Flötentöne (ABC-Etüde)

Blockflötenfiepser dringen aus dem Erdgeschoss und ich breche in Tränen aus. Furchtbar wie nah ich zurzeit am Wasser gebaut bin.

Komm, so schlimm flötet sie nun auch wieder nicht, Stefan lacht liebevoll und ich verkrieche mich in seine Umarmung.

Gabriela hatte auch eine Blockflöte, erinnerst du dich?

Ich denke auch noch oft an sie, sagt er schluckend und streichelt meinen runden Bauch.

Ich denke an unsere quasi erste Begegnung, verloren im Wohnzimmer eines Pfarrhauses voller edler Biedermeier- Möbel.Stefan war damals optisch noch der Antifa, der er im immer Herzen geblieben ist, und ich sprach vor Aufregung piepsig wie eine Sechsjährige.

Unserer Unzulänglichkeit zum Trotz stimmte der alte Pfarrer zu, der schwangeren, von Abschiebung in den Kosovo bedrohten Savina und der fünfjährigen Gabriela Kirchenasyl zu gewähren.

Für Savina muss die Zeit grauenhaft gewesen sein, ihr Mann war verschollen, das Zimmerchen neben der Sakristei winzig. Sie verstand kaum deutsch und lernte nur wenig dazu..

Ich war beschämend glücklich, mit Stefan, mit der bezaubernden Gabriela, die ich mein Patenkind nannte und dem Gefühl ungemein nützlich zu sein. Ich organisierte Kinderschuhe, einen Kitaplatz und einen Anwalt. Elisabeth – dankbar nach der Kirche benannt – kam undercover in einem katholischen Krankenhaus zur Welt und sie hielt ich wirklich über das Taufbecken.

Endlich dann die Duldung, eine Wohnunterkunft, Gabrielas Einschulung, Elisabeths erste Schritte.

Dann das Ende, die Abschiebung, niederträchtig im Morgengrauen, das brüllende Baby, Savinas Wimmern, Gabriela schrie meinen Namen, aber die Polizisten ließen mich nicht durch. Stolz behauptete der Innensenator den Widerspenstigen die Flötentöne beibringen zu können. Dieser Tage wird er zum Bundeskanzler gewählt werden.

Bald war Savinas Handy nicht mehr erreichbar, ich fiel in ein tiefes Loch. Nun träume ich nachts von einem Baby, das vergebens die Ärmchen nach mir ausstreckt.

Leergeweint liege ich in Stefans Armen, das Baby zappelt sanft in meinem Bauch.

Die drei Pflichtwörter (Biedermeier, niederträchtig, flöten) für diese ABC-Etüde spendete Frau Puzzleblume, deren Blog mir schon so manches Mal das Bestimmungsbuch ersetzt hat. Oranges Habichtskraut – wie habe ich nach dem Namen dieser Pflanze gesucht. Vielen Dank noch mal.

Vor über zwanzig Jahren habe ich eine Familie im Kirchenasyl begleitet, es war eine intensive Zeit, in der ich mir wirklich sehr nützlich vorkam, sonst war alles anders und sie konnten sich der Abschiebung entziehen,eine gemeinsame Sprache und der Kontakt sind verloren gegangen.

Olaf Scholz hat das mit den Flötentönen so nicht wörtlich gesagt, aber sich als harten Hund gepriesen, der das Gesetz durchpeitscht komme was da wolle, das hat er als Innensenator und später als Bürgermeister schon.

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24 Gedanken zu “Flötentöne (ABC-Etüde)

  1. Elke H. Speidel Oktober 24, 2021 / 5:41 am

    Aua. Und ich dachte, etwas weniger verloren zu haben, wenn unser Ministerpräsident nicht zum Bundeskanzler wird. Grrr. Danke für die berührende Geschichte! Dieses Unmenschlichsein zu Menschen, die das Verbrechen begangen haben, im falschen Land geboren zu werden, entsetzt mich immer wieder.

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    • fundevogelnest Oktober 24, 2021 / 10:54 pm

      Ja, mich entsetzt das auch, denn die Staatsangehörigkeit ist doch fast immer ein rein zufälliges Geschick. Ich habe für meine zumindest nichts getan
      Oft treffen Abschiebungen junge Menschen, die noch nie in dem Land gelebt haben, in das sie verfrachtet werden.Hier wurde die Einbürgerung einer jungen Frau, einer sehr guten Schülerin nebenbei, verhindert, die das Verbrechen begangen hatte, im Alter von wenigen Wochen illegal eingereist zu sein.
      Olaf Scholz hat es m.E. schon immer trefflich verstanden seine Skandale vergessen zu lassen.
      Wobei ich jetzt mir der Konkurenz aus NRW auch nicht glücklich gewesen wäre.

