Eine Art Nestbeschmutzung (ABC-Etüde)

Nach dem wunderbaren Etüden-Adventskalender, der mir wirklich große Freude bereitet hat, starten die Etüden wieder im „Normalbetrieb“, etwas das ich vom Nest nicht behaupten kann. Keine Schule für den Großen Fundevogel, sondern Digitalunterricht, dem er ohne mich an seiner Seite komplett hilflos ausgeliefert wäre. Keine Kita, kein Bauspielplatz für den Kleinen Fundevogel, der nach jeder fachlichen Einschätzung im Wachzustand Nonstopaufsicht braucht. Fällt da jemanden etwas auf?

Wenn dann alle schlafen, erinnere ich mich meines kleinen Blogs und erfreue mich an seiner Genügsamkeit, der Freundlichkeit der Lesenden, die hier auch vorbeiflanieren, wenn ich kaum zum Schreiben komme.

Und blieben sie aus, wäre auch kein Schaden entstanden.

Nun habe ich mich aber der gewohnt ungewöhnlichen Wörterspende (Zetermordio, weichmütig, backen) des Etüdenerfinders Ludwig Zeidler, der zurzeit online nicht präsent ist, angenommen.

Der Text entstand aus großem Ärger und wie jeder ärgergeborene Text ist er nicht wirklich gerecht.

An Christiane der Dank uns auch im neuen Jahr freundlich und kompetent durch die Etüden zu leiten.

Wir alle wissen, das ist viel Arbeit!

Alle anderen Etüden zu Ludwigs Wortspende finden sich hier.

Weichmütig, nennen sie sie. Zu weichmütig, zu gut, als sei Gutsein eine Sache, mit der man möglichst sparsam umgehen sollte.

Das war ein Kloppie, sagt die eine Kollegin. Das hat ich ja gar nicht gewusst, als ich davon gehört habe, sagt die andere.

Ja, doch, ein Kloppie halt.

Einatmen, ausatmen. Nichts gesagt. Zu weichmütig, ist auch kein Kompliment, wenn man es sich selbst an den Kopf wirft.

In der Pause geht es wieder um einen Kloppie, um einen anderen dieses Mal und um Kloppies ganz allgemein.

Einatmen, ausatmen. Du hast in diesem Fall recht, aber Kloppie ist ein fürchterlicher Begriff.

Finde ich auch, sagte eine andere in ihre Kaffeetasse, nicht besonders laut.

Ich hätte das nicht gern, wenn das einer über mein Kind sagt.

Keiner sagt das über deine Kinder.

Ich hätte das auch nicht gern, wenn ich ein schwerst mehrfach behindertes Kind hätte.

Du kannst hier nicht arbeiten, wenn du so empfindlich bist.

An einem anderen Tag wird ein Smartphone über dem Tresen hin und her geschoben, jede, die es sieht, lacht.

Ihr schiebt es keiner hin. Als sie den Hals lang macht, weiß sie wieso. Es ist das Photo einer aus Wurstscheiben gelegten Kinderfigur.

Unser kleiner Moham-Mett, steht darunter.

Einatmen, ausatmen.

Jetzt schrei‘ nicht gleich wieder Zetermordrio, du weißt genau, dass das nicht ernst gemeint ist. Du arbeitest ja nur Teilzeit, aber wenn du dich wie wir den ganzen Tag mit diesen Spacken abgeben müsstest, bräuchtest du das auch.

Spacken gibt es jeder Nationalität.

Aber bei denen die meisten. Die Kinder können ja nichts dafür und ich werde hier wohl noch sagen dürfen , was ich denke.

Und ich darf das auch.

Am Ende versickern solche Gespräche. Immer. Keine kann sich ihre Kolleginnen backen. Und sie mögen sich ja auch. Am Ende müssen sie zusammenhalten.

Einatmen. Ausatmen. Weitermachen. Weiterreden.


Alle Zitate in dieser Etüde fielen im Kontext der Arbeit einer Kindeklinik in einer Großstadt. Ich habe nur das Wort „großherzig“ durch „weichmütig“ ersetzt und statt „Schrei‘ nicht Zetermordio“ hieß es „reg dich nicht künstlich auf“

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36 Gedanken zu “Eine Art Nestbeschmutzung (ABC-Etüde)

  1. Kain Schreiber Januar 9, 2021 / 10:42 pm

    übel
    nein. backen kann man sie nicht, die kollegen.
    bei uns ist es permanenter rassismus. ich rede gegen an…aber es sind zuviele arme an der windmühle…

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          • Kain Schreiber Januar 13, 2021 / 12:30 pm

            Rassismus ist nicht seltsam.
            So ganz versteh ich deine aussage nicht. Für die meisten meiner Kollegen bleibt ein N*** ein N***-egal wie lang die Ausbildung dauert. Arbeitet dieser Mensch an einer „brauchbaren“ Stelle, wird das gerne genutzt, ändert aber auch nichts.

