Septemberseide

Kastaninenglanz und Kürbisgold. Kranichschrei und Wildgansruf.

Nur die Astern schlafen noch in ihren Knospen.

Wenn die Septembersonne scheint, die Hagebutten leuchten und die Spinnweben Juwelen tragen, verwandelt die Luft sich in ein seidenes Tuch, umschmeichelt die Haut, schmiegt sich weich in jede Spalte des Seins. Zu keiner anderen Zeit im Jahreskreis vermag die Luft so liebevoll zu umhüllen. Woran das liegen mag, das wüsste ich gern.

Mancherorts, da duftet sie, die weiche Luft, nach Goldruten duftet sie, nach Astern und leicht schon nach moderndem Laub.

Und nach Äpfeln.

Der Apfelduft trägt mich sanft durch die Zeit , zur Oma, zum Opa, ihrem Haus, das das ganze Jahr nach Äpfeln roch. Denn ein Zimmer gab es da, da war es kühl und da lagen die Äpfel in endlosen Reihen, immer durften die Enkelinnen sich einen „Appel“ holen jederzeit und ohne zu fragen. Umhüllt und geborgen waren wir in diesem Haus.

Vielleicht hat der Apfelduft mich später verführt, an eine Liebe zu glauben, die keine war. Auch wenn es später sehr schmerzte, an die Tage unter sich verschwendenden Apfelbäumen vor so vielen Jahren schon, denke ich noch immer gern zurück.

Wenn ich dereinst diesen Planeten verlassen muss, wünschte ich mir die Luft röche nach Äpfeln.

Irgendwann. Der Tod hat keinen Kalender.

Vor fast drei Jahren genau starb eine, die wir kannten und lieb hatten, mit 16 Jahren an einem weichen Septembertag mit der Katze im Arm.

Die letzten der Hungerstreikenden der letzten Generation haben wieder angefangen Nahrung zu sich zu nehmen, wollen noch nicht sterben auf einem Planeten den sie vor dem Sterben bewahren wollen. Ohne sie zu kennen, atme ich tief auf.

Nur ein oder zwei, die wollen weitermachen bis sie verdorren und mir zieht sich das Herz zusammen.

Soviel Kritik war da über diese Hungernden, soviel beißender Spott und zeigefingerschwenkende politische Belehrsamkeit über jene, denen es so verdammt ernst ist, die dem Blick in die Zukunft standhalten wollten und dann der Wucht irgendetwas entgegensetzen mussten.

Mit dem Hungerstreik haben wir unsere Verzweiflung gezeigt. Über Wochen zu hungern heißt: In den Abgrund blicken. Verletzlichkeit und Gedanken an den Tod zulassen. Das Leid zu ahnen, das die Klimakatastrophe bereithält.

Viel, denke ich, hat die massive Kritik damit zu tun, dass die meisten von uns vor den Abgrund den Vorhang der Geschäftigkeit ziehen. Ziehen müssen.

Ich bin froh, dass diese verletzlichen Menschen noch sind, sich noch einhüllen lassen können von der seidenden Luft, zu den Kräften kommen, die wir alle so dringend brauchen.

Die Welt wäre ärmer ohne euch.

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4 Gedanken zu “Septemberseide

  1. Myriade September 24, 2021 / 10:42 pm

    Atmosphäre, die mit Gerüchen zu tun hat, mag ich sehr gerne. Die Äpfel duften bis nach Wien und die Erinnerungen wabern am Horizont …..

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