Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

Das Junikind wurde im Regen geboren. In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen, sah ich abgeblühten Kastanienblüten beim zerregnet werden zu. Als das Kind dann endlich da war, gab es unzählige Sträuße Pfingstrosen und aus dem kalten Juni wurde einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken, jedenfalls aus damaliger Sicht. Das neue Jahrtausend hat später neue Maßstäbe gesetzt.

Fast alle Geburtstagskuchenessen der nächsten Jahre konnten im Freien auf einer Picknickdecke zelebriert werden und wenn das Geburtstagskind sich etwas dazu wünschen darf, gibt es bis heute Schichttorte. Wenn das meine Großmutter wüsste, eine Schichttorte für ein Kind.

Willst wohl ins Zuchthaus kommen, mit diesen Worten hatte man sie als Kind klein gemacht, als sie einen Zwieback mit Butter und Marmelade bestrich, dabei kam sie aus wohlbegütertem Hause.

Es waren Prinzipen, von denen sie nie ganz genas.

Der immense Buttergehalt und der Arbeitsaufwand machten die Torte zu dem frivolen Luxus, der nur gesetzteren Herrschaften an runden Geburtstagen gereicht werden durfte – in hauchdünnen Scheibchen

Wiener Schichttorte steht über meinem ererbten Rezept. Beim Recherchieren im Internet, was an der Torte wienerisch sein soll, scheitere ich. Einzig ein Café auf der schleswig-holsteinischen(!) Insel Fehmarn bietet Wiener Schichtorte an, die ist aber unter einem Marzipanüberzug verborgen und sieht dem, was ich zu backen lernte, kein bisschen ähnlich.

Der Teig wird in einzelnen dünnen Schichten gebacken und im Eiltempo mit Marmelde zusammengeklebt.

Mit Argussaugen pflegte meine Großmutter die Schichten zu zählen, zwölf mussten es schon sein, dreizehn oder vierzehn waren besser, wer nur zehn zusammenbrachte, war eine Stümperin.

So kam ich auf die verwegene und wahrscheinlich sündige Idee, alle Zutaten um zwanzig Prozent zu erhöhen. Sie war des Lobes voll und schien mich wider Erwarten nicht durchschaut zu haben.

Eigentlich glaube ich, sie hätte dem einzigen Urenkel, den sie kennenlernen durfte, die Torte gegönnt.


Nellindreams (schon wieder so ein schöner Blogname) spendete die Wörter zur aktuellen Etüdenrunde, die beim Kuchenbacken mit Erzählvogel auf der Schulter Wolken von Erinnerungen weckten, die zu diesen 300 Wörtern komprimiert wurden

Vielen Dank an sie und natürlich an Christiane, dass dieses schöne Spiel immer weitergeht.

Aus Anlass dieser Etüde gibt es heute das erste und vermutlich auch letzte Mal ein Kochrezept im Fundevogelnest, vielleicht vermögen meine Wiener Lesenden das Namensgeheimnis aufzuklären.

Wiener Schichttorte“

Man nehme 375 g Butter und verrühre diese zu Salbe

4 ganze Eier

280 g Zucker (ich nehme immer knapp die Hälfte)

280 g Mehl

eine Prise Salz

der Teig muss eine halbe Stunde lang in eine Richtung gerührt werden (das Rezept stammt aus der Zeit vor Erfindung des Mixers, aber gründlich gerührt werden muss der Teig schon, sonst sabbert beim Backen die Butter raus, habe ich ausprobiert. Warum die Rührrichtung nicht geändert werden darf, bleibt ein ungelöstes Rätsel)

die Schichten werden einzeln auf einem Springformboden bei 200 Grad gebacken (ich nehme zurechtgeschnittenes Backpapier)

und sofort mit zwei verschiedenfarbigen Marmeladen im Wechsel zusammengefügt (klassischerweise Bitterorange und schwarze Johannisbeere, es geht aber alles, was nicht gar zu süß ist)

bei der Zubereitung muss geeilet werden ( oh ja!)

Die fertige Torte wird mit Puderzucker bestreut. So hübsch hat das Junikind sie mir mal angerichtet:

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31 Gedanken zu “Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

