Der russische Osterhase

Damals als sie das Haus auflösten, hätte er den russischen Osterhasen vermutlich einfach mitnehmen dürfen. Aber er hatte überhaupt nicht an ihn gedacht.

Weggeworfen hatten sie kaum etwas, vielleicht hatte der Opa den Hasen in die kleine Wohnung noch mitgenommen, denn er hatte ihm wohl mal viel bedeutet.

Jahrzehnte nach Opas Tod schien der Osterhase verloren. Weder seine Geschwister noch seine Cousinen wussten, was aus ihm geworden war.

In dem Haus, das schon immer groß und am Ende viel zu groß gewesen war, hatte der Opa viel Platz für seine Spleens gehabt. Das Osterfach im Bücherschrank war kühlschrankgroß. Da er und seine Geschwister Ostern immer bei Oma und Opa verbrachten, durften sie all die Ton- und Holzhasen und die Scharen von Osterküken, die inzwischen voll vintage wären, in Stube und Diele hingebungsvoll dekorieren.

Der russische Osterhase war aus Holz, vielleicht acht Zentimeter hoch, bunt lackiert in Jacke und Hose stand er aufrecht wie ein Mensch auf einer kleinen grünen Holzplatte.

Der russische Osterhase kam tatsächlich aus Russland. Der Opa hatte ihn gefunden, als er in Russland im Krieg war. In einem Haus, in dem niemand mehr wohnte, hatte der Osterhase allein und einsam rumgestanden und da hatte der Opa ihn zu sich genommen.

Das war irgendwie rührend. Fast eine gute Tat in jenem schrecklichen Krieg.

Eine Geschichte, die für ihn zu Ostern gehörte wie Judas Verrat im Garten Gethsemane und die Frauen am leeren Grab.

Und es blieb auf ewig die einzige Geschichte, die der Opa aus seiner Zeit in Russland erzählte, obwohl es mehrere Jahre gewesen sein mussten.

Erst der Krieg, dann die Kriegsgefangenschaft.

Abgesehen von dem Hasen, war es ein Thema, nach dem nicht gefragt wurde. Nicht weil es verboten war, sondern weil es jenseits des Möglichen schien. Die Fragen kamen zu spät, um Antworten zu bekommen.

Auch der Hase ließ viele Fragen offen.

Wo in Russland war er gefunden worden? War das Haus wirklich verlassen gewesen? Oder hatten die Menschen sich zitternd und betend vor dem Opa und seinen Kameraden versteckt, hoffentlich erfolgreich versteckt, und waren hinterher ihres Osterhasen beraubt gewesen? Hatte der Opa nur den Hasen genommen?

Nachdem er die Wehrmachtsaustellung besucht hatte, war zum ersten Mal in ihm die Phantasie gewachsen den Hasen zurückzugeben.

Als Geste der Versöhnung.

Doch abgesehen davon, dass der Hase sich vom Acker gemacht zu haben schien, wem hätte er ihn geben sollen?

Was hätte der Opa darüber gedacht?

Als er ihm von seiner Anerkennung als Verweigerer erzählte hatte, war des Opa Reaktion nicht zu deuten gewesen, es hätte Skepsis gewesen sein können, er hielt es damals für Verachtung, in jenen Jahren, in denen der Opa nicht mehr des beste Opa der Welt war, sondern ein alter, weißer Mann, der Frauen hinterherpfiff und sich über den schwulen Kumpel seines Enkels erregte.

Heute denkt er, des Opas Reaktion hätte auch Neid gewesen sein können.

Und der Holzhase gerade in der Zeit der Gefangenschaft ein kleiner Trost und Vertrauter wird gewesen sein können.

Dass mit ihm die Hoffnung überlebt haben könnte, ihn eines Tages seinen Kinder mitzubringen und eines noch ferneren Tages seinen Enkel damit spielen lassen konnte.

Dass er statt zu verachten, lieber vorsichtig hätte fragen sollen.

Er hatte es nicht getan, dabei war doch so viel Liebe zwischen ihnen gewesen.

Beim Osterbrunch morgen früh würde er die Tante noch einmal nach dem russischen Osterhasen fragen.

Der Hase würde ihm keine Antworten mehr geben. Den Opa weder schuldig sprechen noch frei.

Aber er würde ihn aufbewahren.

Als Mahnmal.

Für so Vieles.

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19 Gedanken zu “Der russische Osterhase

  1. Elke H. Speidel April 5, 2021 / 5:42 am

    Frohe Ostern!
    Ich trinke Espresso aus der winzigen Tasse eines versilberten Mokkaservices, das mein Opa aus der Ukraine mitgebracht hat. Der Familiengeschichte nach hat er es dort gekauft, aber ich war nicht dabei. Ob ein Hauptmann im Sanitätsdienst der rumänischen Armee von seinem Sold den realen Gegenwert eines versilberten Mokkaservices bezahlen konnte? Denn es IST Silber, es reagiert auf meinen Silberreiniger. Krieg ist schlimmer, viel schlimmer als Pandemie.

