leuten zu klingen. Trotz der Liebenswürdigkeit des Elchs, fürchtete er immer noch, dass das alberne Team der Heiligabend-Late-Night-Show hinter der Wohnungstür der Theusners lauerte. Erstaunlich behände erklomm der Elch die vier Stockwerke. Nikolas klingelte, sein Herz raste. Kinderfüße trappelten.

„Nein! Stopp! Auf keinen Fall die Tür aufmachen!“, hörte er eine schrille Frauenstimme. „Es könnte Ingo sein“.

Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet.

„Wir heißen nicht Ingo“, trompetete der Elch mit seiner beeindruckenden Stimme.

„Wenn das ein fauler Trick ist, rufe ich sofort die Polizei!“

Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Hinter einer Sperrkette guckte eine Frau die Beiden misstrauisch an.

„Drauß’ vom Walde komm’ ich … „, stotterte Nikolas töricht. „Das heißt … eigentlich eher aus meiner Wohnung, aber im Auftrag des Weihnachtsmanns, das heißt … Ach … Guten Abend“.

„Mama, Mama! Der Weihnachtsmann“, jubelten jetzt die Kinder. „Und Rudolf das Rentier! Jetzt kriegen wir doch noch Geschenke.“

„Der Weihnachtsmann?“, fragte Frau Theusner zweifelnd, während ein Knäuel Kinderhände die Sperrkette auffingerte.

„Sozusagen“, so dämlich war Nikolas sich in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, das Publikum der Heilig-Abend-Late-Night-Show würde seinen Spaß haben.

Es waren insgesamt vier Kinder. Sie trugen Alltagskleidung. In der Wohnung waren weder ein Weihnachtsbaum noch Geschenke zu sehen. Obwohl seine eigene Weihnacht genauso aussah, schien Nikolas die Trübsal in dieser Wohnung überwältigend zu sein.

Die Kinder redeten alle gleichzeitig, es dauerte eine Weile bis er begriff, dass sie Gedichte aufsagten, jedes ein anderes, aber alle gleichzeitig.

„Der Reihe nach“, bat er. Hastig zirpten sie ihm Verse ins Ohr, denen er kaum folgen konnte

„Sehr ihr“, sagte das älteste Mädchen. „Ich habe doch gesagt, wenn wir Gedichte lernen, kriegen wir auch dies Jahr Geschenke“

Geschenke?

Weihnachtsmann hilf, sie erwarten Geschenke. Aber was? Und was war in den Päckchen im Sack drin? Er konnte doch nicht auf gut Glück drauf los schenken. Weinbrandpralinen, zum Beispiel, wären für diese Kinder hier nicht das richtige. Oder Pornovideos, falls doch die Heilig-Abend-Late-Night-Show dahinter steckte. Panisch wühlte er im Sack. Die Geschenke waren penibel beschriftet: Jacqueline Theusner, Kevin Theusner, Marcel Theusner, Vanessa Theusner.

Sie freuten sich wahnsinnig über Playmobil und Süßigkeiten, und Nikolas fiel ein ganzer Geschenkeberg vom Herzen. Die Mutter war hochrot geworden.

„Ich konnte einfach nicht“, sagte sie leise. „Vor zwei Wochen hat er mir erzählte, dass er eine Andere hat. Ich bin so fertig. Ich habe es dieses Jahr einfach nicht geschafft. Es war zu viel.“

„Sehen Sie, in solchen Fällen hilft ausnahmsweise der Weihnachtsmann“, sagte Nikolas, der die Erklärung des Elchs erst genau in diesem Moment verstanden hatte.

„Danke“, sagte sie leise und bot Nikolas einen Kaffee an. Während er trank, ließ der Elch die Kinder auf seinem Rücken durch die Wohnung reiten. Lange winkten die fünf ihnen am Fenster nach, und Nikolas bereute nicht mehr, mit dem Elch gegangen zu sein

Die nächste Wohnung war weihnachtlich geschmückt, doch es fand sich nur ein einsames Kind darinnen.

„Mama, kommt später“, sagte er der etwa Sechsjährige leise.

„Wann denn?“

„Wenn das Paloma zumacht.“

Nikolas schluckte. Im Paloma hatte er mit André manche Weihnachtsnacht durchtanzt, vor sieben Uhr früh würde dieser kleine Junge seine Mutter nicht sehen.

Der Weihnachtsmann hatte „Jeremy Friedrich“ ein Buch über Schlangen eingepackt.

