Ein Todesfall (ABC-Etüde)

Den Laden aufschließen, die Kasse öffnen, jeder Handgriff eingesponnen in den Kokon der Traurigkeit.

Was hast du?, fragt Marieke, die liebste Kollegin. Ach, schlecht geschlafen, Kopfschmerzen, einen Kaffee, dann ists besser. Wir öffnen gleich. Ich kann mich nicht verkrümeln. Ich werde ihr nicht von Micha erzählen, Marieke wird überhaupt nie erfahren, dass ich einen Bruder gehabt habe. Auf den spärlichen Fotos sieht sein Gesicht inzwischen aus wie ausgeliehen. Beim Zurechtrücken der Auslagen stelle ich mir vor in Mariekes Armen zu weinen. Es täte unendlich gut. Anständig wäre es nicht.

Die erste Kundin kommt, möchte ein Buch über eine bestimmte hochdramatische Prophezeiung zur fragilen Zukunft der Menschheit, erinnert jedoch weder den Namen des Propheten noch den Inhalt des Prophezeiten. Ich bin in der Filiale die heimliche Spezialistin für komplizierte Fälle, heute brandet der Monolog der Kundin durch Nebel, ich denke an Michas spöttisches Gesicht, an unser gemeinsames Lachen, wenn ich von ihr erzählen werde.

Nimmermehr.

Ich meine, wenn die Prophezeiungen alle nur ausgedacht wären, dann wären sie doch nicht so schrecklich, oder?

Du hast vom Ausdenken keine Ahnung!, denke ich. Verbindlich lächelnde verkaufe ich ihr etwas über den Mühlhiasl, der hat sich bei solcher Kundschaft bewährt.

Bin dankbar später hinter den Kulissen zu tun zu haben.

Ich wusste, dass er tot ist, plötzlich wusste ich es, bevor die Nachricht mich erreichte, mit dem Entwirren der dubiosen Umstände bin ich noch immer beschäftigt.

Dass er fern von mir sterben musste, allein, das tut mir so weh.

Ein unsteter Geselle war er immer. Ein Glücksritter, ein Pechvogel, ein Hasardeur. Das Gegenstück seiner biederen Schwester.

Und niemanden habe ich so vertraut wie ihm.

Der Schmerz triff mich mit einer Wucht, die nicht sein kann.

Einer, der ausgedacht ist, kann gar nicht unerwartet sterben.

Doch.

Das Gehirn ist seltsames Ding.

Vermutlich sogar bei Propheten

Werner Kastens mit seinem vielfältigen Blog Mit Worten Gedanken horten stiftete die Wörter der aktuellen Etüdenrunde:

Prophezeiung, anständig und verkrümeln sollten in einem Text beliebigen Genres mit höchstens 300 Wörtern vorkommen.

Was den anderen Schreibenden dazu eingefallen ist, findet sich wie immer bei Christiane der umsichtigen Etüdenpflegerin.

Der Mühlhiasl, auch Waldprophet, lebte im 17. Jahrhundert in Bayern und soll alles mögliche vorausgesagt haben, die Weltkriege, den Klimawandel, den Borkenkäferbefall … Bei Bedarf findet sich reichlich im Netz, für meine Geschichte ist er nicht wichtig.

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15 Gedanken zu “Ein Todesfall (ABC-Etüde)

  1. Christiane September 30, 2021 / 1:06 pm

    Wenn ein Stück von dir stirbt, tut es immer weh. Ich kenn so was Ähnliches … ach was, keine Ahnung, ob es vergleichbar ist, aber es reicht, dass ich glaube, dass ich weiß, wovon du sprichst.
    Danke.
    Mittagskaffeegrüße! 😉

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    • fundevogelnest Oktober 1, 2021 / 7:42 am

      Du hast ja schnell erkannt, dass es hier um eine mir vertraute Geschichte geht…
      Ja, vor ein paar Jahren starb eine Person (schon arg verfremdet in diesem Text), die mich im Kopf fast mein ganzes Leben begleitett..
      Und ich hatte nicht den Eindruck Macht über dieses Geschehen zu haben.
      Ich war wirklich traurig.
      Und hätte mir Trost gewünscht.
      Aber ich bin ja nun doch nicht das tragische Fräulein Read On. Ich hatte in der Jugend ähnliche Tendenzen wie sie, ich glaube deshalb traf ihre Geschichte mich so.
      Diese Geschichte ist nun der Versuch „anständig“ über dieses Erlebnis zu schreiben