  1. Olpo Olponator Juni 13, 2021 / 5:05 am

    Der Name der Torte kommt vermutlich vom ‚Wiener Boden‘ und wurde eingedeutscht, wie auch die Ausführung dem etwas anderen Geschmacksempfinden deutscher Gaumen angepaßt wurde. Selbiger ist ein feineres Biscuit verwendet als jenes für Biscuitroulade und wird genau so hergestellt, wie in der Anleitung beschrieben. Eine Springform zu verwenden hat den Vorteil, daß die Ränder gerade sind und die Torte rund wird, wie Torten nunmal zu sein haben. Zudem klebt die unterste Schicht am Tortenblech ein wenig fest, was wiederum das Schneiden der möglichst dünnen Schichten erleichtert – das kann man nach Erfahrung mit mehr oder weniger Fett/Mehlanteil mit der Schmiere steuern, mit der die Form vor der Zugabe des Teiges ausgepinselt wird (klassischerweise natürlich mit einem Bündel Gänsefedern). Die Wahl der Marmeladen im Rezept ist alles andere als typisch wienerisch – hierzulande kennt man Bitterorange erst seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg in der Küche – die böhmischen Köchinnen, welche vermutlich auch diese Feinheit aus dem monarchistischen Österreich zu einer ‚Wiener‘ Spezialität machen halfen, haben bestimmt Marille und als 2. Sorte eher Himbeere oder Ribisel verwendet, obwohl Schwarze Johannisbeere zur vermuteten Entstehungszeit des Rezeptes nicht unbekannt war. Aber selten. Vorstellbar ist natürlich anstelle dieser der Powidl, der oft aber recht dick daherkommt – wahrscheinlich wurde er auch für derartige Zwecke zubereitet; was nicht weiters schwierig war, jedoch mehr Arbeit bedeutete, wenn die Zwetschkenhälften vor dem Kochen nochmals zerkleinert werden mußten.
    Das Biscuit der Tante Poldi wurde von keiner meiner bisherigen Partnerinnen auch nur ansatzweise übertroffen … 😉

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    • fundevogelnest Juni 13, 2021 / 9:25 pm

      Danke Olpo für deine ausführliche Einführung in die böhmische Backkunst.
      Das Backpapier schneideich mir selbstverständlich tortenrund zu, obgleich ich auch mal ein viereckiges Exemplar ausprobiert habe, zwecks sicherem Transport in einer Tupperdose auf einer längeren Zugfahrt.
      Und vom Backpapier kriegst du den spröden Teig sehr viel sicherer heil ab als von so einem Springformboden, den man dann ja auch noch zehn, zwölfmal neu einfetten müsste.

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      • Olpo Olponator Juni 13, 2021 / 9:39 pm

        Gerne – Backpapier war meist zu teuer, die Arbeitskraft kostete nix … 😉 – und es wurde das fertige Biscuit nur einmal gebacken und dann geschnitten, hauchdünn – zumindest vor dem WW2…
        Daß frau die Rührrichtung nicht ständig ändern durfte hatte übrigens den Sinn, daß keine unregelmäßig großen Luftblasen in den Teig eingerührt wurden und das Biscuit gleichmäßig feinporig blieb (und bei der geringen Stärke keine Löcher bekam und dann reißen konnte) – also weder Coriolis noch Geheimnis … ;-). Es war gleichzeitig der Grund für die Eile – die Luft sollte nicht wieder entweichen können, wenn der Teig zu lange herumstand.

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        • fundevogelnest Juni 13, 2021 / 9:46 pm

          Backpapier gibt es glaube ich noch gar nicht lang, als ich Kind war wurden Bleche jedenfalls noch gefettet.
          Wie die Luft in die diversen Teige kommrt habe ich gerade ausführlichst zur Fachpraktikerinnenprüfung meiner Tochter gelernt 😉
          Die Eile in diesem Fall beruht darauf, dass der Teig sofort bröckelt , wenn er abkühlt.

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          • Olpo Olponator Juni 13, 2021 / 10:34 pm

            Ahaaa – gelernt. Der Ausruf am Ende von „bei der Zubereitung muss geeilet werden ( oh ja!)“ bezog sich auf das Auflegen und Tränken des Biscuits und nicht auf das unverzügliche backen. Es ist aber so unrationell wie Palatschinken herzustellen, bäckt man jede Schicht separat (?). Mir ist es ja noch immer schleierhaft, wie Tante Poldi die Schichten mit dem Heiligen Messer abschnitt, das nur sehr selten aus der Lade geholt wurde und hätte ich es nicht selbst gesehen als Kind… und sie war niemals nervös dabei. Vermutlich gab es geheime Ingredienzien wie zB Schmalz oder Feenwünsche, die in Minidosen beigemengt wurden … und natürlich niemals in einem Rezeptbuch vermerkt waren … 😉
            Das Backpapier, welches ich aus der Neuzeit kenne ist braun wie Packpapier. Jenes, das meine Mutter fallweise nahm, war mattweiß durchsichtig, wurde ‚Pergamentpapier‘ genannt und war 2-3 x so stark (und bockig, schlug man es um eine Ecke).

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  2. Christiane Juni 13, 2021 / 10:07 am

    12 Schichten! Meine Hochachtung! Das liest sich wie ziemlich viel Matscherei, wenn irgendwas schief geht, aber vermutlich schmeckt es so oder so köstlich. Kann ja gar nicht anders 😁
    Und sollte der Anlass gerade gegeben sein: herzlichen Glückwunsch unbekannterweise. 🎂
    Danke für Etüde und Rezept und Geschichte! ❤️
    Sonntagmorgenkaffeegrüße 😁🌥️🌼☕🍩👍

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    • fundevogelnest Juni 13, 2021 / 9:29 pm

      Ich habe die Torte den Morgen gebacken, wo die Wörter rauskamen – weil mein Sohn halt einen Tag später Geburtstag hatte.
      Und da gingen dann Erinnerungen an den Tag der Geburt, die Wörter und die Torte alle mitsammen unter den Mixer 🙂
      Ich habe in den letzen schätzungsweise 42 Jahren jedes Jahr zwei bis drei dieser Torten gebacken, es geht mir inzwischen leicht von der Hand.
      Brauche weniger als eine Stunde und bin dann wirklich FERTIG, andere Kuchen stehen dann ja noch im Ofen.

