Monika (ABC-Etüde)

„Sie haben aber eine erhebliche Lücke da in Ihrem Lebenslauf“

„Das war die Zeit, in der ich versucht habe für meine Eltern einen Impftermin zu bekommen.“

Diesen Witz hat mir mein Sohn heute morgen erzählt und ich finde ihn ziemlich gelungen. Meine Mutter ist diesbezüglich relativ selbstständig bzw. möchte meine Hilfe nicht, aber der größte Teil meiner Zeit geht mit irgendetwas den Coronaumständen geschuldetem ins Land.

So lange habe ich noch nie an einer Etüde gesessen. Ich bin oft spät dran, aber dann fang ich auch spät damit an.

Zu Blaupauses Wortspende (Lautsprecher, orange, erschütternd) fiel dem Erzählvogel dagegen sofort etwas relativ abwegiges ein, auf dem er schnabelklappernd bestand und ich habe Nacht für Nacht bevor ich ganz eingeschlafen bin, ein paar Zeilen geschrieben.

Trotz solcher Umstände bin ich nach wie vor glücklich, dass es die Etüden gibt und sehr dankbar für Christianes kompetente Rundumbetreuung.

Die Regeln und ale weitern Etüden umdiese drei Wörter finden sich bei ihr.

Das Telefon klingelt, es ist Line.

Unglaublich, oder?

Was jetzt?

Na, das mit Monika.

Monika. Unwillkürlich schnuppere ich leichten Pferdegeruch, der aus ihrem orangenen Pullover waberte, an dem Tag, an dem wir uns küssten.

Was ist mit ihr? Ist ihr was passiert?

Gibt ja keine Gruppentreffen zurzeit und privat trafen wir uns nur ein einziges Mal.

Sie war es.

Was denn nun um Himmels Willen?

Das mit dem Anschlag, hast du es wirklich nicht gehört?

Der Anschlag, am Dienstag, der alles erschütternde Knall, die bebenden Fensterscheiben, der Feuerschein, Strom weg, Internet weg, überall Blaulicht, Wagen mit Lautsprechern, die befehlen im Haus zu bleiben. Später die Nachrichten, die Toten, der abgebrannte Hof, die lebendigen Leibes verbrannten Pferde, wahrscheinlich auch der kleine Falbe, der seinen Kopf an ihrem orangenen Pullover schubberte, an dem Tag, an dem sie geweint hatte nach dem Vortrag über die Klimakatastrophe

Ist sie tot?, meine Lippen kribbeln.

Sie war es, hörst du keine Nachrichten?

Heute morgen hieß es nur, man gehe von einem Einzeltäter aus. Line redet immer schriller. Ich erfasse ihre Worte nicht mehr.

Endlich legt sie auf, lässt mich fallen, ins Internet.

Vierundfünfzigjährige Frauen, die wie Waldorf-Handarbeitslehrerinnen aussehen, bringen keine Sprengladungen an Hochspannungsmasten an, selbst wenn niemand damit rechnen konnten, dass der Mast fällt und zwar ausgerechnet auf einem Düngemittellaster.

Man fleht um Erklärung.

Was wäre eine?

Das Plakat auf ihrer Toilette? If Mumia dies – fire in the skys. Wer bitte schön hat eine Feuerwaffe im Haus? Sie bestimmt nicht hatte ich gedacht und ein bisschen gegrinst.

Ihre Unermüdlichkeit beim Planen politischer Aktionen?

Ihr grenzenloses Wissen über jede Ungerechtigkeit auf dem Planeten?

Ihre Tränen an dem Tag?

Ich würde sie gern fragen, ob es ihr um den kleinen Falben leidtut.

Hoffentlich hat uns niemand gesehen, denke ich und schäme mich.

Als ob es darauf noch ankäme.


Die Geschichte ist frei erfunden. Das Plakat gibt es wirklich, es bezieht sich auf Mumia Abu-Jamal, den Joe Biden meines Erachtens nach so vielen Jahren begnadigen sollte.

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15 Gedanken zu “Monika (ABC-Etüde)

        • fundevogelnest Februar 5, 2021 / 10:00 pm

          Ja, ich habe da auch einige persönliche Assiziationen, wobei die antroprosophische Gärtnermeisterin bei mir noch viel mehr zwiespältige Erinnerungen hervorruft.
          In die Optik passe ich vermutlich selbst, besonders seit ich die Haare mangels geögffneten Friseuren wieder hochstecken.
          Aber man soll nie nie sagen, nach langem Abwägen habe ich mein ind in einer heilpädagogischen Waldorfschule angemeldet.Das hätte ich vor zwei Jahren vermutlich noch weit von mir gewiesen.

