Leerdrehende Glucke

364 Tage ist es nun her, dass ich diesen Blogbeitrag zum sechsten Fundevogelgeburtstag verfasst habe, nun steht wieder ein Kuchen im Ofen und ich warte händeringend auf ein Paket, das morgen gerne im Geschenkpapierkleid auf dem Frühstückstisch stehen dürfte. Corona ist nichts Besonderes mehr und meinen geschätzten Lesenden wird nicht entgangen sein, wie müde die Frau Fundevogel in diesem Jahr geworden ist.

Wie sie kämpft, um menschlich zu bleiben, nicht zu verdriften in einem Strudel aus Nörgelei und lasst micht doch alle in Ruhe.

Der Kleine Fundvogel und ich haben in diesem Jahr drei Hochbeete gemeinsam gebaut, ein Viertel Gartenhaus abgeschliffen und neu gestrichen, wir sind nach Nütschau gewandert, nach Ahrensburg, Großensee und Tremsbüttel und mehrfach nach Hamburg-Barmbe, mehrere spannende Kilometer an der U-Bahn lang. Im Naturschutzgebiet Höltigbaum werden wir uns nie wieder verirren. Wir haben die gesamte „Sams“-Reihe und viele andere Bücher gelesen. Er kann seit der Große Fundevogel für die Prüfungen lernen muss, jeden Tag meht Englisch und wie ein gelernter Kellner Teller einsetzen und ausheben – so heißt Tisch auf- und abdecken, wenn man das studiert. Auch ich lerne dazu.

Er wird beim Imkern sicherer und ruhiger. Wir haben den Bauspielplatz als zweite Fundevogelheimat gefunden und lieben gelernt.

Das war alles wunderschön und hätte vielleicht ohne Corona so nicht stattgefunden.

Und die Chance, dass der Große Fundevogel seine Prüfung besteht, steigt durch das Homeschooling und die mit dem eisernen Besen dahinterstehende Mama Fundevogel definitiv. Die neue Praktikumsstelle – in der alten fand wegen Corona nichts mehr statt – ist so zufrieden, dass der Große Fundevogel da inzwischen jedes zweite Wochenende zusätzlich Geld verdienen kann und eine Festanstellung nach der Ausbildung schon im Gespräch ist.

Umsonst gibts das alles nicht. Lernen mit dem Großen Fundevogel heißt sobald irgendwelche Unsicherheiten auftreten, ich kann das nicht, ich brauche das nicht, ich hasse dich, ich lebe sowieso auf der Straße. Türen knallen, rumpöbeln, Tür hinter sich abschließen, Stunden später Neustart.

An den scheußlichsten Tagen habe ich danndie Aufgaben gemacht, laut sprechend dabei und ich staune im Nachhinein, wie effektiv dieses lächerlich erscheinende Tun war.

Der Kleine Fundevogel ist ehrgeizig- wenn er etwas selbst will, also englisch sprechen oder Inlineskaten, was auch jeden Tag besser geht. Aber wehe es wird von dem kleinen Freigeist etwas verlangt, was nicht in seinen Plan passt, Abscheulichkeiten wie Zähne putzen, anziehen oder so etwas, dann schlägt die Koboldarmee gnadenlos zu, das Koboldzid, sprich die Medikamente gegen ADHS beeindrucken sie nach wie vor kaum. Weder das Zuschlagen noch die Zerstörungen nehmen ein Ende, gerade habe ich den halben Inhalt des Badezimmerregals mühsam hinter dem Waschmittelfach der Waschmaschine herausoperiert. Und jeder Tipp Wachsmalkreide vom Paket zu bekommen ist mir herrlich willkommen.

Nichts davon ist wirklich schlimm nur auf die Dauer ist es ganz schön zermürbend.

So war die angekündigte Öffnung der Kitas zum 15.3. mir erstmal ein Grund zu großer Freude. Entlastung, Entlastung, lechzt alles und der Kleine Fundevogel freute sich auch riesig auf seine Kita. Er wird dort geschätzt und wahrscheinlich braucht er genauso Pausen vom Nest wie wir von ihm. Nur ist DAS jetzt der richtige Zeitpunkt? Wir quälen uns durch Monate der Isolation nur um dann die Kinde , wenn es wieder richtig viele Infektionen gibt, doch los zu schicken. Dann hätten wir uns das doch vorher alles ersparen können.
Ich arbeite am falschen Ort, um entspannt zu sein.

Es ist einfach nicht wahr, dass Corona Kindern nie etwas antut. MIS-C (auch PIMS genannt) , das bei Kindern etwa zwei Wochen nach einer oft harmlos oder gar unbemerkt verlaufenden Coronainfektion auftritt, ist eine schwere, lebensbedrohliche Erkrankung, von der noch niemand sagen kann, ob sie auf Dauer Schäden hinterlässt oder ganz ausheilt. Die Häufigkeit ist wohl lokal recht unterschiedlich, unser Krankenhaus – also die Gegend, in der wir leben – scheint ein wahrer Hotspot zu sein.

Ich habe heute lange mit der Kitaleitung gesprochen. Sie haben Verständnis, er muss nicht kommen, auch wenn er schulpflichtig ist und deswegen eigentlich die Auflage hat die Kita zu besuchen.

Nach dem Gespräch heule ich, schlug ich doch eben meine so dringend benötigte Entlastung und des Fundevogels Freude völlig willkürlich zu Brei.

Der Bauspielplatz mit seinem strikten Draußenkonzept bleibt uns erhalten – solange nicht wieder alles schließt, aber dann hat sich das Kitathema eh erledigt.

