Die Schutzglocke

Laut – lauter – Kleiner Fundevogel,

ein Zitat des großen Bruders, der es wissen muss. Mit dem Klarnamen des Kleinen Fundevogels hört es sich noch überzeugender an.

Der Kleine Fundevogel ist laut.

Immer.

Am Ende des Tages ist das anstrengender als alle seine anderen originellen Verhaltensweisen zusammen.

Kinder sind laut, wenn sie toben, wenn sie rennen, wenn sie spielen, wenn sie lachen.

Dass muss so.

Wenn meine Großmutter ihren heiligen Mittagsschlaf hielt, musste Ruhe sein, absolute Ruhe, sie schlief nämlich nachts genauso schlecht wie ich mittlerweile. Immer wenn sie gerade eingeschlafen war, mussten meine Schwester und ich im Zimmer nebenan über irgendetwas so lachen, dass der Damm der guten Vorsätze brach.Wir konnten da nichts gegen machen. Wirklich. Nichts. Ey, ich schwör’s.

Wir schafften es auch sie vom Garten aus zu wecken. Besser war es, wenn der Opa nach dem Essen mit seinen Enkelinnen im Wald verschwand. Das ganze Zusammenleben fand sowieso nur während der Ferien statt.

Kinder sind laut, manche mehr, manche weniger, wenn sie ihren noch undomestizierten Zorn herausbrüllen, ihre Freude, ihre Aufregung, manchmal ihren Frust.

Aber ehrlich, die meisten Kinder sind auch mal nicht ganz so laut. Der Kleine Fundevogel spricht nicht, er brüllt, auch wenn er kein bisschen wütend oder aufgeregt ist. Seine oft interessanten Beobachtungen und Gedankengänge trägt er in einer Lautstärke vor, als müsste er ein ganzes Auditoruim ohne Mikrofon unterhalten.

Ehe Sie fragen: Er hört ausgezeichnet,glaube ich nicht nur, ist fachlich mehrfach überprüft.

Wie oft habe ich mich über Erwachsene geärgert, die Kindern ins Wort fallen, sprich lauter, sprich deutlicher, sprich langsamer und guck mich dabei an, wie entwürdigend muss sich das anfühlen.

Und jetzt ertappe ich mich dabei meinem Kind unwillkürlich ins Wort zu fallen, sprich leiser!

Es ist so schwer zuzuhören, wenn die Ohren gellen und es ist gleichzeitig so schwer zu reden, Vertrauen zu haben, wenn einem das Wort abgeschnitten wird.

Es rumpelt, es klappert, es scheppert, es knallt. Wie viele Türangeln habe ich schon nachgezogen? Wie viele Schubladen geleimt, bevor ich die Kommode durch ein offenes Regalsystem ersetzt habe?

Sein größter Liebling zurzeit, Disneys Clownsfisch Nemo krakeelt aus dem Kassettenrekorder, wie man es niemals einem Fisch zugetraut hätte.

Ungezählte Auseinandersetzungen hatten wir über die Lautstärkereglerhoheit. Alle Absprachen dazu versickerten so sinnlos wie damals die Versprechungen meiner Schwester und mir heute aber wirklich leise zu sein.

Wenn er geht, zieht er gern einen alten Staubsauger polternd hinter sich her oder so ein Plastikschiebdings, mit dem Babys angeblich laufen lernen, bevorzugt wohl auf Teppichboden. Der Kleine Fundevogel hat sein heißgeliebtes „Neknek“ im stolzen Alter von fünf Jahren auf dem Müll gefunden und schiebt es im Höllentempo auf seinen Plastikrädern ratternd über die Plattenwege, ich vermute es gibt niemanden im Stadtteil, der Neknek nicht kennt. Mit Batterien drin kann Neknek sogar im Stand Geräusche machen.

Überhaupt all die batteriebetriebenen Spielzeugautos, Plastikhandys und Drückdingsbumse, die auf Knopfdruck nerven können – sie sind sein Synonym für Glückseligkeit.

Und erst recht alles, was richtig laut ist: Staubsauger, Mixer, Pürierstab, Föhn und schließlich der König meiner Höllenmaschinen- der Schwingschleifer, den darf der Kleine Fundevogel nämlich im Gegensatz zu vielen anderen Geräten allein bedienen.