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          • Myriade Februar 6, 2021 / 12:21 pm

            Freunde von mir haben eine Tochter, die aufgrund von Sauerstoffmangel bei der Geburt ein extrem schlechtes bis nicht vorhandenes Kurzzeitgedächtnis hat. In einer Regelschule wäre sie wohl als ganz Kleine stark frustriert worden, daher kam sie in eine Waldorfschule. Das Kind bekam dort viel Förderung und persönliche Zuwendung, aber die Eltern, beide Ärzte, haben richtiggehend gelitten unter dem Weltbild, das dort vermittelt wurde. Das Wohl des Kindes war in diesem Fall wichtiger. Die junge Frau hat dann eine Ausbildung als Kindergartenpädagogin gemacht und führt ein unabhängiges Leben. Sie selbst sagt, dass sie es gerade so schafft. Ich denke die Basis aus der Waldorfschule hat ihr einerseits sehr geholfen… Eine heilpädagogische Waldorfschule klingt einerseits auch recht ideologisch andererseits …

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            • fundevogelnest Februar 8, 2021 / 11:51 pm

              Was ich inzwischen gelernt habe, keine Waldorfschule ist wie die andere, es gibt keine zentrale Aufsicht, was auch schwierig werden kann, wenn es zu Konflikten kommt.

              Es gibt hier eine (Regel-) Waldorfschule gleich ums Eck und nach allem, was ich von der so höre, ich kene einige Schüler, Schülerinnen, Eltern, würde ich da nie ein Kind hingeben, sie nehmen aber auch gar keine Kinder mit Förderbedarf.
              Bei der nun gewählten Schule gefiel mir die Offenheit der Schulleiterin sehr und mein Kind fühlte sich auf Anhieb wohl.Es wurden übrigens alle Coronaregeln selnbstverständlich eingehalten und auch der Nachweis der Masernimpfung ohne Augenrollen verlangt.
              Im Gegensatz zu staatlichen Förderschulen bieten sie Haupt- und Realschulabschluss an und im Gegensatz zu den offiziell inklusiven Schulen, hatten sie Lust auf den Kleinen Fundevogel.
              Wie es dann nun in Tat und Wahrheit wird, werden wir erleben.

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  1. Christiane Januar 30, 2021 / 9:22 am

    Es gibt immer den allerletzten Tropfen, bevor etwas knallt. So sehr Binsenweisheit, trotzdem so wahr. Ich schlucke trotzdem heftig beim Gedanken an die verbrannten Pferde. 😢
    Mumia Abu-Jamal? Für seine Freilassung haben wir uns schon zu meiner Unizeit eingesetzt … 🤔 Gut, dass du daran erinnerst.
    Danke dir, wie immer, auch für den Impf-Witz.
    Schönes Wochenende und Morgenkaffeegruß 😁❄️🌤️☕🍪👍

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    • fundevogelnest Februar 2, 2021 / 7:49 am

      Wochenende ist lang vorbei, ich freue mich aber wirklich über jeden Kommentar , auch wenn das Antworten manchmal dauert.
      Wer Gewalt in die Welt setzt, sollte damit rechnen, dass sie sich verselbstständigt- SO hat sie das vermutlich nicht gewollt.

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  2. stachelbeermond Januar 30, 2021 / 8:49 pm

    Und wie immer wieder die Wahrheit, die ich zumindest immer wieder vergesse: Wir kennen die anderen nicht wirklich, sondern immer nur einen kleinen Bruchteil von ihnen.
    Danke für den Witz, der ist wirklich, wirklich gut… 🙂

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    • fundevogelnest Februar 2, 2021 / 8:01 am

      Und selbst sich selbst kann man immer wieder überraschen, so oder so, aber hoffentlich ohne Tote.
      Ja, der Witz trifft und das sollen Witze…

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  3. MBBM Februar 4, 2021 / 11:54 am

    Ich heiße Monika, bin in dem Alter, bastele an Fahrrädern und habe Handarbeiten schon immer verabscheut. Mich hat der Text erfreut, obwohl ich gegen Menschen und Tiere nicht gewaltbereit bin. Für den Text wäre ich es aber auch gewesen.;-) Fiction rulez!

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    • fundevogelnest Februar 5, 2021 / 10:03 pm

      Darauf, dass eine Monika kommentiert, hatte ich mit mir selbst gewettet.:)
      Ich mag den Namen und da ich selbst in dem Alter bin, kenne ich viele Monikas.

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