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            • fundevogelnest Januar 13, 2021 / 10:19 pm

              Hallo Kain,
              du hast recht, irgendwie habe ich mich da komisch ausgedrückt.
              Es ist immer wieder zu hören, zu lesen, Rassismus würde verschwinden, wenn man etwas mehr Kontakt zueinander hätte, weil man dabei ja eigentlich merken müsste, dass die Stereotypen nicht stimmen.
              Im Krankenhaus kommt man Menschen aber durchaus nahe, manche Frühgeborene verbringen Monate bei uns und ihre Eltern zwangsläufig auch Und auch seinen Fahrlehrer siehrt man ja eine ganze Weile lang regelmäßig.
              Aber die rassistische Wahrnehmung scheint die persönliche zu überlagern.Eher erschreckend als bloß seltsam.

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              • Kain Schreiber Januar 14, 2021 / 1:08 pm

                ja. genau.
                als ich letztes jahr in der dienstberatung, das erste mal, laut und öffentlich dagegen gesprochen habe, dass N-Wort zu benutzen, wurde ich ziemlich schräg angeguckt und kurz darauf, ergriff ein kollege für den anderen Partei und meinte: das musst du verstehen, wir sind da anders aufgewachsen….k*** und dies von menschen, die von ihren schülern verlangen, dass sie ständig lernen und dazulernen…

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                • fundevogelnest Januar 14, 2021 / 10:29 pm

                  Falls du nochmal deine Stimme erhebst, stell‘ dir die Frau Fundevogel vor wie sie beide Daumen in die Höhe reckt.

                  Zu dem letzteren Argument sage ich wahrheitsgemäß immer , dass ich auch so aufgewachsen bin, aber zum Glück imstande bin dazu zu lernen

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:21 pm

      Das irritierende ist, dass die dazugehörigen Personen gar nicht grausam sind.
      Und durchaus kompetent und engagiert im Umgang mit denen von ihnen Geschmähten.

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  2. Anna-Lena Januar 9, 2021 / 10:59 pm

    Heftig! Wie gut, dass das hier eine Möglichkeit ist, sich wenigstens ein wenig Luft zu machen. Das Leben schreibt nun mal die wahren Geschichten!

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:28 pm

      Und dies ist eine, die ich nicht gern erzähle, denn ich mag das Team, in dem ich arbeite und ich komme gegen dieses üble Phänomen nicht an, denn wie ich sagte es kommt nicht zur Diskussion, ich finde es schlimm, man finset mich (nicht nur mich!) seltsam und alles bleibt wie es ist.

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      • Anna-Lena Januar 10, 2021 / 10:34 pm

        Das ist wirklich schade und auch gefährlich, dass es so keine vernünftige Streitkultur gibt und eher alles unter den Teppich gekehrt wird.

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  3. kommunikatz Januar 9, 2021 / 11:06 pm

    Danke, Du bringst sehr gut auf den Punkt, was für eine entmenschlichende und abwertende Grundstimmung bei Vielen wirklich herrscht. Sie würden wahrscheinlich alle sagen, dass sie doch gar nicht rassistisch, behindertenfeindlich und was nicht noch alles seien, man dürfe ja wohl noch sagen etc. – ekelhaft und denkfaul.

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:33 pm

      Genau, sie beteuern das alles nicht zu sein und im Kontakt mit den betreffenden Menschen sind sie es auch eher nicht.
      Es gibt im Team wenige, die „Dienst nach Vorschrift“ machen unser Angebot geht oft weit darüber hinaus.
      Als sei es ein Geplapper,das sich selbst nicht ernst nimmt – und dennoch unverzichtbar ist.
      Es wird als eine Art seelische Hygiene empfunden , um sich der ganze Sache zu stellen.
      Ganz durchschaue ich es nicht.

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  4. Myriade Januar 9, 2021 / 11:35 pm

    „Kloppie“ erschließt sich aus dem Text, „Spacken“ habe ich nachgeschaut 😉 Ein schöner

    Abreagiertext! Es ist aber doch sicher eine Zusammenfassung von vielen Tagen und nicht der

    Bericht über einen Tag, oder ?

