Neunter Neunter

Du hättest gestern etwas zum Welttag des alkoholgeschädigten Kindes schreiben sollen, nölt eine kleine nervige Stimme in mir, die mich dafür qua Blogthema für verpflichtet zu halten scheint.

Nee, da fällt mir gerade aber nix gescheites ein, habe mich schon immer schwer damit getan pünktlich zu irgendwelchen „Welttagen“ etwas auszuspucken. Neunter Neunter als Mahnung neun Monate lang nichts zu trinken, falls wer sich fragt, warum gestern und nicht morgen.

Außerdem war hier auch so genug los. Dass der Kleine Fundevogel seine erste Zahnlücke hat, wird erstmal gebührend fotographisch gewürdigt. Dann zockelt der Kleine Richtung Bauspielplatz und die geschätzte Mitimkerin und ich nutzen den schönen Spätsommertag, um Varroamilben zu zählen, jene biestigen kleinen Biester, die imstande sind ein Bienenvolk so auszusaugen, dass es stirbt.

Die Damen Bienen sind nicht entzückt. Denn Varroamilben zählt man so: Man sperre 50g Bienen – wie auch immer, wir erwischen pro Volk nur zwanzig – in einen Becher mit Gitterdeckel. Bestreue diese Bienen dann mit drei Esslöffeln gut gesiebten Puderzuckers, warte drei Minuten und schüttele dann eine Minute lang durch das Gitter den Puderzucker wieder ab. Die geschüttelten und eingezuckerten Bienen überstehen diese Brachialbehandlung erstaunlich gut und werden hernach von ihren Schwestern sauber geschleckt.

Die Milben dagen fallen in den Puderzucker und können dort gezählt werden. Das Ergebnis ist beruhigend.

Weniger beruhigend dann der Anruf der Bauspielplatzbetreuerin: Der Kleine Fundevogel ist mitsamt einem Bauspielplatzkettcar abgehauen.

Warum und wohin auch immer.

Inzwischen weiß ich, dass es angesagt ist, bei einem verschwundenen Kind umgehend die Polizei zu informieren , aber irgendwie komme ich mir dabei komisch vor, finde ihn ja doch immer wieder. Und meine Fähigkeit mich aufzuregen nutzt langsam ab.

Doch dieses Mal hat niemand den bunten Hund hoch zu Kettcar gesehen.

Noch ein Anruf vom Bauspielplatz, er ist gefunden, an einem U-Bahnhof, nicht gerade um die Ecke, ist ohne Fahrkarte, ohne Mundschutz, aber mit Kettcar in die Bahn gestiegen, zweimal umgestiegen, mit dem klar erklärten Ziel in das S-Bahnnetz umzusteigen und nach Hamburg-Poppenbüttel zu fahren, wozu auch immer.

Den fünf Jugendlichen, die hilfsbereit das Kettcar von der einen Bahn in die andere wuchteten, kamen dann doch Zweifel, ob das alles so richtig sei. Die Festnetznummer kann das Vögelchen mittlerweile auswendig, die Handynummer leider noch nicht. Plietsch googeln seine Reisegefährten auf ihren Handys nach der Aufschrift des Kettcars und so kommen aller wieder zusammen. Höchstzufrieden sitzt der Kleine Fundevogel beim Abholen auf seinem Kettcar und daddelt auf einem Smartphone rum, das einer seiner neuen Freunde ihm geliehen hat. Schlechtes Gewisen? Aber woher denn.

Toll wars mit den Fünfen.

Danke, danke, tausendmal danke.

In Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick steht sinngemäß: Überall hört und liest man, dass 99% der Menschen böse seien, wir aber trafen auf unserer Reise nur die Guten.

Ein wenig scheint der Kleine Fundevogel auch das kostbare Talent zu haben, die Guten zu treffen.

Das ist nicht zu gering zu schätzen.

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18 Gedanken zu “Neunter Neunter

  1. Myriade September 10, 2021 / 11:32 am

    Ich finde auch, dass der bei weitem überwiegende Teil der Menschen freundlich und hilfsbereit ist, wenn man sie nicht überfordert. Ein „allein reisendes“ Kind aus einem Zug zu fischen und ausfindig zu machen, wo man es abliefern kann, würden wohl die meisten machen. Das Kind dann vielleicht ein paar Tage bei sich unterzubringen wohl eher nicht ….

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    • fundevogelnest September 10, 2021 / 2:34 pm

      Na, das würde mir gerade noch fehlen. Jemand , der auf dieses „ich bin so ein armes Kind Gefjammer“ reinfällt und ihn in Obhut nimmt…

      Ich erlebe auch viele Menschen als hilfreich und 99 % schlechte Menschen ist natürlich Quatsch, es geht im Zitat ja um einen Jufgendlich, dem immer gepredigt wird, dasss …

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  2. gkazakou September 10, 2021 / 12:21 pm

    Jedenfalls wird er dereinst seinen Enkelkindern was zu erzählen haben: „Als ich ein kleiner Junge war und grad meinen ersten Zahnwechsel hatte, machte ich mich auf den Weg… Da traf ich fünf sehr nette Jugendliche die… Sofort überlegte ich, wohin ich das nächste Mal reisen würde…. Man soll nicht sagen, dassdie Menscheen schllecht sind. Die meisten sind gut. Und dann gibt es ja auch noch einen oder sogar drei Schutzengel“

