Stürmisch

Am Sonntag nun haben der Kleine Fundevogel und ich mit meiner Mutter telefoniert, und wir konnten die Ostsee toben hören, wenn sie das Telefon ans geöffnete Fenster gehalten hat, sehen kann man das Meer übrigens nicht, so dicht am Strand wohnt sie nun auch wieder nicht.

Sie schläft jetzt wieder, sagt der Erzählvogel in mein Ohr und es klingt wie, das hast du nun davon.

„Sie“ ist meine kleine libellenflügelige Freundin, die Fee Cardámine, die kurzfristig aus dem Winterschlaf erwacht war und dieses Abenteuer in Form einer Abc-Extra-Etüde teilen wollte, einem Geschichtenformat, das bei Christiane in Monaten mit Extrasonntagen serviert wird.

Statt extra zu schreiben, habe ich Extranachtschicht gearbeitet, weil gleich zwei Kolleginnen nach ihrer zweiten Coronaimpfung mit Fieber und Schüttelfrost im Bett geblieben sind. Das sind ja ganz entzückende Aussichten für Dienstag und ich beschließe mir in diesem Fall nicht jedes Extra zu gönnen. Als ich nach Hause laufe, stürmt es so, dass ich Schwierigkeiten habe geradeaus zu laufen, der Schnee dagegen lässt Hamburg aus.

Das Gespenst Fahrigkeit hat sich währenddessen seinen größten Coup seit 2001 geleistet, damals habe ich die Fahrkarten für drei Personen für mehrere Strecken im Zug liegen lassen. Dieses Mal habe ich ein Rezept verloren und zwar für ein Medikament, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, also wenn, dann richtig.

Bei den Fahrkarten wusste ich genau, wo sie lagen (nur der Zug war fort). Bei dem Rezept? Wenn ich nicht wüsste, wie lächerlich ich machen würde, ich würde schwören, es sei eigenständig aus meinem Rucksack entfleucht.

Stattdessen bin ich richtig hysterisch geworden. Bei näherer Betrachtung ging die Welt dann doch nicht unter, mir wurde auch weder die Zulassung als Krankenschwester noch als Pflegemutter entzogen. Ich sollte es der Polizei melden, die es desinteressiert zu Protokoll nahm, sich weder für das Medikament noch den Namen der Person für die es ausgestellt war interessierte und ich konnte mir heute ein neues Rezept abholen.

Und was will die Frau Fundevogel mit Medikamenten, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen überhaupt anstellen?

Es handelt sich um einen Versuch, der uns die letzten zwei Wochen ziemlich ruiniert hat. Schon lange gab es die Idee, den Kleinen Fundevogel mit Methylphendidat („Ritalin“, wenn es in diesem Fall auch anders hieß) zu behandeln, auf dass er etwas konzentrierter werde, sich nicht von jeder kleinen „dummen Idee“ mitreißen lasse und vielleicht mal Dinge tun könnte, die kleine Jungen seines Alters so tun, wie alleine draußen spielen, unbegleitet mit dem Fahrrad durch einen Park oder die Schrebergartenkolonie kurven, mal ohne Mama zum Bäcker zu gehen oder zu einem anderen Kind.

Und halbwegs erfolgreich zur Schule gehen vielleicht auch, schließlich ist er ein pfiffiges Kerlchen.

Betäuben soll Methylphendidat übrigens ganz und gar nicht, sondern die Verarbeitung der Reize im Gehirn erleichtern, damit der-oder diejenige nicht in einem Haufen schillernder Eindrücke verloren geht, sondern bessere Chancen hat ein Muster darin zu erkennen, Wesentliches von gerade Unwichtigem zu trennen und auch mal kurz inne zu halten, bevor etwas getan wird.

Ich konnte mich innerlich zu diesem Schritt erst durchringen, als mir klar geworden ist, dass ICH auch ohne Medikamente mit diesem Kind zusammenleben kann und will, dass ich ihn so annehmen und zwar tief in mir drin annehmen kann, wie er ist.

Zum Glück, den der erste Anlauf ging gründlich schief. Ich fand das Kind nach der Einnahme des Medikaments nicht besonders verändert, in gar keiner Hinsicht. Aber wenn die Wirkung nach einigen Stunden – wie zu erwarten – nachließ, wurde es gruselig, wie nach der Uhr gestellt war nur noch Raum für Wut, Gebrüll und eine unglaubliche Zerstörungs- und Angriffslust, die alles Bisherige in den Schatten stellte, zum ersten Mal seit Wochen bin ich wieder gebissen worden und auch dem Bauspielplatz, dem Ort wo eigentlich alles erlaubt ist, wurde es zu viel.

