Das alte Pferd (ABC-Etüde)

Das alte Pferd steht in der noch zögerlichen Frühlingssonne und lässt sich von Ebba den Rücken massieren. Mager ist es geworden, allen Kraftfutter- und Vitamingaben zum Trotz.

Irgendwann werden wir es einschläfern lassen müssen, hat Julia gerade wieder gesagt. Sie behauptet das alte Pferd hat Schmerzen, vielleicht hat sie sogar recht damit. Es läuft kaum noch, steht meist einfach herum, den Apfel, den Ebba ihm hinhält zermalmt es dennoch mit Genuss.

Ohne das Pferd hätten sie das Café nie eröffnen können.

Wie das Haus hatte es der alten Frau gehört, der, die die Leute im Ort mied, die bösartige Bemerkungen machte und jahraus, jahrein einen ramponierten Sonnenhut über ihren verfilzten Haaren trug. Die zwei finanzschwachen Frauen den Zuschlag für das Anwesen gab, weil sie versprachen das Pferd zu übernehmen.

Die Kunden reden, weil seine Rippen so hervorstehen. Am Ende zeigt uns wieder jemand an.

Damals ging es darum, dass das alte Pferd laut Tierschutzgesetz nicht allein hätte leben dürfen, weil Pferde Herdentiere sind. Sie fanden ein junges Mädchen, das dankbar war, seine Islandstute für kleines Geld unterzustellen. Doch das alte Pferd hatte genauso wenig Interesse an seinesgleichen wie seine Vorbesitzerin. An Einsamkeit litt schließlich das verschmähte Islandpony. Alle Beteiligten waren froh, als es fortzog.

Sei nicht albern, der Tierarzt wird jedem erzählen können, wie haltlos solche Vorwürfe wären. Es bekommt genug zu fressen.

Und wird dünn und dünner. Wir schmeißen dem Tierarzt Hunderte in den Rachen, um etwas hinauszuzögern, was unweigerlich kommen wird. Ausgerechnet jetzt.

Da Café ist Corona seis geklagt seit Monaten geschlossen, die Einnahmen durch den Außer-Haus-Verkauf kümmerlich, die Finanzdecke fadenscheinig.

Ebba vergräbt ihre Nase in der struppigen Mähne. Unvermittelt läuft das Pferd los und lässt sie fast vom Zaun plumpsen. Julia steht da, hält einen weiteren Apfel hin.

Na, du gefräßiges Ungetüm, die Sommersonne wird dir gut tun.

Die Zeit kringelt so vor sich hin und ist unglaublich zehrend, drücken Sie dem Großen Fundevogel die Daumen, morgen ist die praktische Prüfung Hauswirtschaft.

Das Leben fühlt sich an wie ein Marathon, ich wüsste nur gern bei welchem Kilometer ich mich befinde.

Das Etüdenschreiben stellt so etwas wie einen Erfrischungsstand am Wegesrand da. Die Wörter Sonnenhut, massieren und haltlos haben uns Etüdenerfinder Ludwig Zeidler und Etüdenpflegrin (und -weiterentwicklerin!) gemeinsam spendiert.

Vielen Dank!

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14 Gedanken zu “Das alte Pferd (ABC-Etüde)

  1. Christiane April 14, 2021 / 9:27 pm

    Mein Erfrischungsstand hätte frische Apfelpfannkuchen, falls du/ihr vorbeikommt. 😁🧇🥛
    Ich drücke die Daumen. 👍👍👍
    Und dir danke ich, dass du durchhältst.
    Herzliche Abendgrüße 😁🍷🥨👍

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest April 15, 2021 / 7:09 pm

      Apfelpfannkuchen sind sehr gut, mache ich auch oft.
      Die Etüdenerfrischung ist aber zurzeit fast noch willkommener.
      Mit dem Vorbeikommen ist das ja zurzeit so eine Sache…
      Ich würde dich sonst ja glatt Sonntag ins Rodenbeker Quellental mitschnacken (falls du es mit drei verrückten wanderInnen aushalten würdest)

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      • Christiane April 15, 2021 / 7:16 pm

        Ich würde gern, aber der kommende Sonntag ist verplant, da möchte ich mit einer anderen Frau ins Grüne, und wir haben es schon zweimal verschoben. Aber prinzipiell sofort. Lass uns gern mal was ausmachen! 😀

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        • fundevogelnest April 15, 2021 / 8:13 pm

          Viel Spaß euch, ja wir können es gern mal versuchen. Der Kleine Fundevogel ist halt wie er ist . Laut vor allem-
          Aber letztlich ist man ja wandernd nicht aneinander gekettet.

