DD (ABC-Etüde)

In der Grundschulzeit hatte Svenja noch nicht mitgetan, wenn die anderen zwischen Dallrupps Häusern Verstecken mit Abschlag spielten, so gut lief sie nicht, nicht mal drei freie Schritte bekam sie damals hin, steuerte gerade aufs ewige Außenseiterinnentum zu. Vergiss‘ diese Kinder, sie würden dich eh nur ärgern, tröstete Mutti sie. Hart kämpfte Svenja, das undankbare Stück, um sich aus ihrer klebrigen Hülle Fürsorge zu befreien.

Mit der neuen Gehhilfe schaffte sie es zu den Baracken, diesem Schandfleck, der endlich abgerissen gehört, vorzudringen.

Mit Melanie musste sie nicht rennen. Die hatte ihre Barbies mit. Im Gebüsch spielten sie „weggelaufene Kinder werden von der Polizei verhauen“ und das wog allen Ärger und Muttis Sorgentränen tausendfach auf.

Wie lau wäre ihre Jugend ohne diesen Tag verlaufen, dachte sie später. In Klasse fünf hatte das „arme I-Kind“ mit Melanie prompt eine ziemlich coole Freundin. Zazie kam bald hinzu, Genifehra und Emma auch.

Ihnen allen war im Leben dieses oder jenes widerfahren. Zäh waren sie, listenreich und klug, geübt Erwachsenen niemals ganz zu vertrauen, dem Leben nicht. Nur einander.

DD, Dallrupps Dachboden wurde ihr verborgenes Hauptquartier, nicht eine Sekunde zweifelten die fünf an der Möglichkeit, Svenja die steile wackelige Leiter hochzubugsieren. Zusammen waren sie unverwundbar und verletzlich wie Libellenflügel zugleich.

Hier, wo es nach altem Holz und Mäusekötteln roch, scheu zeigten sie einander zaghafte Gedichte, noch scheuer ihre Narben, die sichtbaren und die tieferen und legten behutsam ihre Lippen darauf. Sie entwarfen eine neue Gesellschaft, probierten gestohlenen Wein, manchmal lernten sie sogar.

Als Genifehra schon über zehn Jahre tot war und Zazie die erste Schwarze Richterin der Stadt geworden war, jauchzte ein kleiner Junge im Fahrradkindersitz auf dem Dreirad seiner Mutter begeistert: Da. Bagga. Da!

Svenja wandte sich ab, damit ihr Sohn ihre Tränen nicht sah, Danke ewig Danke, murmelte sie, als die Abrissschaufel DD durchschlug.

Die Wörter (Baracke,lau widerfahren) für die aktuelle Etüdenrunde spendete Bernd von Red Skies over Paradise, dessen oft schmerzhaften, lakonischen und sehr genauen Texte ich sehr schätze.

Christiane gilt wie immer der Dank für die perfekte Vorbereitung und die schöne Illustration.

Bei ihr finden sich auch die Spielregeln für dieses schöne Projekt.

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14 Gedanken zu “DD (ABC-Etüde)

    • fundevogelnest Mai 30, 2021 / 11:18 pm

      Zazie und Genifehra kamen sogar schon öfter vor, aber die Geschichten passen nicht stimmig zueinander.
      Die Geschichte ist auch eine Reminiszenz an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin.
      Da gab es die, die Bauern und Baumschuler geblieben waren; die, die reich geworden waren, weil sie ihre Felder und Baumschulen an eine große Wohnungsbaugesellschaft verkauft hatten; die, die in den Reihen- und Etagenhäusern wohnten, die die Wohnungsbaugesellschaft außerhalb der großen Stadt errichtete, wo sich auch Familien mit weniger Geld eine Wohnung leisten konnten (zu denen gehörte meine Familie) und die, die noch immer in den Behelfsheimen wohnten
      Für die ehemalige Dorfschule mit ihren eher altmodischen Strukturen muss der Ansturm der vielen Kinder eine rechte Herausforderung gewesen sein.
      Und wir spielten in verwilderten Baumschulen und verlassenen Behelfsheimen, die inzwischen alle im Rachen der großen Stadt verschwunden sind.
      Seit 2015 wohne ich wieder in einem Sechzigerjahremietshaus, das auf einer ehemaligen Baumschule steht.

      Gefällt 1 Person

  1. Christiane Mai 29, 2021 / 10:12 am

    Ich erinnere mich an die „Pissnelken des Viertels“ und an die renitente Corona-Etüde. 😁 Wie gut, dass sich der Erzählvogel an den wilden Haufen erinnert hat!
    Wie gut, dass Svenja sich erinnern kann, soll heißen, dass es DD überhaupt in ihrem Leben gab, und alles, wofür er steht.
    Dir danke ich wie immer 😁👍
    Aufhellende Morgenkaffeegrüße 😁🌥️☕🍩👍

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Mai 30, 2021 / 11:24 pm

      Den Morgenkaffee gabs im Garten, wir haben endlich mal wieder dort übernachtet.
      Du bist eine sehr aufmerksame Leserin.
      Wobei natürlich eine Geschichte, in der eine Person auf ihre Kindheit zurückblickt und eine, die in der Coronazeit spielt natürlich kaum von den selben Jugendlichen handeln kann.
      Aber diese besonderen, sensiblen, verletzten und lebensstrotzenden Mädchen (Jungs natürlich auch) gibt es in jeder Generation.

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      • Christiane Mai 31, 2021 / 7:49 am

        Ich bin vielleicht weniger aufmerksam, als du denkst – ich habe normalerweise ein Gedächtnis für Namen, speziell für ungewöhnliche wie Geniferah/Genifehra, die du verschieden geschrieben hattest, und für Zazie. Daher habe ich Zazie in deine Blogsuche geworfen und mal geschaut. Aber natürlich hatte ich sie auch alle beim Erscheinen gelesen und bewundert.
        Komm(t) gut in die neue Woche! Ich war gestern in der Lüneburger Heide, jetzt tun mir die Beine weh … selbst schuld 😉

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        • fundevogelnest Mai 31, 2021 / 9:11 pm

          Ich habe den Namen in Wirklichkeit nie geschrieben gesehen, habe aber mal ein Mädchen getroffen, die so hieß.
          Sie stammte aus Lettland.
          Wenn ich den Namen in eine Suchmaschine füttere , lande ich hier, habe ich eben festgestellt.:)
          Vielleicht schreibt man ihn auch mit J.

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          • Christiane Mai 31, 2021 / 9:15 pm

            Dann lass mich mal ganz blöd nachfragen: Das ist doch eine Jennifer-Variante, oder hörte es sich anders an? Aufgrund deiner Schreibung hatte ich das angenommen 🤔😉

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  2. Myriade Mai 29, 2021 / 12:18 pm

    So eine schöne, sensible Charakterisierung einer erfundenen Person in wenigen Worten. Das schaffst du ja praktisch in jedem Text aber diesen finde ich ganz besonders …

    Gefällt 2 Personen

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