Frühstück mit Tante Polly (ABC-Etüde)

Und dann stell ich mir vor, ich träfe mich mit Tante Polly im Café. Zum Frühstück vielleicht, dann sind unsere Jungs in der Schule und wir können kurz nachlassen in unserer Daueraufmerksamkeit, die Sorgen ein Käffchen lang in die Handtaschen stecken. Wir sollten unsere kostbare Freizeit nicht nur mit Putzen und Kochen verbringen. Wir brauchen Zuwendung, um durchhalten zu können.

Polly, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie in ein Café im Jahre 2021 einladen würde? Es ist keine gute Zeit, vielleicht ist es die letzte, aber ehrlich gesagt, Ihre ist mir noch unheimlicher. Die Sklaverei, der Rassismus, mir grauts allein schon beim Vorlesen. Dass Sie einen Sklaven haben, habe ich erst als erwachsene Leserin kapiert.

Wie sollt ich das denn wohl schaffen ohne den Jim, sagt sie, da hätt‘ ich gut reden mit meiner Spülmaschine. Und für Gesellschaftskritik habe sie keine Kraft.

Früher habe ich Sie ausgelacht, Polly, mit Ihrer komischen Haube waren Sie das hartnäckigste Hindernis bei Toms wunderbaren Abenteueren. Wie habe ich gejubelt, wenn er Sie reinlegen konnte.

Heute bin ich die lächerliche Figur, die mit zerzausten Haaren ihrem Kind nachrennt, voller Panik es könnt in ein Auto laufen, während Sie Ihres ertrunken im Schlick des Missisippi wähnen.

Wer sein Kind liebt, der züchigt es, die Bibel gibt Ihnen die Erziehung vor. Genutzt hat die Rute nichts, können Sie selbst nachlesen. Heute sind Schläge verboten wie die Sklaverei. Gottlob. Aber ich kenne den Zorn, der der zu großen Sorge entspringt viel zu gut.

Ihr Familienverhältnisse erscheinen mir lesend immer reichlich ominös. Sie, Tom, Sid, Mary. Wessen Kinder sind das alles? Haben die auch Väter?

Sie sind irgendwie eine ältliche, überforderte, alleinerziehende Pflegemutter.

Wie ich.

Möchten Sie das hier probieren? Man nennt es Schokocroissant.

Tut gut, nicht wahr?

Wir haben die verflixten Jungs doch lieb.

Gibt es hier welche, die Tom Sawyer nicht gelesen haben?

Wenn ja, empfehle ich diesen Zustand bald zu beenden. Es ist und bleibt ein bezauberndes Buch.

Und ein schwieriges Buch, gerade zum Vorlesen, zu stark ist es durchdrungen von den – akzeptierten- Realitäten der Sklaverei.

Wenn man „Jim Knopf“ von Michael Ende vorliest, kann man einfach beim Vorlesen die permanente Betonung , dass Jim Knopf Schwarz ist einfach weglassen, bei den anderen Protagonisten steht ja auch nicht in jedem dritten Satz, dass sie weiß sind. Einmal reicht diese Information wirklich und darüber hinaus ist Jim ja ein ziemlich toller Held.

Bei Mark Twain ist das nicht so simpel. Das Wort mit N , von dem Kinder wissen, dass es beleidigend ist , ist nicht lesend zu eliminieren, wer vorliest, ist gefordert mit den Kindern in die Tiefe der Geschichte zu gehen. Weshalb ich nicht empfehlen würde den Roman als Hörbuch durchlaufen zu lassen.

Und das kann super spannend sein.

Hinterher haben die Kinder vielleicht wirklich verstanden, was an dem Wort so beleidigend ist.

Bin ich eigentlich auch ein Halbblut? fragte mein großer Sohn, als ich ihm das Buch vorlas. Mark Twain hätte das bejaht und sich vielleicht dem Großen gegenüber ein wenig geschämt, denn die Grausamkeit des Indianer-Joe erklärt sich bei ihm in erster Linie durch dessen indianischen Elternteil.

