Nach dem Winterschlaf (ABC-Etüde)

Lilly band sie sich ihre Strickjacke um die Hüften, die Märzsonne wärmte. Eben hatten sie und Julian die Bienenstöcke durchgesehen. Alles strotzte vor Honig, die Immen schwankten fast unter der Last der Pollen, die sie an ihren Hinterbeinen heranschleppten.

Und doch fühlte sie sich verwundet, seit sie in den letzten Februartagen fassungslos zugesehen hatten, wie ein Großteil ihrer geliebten Schlehen von einem Trupp Arbeiter abgesägt und in Holzhäckselmaschinen gestopft worden war.

Hat er was rausbekommen?, fragte sie.

Letztes Frühjahr, als Wolfgang so krank gewesen war, hatten sie angefangen sich um seine Bienen zu kümmern. Nun ging es ihm eindeutig besser, aber mitanzusehen, wie das verwilderte Paradies hinter seinem Garten niedergemetztelt wurde, hatte ihm augenscheinlich zugesetzt.

Du, da wird gar nicht gebaut, deshalb hat auch niemand Wolfgang Bescheid gesagt. Die räumen bloß auf.

Wie bitte?

Ja, der „Freizeitwert“ soll gesteigert werde, dafür asphaltieren sie Trampelpfade. Und stellen Bänke auf und Papierkörbe.

Ist nicht wahr.

Natürlich ist es wahr.

Julian! Lilly!, libellenblau flatterte es plötzlich um die beiden herum. Cardámine, die Fee, hatte sie entdeckt, ihre Freundinnen Anemona und Achillea folgten rasch.

Na, Winterschlaf vorbei?, fragte Julian, schlimm sieht es hier aus, findet ihr nicht?

Natürlich fanden sie. Achillea, die ihre Zauberstäbe bevorzugt aus Schlehenholz schnitzte, kämpfte mit den Tränen, wie es auch Lilly und Julian ergangen war. Dafür liebte Lilly ihren Freund, zu Hause hätte man über sie gelacht, hätte man sie um Gebüsche weinen sehen..

Was können wir bloß tun?, klagte sie.

Sie beratschlagten hin und her, aber das meiste war ja eh schon geschehen.

Anemona, die sonst so stille Fee, sagte plötzlich: Ach euer trügerischer Menschenglaube, ihr müsstet immer etwas tun. Hieltet ihr einfach ein paar Monde Winterschlaf, wäre die Welt ein besserer Ort.

Ihr Leben lang sollte Lilly sich an diese Worte erinnern.

Und es wuchs Gutes daraus.

Logo der aktuellen Etüdenrunde mit den Schlüsselwörtern Strickjacke, trügerisch, entdecken

Auf den allerletzten Drücker noch eine Etüde zur schönen Wortspende von Sabine mit ihrem Blog Wortgeflumselkritzelkram. Es ist eine lose Fortsetzung zu dieser Geschichte und knüpft an den traurigen Bericht von Frau Pflanzwas an, der mich sehr beschäftigt hat

Stück für Stück geht soviel verloren. Mit oder ohne Feen. Immer gibt es einen mehr oder weniger plausiblen Grund.

Und irgendwann isrt nichts mehr da.

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12 Gedanken zu “Nach dem Winterschlaf (ABC-Etüde)

  1. Elke H. Speidel März 7, 2021 / 5:51 am

    Die Natur holt sich zurück, was sie braucht. Im Zweifel unter Preisgabe des gleichgewichtstörenden Elements. In diesem Fall der Menschen. Sie wird sich, alles in allem, trotz der bedauerlichen Kollateralschäden, vor uns zu schützen wissen, aber verschonen wird sie uns in diesem Kampf nicht, und sie ist stärker als wir. Guten Morgen und einen schönen Sonntag trotzdem!

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    • fundevogelnest März 7, 2021 / 9:44 pm

      Ist das nun eine optimistische oder eine pessimistische Sichtweise?
      Ein eigensinniges Stimmchen in mir spricht noch immer von Versöhnung, nur leider ist die Angst und die Mutlosigkeit gerade ganz schön am Zuge.
      Ich glaube ,ich brauche Cardámines Hilfe.

