Rettendes — die Wunderbaren

Um ein Kind zu aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

ist ein Spruch, der immer wieder im Zusammenhang mit Kindererziehung zitiert wird. Angeblich handelt es sich um ein „afrikanisches Sprichwort“, aus welcher Region und welcher Sprache auch immer (stelle man sich mal kurz „europäisches Sprichwort“ als Quellenangabe vor).

Ich fand die Vorstellung immer ein klein wenig erschreckend – ein ganzes Dorf, das sich in alles und jedes einmischt, ist eigentlich das Letzte, was ich noch gebrauchen kann. Mir reichen die, die ohnehin schon alles immer besser wissen.

Aber allein, so richtig allein, ist schlimmer.

Jetzt, wo das Kind zwecks Coronaeindämmung nicht in die Kita geht, Freunde und Verwandte nur telefonisch zugeschaltet werden sollten, all‘ die sonst viel beklagten Termine wegen der aktuellen Entwicklung abgesagt werden, habe ich den Kleinen Fundevogel nur dann nicht um mich, wenn er schläft oder ich arbeite (dann betreut ihn sein wunderbarer großer Bruder) und die Erschöpfung wächst Tag für Tag. Der Kleine Fundevogel ist ein liebreizendes Kind, jedenfalls nicht seltener als andere Kinder, aber die eingebaute Unsinnbremse fehlt leider komplett. Vom Morgen bis in die Nacht hinein bestätigen mir irgendwelche Fetzen, Scherben, blauen Flecke oder Beschwerden anderer Leute, dass man ihn wirklich nie aus den Augen lassen sollte, auch nicht nur mal kurz ein paar Augenblicke.

Allein halte ich es auf die Dauer nicht mit ihm aus. Nein, aushalten ist das falsche Wort, ich halte nicht durch, ich werde immer fahriger, unkonzentrierter, gereizter – was nix besser macht für niemanden.

Aber zum Glück sind wir nicht wirklich allein, nicht einmal, wenn überall Infektionsschutzbarrieren zwischen Menschen geschoben werden.

Wunderbare Menschen, unsere ganz persönlichen Engel, sind um uns, mit Umsicht und Geschick gelingt es uns einander nah zu sein, ohne das Coronavirus zu füttern.

Zuallererst ist da die Herzensfreundin, die in den letzten Jahren viel zu vielen existentiellen Katastrophen die Stirn bieten musste und den Fundevögeln unendlich viel Liebe und Zuwendung entgegenbringt. Sie kann sich immer wieder genial in die Fundevogelart zu spüren und zu denken einfühlen, kann des Kleinen Fundevogels Raserei geduldig wie Brandungswellen aushalten und mich freundlich anstupsen, wenn ich mich zu verrennen drohe. Nicht zuletzt hält sie mein gelegentliches zurzeit telefonisches Gejammer geduldig aus, ohne zu sagen das hast du doch so gewollt. Sie weiß nämlich, dass ich das selber weiß.

Da ist unsere Babysitterin, die erste und einzige, die nicht nach ein paar Mal Kleiner-Fundevogel-Hüten das Handtuch geworfen hat, die immer wieder unzumutbar spontan und zu ungewöhnlichen Zeiten bereit ist, zu uns zu kommen. Und immer freut der Kleine Fundevogel sich auf sie. Wenn ich zurückkomme, haben sie gemalt, Collagen geklebt, ganze Welten gebastelt, Beschäftigungen, die bei mir bestimmt oft zu kurz kommen. Sie hat ihre ganz eigene – ich nenne es mal vorsichtig esoterische – Sicht auf ihn. Ihre Ansichten und Faible für Verschwörungstheorien verwirren mich oft, aber mehr zählt ihr Herz aus Gold.

Ganz anders ist die Herangehensweise der Frau von der örtlichen Erziehungsberatung. Ich habe sie schon vor Jahren kennengelernt. Als der Große Fundevogel als Grundschulkind im Gestrüpp seiner Traumatisierungen verloren zu gehen drohte, schickte mich seine Lehrerin dort hin. Und die Beraterin dort eröffnete mir neue Welten, nicht nur im Blick auf mein Kind – das parallel eine Spieltherapie erhielt – , sondern vor allem auf mich selbst, auf mein Leben und was mich zu der gemacht hat, die ich bin, warum ich manches so gut ertrage und anderes wiederum gar nicht. Dass die so lange so wackelige Basis zwischen dem Großen Fundevogel und mir letztlich doch einigermaßen tragfest wurde, verdanken wir zu einem großen Teil auch ihr.

Sie hat so eine Art zuzuhören, dass sich verknäulte Gedanken entwirren und ich mir im Gespräch klarer werde mit so Fragen wie, kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren den Kleinen Fundevogel auf einer Förderschule anzumelden, anstatt den politisch korrekten Weg den Inklusion zu gehen? Tu ich ihm Gutes oder Schlechtes, wenn ich ihm Medikamente(„Ritalin“) gegen seine extreme Unruhe und Impulsivität verschreiben lasse? Fragen, auf die es keine richtige Antwort geben kann und zu denen ich mich dennoch irgendwie positionieren muss.

Ganz einfach war es zwischen mir und der Beraterin nicht von Anfang an, denn immer wieder stand im Raum, dass ich ja nicht gezwungen sei mit meinen Pflegekindern auf Dauer zusammenzuleben. Aber das war die Antwort, die mir das Herz zerriss und schließlich habe ich es in einem von meiner Seite tränenreichen Gespräch zum Thema gemacht und ihr ehrliches Erschrecken über mein Gefühl, sie würde unsere Bindung als zweitklassig ansehen, ihre Bereitschaft das Konzept „Pflegefamilie“ für sich neu zu denken, haben mein Vertrauen wachsen lassen. Ganz auf einer Linie werden wir diesbezüglich wohl nie sein, aber das ist auch nicht das Wichtigste, um einen Menschen als wunderbar zu empfinden.