Bin ich schlicht und ergreifend hysterisch? Wie wahrscheinlich ist eine Erkrankung? Womit schade ich ihm mehr? Opfere ich unsere Beziehung meiner Angst?

Ist Pest besser? Oder doch Cholera?

Habe ich nicht auch ohne Angst vor MIS-C die gesellschaftliche Verpflichtung, dazu beizutragen, dass Corona sich nicht weiter ausbreitet? Wenigstens solange das Großprojekt „Impfung“ nicht voran kommt.

Steht das nicht vor meinem Wunsch nach Auszeiten?

Die Kitaleiterin berichtet, dass während des Notbetriebs etwa 70 Prozent der Kinder, auch Krippenkinder und Babys, anwesend waren und sie permanent Wünsche nach mehr Stunden abschmettern musste. Weil Homeoffice und Kindegartenkind gleichzeitig nun mal eigentlich nicht geht. Weil die Kinder den ganzen Tag zu anstrengen sind (wem sagen sie das?), weil das beruflich jetzt gerade ganz wichtig ist, weil man am Umziehen ist, weil Privatabsprachen mühsam sind…

Auch die Eltern fragen an, die sich darüber mokieren, dass der Kleine Fundevogel meist auf Mütze, Schal, Handschuhe und Regenhose verzichtet, das halte ich nun wiederum nicht für lebensbedrohlich.

Ich komme mir schon recht sonderbar vor.

Und viel zu müde, um noch zu wissen was falsch ist und was richtig.

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9 Gedanken zu “Leerdrehende Glucke

  1. Ulli März 17, 2021 / 12:22 pm

    Verstehe gut deine Unsicherheit und sowieso deinen Wunsch nach Entlastung. Dennoch hätte ich wie du entschieden. Dass Thema offene Kitas und Schulen wird heiß diskutiert, ich bin immer noch gegen eine Öffnung und gerade jetzt.
    Ich wünsche dir weiterhin Kraft und Gutes,
    liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest März 21, 2021 / 10:47 pm

      Ich war in erster Linie überrascht, dass es bei den Kitas völlig unreguliert zugeht, also keine Kleingruppen, halben Gruppen wie in den Schulen.
      Tests sowieso nicht.
      Die Gruppen dürfen sich zwar nicht begegnen, aber die Kinder, die im Spätdienst sind, tun es doch.
      Es wird so getan, als existiere die Krankheit in dieser Altersstufe nicht und den meisten Eltern scheint dieses Trugbild ganz willkommen zu sein.

      Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest März 21, 2021 / 11:02 pm

      Es erscheint mir durchaus sinnvoll nicht nur die eigenen Erfahrungen, sondern auch die anderer und wissenschaftliche Erkenntnisse mit in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

      Gefällt 1 Person

      • Myriade März 21, 2021 / 11:20 pm

        Ja, natürlich unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, da hast du mich mißverstanden

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  2. lachmitmaren März 17, 2021 / 4:35 pm

    Ich bewundere sehr und bei jedem deiner Beiträge immer wieder, mit welchem Engagement und welcher Hingabe du trotz aller Schwierigkeiten die Vögelchen in deinem Nest betreust!!! Drücke die Daumen, dass das Geburtstagspaket noch rechtzeitig kommt und ihr morgen eine schöne Feier habt!
    Ich bin – wie du sicher weißt – bei Corona ja eher für eine Lockerung der Maßnahmen. Bin mir aber ziemlich sicher, dass ich dennoch in deinem Fall wie du entschieden hätte. Wenn ich auf einer Kinderintensivstation ja täglich genau die Fälle sehen würde, die schwer betroffen sind, würde ich meinem Kind diesem (objektiv wahrscheinlich geringen, aber für dich ja sehr sichtbarem) Risiko vermutlich nicht aussetzen wollen (bzw. mir ewig Vorwürfe machen, wenn ich es dann doch getan hätte, und entgegen aller Wahrscheinlichkeit wäre ausgerechnet bei ihm das PIMS aufgetreten…).
    Liebe Grüße und eine tolle Feier morgen
    Maren

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest März 21, 2021 / 11:18 pm

      Das Paket kam am Geburtstag und konnte sogleich ausgewickelt werden, wer sagt denn , dass alles vor dem Frühstück parat stehen muss.
      Der Inhalt traf den Geschmack des Geburtstagkindes so wie ich mir das vorgestellt hatte und er war den Rest des Tages höchst zufieden und beschäftigt und hat keine weitere Party vermisst.
      Bei vielen Coronamaßnahmen – oder nicht Maßnahmen vermisse ich eine gewisse Nachvollziehbarkeit.
      Ich verstehe weder, dass die Museen – wo problemlos Abstand gehalten werden kann – wieder zu noch dass die Kitas so unreguliert offen sind.
      Ich hätte mir eine Betreuung in festen Kleingruppen gewünscht, so dass die Kinder Kontakte haben und die Eltern wenigstens teilweise Entlastung haben.

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  3. eva März 30, 2021 / 10:28 pm

    Ja, das ist einfach schwerst nachvollziehbar, was offengehalten wird mit welchen Risiken und was nicht. Soifz. Wachsmalkreide von Parkett könnten sie mit Möbelpolitur zu Leibe rücken (schwarze Wachsmalkreide auf Laminat war das damals bei uns, grrr)

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest April 2, 2021 / 9:30 pm

      Nun sind die Kitas hier in Hamburg wieder zu.
      Wegen vierzehn Tagen habe ich mir soviel Aufgregung angetan – selbst schuld.

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