„Schade, dass es keine echte Schlange ist“, sagte Jeremy wehmütig. „Ich wünsche mir so sehr eine Schlange.“

„Schlangen sind aufwändige und teure Haustiere“, gab Nikolas zu bedenken. „Aber weißt du was? Ganz hier in der Nähe wohnt ein netter Mann, der Schlangen hat. Ich gebe dir seine Telefonnummer, wenn deine Mutter es erlaubt, darfst du ihn bestimmt mal besuchen. Er zeigt die alles, was du über Schlangen wissen musst.“

„Meinst du, er lässt mich auch mal eine anfassen?“

„Sicher. Sogar auf den Arm nehmen.“

Jeremy strahlte.

Im Treppenhaus konnte Nikolas nicht anders, als den Elch zu knuddeln.

„Weihnachtsmann ist ein Traumjob“, sagte er. Der Elch lachte. Dann riss er plötzlich den Kopf hoch.

„Ach du jemine! Da kommt Stephan! Mein Tierpfleger!“

Hastig versteckten sie sich hinter einem Fahrradschuppen.

„Kopf runter“, wisperte Nikolas. „Das Geweih ragt über.“

„Sören… Sören … Komm’ ich habe Leckerli für dich.“

„Ist doch alles Quatsch“, sagte eine andere Stimme. „So weit ist der nie gelaufen. Ist doch immer das Selbe – kaum meldest du ein entfleuchtes Tier im Radio, wird es im ganzen Stadtgebiet gesehen. Ich wette, der ist noch auf dem Zoogelände“.

Nikolas und Sören, der Elch, atmeten auf.

Die nächste Adresse brachte eine neue Herausforderung.

Beim ersten Klingeln schon riss ein rotbackiges Mädchen die Tür auf. „Boh, der Weihnachtsmann, mit einem Riesenelch!“

„Weihnachtsmann? Rosa-Charlotte, was sagst du da? Wer hat Ihnen erlaubt hier zu klingeln? Solch einen Unfug machen wir nicht mit!“

Der Vater des Mädchens schoss heran. Befremdet erkannte Nikolas in ihm den Inhaber des Bioladens, mit dessen Weihnachtspräsent alles begonnen hatte. In diesem Augenblick war er außerordentlich dankbar für seinen Weihnachtsmannbart.

„Raus hier! Meiner Tochter werden keine Hirngespinste eingepflanzt. Dieses ganze Weihnachten dient doch nur der Verblendung.“

„Genau wie Ihre parfümierten Teepäcken“.

Der Mann guckte Nikolas irritiert an. „Stecken Sie etwa mit dieser komischen Weihnachtsaushilfe unter einer Decke? Die hat dieses Zeugs nämlich angeschleppt. Sämtliche Kunden haben sich beschwert, dass die Teeproben absolut geschmack- und geruchlos waren. Und in der Nacht wurde auf mein Geschäft ein Anschlag mit Biowaffen verübt. Ach, wie leben in einer Endzeit, alles wird zu Grunde gehen.“

„Und wenn am nächsten Tag die Welt unterginge, seinen Kindern sollte man trotzdem etwas zu Weihnachten schenken.“

Sören sprach sehr streng. Mit offenem Mund starrte Rosa-Charlottes Vater den sprechenden Elch an, während seine Tochter eine Barbiepuppe auswickelte.

„Kinder können nämlich nichts dafür, dass ihre Eltern unter der Welt leiden.“

Frau Theusner hatte der Elch keine Vorwürfe gemacht.

„Machen Sie, dass sie wegkommen.“

„Auf Wiedersehen. Aber, eines sage ich Ihnen, wenn sie Rosa-Charlotte die Barbie wegnehmen, kommen wir wieder“.

Diese Drohung auszusprechen, machte Nikolas eine wahrhaft diebische Freude, er wusste dass der Bioladenbesitzer die Puppe nicht antasten würde.

Er lernte in dieser Nacht noch viele Familien seines Viertels kennen. Zwei weitere Male entkamen Nikolas und Sören erfolgreich der Polizei und den Tierpflegern.

Schließlich stand nur noch ein Name auf der Liste: André Stein. Nikolas lächelte über die Namensgleichheit, sein alter Freund würde wohl kaum noch vom Weihnachtsmann beehrt werden, aber ein Kind dieses Namens beschenkte er natürlich besonders gern.

Doch es war André. Sein alter André, der ihn aber mit Bart, Zipfelmütze und Elch nicht erkannte.

„Fröhliche Weihnachten, André“, sagte Nikolas. „Wie geht es dir so?“

Zweifelnd blickte Andre auf Nikolas und Sören.

„Wie man an eurem Besuch merkt, kiffe ich zuviel. Aber wie soll man sonst Weihnachten ertragen? Meine Freundin ist weggelaufen. Meine Eltern schon lange tot.“

„Hast du keine Freunde?“, dröhnte der Elch.