Ich wollte alles abbrechen und habe mich dann aber zu einem Präparat überreden lassen, das den Wirkstoff anders abgibt.

Seit heute liegt es nun hier.

Die Schachtel und ich schauen uns misstrauisch an. Was für ein Teufelswerk enthält sie?

Ich beschließe zu warten bis ich weiß, wie ich die Impfung morgen vertragen werde, krank sein will ich nur normal anstrengendem Fundevogel.

Und dann habe ich von pharmazeutischen Extratouren auch erst mal genug.

Den ganzen Nachmittag sind der Kleine Fundevogel und ich wie verzaubert über die zugefrorenen Tümpel längs der Au geschlittert.

Der Sturm lässt langsam nach.

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12 Gedanken zu “Stürmisch

  1. mijonisreise Februar 8, 2021 / 11:54 pm

    Uihh … wie gut ich dich verstehe.
    Aber … Ich kann dir Mut machen. Sowohl meine Große, als auch der Sohnemann haben Methylphenidat bekommen ( nicht Ritalin, dafür das mit dem M). Die ersten zwei Wochen waren bei beiden gruselig. Man merkte kaum etwas, wenig, dafür war die Tochter bis zur endgültigen Dosis immer völlig von der Rolle, schrie, weinte. Der Junior? Drehte einfach nur auf, so, als wolle er etwas nachholen 🙄
    Ich wollte auch hinwerfen und hielt nur durch, weil der Psychiater sagte, man müsse abwarten, wie es unter der regulären Dosis sei.
    Ich hab es nicht bereut. Die Große brauchte es nur in der Schule, um sich konzentrieren zu können und die Leistung zu bringen, die sie tatsächlich auch leisten konnte.
    Der Junior? Der deinem Fundevogel übrigens sehr ähnelt, wurde unter dem Medikament zu einem Jungen, der plötzlich ruhig im Stuhlkreis zuhörte und mitmachte. Sein Spiel war zwar aktiv, aber nicht mehr überschießend. Er fing an, mit anderen Kindern in einer Gruppe zu spielen.
    Der schönste Erfolg. Der Förderbedarg, der nach seinem Werdegang in der Schule eingebaut wurde, wurde nach dem ersten Halbjahr eingestellt, weil er sich wie alle anderen Kinder benahm und damit kein Bedarf mehr bestand.

    Kopf hoch und abwarten. Es wird etwas dauern, bis du Veränderungen bemerkst, aber sie werden auffallend sein. Und durch positives Feedback wird es auch langfristig Erfolg haben.

    Und richtig, wenn das Medikament das Kind ruhigstellt und es gar nichts mehr macht, stimmt die Dosis nicht. Wollen aber Kritiker auch nur ungern glauben.

    Ich drück Euch die Daumen, das es gut für Euch läuft und sich die Dinge positiv entwickeln.

    Und … viel Glück bei der Impfung, das die Nebenwirkungen ausbleiben 🍀

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    • fundevogelnest Februar 9, 2021 / 10:19 pm

      Liebe Steffi,
      ich danke dir sehr für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht.
      Dann guck‘ ich die Schachtel mit dem retardierten Medikinet mal etwas weniger misstrauische an.
      Liebe Grüße

      Gefällt 2 Personen

      • mijonisreise Februar 9, 2021 / 11:18 pm

        Ein gesundes Mißtrauen ist okay, es geht ja auch nicht um eine Halstablette oder so. Ich denke, es ist ein Versuch, der es dem Kleinen erstmal ermöglicht, sich selbst neu zu finden. Kann aber auch sein, das es eventuell nicht sein Medikament ist. Und … Es ist ja nicht der Problemlöser, der Wirkstoff, es ist lediglich ein Hilfsmittel zur Unterstützung. Vergessen viele auch gern 🙄
        Meine Große nimmt ihre Medis jetzt nur noch, wenn sie wirklich konzentriert arbeiten muss (Prüfungen z.B.), im normalen Alltag kommt sie ohne aus.
        Der Junior ist durch die Pubertät motorisch ruhiger geworden, hat aber mit innerer Unruhe und Impulsdurchbrüchen zu kämpfen, wenn er ohne Medis unterwegs ist. Er nimmt jetzt ein anderes Medikament, mit einem anderen Wirkstoff und das hilft ihm, sich besser zu strukturieren und fokussiert zu bleiben.
        Och man … Ich schreibe schon wieder einen halben Roman 🙄🤦‍♀️.
        Aber das ist etwas, was mir am Herzen liegt und ich kämpfe für Kinder und Eltern, das sie weder „falsch“, noch „nicht richtig erzogen“ sind.