Neben den festen Säulen gibt es auch viele zufällig vorbeiflatternde Engel all‘ die Müllmänner, Parkgärtnerinnen, Heizölanlieferer, die dem Kleinen Fundevogel geduldig ihre Tätigkeiten erklären, ihn auf diesen oder jenen Schalter drücken lassen und in deren Lächeln angesichts solcher Begeisterungsfähigkeit ich meine immer mal wieder unter Alltagstrümmern verschüttete Faszination für dieses wunderbare Kindchen wiederfinde.

Dem Bauspielplatz hatte ich in dieser Reihe Rettendes ja schon mein Loblied gesungen. Noch dürfen sie ihre Tore geöffnet halten, wenn die Kinder Mundschutz tragen und sich ausschließlich draußen aufhalten Ich hoffe sehr, dass dem Kleinen Fundevogel und mir diese Oase auch bei verschärften Lockdownregeln erhalten bleibt.

Diese Liste der Wunderbaren ist nicht vollständig – muss sie auch nicht sein, es geht darum die Augen offen zu halten, für die Menschen, die bereit und willens sind, sich auf Kinder einzulassen, die „anstrengend“, „herausfordernd“ oder was auch immer sind. Es gibt sie nämlich und man sollte auf keinen Fall verbiestert und inbrünstig uns versteht ja doch keiner an ihnen vorbeistapfen.

Nur einer, der darf auf gar keinen Fall hier fehlen, mein Sohn J., der nun schon länger gar keine Geowissenschaften mehr studiert. Nicht nur seiner unschätzbaren Babysitterdienste nicht wegen. Ich weiß nicht, wie oft ich abends erschöpft bin, innerlich bereit zu kapitulieren, während eine entfesselte Koboldarmee die Wohnung zerlegt und meine Zuwendung das am wenigsten gewünschte Produkt des Planeten ist – und dann wird es plötzlich ruhig und ich finde die beiden Brüder eng aneinandergekuschelt im Bett liegen. Und wer das nicht wunderbar findet, dem kann ich auch nicht weiterhelfen.

Mehr Rettendes findet sich hier

Rettendes 1

Rettendes 2

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18 Gedanken zu “Rettendes — die Wunderbaren

  1. Melina/Pollys Januar 19, 2021 / 12:49 am

    Ich musste mir einige Tränchen des Angerührtseins verdrücken – so schön geschrieben und so ehrlich und liebevoll und glaubhaft. Danke!

    Gefällt 2 Personen

  2. mijonisreise Januar 19, 2021 / 5:39 am

    Wie du schreibst, diese Menschen sind Gold wert und rücken so manches wieder gerade.
    Tröstlich, wenn man feststellt, das man doch nicht allein ist.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Januar 19, 2021 / 9:25 pm

      Liebe Steffi,
      ich wünsche dir ganz doll, dass du das recht oft feststellen darfst.
      Und wie ich sagte gerade, wenn alles doof ist, muss man sie auch wahrnehmen können.
      Heute habe ich die Fast-schon-feste-Zusage für die Wunschschule für den Kleinen bekommen und er hat sich da wohlgefühlt, das war dann auch ein Highlight.

      Gefällt 1 Person

      • mijonisreise Januar 19, 2021 / 9:35 pm

        Oh, wie schön … 😊 … Da drück ich ganz fest die Daumen, das es eine feste Zusage wird 🍀
        Ja, so ein Netz ist Gold wert und gerade jetzt bin ich froh, ein solches hier aufgebaut zu haben und viele Leute gefunden zu haben, die nicht nur arbeitstechnisch Interesse an Mini haben, sondern auch persönlich viel mitbringen.
        Dafür bin ich immer wieder dankbar 🙂

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  3. Wolfram Januar 19, 2021 / 9:29 am

    Das mit dem ganzen Dorf funktioniert auch nur in den Gesellschaften, wo es einen sehr starken Konsens darüber gibt, welche Ziele wie zu erreichen sein sollen. Das gibt es aber heute in West- und Mitteleuropa nicht mehr. Im Großen und Ganzen ist das auch sehr gut so. Denn gerade Menschen mit besonderen Sensibilitäten und besonderen Bedürfnissen fielen dabei ganz schnell hinten ‚runter und wurden abgestempelt. Wohl denen, die auf mutige Menschen trafen, die es wagten und durchhielten, sich gegen den Strom zu stellen!

    Sie haben die Verantwortung übernommen für zwei wundervolle, ganz besondere Menschen – und ich glaube, Sie haben das nicht getan, „weil Sie das so gewollt haben“, sondern weil Sie dazu berufen wurden. Weil auch Sie ein ganz besonderer Mensch sind. Aber auch ganz besondere Menschen dürfen müde und erschöpft sein, und ich freue mich, daß Sie dann immer wieder andere ganz besondere Menschen um sich haben, die Sie unterstützen.
    Und heute ist schon ein anderer Tag als gestern. Ich wünsche Ihnen, daß es ein guter Tag ist.

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  4. Myriade Januar 19, 2021 / 9:51 am

    Doch ein bisschen ein ganzes Dorf. Manche sind näher als andere, aber doch. Ich kenne den Spruch übrigens als „chinesisches Sprichwort“ 🙃

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Januar 19, 2021 / 10:51 pm

      Das ist ähnlich unterhaltsam wie manche Zitate, die wahlweise Alfred Einstein, Louis Stevenson, Albert Schweitzer oder sonstwem untergeschoben werden.

      Gefällt 1 Person

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