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          • Christiane April 15, 2021 / 8:17 pm

            Nee, eben. Ich würde gern mal deine Seite kennenlernen; aber wir können uns ja auch auf meiner Seite treffen und den Wildpark Schwarze Berge umrunden oder so.
            Wart ihr am Froschteich in der Fischbeker Heide? 😉

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            • fundevogelnest April 15, 2021 / 8:20 pm

              Wir waren an einen Froschteich, gibt es da nur einen?
              Wir kommen auch gern mal woanders hin.
              Osemerus mit seinemBlog kriegt mich auch noch in die Holmer Sandberge, da ist bloß die Anfahrt mit dem ÖPMV schwierig

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              • Christiane April 15, 2021 / 8:24 pm

                Oh, das weiß wiederum ich nicht. Ich kenne nur einen. Ziemlich rund mit einer Holzzauneinfassung mit Birken drum herum?
                Ich würde auch noch öfter durch die Heide laufen. Wart ihr oben auf dem Segelflugplatz?

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  2. Olpo Olponator April 15, 2021 / 8:40 am

    Jöö – ‚was Literarisches, Vorzeigbares, Worterbauliches … 😉
    Die Protagonistin der Vorgeschichte muß Johannes Schwester (gewesen) sein.

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    • fundevogelnest April 15, 2021 / 7:05 pm

      Nu mach mal halblang, Olpo, aber schön dass es dir gefallen hat.
      Mein Großvater hatte eine Cousine, unverheiratet ihr Leben lang und so viel ich weiß auch sonst nicht gebunden.
      Schuftete mit auf dem familiären Gut, ich wüsste nicht, dass sie einen Beruf gelernt hätte.
      Als sie alt war und ich sie kennenlernte hauste sie mit sieben oder acht Pferden und einer nicht näher definierten Zahl Katzen und Hühnern im Wald, in einer Mischung aus Ruine und Campingplatz. Die Pferde waren fast durchgängig im Stall, da es angeblich zu kalt für sie war, nur der dicke Ottokar, dem ich in diesem Blog schon mehr als ein Denkmal gesetzt habe, wurde gelegentlich zum Holzrücken verliehen.
      Im Grunde war es ein Fall für Tierschutzverein, Ordnungsamt und sozialpsychiatrischen Dienst auf einmal.
      Ich habe meine Tante geliebt und sie mich, bis heute hege ich die Spitzentaschentücher die dies Waldschratfrau so unglaublich fein für mich arbeitete.
      Eines nachts feierten da welche heimlich im Stroh,zuviel Alkohol um noch auf die Kipee zu achten.
      Alle Tiere verbrannten, die alte Frau schlief nachts woanders.
      Nun kennst du die literarischen Verwandtschaftsverhältnisse.

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  3. gkazakou April 15, 2021 / 1:04 pm

    Ach ja, Einsamkeit, Eingeschlossensein, vor allem das Gefühl des nonsense und der Aussichtslosigkeit fressen die Lebensfreude von jung und alt. Vielleicht sollte man uns alle notschlachten. Aber wenn nix mehr geht, hält man uns einen Apfel hin, und wir fressen ihn und sagen: noch ein bisschen halte ich durch.
    Ich kann grad nicht mehr. Denke ich. Und lächle schon wieder.
    Möge sich ieser Spuk auflösen. Und der große Fundevogel soll die Prüfung bestehen und einen Beruf finden, der ihr Freude macht.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest April 15, 2021 / 6:51 pm

      Praktische Prüfung ist bestanden! Note gibt es erst später. Die Aussichten auf einen Beruf sind deutlich besser als die auf das Bestehen der theoretischen Prüfung. Der Praktikumsbetrieb würde sie wohl gern übernehmen, wegen der praktischen Fähigkeiten und wohl auch der großen Empathie und Freundlichkeit, vermutlich auch ohne Abschluss, auf dem Gehaltszettel wäre das jedoch wohl sichtbar.
      Allerdings kein Vergleich zu dem symbolischen Lohn in einer Werkstatt für Behinderte.Und das war mein Ziel. Sie soll sich ein Zimmer, ein Handy und ihre Kaninchen leisten können, ohne Bittstellerin zu sein.
      Ich hege derzeit auch ohne große Dosen Lebensfreude keinen Wunsch notgeschlachtet zu werden.Ich trotte so dahin und nehme die Äpfel gern, so in Etüdenform oder in anregenden Kommentaren.
      Vielen Dank.
      .

      Gefällt 3 Personen

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