      Gefällt 1 Person

      • Elke H. Speidel März 8, 2021 / 5:49 am

        Es war eigentlich als sachliche Aussage gemeint, weder optimistisch noch pessimistisch. So ähnlich wie den Wandel der Sprache gibt es den Wandel der Natur. Ob ein Wort, eine Wendung oder eine Lebensform, überhaupt Leben, nach einer Zeitspanne X noch vorhanden seine wird, lässt sich vorab nicht sagen. Die Natur ist stabiler als die Sprache, die zumindest in ihrer engen Definition an bestimmte Lebensformen gekoppelt ist. In irgendeiner Weise wird es weitergehen, aber niemand kann wissen wie und für wen. Alles Leben ist endlich, individuell und kollektiv. Das ist an sich nicht traurig, es ist ein Fakt. Ich habe mal ein sehr spannendes Buch gelesen, das den Titel „Leben heißt Sterben“ trug (sinngemäß oder wörtlich, weiß ich nicht mehr, weil es zu lange her ist). Nutzen wir also einfach das bisschen Leben, das wir haben, solange wir es haben, als Individuen ebenso wie als Gattung, für uns und andere, denn mehr können wir nicht tun!
        In diesem Sinne – eine schöne Regenwoche!
        Elke

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        • fundevogelnest März 9, 2021 / 11:33 pm

          Weise Worte.
          Ich fürchte nur, dass es egal wie, nicht ohne großen Verlust an Vielfalt weitergehen wird.
          Und das reißt in mir eine Trauer auf, der ich kaum gewachsen bin.

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          • Elke H. Speidel März 10, 2021 / 6:10 am

            Es wird neue Vielfalt entstehen. Da bin ich sehr zuversichtlich. Die Welt kommt ohne Dinosaurier aus, und die Vielfalt ist heute eine völlig andere als damals. Sie wird auch ohne uns auskommen, ohne Schlehenbüsche und ohne Schmetterlinge. Warum sollte sie nicht? Es wird Daseinsformen geben, von denen wir noch keine Vorstellung haben und vielleicht nie haben werden, weil sie uns nicht mit einschließen. Genießen wir also unser eigenes Dasein, so lange es dauert, und versuchen wir, anderen Daseinsformen dabei nicht zu sehr zu schaden!

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  2. Christiane März 7, 2021 / 10:27 am

    Ich kenne dieses beißende Gefühl der Sinnlosigkeit auch. Bloß um … willen muss etwas weichen, was schön und nützlich war, aber nicht der Norm entsprach. Willkür ist oft ein Punkt.
    Ich bin mit dir entsetzt.
    Danke, dass du mitgeschrieben hast. ❤️
    Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🥐👍

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    • fundevogelnest März 7, 2021 / 9:47 pm

      Am schlimmsten sind Parkplätze…
      Und permanentes Rasenmähen.
      Verfasse gerade einen Brief an meinen Vermieter mit dem Vorschlag auf dem totgemähten Rasen wenigstens Blühstreifen anzulegen, die SAGA macht das seit zwei, drei Jahren z.B. in Steilshoop und es sieht echt toll aus.
      Nun sitze ich hier und zermatere mir das Gehirn wie ich das am besten formuliere.

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  3. Melina/Pollys März 7, 2021 / 11:22 am

    Eine sehr schöne Erinnerung – trotzdem ich verstehe die Essenz sehr gut, mir geht es ähnlich, wenn sinnlos, Bäume und Sträucher abgeholzt werden und Natur mit Berserkerkräften behandelt wird.

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    • fundevogelnest März 7, 2021 / 9:50 pm

      Ja, in gewisser Weise habe ich Erinnerung an Feen oder zumindest recht schöne an die Zeit,, in der ich die erste Feengeschichte schrieb.
      Zumindest war ich damals sehr viel schwungvoller und optimistischer.
      Du bringst mich auf eine Idee.

      Gefällt 2 Personen

  4. lachmitmaren März 7, 2021 / 12:33 pm

    Eine wundervolle Fee, die Anemona! Warum Menschen immer denken, sie müssten irgendetwas tun, um irgendetwas zu „optimieren“, was doch ohne diesen Eingriff oft viel perfekter wäre, erschließt sich mir auch so ganz und gar nicht. .. .

    Gefällt 3 Personen

  5. fundevogelnest März 7, 2021 / 9:53 pm

    Ja, wenn so dieses oder jenes einfach wachsen dürfte, das wäre schon schön.
    Wenn du Anemona magst – im April und Mai vergangenen Jahres gab es viel von ihr zu lesen -sie war allerdings jünger und hat sich ihre Weisheit und Sicht der Dinge im Lauf der Jahre erarbeitet.
    Da geht es Feen nicht anders als Menschen

    Gefällt 2 Personen

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