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  3. fundevogelnest September 10, 2021 / 2:37 pm

    Seinen Enkeln? Gleich heute morgen im Schulbus fing er an zu protzen.
    Ich denke bei ihm immer an die Geschichten von „mit zwölf zu Hause weggelaufen und zur See gegangen“
    Und die Schutzengel dieses Jungen sind eine echt kompetente Truppe!
    Ein Hoch auf sie

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    • gkazakou September 10, 2021 / 3:54 pm

      Und dann erzählt er seinen Enjeln weiter: „zu meinem nächsten Ausflug nahm ich drei Mitschüler mit, weil die es unbedingt wollten und ich nicht gern Spielverderber war. Da war aber hinterher die Hölle los, kann ich euch sagen…..“

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  4. fundevogelnest September 10, 2021 / 8:03 pm

    Irrtum, der nächste Ausflug fand wieder allein statt, heute mit Polizeieinsatz und im Streifenwagen vom Hauptbahnhof nach Hause gefahren werden. Er freut sich schon aufs nächste Mal.

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  5. Olpo Olponator September 11, 2021 / 9:48 am

    Schön, wenn man zu der Geschichte nix anderes tun muß, als sich zu erlauben, ungehemmt zu grinsen. Polizeieskorte mit Sechs ist der Traum jeden Großmaschinenliebhabers.
    Das Zitat von Herrndorf finde ich sehr passend – immerhin beschreibt der doch einen wesensverwandten, ebenso unbefangenen Menschentypus, der in unserer Gleichmacherkultur beinahe verschwunden und für immer weniger Menschen (obrigkeitsverordnungsliebenden Staatsbürgern) vorstellbar ist – was so ganz nicht stimmen kann: Jugendliche mit Hirn gibt es offenbar noch.
    Großartig, die 5 Fundevogelfinder – ich bin ähnlich gebeistert, wie vermutlich auch du gewesen bist … 😉

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    • fundevogelnest September 11, 2021 / 2:49 pm

      Hinterher sind solche Geschichten immer recht cool, beim ersten Mal war er gerade zwei als er barfuß in Windel und pinkem Babybody einen Rasenmäher schiebend von einer Romagroßfamilie eingefangen wurde.
      Kennst du das Buch Tschik? Wenn nicht, vermute ich dass du an den beiden Burschen im geklauten Lada deine Freude hättest.

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      • Olpo Olponator September 11, 2021 / 3:50 pm

        Lustig … früh übt sich … 😉 …
        Wer ein ausgewachsener Globetrotter werden will, beginnt seinen Trott eben schon, wenn er noch eine Stange oder Ähnliches benötigt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. So wars vllt gemeint, als er den Rasenmäher nötigte, mit ihm zu gehen.
        Selbstverfreilich kenne ich den Tschick, wie alle Bücher von Wolfgang Herrndorf. Die Fortsetzung der Erzählung hätte ‚Bilder deiner großen Liebe‘ werden sollen – leider konnte er sie nicht mehr vollenden, der Tumor war schneller. Sie wurde von zwei ihm sehr nahestehenden Menschen, sehr feinfühlig wie mir scheint, vollendet, nachdem er ihnen letzte Anweisungen diktiert hatte. Schreiben konnte er nicht mehr in den letzten Tagen seines viel zu kurzen Autorenlebens. Ich schätze, in einigen Jahren wird ‚Tschick‘ zur entarteten Literatur erklärt werden; unterschwellig wie alles in den letzten beiden Jahren bzw Jahrzehnten, je nach Gesichtsfeld.

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  6. fundevogelnest September 12, 2021 / 12:27 am

    Ich habe mich sonst mit Herrndorf eher schwer getan.
    „Sand“ ist ein faszinierendes Buch, aber Albträume habe ich auch so schon genug und die „Plüschgewitter“ fand ich so dooof, dass ich sie nach ca. 20 Prozent liegen lassen habe.
    Wieso fürchtest du ein Verbot von „Tschik“?

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  7. Olpo Olponator September 13, 2021 / 10:50 am

    ‚Verbot‘ war übertrieben, wie vieles, das von mir in irgendeinen Raum gestellt wird. Ich verbessere auf ‚geächtet‘ – einen Autor allgemein zu einem unbeliebten zu erklären den man nicht liest, ist heutzutage leichter als vor 100 Jahren: im „Tschick“ ist zu viel Anarchie, eigener persönlicher Wille und Aufmüpfigkeit drin – mir ist davon nichts abgegangen, im Gegenteil. Ich befürchtete stets ein ungutes Ende (‚Sand‘ hatte ich schon zuvor gelesen 😉 … und faszinierend ist ein gutes Wort für Inhalt und die miteinander verwobenen und sich überschneidenden Ebenen allemal).

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    • fundevogelnest September 13, 2021 / 7:27 pm

      hier ist Tschik Schullektüre
      und heute habe ich mit einem olympiaverdächtigen Sprint den Kleinen Fundevogel schon am U-Bahnhof eingefangen, 3 min vor Einlaufen der Bahn. Ich mag nicht mehr.

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