Wenn er dann stundenlang Bretter zu Staub zerschleift – mit Gehörschutz, weil das die Bedingung ist – ist er plötzlich ganz, ganz bei sich, der Blick wird konzentrierter, wieder und wieder Schalter an, Schalter aus und schleifen, schleifen, schleifen, mit Druck, ohne Druck, über Kanten und unerlaubte Oberflächen. Man kann sicher sein, dass er nichts anderes anfangen, nicht plötzlich von der Bühne verschwinden wird und der Schwingschleifer hält anders als CD- Player oder Staubsauger einiges an Experimenten aus.

Geborgen, sicher und frei zugleich wirkt er dann unter seiner gläsernen Glocke aus Lärm, kein bisschen gestresst, eher glücklich, bei sich, sogar konzentriert. Eine Wahrnehmung, die wahrzunehmen ich mir lange nicht gestattet habe. Ein Kind kann doch von so einem Höllenspektakel unmöglich ruhiger werden. Lärm macht krank, kann man ja nun wirklich überall lesen.

Mich macht er vielleicht nicht krank, aber gereizt und unkonzentriert.Wenn der Schwingschleifer auf der Terrasse rast, verziehe ich mich in die hinterste Ecke des Gartens. Wenn der kleine Fundevogel abends mitten im Quasseln schließlich eingeschlafen ist, mag ich kein Radio mehr hören, nicht mehr telefonieren.

Ich habe noch nie Musik beim Schreiben gehört wie so viele es tun, habe nie einen Walkman oder Kopfhörer benutzt, weil das Geräusch so dicht an meinem Kopf mich irre macht, weil ich nervös werde, wenn ich die leisen Töne um mich herum nicht mitbekomme..

Oft rühre ich meine Kuchen mit der Hand, damit der Mixer mir nicht den Erzählvogel überbrüllt.

Dann ist wieder mal eine Kollegin krank und ich arbeite eine unvermutete Nachtschicht, ruhig ist es, also das was man im Krankenhaus so ruhig zu nennen pflegt. In der Mitte der Nacht, nehme ich das kleine Mädchen,das nicht schlafen kann, auf den Arm. Das andere Kind im Zimmer schläft.

Die Klimaanlage rauscht, als müsse sie einen Wald umblasen, das eine Beatmungsgerät zischt, das andere blubbert, beides soll so. Die Brutkästen surren. Die Monitoranlage bimmelt immer wieder. Auf dem Überwachungsmonitor des Mädchens kann ich auch sehen, was bei den anderen Patienten los ist, das soll auch so. Schritte, Stimmen, Telefon. Babygeschrei – alles nachts um drei. Wenn das Mädchen hustet, schrillt ihr Beatmungsgerät. Das Husten wird langsam weniger, ihre kleinen Finger spielen in dem Anti-Corona-Plastikkittelzeugs, und sie schläft ein unter der Glocke aus Lärm, ich bin mittlerweile bald zwanzig Stunden wach und merke, dass ich lieber nicht allzu lange warm und kuschelig hier sitzen bleiben sollte. Beim Umlagern piepst das Beatmungsgerät wieder (man könnte den Alarm vorher ausstellen, aber da komme ich mit Kind im Arm nicht dran …). Sie ist das gewöhnt und schläft weiter.

Unter dieser Glocke aus Lärm hat auch der Kleine Fundevogel fünf Monate gelebt. Lärm, Schmerz und Einsamkeit waren seine zuverlässigsten Begleiter am Anfang des Lebens.

Man sollte denken, er würde den Lärm fürchten, aber die Seele schlägt zuweilen seltsame Kapriolen, die kann man nicht vorbestellen. Ihm scheint er ein Zeichen zu sein, dass die Welt noch vorhanden ist, vielleicht dass er noch lebt. Vielleicht fabuliere ich gerade auch irgendeinen bodenlosen Blödsinn zusammen.

Und was mache ich nun mit dieser küchenpsychlogischen Erkenntnis?

Ihn zum Schlagzeugunterricht anmelden?

Mir einen Gehörschutz zulegen, den ich vermutlich nicht lang ertragen würde?