    Gefällt 6 Personen

    • Olpo Olponator April 5, 2021 / 6:06 am

      Prinzipiell ist es möglich, vor allem, wenn er nicht rauchte – Nichtraucher leben in einem Krieg immer gut, in dem auch die menschliche Reserve eingesetzt wird (welche häufiger rauchte als Mitglieder von Elitetruppen).
      In unserer Familie gibt es die Geschichte eines Ringes mit Monogramm; er ist aus Charkow und wurde ganz sicher bezahlt, der Besitzer war -ebenfalls bereits verstorben- über jeden Zweifel erhaben, ein Bandit zu sein.

      Gefällt 2 Personen

      • Elke H. Speidel April 5, 2021 / 8:54 am

        Ich wollte nicht sagen, dass mein Großvater ein „Bandit“ war, um Himmels Willen! Nur, dass ich nicht weiß, was er sich von seinem Sold kaufen konnte. Seinen Erzählungen nach hat er unter anderem als Tierarzt den Kühen der Kolchosbauern beim Kalben geholfen – aber auch dabei war ich naturgemäß keine Augenzeugin. Menschen sind vielschichtig, und die Tatsache, dass er für mich der beste Opa ever war, ist für den Hauptmann in der Ukraine allenfalls ein Indiz.

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        • Olpo Olponator April 5, 2021 / 9:06 am

          Ja klar 😉 … ich hab da nichts Bestimmtes herausgelesen, nichtmal Unbestimmbares.
          Ich wollte bloß mein eigenes Wissen aus erster/zweiter Hand einbringen und meinen, daß man durchaus in der Lage sein konnte, in der Etappe vom eigenen Sold Souvenirs einzukaufen. Die Soldaten in vorderster Linie mußten ihn wahrscheinlich versaufen, um seelisch am Leben zu bleiben und wer verroht, zahlt vllt nicht immer. Aber auch ich war da nirgends dabei. Auch bei keiner Wehrmachtsausstellung, meine Phantasien sind schlimm genug.

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    • fundevogelnest April 5, 2021 / 8:14 pm

      Liebe Elke,
      Und wieviel hundert Millionen Menschen haben Krieg UND Pandemie?
      Danke für deine Mokkatässchengeschichte.
      Dir auch Frohe Ostern!
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. Olpo Olponator April 5, 2021 / 6:16 am

    Eine passende Geschichte welche in einer Zeit, in der Nachdenklichkeit und eine Philosophie jenseits von Geltungsdrang und sodomgomorr’scher Denkweisen argwöhnisch beschielt werden, gerade recht kommt. Dankeschön …

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest April 5, 2021 / 8:17 pm

      Gerne.
      Immer wieder Ostern muss ich daran denken.
      Ich war übrigens auch nicht in der Wehrmachtsaustellung, habe aber viel drüber erzählt bekommen.
      Mich überwältigt so etwas auch immer.
      Ich muss auch nicht nach Auschwitz.

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  3. geschichtenundmeer April 5, 2021 / 7:54 am

    Meine Mutter hat einen Anhänger, ein aus Plexiglas geschliffenes Herz, in den eine Rose und ihr Vorname eingraviert ist. Den hat einer ihrer Onkel in der Gefangenschaft gemacht und ihr mitgebracht. Er ist ein Schmuckstück für ein Kind, höchstens ein Teenager könnte den Anhänger noch tragen, aber er wird aufbewahrt. Der Gedanke, einer meiner lauten, lebensfrohen und manchmal auch ein bisschen grobschlächtigen Großonkel könnte so etwas Zartes gebastelt haben, haut mich um.

    Gefällt 4 Personen

    • Elke H. Speidel April 5, 2021 / 8:59 am

      Mein Vater hat während seiner Deportationszeit in einem ukrainischen Arbeitslager winzige, filigrane Holzfiguren geschnitzt, die immer noch im Familienbesitz sind. Die Menschen haben auch während des Krieges gelebt, wenn sie nicht gerade am Hunger oder an der Ruhr gestorben, abgeschlachtet und ermordet worden sind.

      Gefällt 5 Personen

    • fundevogelnest April 5, 2021 / 8:18 pm

      1000 Dank für diese anrührende Erinnerung.

      Liebe Elke, Liebe Mere Griotte,
      Ich danke euch für diese zarten, anrührenden Erinnerungen. Mich erinnert das an die „arpilleras“, aus Chile, dreidiemesionale Wandbehänge aus Stoffresten, die während der Diktatur auch von Gefangenen aus dem Material, das sich fand hergestellt wurden.
      Und von ihren in die Armut gestürzten Angehörigen.
      Aus Solidarität gekaufte Extemplare fanden ihren Weg auch in deutsche Kinderzimmer und WG-Küchen.

      Gefällt 2 Personen

  4. gkazakou April 5, 2021 / 11:15 am

    Sehr gern habe ich diese Geschichte über den russischen Osterhasen gelesen, und wie um diesen verschollenen Gegenstand sich Schicksale verknäulen. So wie du es tust, alles in der Schwebe lassend, weder urteilend noch verurteilend, hilfst du vielleicht, ein paar der Fäden doch noch zu entwirren und zu glätten und zu heilen.

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  5. lachmitmaren April 5, 2021 / 1:16 pm

    Das Vielschichtige in deiner Geschichte spricht mich sehr an. Wie Gerda auch schon sagte, weder zu urteilen, und dadurch auch nicht zu verurteilen. Denn wie sollte man schon wirklich ein Urteil fällen können über etwas, wo man nicht dabei war und nur Vermutungen und eigene Interpretationen haben kann?

    Gefällt 5 Personen

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