Trotzdem mochte der Große das Buch.

Das Leben ist nicht immer leicht zu erklären.

Warum ich plötzlich Lust bekam mit Tante Polly zu frühstücken, weiß ich auch nicht genau, aber ich ließ meine andere mittlerweile etwas verhedderte Etüdenidee fahren und lief los und reservierte ihr einen Tisch.

Danke Christiane, dass du uns die Etüdenstühle hingestellt hast und danke Ludwig Zeidler, dem geheimnisumwitterten Etüdenerfinder, für die coolen Wörte Schlick, ominös und putzen.

Wie andere die in dreihundert Worten untergebracht haben, lesen Sie wie immer bei Christiane.

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20 Gedanken zu “Frühstück mit Tante Polly (ABC-Etüde)

  1. Christiane September 15, 2021 / 12:56 pm

    Du bringst mir das Buch (und damit Tante Polly) auf eine ganz neue Art nahe. Klar, ich habe es zum letzten Mal als Kind, maximal Jugendliche gelesen, und wie du war ich da auf der Seite von Tom und Huck und Tante Polly war eher eine lächerliche Figur …
    Hab gerade mal geschaut, ob ich meine alte Ausgabe durch die Jahre mitgeschleppt habe: ja. Nun denn, dann weiß ich, in was ich später reinlesen werde …
    Du kanntest den Etüdenerfinder nicht? Für mich bist du so gefühlt endlos dabei, dass ich mir das gar nicht vorstellen kann. 🤔😉👍
    Mittagskaffeegrüße mit Regen 😁🌧️🌳🌻☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest September 15, 2021 / 9:00 pm

      Und? Kann man doch auch als Erwachsene mit Gewinn lesen, oder ?
      Meine Taschenbuchausgabe von 1974 hält nur noch duch ein Gummiband zusammen 🙂 Und die Fernsehvorabendserie habe ich damals auch geliebt.
      Mit dem Kapiel „Die Katze und der Schmerztöter“ bin ich mal in die nächste Runde eines Schulvorlesewettbewerbs gelangt (und da prompt ausgeschieden)
      Die aktuelle Etüde verdanken wir auch einem gewissen Herrn Olponator und seiner uneingeschrankten Sympathie für des Kleinen Fundevogels Eskapaden.
      So toll die Geschichten sind, für mich sind sie es bestenfalls im Nachhinein und da landete ich bei einer literarischen Leidensgenossin.
      Zu den Etüden bin ich im Sommerintermezzo 2017 gestoßen, „Mein Name sei Mama“ sei Dank. Was aus der wohl geworden ist?

      Gefällt 1 Person

      • Christiane September 15, 2021 / 10:12 pm

        Kann man. Ich falle von einem Déjà-vu ins Nächste. Hattest du 1974 eine modernere Übersetzung? Ich lese und staune. 😉
        Fernsehvorabendserie??? 🤔
        Tja, der Herr Olponator ist Spezialist dafür, eine andere Betrachtungsweise einzubringen – oft unrettbar ehrlich und liebenswürdig entwaffnend 😉, ich habe eure Kommentare ja auch gelesen.
        Ich weiß nicht, was aus ihr (der „Mama“) geworden ist, ich bin ihr auch gefolgt und irgendwann war sie abrupt weg 😟
        Nachtgrüße 😉🥱😴🍷🐈👍

        Gefällt 1 Person

  2. Myriade September 15, 2021 / 1:04 pm

    Eine wunderbare Idee eine literarische Figur und noch dazu eine als wenig sympathisch empfundene „ins Café einzuladen“ !! Was sich da für Möglichkeiten auftun! Da muss ich mich richtig zurückhalten, nicht auch gleich zuzuschlagen.

    Gefällt 4 Personen

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