Weihnachtsunruhen

Tage nach Nachtdiensten sind seltsame Tage. Ich schlafe zwar bis mittags und fühle mich ausgeruht, bin aber innerlich nicht so richtig da, schnell mit den Gedanken woanders, schnell zum Weinen zu bringen, im Nu zu entmutigen.

Beim Aufwachen das Gefühl, Weihnachten schaffe ich nie, ich wollte doch noch… Karten schreiben, Geschenke einwickeln und eigentlich auch noch eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Die Weihnachtsgeschichte ist kapriziös, schleicht sich an, will springen und sitzt dann dann kläglich da, als belangloses, kitschiges, unausgegorenes, letztlich verworfenes Etwas, seit zwei Wochen mindestens.

Ist ihr zu unruhig zum Landen, schätze ich.

Immer wenn das Fest der Feste naht, schwankt das Nest heftig im Weihnachtswinde. Ich hatte gehofft das Beben würde unter denn Bedingungen des Lockdowns, in dem weder Weihnachtsfeiern noch Jingele Bells dudelnde Karussells an jeder Ecke lauern, dieses Jahr geringer ausfallen, aber das war zu optimistisch gedacht. Was an Weihnachtsunruhe wegfällt, macht das Coronabeben wieder wett. Kein Kindergarten, der Bauspielplatz hat geschlossen, die Kobolde , die wir doch ganz geschickt eingehegt hatten, wittern Morgenluft. Über kurz oder lang braucht das Kinderzimmer eine neue Tür, denn diese bricht bald aus dem Rahmen. Wer verkauft mir eine koboldgepüfte Tür?

Und dazu ein teflonbeschichtetes Nervenkostüm mit weihnachtlichem Rentiermuster?

Nach dem Nachtdienst?

Das Telefon verrät mir das Krankenhaus hat angerufen. Nix Teflonüberzug, sondern gleich das große Frau Fundevogelbeben. Habe ich letzte Nacht was falsch gemacht? Also richtig falsch? Etwas mit Folgen? Sowas, was Krankenschwestern auf keinen Fall passieren darf?

Nein, habe ich nicht.

Ob ich mich gegen Corona impfen lassen will, wollen sie wissen. Ähhh… Ich muss nicht, aber ich darf, entscheiden bitte jetzt sofort, der Impfstoff muss bestellt werden.

Ich hatte gedacht die Frage kommt später auf mich zu, im Frühjahr oder so.

Zugesagt und noch mehr Durcheinander im Kopf.

Den Kobolden entgeht so etwas nicht. Sie erlauben dem Kleinen Fundevogel und mir noch den Tannenbaum zu schmücken. Das etwas seltsame Exemplar, das wir gestern bekamen, obwohl doch „ausverkauft“ an der Pforte der Försterei stand, ungwöhnlich preiswert und eigentlich viel zu groß für unsere Stube.

Ich lasse das tönerne Kamel fallen, während ich den Kleinen Fundevogel zehn Mal ermahne, behutsam mit den Dingen zu sein. Seine fallengelassenen Kugeln bleiben heil, weil er nämlich ein Glückspilz und die Mama ein Schlechtpilz ist. Wir hängen die Messingsterne in die Zweige, die mein Großvater 1934 mit einer Metallschere fluchend aus viel zu dickem Blech schnitt, während seine frisch angetraute Frau nicht minder fluchend versuchte irgendeinen Vogel im Ofen zuzubereiten. Der Legende nach dauerten beideProjekte bis weit in die Morgenstunden des 25. hinein

Frisch geputzt sind die Sterne immer noch hübsch, wenn man ihnen das ungeeignete Werkzeug auch ansieht.

Die Kinder finden die Geschichte auch lustig. Und dann kippt irgendetwas, ich wüsste zu gern was und die Kobolde übernehmen das Nest, Geschrei , Zerstörung, Spucken, Hauen, Treten, Beißen.

Klug genug gewesen, das Abendbrot nicht noch kochen zu wollen, sondern vom Imbiss geholt, trotzdem die Kurve ist nicht mehr zu kriegen.

Müde entscheidet der Schlechtpilz sich zu einer eingelagerten Weihnachtsgeschichte und hofft auf einen neuen Tag.

Und ein neues Jahr.

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9 Gedanken zu “Weihnachtsunruhen

  1. kommunikatz Dezember 23, 2020 / 10:07 am

    Du beschreibst selbst so negative Gedanken und unschöne Situationen so unglaublich schön, es saugt mich jedes Mal regelrecht in Deine Texte hinein. Mach Dir keine Sorgen wegen der ungeschriebenen Weihnachtsgeschichte, die Realität schreibt eh die viel interessanteren Stories. Die Messingsterne von Deinem Großvater finde ich wunderbar. Und ich wünsche Euch so sehr eine koboldfreie oder zumindest koboldarme Zeit. Sei froh und zuversichtlich, Du wirst geimpft, lange vor beispielsweise so Leuten wie mir, die trotz chronischer Krankheit noch bis zum Frühjahr mindestens warten dürfen.

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    • fundevogelnest Dezember 23, 2020 / 8:53 pm

      Danke für deine aufmunternden Worte.
      Mit der Impfung habe ich genau das Problem, ich habe nicht das Gefühl die vordringlichste Anwärterin zu sein. Wobei wir schon einige Patienten mit Corona hatten, allerdings bei Weitem nicht in dem Ausmaß wie die Erwachsenenkrankenhäuser

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  2. reginatauschek Dezember 23, 2020 / 1:11 pm

    Die Messingsterne entfalten sich vor meinem Auge als etwas ganz besonderes. Ich wünsche der Fundevogelfamilie von ganzem Herzen fröhliche Weihnachten und möge ein wenig Ruhe ins Nest einkehren! Ich denke an euch und werde ein Lichtlein für euch anzünden. Ganz liebe Grüße Regina

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    • stachelbeermond Dezember 23, 2020 / 11:20 pm

      Huch, zu schnell abgeschickt. Alle in Pflegeberufen sollten geimpft werden, wenn sie wollen, so schnell wie möglich. Ohne euch wären wir anderen geliefert.

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