Einen Opa gibt es zwar nicht mehr, aber jemand anderen gelegentlich mit dem Kleinen Fundevogel in den Wald oder sonstewo hinschicken, entlastet auch.

Bo Hejlskov Elvén, der so herrlich unkonventionell an herausforderndes Verhalten herangeht, berichtet von einer geistig behinderten Frau, die einen eigenen Lärmraum bekommen hat.

Ich weiß es noch nicht.

Aber das Gefühl, dass dieser Lärm eine Funktion hat, einen Sinn, auch wenn der sich mir nicht wirklich erschließt, ist befreiend. Das nicht das Kind irre ist, sondern dass es auf eine irre Situation reagiert, auch wenn diese vergangen sein sollte.

Befreit vom Gefühl tyrannisiert zu werden, vom wachsenden Hass auf den Krach.

Lässt die ganze Sache lösbarer aussehen. Organisierbar.

Im Organisieren bin ich eigentlich ganz gut.

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7 Gedanken zu “Die Schutzglocke

    • fundevogelnest Februar 28, 2021 / 11:39 am

      Es war der Preis des Überlebens.
      Tragisch war, dass ihm und leider auch dem kleinen Mädchen eine sichere Bezugsperson fehlte.
      Zuwendung gab es durchaus, er hatte – auch hier dem kleinen Mädchen ähnlich- einen großen Fanclub unter den Krankenschwestern und Ehrenamtliche, die zum Kuscheln kamen.
      Bindung kann so leider nicht entstehen.

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  1. Christiane Februar 27, 2021 / 6:43 pm

    Ich lärme, also bin ich?! Ich finde deinen Gedankengang nachvollziehbar.
    Trotzdem: heftig. Und nicht leicht auszuhalten.
    Nachdenkliche Abendgrüße 😁☁️🍷🍪👍

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    • fundevogelnest Februar 28, 2021 / 11:44 am

      Ich lärme, ich zappele, ich hampele, ich fasse alles an, weil ich sonst nicht weiß, wo mein Körper beginnt und aufhört, wo im Raum ich bin und überhaupt ist die klassische Erklärung der Wahrnehmungsstörung, die er bestimmt hat und wo auch die Ergotherapie ansetzt
      Meine Gedanken gingen darüber hinaus, er scheint sich in dem Lärm gehalten und geborgen zu fühlen.
      Ja anstrengend , aber wenn irgendwann wieder Kita, Zeit bei Oma etc. stattfinden wird, werden meine Ohren wieder ihre Ruheinseln haben.
      Ich bin einfach ziemlich durch.
      Jetzt lasse ich Nemo gerade im Nebenzimmer kreischen, auch eine Methode eine kurze Pause zu bekommen

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      • Christiane Februar 28, 2021 / 11:48 am

        Danke für die Präzisierung. Alles Liebe für dich (und möglichst bald Erholung für die Ohren) – und für ihn.

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  2. lachmitmaren Februar 27, 2021 / 9:07 pm

    Hast du mal von der Tomatis’Therapie gehört? Ich musste daran denken, als ich deinen zu Herzen gehenden Beitrag gelesen habe.
    Keine Ahnung, ob das in dem Fall irgendwie helfen könnte.
    Hier ein Link https://www.karger.com/Article/Fulltext/362487#menu

    Es ist ein langer Artikel und wenn es dich nervt, dass ich dir so etwas schicke, kann ich das auch gut verstehen! Ich bin oft genervt über „wohl meinende‘ Ratschläge. Daher bitte nicht verpflichtet fühlen, das zu lesen. Nur bei Interesse!
    Liebe Grüße und ein hoffentlich einigermaßen ruhiges Wochenende
    Maren

    Gefällt 1 Person

  3. fundevogelnest Februar 28, 2021 / 11:48 am

    Danke dir für deine Gedanken
    Ja der Artikel ist mir gerade etwas viel, vielleicht später
    Ich weiß, dass von Tomatis viele Wunder erwarten und viel Geld dafür zahlen.
    Mir ist gerade nicht nach neuen Therapien, sondern eher nach Akzeptanz und Arrangement.
    Er kann übrigens sehr schön singen.

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