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      • Christiane Oktober 1, 2021 / 8:23 am

        Ich bin dem Fräulein nie gefolgt. Aber ich bin mit ausgedachten Personen groß geworden, und bis ich bereit war, sie als Aspekte meines Selbst zu akzeptieren, hat es lange gedauert … aus Gründen 😉
        Du hast einfach einen Ton angeschlagen, der mir vertraut war, und ich habe von mir auf andere geschlossen 😁
        Morgenkaffeegrüße 😉🌥️🌳🍃☕🍪👍

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        • fundevogelnest Oktober 1, 2021 / 8:48 am

          „Bis ich bereit war, sie als Aspekte meines Selbst zu akzeptieren“ …hat es auch bei mir gedauert.
          Obwohl es sich doch eigentlich um großen inneren Reichtum handelt.
          Ein Reichtum nebenbei bemerkt, der keinen ökologischen Fußabdruck hinterläßt.

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  2. Wortverdreher September 30, 2021 / 9:13 pm

    Huch, ich stolpere über das ausgedacht. Dabei fand ich die Formulierung mit dem „ausgeliehen“ um den Fotos toll, kriege aber beides nicht übereinander.

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    • fundevogelnest Oktober 1, 2021 / 7:47 am

      Ja, das ist vielleicht ein bisschen unverständlich.
      Es handelte sich in diesem Fall tatsächlich um ein ausgeliehenes Antlitz.
      Den manchmal gibt es Figuren in Büchern oder Filmen, die entwickeln so ein Eigenleben im Kpf, dass sie nacher kaum noch etwas mit dem Original zu tun haben.
      Aber ja, bei manchen alten Fotos von geliebten Menschen oder auch mir selbst gibt es dieses Phänomen auch.

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  3. Werner Kastens September 30, 2021 / 11:22 pm

    Einer der ausgedacht ist,kann gar nicht sterben: das ist für mich die zentrale Aussage. Aber stimmt das wirklich? Pinocchio lebt weiter, aber wie ist es mit meinen Träumen und Bildern, die ich als Kind gehabt habe? Viele sind gestorben, manchen hänge ich immer noch nach: Prinz Eisenherz sein z.B..

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    • fundevogelnest Oktober 1, 2021 / 8:04 am

      Es sterben natürlich bücher-und filmeweise ausgedachte Personen, allein die Sterberate in den Etüden ist beachtlich.
      Und manchen Autoren und Autorinnen kann ich regelrecht böse sein, wenn sie einen geliebten Charakter einfach entsorgen.
      Nur tun sie das?
      Oder geschieht es? Trauern sie selbst um ihre Figuren? Schokiert ihr Tod sie selbst?
      Geschichten entwickeln manchmal ein erstaunliches, überwätigendes Eigenleben.
      Manchmal finde ich das wunderbar, manchmal gruselig.
      Pinnocchio fand ich auch gruselig, aber Prinz Eisenherz! Allein die Nennung des Namens katapultiert mich in die Mansardenwohnung meiner Großtante, die Erwachsenen redent , meine Schwester und ich sitzend vor dem Bücherregal, vetieft in die grünen Bücher auf unseren Knien, auch aus diesen Büchern hab ich mir manches ausgeliehen.

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  4. fundevogelnest Oktober 1, 2021 / 7:49 am

    Was jetzt?
    Sich mit einer Meute zusätzlicher Personen umgeben? Ein nicht ganz risikoloses Hobby, siehe das tragische Fräulein, das mich noch immer nicht ganz losgelassen hat.

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  5. gkazakou Oktober 1, 2021 / 9:54 am

    Über das tragische Fräulein sprachen gestern mein Sohn und ich spazierengehend. Es war die Art, wie sie medial zu Tode gehetzt wurde, die uns schockierte. – Zum Tod „ausgedachter“ Personen: ich bringe es nicht fertig, auch nur eine davon sterben zu lassen. Das führte dazu, dass ich meinen Roman nicht beenden konnte. – Ich verstehe nicht, wie Menschen Vergnügen zB an Filmen haben können, wo ausgedachte Menschen gleich reihenweise sterben.

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  6. fundevogelnest Oktober 4, 2021 / 10:23 am

    Liebe Gerda,
    hätte es denn kein Romanende geben können, dass alle überleben?
    Drama ist ja nun nicht nur der Tod.

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