„Nein. Ich hatte mal einen wunderbaren Freund, aber ich habe den Kontakt abgebrochen. Weißt du, er war ein Schlangenfreak und meine Freundin hatte eine Schlangenphobie. Also stellte sie mich vor die Wahl: Er oder sie! Ich entschied mich für sie und nun ist sie fort. Ich bin ganz allein. Niemals hätte ich meinen besten Freund so behandeln dürfen.“

Hemmungslos weinte André in Sörens Pelz.

„Na. Na. Na.“, sagte der Elch

„Dein Freund hat die längst verziehen“, sagte Nikolas so weihnachtsmannmäßig wie möglich. Er erwartet dich in einer halben Stunde, unter dieser Adresse“, er schob André einen Zettel hin. „Er hat ein hervorragendes Gemüsecurry gekocht, garantiert frei von Zimt und Orangen. Ich denke, es wäre angebracht, vorher zu duschen und die Kleidung zu wechseln.“

Beides schien André in seinem Gram längere Zeit vernachlässigt zu haben.

Als Nikolas André sein Geschenk geben wollte, war der Sack leer, daher beschränkte er sich auf ein möglichst huldvolles Winken zum Abschied.

Auf der Straße sagte der Elch: „Der Weihnachtsmann ruft mich, gleich wird mir die menschliche Stimme verloren gehen. Ich werde mich nun von den Tierpflegern einfangen lassen.“

Nikolas umarmte Sören.

„Das war mit dir mein allerschönstes Weihnachtsfest. Ich werde dich in Hagenbeck besuchen. Gleich morgen. Wenn seine Mutter es erlaubt, bringe ich Jeremy mit.“

Als Antwort konnte Sören nur noch grunzen, aber er rieb seinen mächtigen Kopf sanft an Nikolas Schulter. Dann trabte er davon.

„Da! Da ist er. Ich fass es nicht“, hörte Nicolas Stephan, den Tierpfleger, rufen. Wehmütig sah er Sören nach. Dann sah er zu, dass er nach Hause kam. Er musste das Gemüsecurry aufwärmen, für zwei Personen decken – und sich rasieren.

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11 Gedanken zu “Roiboos-Zimt-Orange

  1. Christiane Dezember 23, 2020 / 9:52 am

    Aus der Dose oder nicht, ich habe gelacht und ein paarmal geschluckt. Wunderbar. Vielen lieben Dank! ❤️
    Morgenkaffeegruß 😁🎄✨🎶☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. kommunikatz Dezember 23, 2020 / 10:32 am

    Was für eine unglaublich wunderschöne Geschichte! Danke dafür, ich habe gerade das Bedürfnis, sie weiterzuverbreiten, weil ich sie so toll finde.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 23, 2020 / 8:00 pm

      Das freut mich sehr.
      Weiterverbreitung immer gern mit Angabe meines Namens Natalie Berghahn.
      Wünsche dir einen schönen Vorweihnachtsabend.

      Gefällt mir

  3. stachelbeermond Dezember 23, 2020 / 11:00 pm

    Eine wunderbare Geschichte! Ich habe sie heute morgen im Zug gelesen und fand sie wirklich Klasse. Ich mag diesen Elch… tritt er noch irgendwo auf? Und ich habe sie im seligen Gedenken an meine Roibuschtee-Jugendzeit gelesen: Marzipan, Orange, Erdbeeraroma… 😊👍

    Gefällt 1 Person

    • stachelbeermond Dezember 23, 2020 / 11:02 pm

      Und dieser Satz hier ist preisverdächtig: Warum eigentlich nicht, dachte er, endlich mal was anderes als DVD und Reptilienchat.
      😀😁

      Gefällt 1 Person

      • fundevogelnest Dezember 23, 2020 / 11:11 pm

        Mein Ältester hatte damals eine sehr intensive Reptilienphase. Wir hatten aber keine, er hat sie im Schulzoo betreut.

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    • fundevogelnest Dezember 23, 2020 / 11:10 pm

      Danke. Inspirierend war wirklich ein werbeteepäckchen,ich glaube sogar aus dem Bioladen.
      Zu Sören,schau dir die Weihnachtsgeschichte vom letzen Jahr an und halte morgen früh die Augen auf…

      Gefällt mir

  4. violaetcetera Dezember 25, 2020 / 10:17 pm

    „Zum Friseur und zum Psychiater könnte er auch nach Weihnachten noch gehen“ – großartig. Aber deine Geschichte hat auch so viel Tiefgang, ich habe sie sehr gerne gelesen. Danke!

    Gefällt 1 Person

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