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:41 pm

      Immer wieder übersehe ich die großen regionalen Unterschiede der Sprache.
      Dass „Spacken“ kein Hochdeutsch ist, war schon klar, aber es ist ein Wort, das mir seid Kindheit geläufig ist und über das ich im Text gar nicht nachgedacht habe.
      Über „Spacken“ ärgert man sich halt gerade, weil sie dreist sind, unverschämt, inkompetent …
      Wenn der Drucker wieder nicht druckt, dann „spackt“ er halt rum.
      Und wenn der Kleine Fundevogel bei Tisch mit Essen wirft, sagt seine Schwester „Spack hier nicht so ab…“ 🙂

      Nein, die Geschichten sammeln sich über Jahre an, aber der Einstieg war, dass ich mich am Neujahrstag schon geärgert hatte, ehe das neue Jahr sieben Stunden alt war und dann doch ganz zufrieden mit mir war, als ich am selben Tag doch den Mut und die Energie gefunden hatte es anzusprechen.

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      • Myriade Januar 11, 2021 / 12:32 am

        Das geht uns doch allen so, wir lernen voneinander neue Wörter 🙂

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  5. Christiane Januar 10, 2021 / 9:36 am

    „Ich werde hier wohl noch sagen dürfen, was ich denke.“ Ja, eben. Ausatmen. Einatmen. Mir hat es beim Lesen auch die Sprache verschlagen. Ich verstehe zwar das Bedürfnis, Dampf abzulassen, aber warum bekommen es im Alltag so oft die Schwächsten ab?
    Dir einen guten Tag!
    Morgenkaffeegruß bei aufheiterndem Himmel! 😀

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:43 pm

      Seltsam ist bloß, dass man diesen Satz immer um die Ohren gehauen bekommt, wenn man sagt was man denkt, nämlich solche Ausdrucksweise voll daneben zu finden.

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      • Christiane Januar 10, 2021 / 10:47 pm

        Wenn ich mir überlege, wonach das für mich klingt, dann ist das Verteidigung. Deine Kollegen WISSEN, dass das nicht okay ist, was sie sagen, und fühlen sich ertappt und ermahnt (?) bzw. angegriffen.

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        • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:49 pm

          Wahrscheinlich hast du recht und ich fühle mich prinzipiell unwohl in der Rolle der Ermahnerin und biege dann auch ab.
          Interessanter Aspekt, muss ich noch mal länger drüber nachdenken

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    • fundevogelnest Januar 10, 2021 / 10:45 pm

      Weiß man es? Das ist für mich die ungelöste Frage.
      Wenn diese Kolleginnen sich durchgehend rassistisch und ableistisch verhielten, hätte ich vermutlich längst gekündigt.
      Die Handlungen und das Gelaber klaffen weit auseinander.

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      • Katharina Januar 11, 2021 / 8:50 am

        Natürlich ist nicht alles schwarz und weiß, aber man weiß zumindest, dass sich diese Menschen keine Gedanken zu dem Thema machen.

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  6. Myriade Januar 11, 2021 / 12:28 am

    Es kann ja auch sein, dass alle denken, dass die jeweils anderen solche Äußerungen und Witzchen von ihnen erwarten und dass sie nicht mehr dazugehören, wenn sie sie nicht machen. Oder es ist ihre Art sich vor ihren eigenen Emotionen zu schützen. Es ist ja ein schwerer Beruf und man sieht sicher Dinge, die schwer auszuhalten sind, wenn man eben nicht gleichgültig ist.

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    • fundevogelnest Januar 11, 2021 / 9:01 pm

      Ja, das ist wohl so die gängige Erklärung.
      Ich habe übrigens kein Problem damit, wenn man sich über wirklich unangenehme Eltern „auskotzt“, die gibt es nun mal, unabhängig von ihrer Herkunft und ob ihre Kinder behindert sind oder nicht.

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  7. violaetcetera Januar 11, 2021 / 9:54 pm

    Oh Mann, was für eine unangenehme Situation. Wer schweigt, macht sich zum Mittäter, wer etwas dagegen sagt, macht unter Umständen schlechte Stimmung. Aber die Kinder können am wenigsten dafür und brauchen deine Stimme.

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    • fundevogelnest Januar 11, 2021 / 10:58 pm

      Ich glaube (und hoffe) die Kinder und auch ihre Eltern bekommen das gar nicht so mit.
      Soviel Anstand ist schon da, sonst könnte ich da auch nicht arbeiten.

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