Unterwegs

Auf dem Weg zum Bahnhof hoffe ich inständig, keiner möge gegen mich stoßen, ich könnte zerbrechen, bin heute aus Glas, ungeachtet des schweren Rucksacks, den ich mit mir schleppe.

Das Hilfeplangespräch, jene ach so wichtige Zusammenkunft aller am Hilfesystem eines Kindes Beteiligten, war so oft verschoben worden, da sollte es doch meinetwegen zwei Stunden vor Urlaubsantritt über die Bühne gehen, was man hat, das hat man und einiges zu klären gibt es auch, wenn ein Kindchen es schafft, im Schnitt einmal die Woche von der Polizei gesucht und zum Glück auch gefunden zu werden.

Den von selbiger Polizei gewüschten GPS-Tracker hatte ich mir bereits telefonisch absegnen lassen. Die einzige Person, der es schlaflose Nächte zu bereiten scheint, einem Kind einen Peilsender anzuhängen, der eigentlich dafür gedacht ist, verschusselte Schlüssel und gestohlene Fahrräder wiedezufinden, ist die Frau Fundevogel selbst, und zwar nicht, weil sie nun nach jahrelanger Bockigkeit doch die Zusammenarbeit mit einem Smartphone lernen muss. Es lacht den ganzen Tag über sie, wenn sie telefonieren will und nicht findet wo die Nummer eingegeben werden muss oder sie elf identische Fotos einer Schnecke macht, weil sie den Finger nicht vom Auslöser nimmt .

Am Weglaufen an sich hindert technischer Schnickschnack das Kind natürlich nicht, man weiß nur an welchen Bahnhof man die Polizei schicken muss. Der Hauptbetroffene findet das Teil übrigens irre interessant und da gefunden werden und heimkommen offensichtlich ein wichtiger Bestandteil des Spieles ist, muss das auch nicht weg.

Dass das Jugendamt dieses Spiel nicht so witzig findet kann ich verstehen und um Hilfe habe ich selbst gebeten, aber ist das ein Grund gleich Prognosen für die nächsten Jahre zu machen und das ganze Zusammenleben in Frage zu stellen?

Gepriesen sei der Tag an dem ein Gericht mir das Sorgerecht zusprach. Das passiert so schnell nichts gegen meinen Willen, aber die fragil gewordene Welt ist noch fragiler geworden.

Ich wünsche mir intensiv festen Boden unter den Füßen.

Prompt haben wir ein paar Stunden später zuviel festen Boden unter den Füßen. Am Lübecker Hauptbahnhof ist der Fahrstuhl kaputt, meine Herzensfreundin und ihr elektischer Rollstuhl können nicht zum nächsten Zuge kommen.

Die Männer der Sicherheitswache sehen kräftig aus, nett sind sie auch, Rollstühle schleppen ist ihnen aber aus Haftungsgründen verboten.

Die Bahnbeamtin ist die Hilfsbereitschaft in Person, der Zug, zu dem wir wollten, fährt zwar ohne uns davon, aber den nächsten leiten sie uns auf das Gleis, auf dem wir festsitzen, um. Statt des Besuchs im Café unserer Freundinnen gibt es Pizza, Eis und Kaffee am Gleis. Eine Form der Urlaubsgestaltung, die den Kleinen Fundevogel begeistert. Er mampft mit vollen Backen und fotographiert mit dem neuen Telefon jeden ein-und ausfahrenden Zug.

Irgendwann kommen wir dann doch an, es nieselt, aber die Luft ist einfach wunderbar, Stille, fein unspektakuläre Tage sind es, unser Drachen fliegt davon, wird aber an der endgültigen Abreise gehindert, der Kleine Fundevogel gräbt im Sand, probiert die zahlreichen Spielplätze aus, springt Trampolin, brettert mit dem gemieteten Kettcar über die Promenade und schibet unermüdlich den Rollstuhl, wenn der Akku schlappmacht. Abends schlägt er uns begeistert beim Kinder-Monopoly.

Wir lassen jeden touristischen Ehrgeiz fahren, schlafen lang, frühstücken länger, lassen das Kind hüpfen soweit die Urlaubskasse reicht und loten aus, wie es kommt, dass hier zwei sitzen, die sich für stabil hielten und nun zerbrechlich wie gläserne Elefanten sind. Die Lebenssituationen unterscheiden sich sehr, ihre gewiss die belastendere, schicksalhafter als mein selbst gewählter – mache sagen auch eingebrockter – Weg, aber unsere Gefühle, die erkennen einander wie zwei alternde Elefanten.