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  3. Myriade Juni 13, 2021 / 12:52 pm

    Ich freue mich hier immer wieder über interessante Wörter. „Salbe“ ist für mich ausschließlich ein pharmazeutisches oder kosmetisches Produkt, Wundsalbe und so …
    In puncto Torten bin ich mit Olpo einverstanden, Bitterorangenmarmelade ist keine klassische böhmisch-wienerische Zutat.
    Was die Ortsbezeichnungen bei Rezepten betrifft, ist das ja ein einziges Chaos: Frankfurter Würschtl heißen sie in Wien, Wiener Würstchen in Frankfurt. Das Wiener Schnitzel heißt anderswo „Mailänder Schnitzel“ und – anderes Fachgebiet 🙂 : Präservative, die hierzulande gelegentlich auch „Pariser“ heißen, werden in Frankreich auch „capotes anglaises“ genannt. Ja nun …
    „In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen,“ – das tut mir sehr leid

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    • geschichtenundmeer Juni 13, 2021 / 5:01 pm

      In Frankfurt gibt es Wiener und Frankfurter Würstchen. Letztere sind etwas dort etwas stärker gewürzt. Leider muss ich (als Frankfurterin) gestehen, dass ich die besten Frankfurter Würstchen meines Lebens in Wien gegessen habe.

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      • Myriade Juni 13, 2021 / 7:59 pm

        Ach tatsächlich, es gibt in Frankfurt beide Namen 😉 Ich bin kein besonderer Würschtl-Fan und verstehe nichts von den Feinheiten, aber das wundert mich doch. In Wien gibt es zwar eine Wurst-Sorte, die „Wiener“ heißt, aber keine Würschtl dieses Namens. Die Würschtl-Welt ist offensichtlich genauso verrückt wie alle anderen 😉

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    • fundevogelnest Juni 13, 2021 / 9:32 pm

      Myriade, Ich habe das Rezept im Original abgeschrieben nur eine Backtemperatur steht eigentlich nicht drin.
      Meine Großmutter war Jahrgang 1909 und sie kannt es angeblich schon als traditionelles Familienrezept, also nicht norddeutscher Dialekt, sondern altertümlich.
      Ich habe bezügluch des Tortennamens inzwischen den Verdacht, dass „Wien“ einfach chic und nach Qualität klang.
      Und die „Geschehnisse“ dauerten zwar, aber dank Kaiserschnitt habe ich am Ende selbst gesund ein gesundes Kind im Arm gehabt.
      Das ist doch ein gutes Ende, nur die verregneten Kastanien die vergess ich nie.

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  4. stachelbeermond Juni 13, 2021 / 4:24 pm

    Torten backen… das war in meiner Kindheit ein gesellschaftliches Muss, und die Ergebnisse waren traumhaft. Schwarzwälder-Kirsch, Eierlikörsahne, Schokoladencreme, Apfelmarzipan, Zitronenschichttorte… hmmm… 😊

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  5. Katharina Juni 13, 2021 / 6:27 pm

    Für mich gehört Torte einfach zum Geburtstag dazu (nicht selbst machen. Dazu bin ich zu faul. 😅). Eine Wiener Schichttorte habe ich aber noch nie gegessen.

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    • fundevogelnest Juni 13, 2021 / 9:41 pm

      Ich selbst mag am eigentlich liebsten Marmorkuchen.;)
      Und für die richtig sensationellen Torten ist hier der Große Fundevogel zuständig.
      Auf so Sahne Buttercremegematsche habe ich gar keine Lust

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  6. nellindreams Juni 13, 2021 / 10:46 pm

    Oh, hier habe ich jetzt aber eine Menge gelernt beim Lesen (abgesehen vom Rezept)! Meine Schwiegermutter hat eine Schichttorte gebacken, ebenfalls aus 12 dünnen Biskuitschichten, aber mit Creme gefüllt. Vermutlich dann eher die Baumkuchenvariante. Das war ihre Spezialität, mit aber immer viel zu schwer…
    Interessant, die böhmisch-österreichisch-habsburgischen Hintergründe zu erfahren! Bloggen bildet, wie ich mal wieder feststelle!
    Danke für die Etüde, das Rezept und schön, dass die Wörter Dich inspiriert haben!

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    • fundevogelnest Juni 15, 2021 / 8:41 pm

      Ja, beimBloggen erfährt man die erstaunlichsten Dinge, darin liegt für mich eine der großen Verführungen dieser Art zu schreiben.
      Der oben beschriebene Kuchen ist wirklich nur in dünnen Scheiben genießbar.
      Buttercreme wäre allerdings noch eine Nummer heftiger und ich persönlich mag sie auch nicht besonders.

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