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      • Elke H. Speidel Oktober 25, 2021 / 5:30 am

        Ich habe meine Staatsangehörigkeit sehr wohl gewählt, beantragt und genehmigt bekommen. Desto weniger Verständnis habe ich dafür, dass Menschen schuldlos abgelehnt und verjagt werden. Sowas macht mich jedesmal fertig, wenn ich davon erfahre.

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        • fundevogelnest Oktober 25, 2021 / 6:22 pm

          Ich finde eine Einbürgerung von Menschen, die lang hier leben undkeine Straftaten begehen auch selbstverständlich (und eine als Baby begangene „Straftat“kann ja wohl kaum zählen…)

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  2. Christiane Oktober 24, 2021 / 9:28 am

    Ich hatte den Herrn erst seit dem Gipfel wirklich auf dem Schirm und traue ihm keinen Meter. Da der Fisch vom Kopf her zu stinken beginnt, wie das Sprichwort sagt …
    Sehr berührende Geschichte. Ist gerade die Zeit dafür, danke, dass du die Etüden dafür wählst. 🧡
    Hab(t) einen hellen Sonntag und kommt gut in die neue Woche!
    Morgenkaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

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    • fundevogelnest Oktober 24, 2021 / 11:20 pm

      Wohntest du zu Zeiten des „Brechmittelsenators“ noch nicht in HH?
      Damals setzte er durch, dass Kleindealern, die verdächtig waren ihre Ware geschluckt zu haben Brechmittel verabreict wurden, um das Beweismittel zu bekommen, das nach ein paar Tagen Inhaftierung auch so wieder aufgetaucht wäre. Achidi John- nach dem der Platz an der roten Flora heißt – hat diese Tortour nicht überlebt.
      Rücktritt wegen so etwas? Wegen der völlig entgleisten Sicherheitspolitik beim G8 Gipfel? Wegen Wire Card?

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      • Christiane Oktober 25, 2021 / 8:03 am

        Doch. Längst. Und ich habe mich deswegen aufgeregt. Nur habe/hatte ich mir den Namen des Herrn Innensenators dazu nicht gemerkt. Bei deiner Aufzählung fehlt Cum-Ex/Warburg und die Tatsache, dass da sein Buddy Tschentscher auch mit drinhing (als Finanzsenator).
        Es ist aus der Mode gekommen, dass Verantwortliche zurücktreten. Warum auch, es ändert sich dadurch ja nichts Wesentliches, und DAS sollte uns zu denken geben.

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    • fundevogelnest Oktober 24, 2021 / 11:22 pm

      Aber dass Abschiebungen bevorzugt im Morgengrauen stattfinden ist bekannt, oder?
      Dass Roma aus Osteuropa trotz der rassistischen Verhältnisse dort keinerlei Anspruch auf Asyl haben auch?

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    • fundevogelnest Oktober 24, 2021 / 11:24 pm

      Danke.
      Ich bin froh, dass wir „unseren Mädchen“, fünf waren es, die brutale Abschiebung zwischen Mitternacht und Morgengrauen ersparen können. Sie leben heute legal in Frankreich.

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      • puzzleblume Oktober 25, 2021 / 8:22 am

        Das ist absolut erfreulich. Sogar in unserem abgelegenen Landkreis, in dem man meinen sollte, für alle Zuzüge von jüngeren Menschen und Familien dankbar sein zu können, hat es solche Nacht- und Nebelaktionen gegeben; da wurden Familien aus allem herausgerissen, die seit 8 Jahren hier auf dem Lande vollkommen in die Dorfgemeinschaften integriert gelebt haben, mit Kindern, die fast alle hier geboren waren.

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  3. fundevogelnest Oktober 24, 2021 / 11:26 pm

    Solche Abschiebungen sindAlltag in Deutschland, da stehen viele Biedermänner – und frauen hinter, weil sie sonst nicht mehr gewählt würden.

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  4. Werner Kastens Oktober 26, 2021 / 11:52 am

    Die Zahl der Ehrenamtlichen, die Asylanten und Geflüchteten helfen ist zwar immer noch sehr viel größer als die Zahl der Biedermeier. Dafür haben letztere die Paragraphen hinter sich, stumpfen ab und errichten – ähnlich wie die Arbeitsverwaltung – Call-Center um sich herum als quasi unüberwindbare Mauern auf. Bei uns in der Wetterau dauert es z.B. mehr als eine Woche Versuche, um mit der Ausländerbehörde überhaupt telefonisch in Kontakt zu kommen. Und dann die lapidare Mitteilung: der zuständige Sachbearbeiter ist gerade in Urlaub.

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    • fundevogelnest Oktober 26, 2021 / 8:43 pm

      Das klingt nach viel Erfahrung, meine Anerkennung dafür sei dir gewissIch habe seit der erwähnten Zeit mich nicht mehr direkt engagiert, es war keine bewusste Entscheidung eher wie das Leben halt so kam.

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