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        • fundevogelnest Februar 10, 2021 / 11:17 pm

          Liebe Steffi,
          du kannst gar nicht zuviel dazu schreiben, weil mich jede Erfahrung dazu sehr interessiert.
          Eigentlich waren alle, mit denen ich darüber gesprochen habe sehr dafür es mit Medikamenten bei ihm zu versuchen, aber der erste Versuch war nun wirklich nichts. nun starten wir morgen das retardierte Medikinet, vielleicht ist das ja die Lösung.
          Danke für deinen Zuspruch
          Natalie

          Gefällt 1 Person

          • mijonisreise Februar 11, 2021 / 7:55 am

            Liebe Natalie,
            Ich mach das gerne, aus eigener Erfahrung heraus.
            Wenn du Fragen hast, gerne.
            Ich fand es für mich und uns als Familie sehr schlimm, das man von „außen“ sehr verurteilt und abgeurteilt wurde. Von asozial, unerzogen, bis überfordert und später „Tablettenmißbraucher“ war alles dabei.
            Die Kinder waren die, mit denen man nicht spielen durfte und das hat ganz schön weh getan.
            Auch den Kids, gerade denen.
            Ich möchte sowas gern anderen ersparen. In der Selbsthilfegruppe war das auch immer wieder Thema.

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  2. Christiane Februar 9, 2021 / 10:29 am

    Ich kann zu dem Medikament nichts beitragen, aber ich kann dir sagen, dass ich dir jederzeit die Daumen drücke, sei es dafür oder für die zweite Impfung, und ich möchte meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass wir die Geschichte von Cardámine doch noch zu lesen bekommen, vielleicht spätestens im Sommer oder möglicherweise bei den nächsten Extraetüden, falls es mit den Wörtern passt. Du könntest sie natürlich auch noch nachreichen (damit die Option nicht vergessen wird) … 😉
    Ganz herzliche Grüße in dein Nest im Hamburger Norden 😀
    Morgenkaffeegrüße! 😀

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    • fundevogelnest Februar 9, 2021 / 10:23 pm

      Der Erzählvogel ist gerade kurz vorm Bersten soviel möchte er aufgeschrieben haben, Stress hindert mich selten am Ausdenken, aber häufig am Ordnen und Aufschreiben.
      Jetzt schreibe ich erst die aktuelle Etüde fertig, dann gibt es einen längeren Text , an dem ich gerade bastel und vieleicht kommt die Fee zwischendurch noch zu ihrer Extraetüde.
      Bis jetzt fühle ich mich wie nach der ersten Impfunfg, etwas frierig, etwas müde, aber nicht krank.
      Wird schon.

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  3. gkazakou Februar 9, 2021 / 12:48 pm

    Das war eine sehr spannende Erzählung, liebe Nathalie. Mehr geht nicht. Dir und dem kleinen Fundevogel alles erdenklich Gute!

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  4. fundevogelnest Februar 9, 2021 / 10:24 pm

    Ja manchmal ist auch die Wirklichkeit recht spannend.
    Die kann man nur nicht so gut zuklappen und zur Seite legen wie ein schönes Buch.

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  5. Pega Mund Februar 10, 2021 / 1:48 pm

    Nur ganz kurz, als Info, die vielleicht ein bisschen ermutigen kann: In der Arbeit haben wir immer wieder auch gute Erfahrungen mit Medikinet gemacht, eben in der Weise, dass es Kindern/Jugendlichen möglich wurde, sich besser zu fokussieren, zu steuern, in Kontakt zu gehen … man braucht Geduld und langen Atem, manchmal, bis die Medikation individuell gut und passend eingestellt ist, also nicht zu rasch die Flinte ins Korn werfen. Mir ist schon klar, dass das leicht gesagt ist, so aus der Ferne … es kann vielerlei Veränderungen geben, das ist mir sehr bewusst, und i bin auch nicht eine, die „leichtfertig“ zu einer Medikation rät …
    Viele liebe Grüße und von Herzen alles Gute!
    Pega

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    • fundevogelnest Februar 10, 2021 / 11:06 pm

      Liebe Pega,
      auch dir ganz herzlichen Dank für deine Erfahrung.
      Aufgegeben habe ich noch nicht, das Absetzen erfolgte auf Rat des Arztes, der sagte solche Aggressionen gehen wirklich nicht. Es war einfach gefährlich.
      Morgen wagen wir uns nun an das retardierte Medikinet.

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      • Pega Mund Februar 11, 2021 / 10:47 am

        das beste wünsche ich euch!
        was wie bei welchem kind wirkt, und warum es oft überraschungen gibt … ach, viele offene fragen. menschen(kinder) sind eben individuen, bis in den zellstoffwechsel hinein …
        alles liebe,
        pega 🍀

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