Der Doktor und sein Äffchen (ABC-Etüde)

Eine Geschichte so oft gehört, dass sie Teil der eigenen Erinnerung wurde. Erst beim Aufschreiben, fallen die Lücken zwischen den vertrauten Wörtern auf.

Der Sohn des Doktors und mein Vater waren Schulfreunde, soviel ist sicher. Wann und warum sie sich aus den Augen verloren, ist kein Teil der Geschichte.

Der Doktor leitete die gynäkologische Abteilung des örtlichen Krankenhauses.

Seine Interessen reichten weit über dieses Fachgebiet hinaus, zum immer dazu erzählten Teil der Geschichte gehört, dass er Mitglied der Deutschen Friedensunion war, einer kleinen Partei, die es nie in den Bundestag schaffte, weißt du, das waren sozusagen die Vorläufer der Grünen, wurde gewichtig dazu gesagt, damit die jungen Leute, die die Einfahrt des Atomkraftwerks Brokdorf regelmäßig blockierten, sich ihrer Wurzeln bewusst würden.

Wikipedia bringt den Doktor allerdings nicht mit dieser Partei in Verbindung, dafür mit der NSDAP, in die er schon 1930 eintrat, später jedoch engagierte er sich intensiv für den Umweltschutz und gegen Atomwaffen.

Ein Engagement, das damals die Gesellschaft spaltete wie heute der Umgang mit Corona. Was jetzt die Hasskommentare im Internet leisten, besorgte die BILD-Zeitung.

Und da kommt der Affe in die Geschichte, der Doktor hielt einen als Haustier. Ich stellte mit immer ein Totenkopfäffchen vor, wie das von Pippi Langstrumpf.

Der Doktor muss mit Familie und Äffchen quasi im Krankenhaus gewohnt haben, das war früher üblich, damit Chefärzte auch ohne Handy stets parat stehen konnten. Eines Tages riss das Äffchen aus, tobte über die Wochenstation und stellte allerlei Unfug an, bis man es wieder eingefangen hatte.

Kurz darauf machte die BILD damit auf, der ach so friedensbewegte Doktor mache heimliche Tierexperimente. Ein Fakenew, das wohl langlebig war. Mein Vater konnte aber beschwören: Dieses Äffchen wurde stets nur gehätschelt. Längst wird es tot sein, der Doktor starb 1977, mein Vater 2017. Die Geschichte wird immer wieder neu erzählt.

Etüdensymbolfoto mit den drei Wörtern : Affe, neu, blockieren

Nachdem ich in der Extraetüdenwoche abends einfach zu erschöpft zum Schreiben war, läuft es nun wieder halbwegs.

Zu Wortmanns Wortspende (siehe Graphik), ist mir sofort diese alte Geschichte eingefallen. Ich habe hin und her überlegt, ob ich den Namen des Doktors nenne, habe mich aber dagegen entschieden, wer weiß, vielleicht gibt es für seine Nachkommen Gründe nicht mit dieser eigentlich harmlosen Anekdote in Verbindung gebracht werden zu wollen.

Und der Name ist auch nicht wichtig.

Christiane, die Hüterin der Etüden, hat in dieser Etüdenrunde sehr bewegend über Einsamkeit während des winterlichen Lockdowns geschrieben. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht. Ich bin nicht einsam, ich habe drei Kinder 24 Stunden am Tag um mich, wenn ich nicht gerade zur Arbeit gehe, wo ich auch alles andere als allein hinter meiner FFP-Maske bin.

Eigentlich wäre ich im Moment am liebsten genau das – einen Tag allein.

Aber Gesellschaft ist nicht gleich Gesellschaft, ich liebe meine Kinder über alles, ich freue mich auf meine Kollegen, aber mir fehlt ganz gewaltig da , was über den Alltag hinausgeht, der Austausch jenseits der Erledigungen und dafür ist die Etüdenrunde einfach wunderbar.

Danke.

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17 Gedanken zu “Der Doktor und sein Äffchen (ABC-Etüde)

  1. Myriade Februar 10, 2021 / 11:04 pm

    Faszinierend, dass jemand sowohl der NSDAP als auch einer Friedensunion angehören kann /will !

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    • fundevogelnest Februar 10, 2021 / 11:11 pm

      Man könnte mutmaßen, er habe aus der Geschichte gelernt.
      Ich habe im zusammenhang mit der Etüde etwas von ihm zur Überbevölkerung und den damit zusammenhängenden ökologischen Problemen gelesen da schwang noch durch, dass nicht alle Menschen gleichen Wertes sind.
      Es erinnerte mich an den sehr umstrittenen Herbert Grul („Ein Planet wird geplündert“, falls du das gelesen hast), denn er bestimmt kannte.

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      • Myriade Februar 10, 2021 / 11:14 pm

        Tja, die menschliche Wandlungsfähigkeit ist groß. Einen Gynäkologen mit Herren-Rassen Ideologie finde ich allerdings recht unheimlich

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        • Wolfram Februar 11, 2021 / 9:24 am