Die Verantwortung und mehr noch die Liebe haben uns an Orte gesetzt, die wir uns nie ausgesucht hätten und dennoch sind diese Orte gerade die einzigen, an denen wir stehen können, um die Liebe zu denen, für die wir verantwortlich sind aushalten zu können. Und sich immer wieder vergewissern, dass die Liebe nicht verschütt geht unter einer Verantwortung, die mit gläsernen Schultern nur unzureichend auszubalancieren ist.

Unsere Worte rollen hin und her, von der einen Verantwortung zu der anderen, beschwören die Liebe und bedauern, dass so vieles darüber zurückzubleiben scheint am Wegesrand, dass das woanders hinsehen etwas wird, das man sich vornehmen muss.

Was waren das für Zeiten, zu denen uns fast alles interessierte und wir uns für die seltsamsten und dem Wegesrand schon sehr fernen Dinge leidenschaftlich ins Zeug legen konnten.

Lachend oft.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe, schrieb Erich Fried.

Und weil es ist, wie es ist, ist die Zeit kostbar und kurz am Ostseestrand.

Schon ziehe ich die drei Betten wieder ab, meine Reisegefährten statten währenddessen dem Trampolin den Abschiedsbesuch ab. Wo bleiben sie nur? Ach, ich schau mal auf den Tracker. Wie? Mitten in der Ostsee? Misstraue zum Glück dem Smartphone mehr als dem Schicksal und weiß nun, hölzerne Seebrücken erkennt GPS nicht.

Abreisend schaffen wir die Caféfreundin endlich zu treffen, sie begleitet uns zur Bahn und wir werfen einander die Geschicke unserer insgesamt sechs erwachsenen Kinder wie Bälle zu..

Die Freundin muss eilen, viel fordert das Café auch an freien Tagen, und wir dürfen unseren Zug nicht verpassen, denn der Fahrstuhl ist noch immer defekt und zwei Züge werden umgeleitet für uns.

Das gehört sich so, sagt der Schaffner.

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18 Gedanken zu “Unterwegs

  1. Myriade Oktober 13, 2021 / 11:27 am

    Deine Bilder sind wie immer so, dass man sich eine ganze Welt dahinter vorstellen kann. „die erkennen einander wie zwei alternde Elefanten.“ toll !

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Oktober 13, 2021 / 9:42 pm

      Wenn du einmal zwei alternde Glaselefanten an einer Strandpromenade triffst, der eine einen Capucchino im Rüssel, der andere einen Milchkaffee,sprich sie ruhig an, es könnte sich um Bekannte handeln.
      Kennst du das Lied „Elefant für dich“, von Judith Holofernes? Es war unser Sound der Tage, „Komm steig‘ auf, ich trage dich. Ich werde riesengroß für dich, ein Elefant für dich.“

      Gefällt 2 Personen

      • Myriade Oktober 14, 2021 / 12:04 am

        Glaselefanten spreche ich fast immer an und an Strandpromenaden ganz bestimmt 😉 Nein, das Lied kenne ich nicht, aber ich werde es mir anhören. Hoffentlich war es ein erholsamer Urlaub und der Strand klingt noch nach !

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  2. Myriade Oktober 14, 2021 / 12:06 am

    Übrigens gibt es ja auch gehärtetes Spezialglas, das hat dann alle Vorteile von Glas ohne seine Nachteile 😉

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      • Olpo Olponator Oktober 17, 2021 / 9:47 am

        Ja. Und ich wünsche dir, daß der Bahnhofsfahrer nicht so schnell die Landungsbrücken als lohnenswertes Reiseziel entdeckt. Obwohl: zeigt die NSA-App seinen Standort inmitten der Elbe an, wird er wahrscheinlich zur Traglufthalle des ‚König der Löwen‘ unterwegs sein; da wäre er dann leichter zu finden, als zB auf der Reeperbahn. Neue Variante: ‚Unterwegs mit der Wasserschutzpolizei…‘ Ich unterdrücke ein Grinszeichen.

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  3. fundevogelnest Oktober 17, 2021 / 11:39 pm

    Grins ruhig, wenn man sich nicht die Sorgen macht und nicht die Anzeigen der Polizei wegen Kindswohlgefährdung entgegen nehmen muss, ist es in der Tat ganz unterhaltsam.
    Mmh, NSA-App trifft mein Gefühl dazu schon ganz gut.
    Auch so etwas wo man einst geschworen hätte NIEMALS …

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