          Ich kann mir vorstellen, daß die Dinge komplexer sind, als sie in diesem Satz wirken.
          Erstens: wenn es um den Arzt geht, an den ich denke, dann war er nach damaligem Recht minderjährig, als er in die NSDAP eintrat, und hatte etwa mein jetziges Alter, als es um die Wiederbewaffnung und Atomversuche ging. Dazwischen liegt ein halbes Leben. Bei ihm auch Kriegsgefangenschaft – und damit auch die hautnahe Erfahrung des Krieges.
          Zweitens: Wenn einer Erhebung jeder zehnte christliche Geistliche in Westeuropa nicht an die Auferstehung glaubt, die doch das Kernelement des christlichen Glaubens ist, dann darf davon ausgegangen werden, daß auch frühe Parteigenossen nicht unbedingt das Gesamtpaket der NS-Ideologie annahmen und unterstützten. Denn
          drittens: ich weiß aus einigen Gesprächen mit frühen Parteigenossen, daß sie die NSDAP aktiv unterstützten, weil sie – zum Teil als Kinder und Jugendliche – die Kommunisten traumatisch erlebt hatten, und weil sie (m.E. zu Recht) davon ausgingen, daß die Republik am Ende war und die Frage nur noch war, wer den Sieg davontragen würde: die Roten oder die Braunen. Wie gesagt, die Roten hatte man schon erlebt…
          Interessant finde ich das Buch von 1952, das zwar weniger bekannt ist als Kinsey, aber sicher vielen Frauen wertvoll war. Und die These, Moslems würden bewußt viele Kinder haben, um „das Erdreich zu bevölkern“ (das ist aus der Bibel, nicht von ihm), ist immer noch ziemlich verbreitet. Eine Generation vorher hat man es noch von Katholiken gesagt (und dazu verweise ich augenzwinkernd auf Monty Python’s „Sense of Life“). Dagegen kann ich zumindest in der Darstellung der Wikipedia keine Wertedifferenz für Menschen erkennen, eher schon für Kulturen – wenn überhaupt, denn unsere Sensibilisierungen von heute lassen uns manchmal auch Chimären sehen. Zugegebenermaßen habe ich das bewußte Werk nicht gelesen und habe es auch nicht oben auf meiner Bücherliste.

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          • Myriade Februar 11, 2021 / 11:52 am

            Ich weiß leider weder um welchen Arzt es geht noch um welches Buch, kann mich daher nicht komplexer zu dem Thema äußern 😉

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            • fundevogelnest Februar 11, 2021 / 11:12 pm

              Mir ist das lieb. Es ging mir um die Geschichte, besonders um das Gerücht, nicht um den Menschen, sonst hätte ich seinen Namen genannt.

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          • fundevogelnest Februar 11, 2021 / 11:11 pm

            Sie haben richtig geschlossen, denke ich mal.
            Mir ging es in keinster Weise darum einen Menschen zu verurteilen.Ich wollte eine Geschichte (wieder-) erzählen was sich als komplexer erwies als gedacht.
            Ich finde ihn eher eine faszinierende Gestalt und gleichzeitig ein Kind seiner Zeit, im Nachhinein urteilt es sich leicht, vielleicht sollten wir eher draus lernen.
            Der Blick auf eine Epoche erschließt sich wenn überhaupt erst im Nachhinein.
            (Das BUch über Verhütung, was wohl wirklich etwas Besonders war, hatte ich erst im Text und habe es dann der 300 Wörterregel folgend rausgeworfen).

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            • Wolfram Februar 13, 2021 / 3:05 pm

              Ja, wir werden heute gedrängt und gedrillt, alles und jeden zu kategorisieren, und das möglichst schnell. Es ist gar nicht leicht, dem Drang nicht zu erliegen.
              Ihre Erzählung aber tut genau das nicht. Sie geben ein paar Lichter auf einen Menschen mit seiner Komplexität. Und wer Sie oder auch nur Ihr Blog ein bißchen kennt, weiß, daß Sie zu verstehen suchen – sonst wären Sie nicht Frau Fundevogel.
              Mir scheint, wir sehen das ganz ähnlich.

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              • fundevogelnest Februar 15, 2021 / 11:08 am

                Danke für diesen Kommentar, der mir kostbar ist.
                Was könnte man denn erzählen außer belehrenden , bodenlos langweiligen moralischen Gleichnissen, wenn nicht die Vielfalt wäre, das Gebrochene, das Uneindeutige, das Störende, manch mal auch Verstörende?

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        • fundevogelnest Februar 11, 2021 / 11:14 pm

          Herrenrassenideologie ist wahrscheinlich zuviel gescholten.
          Es ist eine Haltung gegenüber Menschen anderer Kontinente, die ich bei den meisten Menschen der Generation vor mir – und auch Jüngeren – antreffe.

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  2. Christiane Februar 11, 2021 / 8:32 am

    Rassismus als Überzeugung, dass Menschen aufgrund meist äußerlicher Merkmale ein „Wert“ zukommt, ist viel älter als die Nazis. Von daher wundert es mich eigentlich nicht, dass jemand aus den Kriegserfahrungen zwar zu einer entschiedenen Antikriegshaltung kommen, gleichzeitig aber an der Theorie der Unterschiede festhalten kann, wenn diese ein Teil seines Charakters, seiner Überzeugung war. Ich glaube auch nicht, dass er mit solch einer Einstellung so alleine dastand, da ist bei uns in den Nachkriegsjahren viel unter den Teppich gekehrt worden 🤔
    Ich hoffe, dass wir es inzwischen besser hinbekommen.
    Hab Dank für deine Erinnerung!
    Nachdenkliche Grüße beim Morgenkaffee 😁🌥️❄️☕🍪👍

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    • fundevogelnest Februar 11, 2021 / 11:17 pm

      Jetzt hat der Rassismusaspekt durch die Diskussion in den Kommentaren mir viel zu viel Gewicht bekommen und ist wahrscheinlich auch nicht gerecht, in diesem Fall.
      Ich fand das entstehen von „Fakenews“ und den undifferenzierten, spaltenden Hass, den wir derzeit so dem Internet zuschreiben viel spannender.

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  3. Melina/Pollys Februar 11, 2021 / 1:12 pm

    Ich wünsche Dir so sehr einen einzigen Tag wenigstens – für Dich allein und ausspannen, Du tapfere Mutter in der heutigen Zeit.

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