Vom Bereuen und vom Nicht-Bereuen

Ich bereue manches in meinem Leben.

Manchmal nur eine Nacht lang den Kaffee und die Schokolade zur späten Stunde, die dann meinen Schlaf rauben.

Ich bereue ziemlich bei der Wahl des Verlags für mein Buch vor lauter Geschmeicheltsein unkritisch geworden zu sein.

Immer wieder reut mich viel zu leichtfertigen Konsum von Dingen, die ich diesem belasteten Planeten ersparen könnte.

Tiefer bereue ich Dinge, die ich unbedacht getan oder gesagt habe und noch viel, viel mehr dringende Worte, die ich zur rechten Zeit nicht gesagt habe, weil mir der Mut fehlte oder häufiger noch, ich so von den Geschehnissen um mich herum so überrollt wurde, dass mir erst viel zu spät klar wurde, was mir oder jemandem neben mir hier gerade angetan wird, wenn ein Kreis aufgeregter Menschen sich auf eine oder einen einschießt, wenn unterschwellige Beleidigungen fallen, Menschen klein und unfähig geredet werden, Rassismus durchschimmert oder sehr viel häufiger noch Ableismus (ein Wort, das viele nicht einmal kennen – es bedeutet die dem Rassismus vergleichbare Abwertung von Behinderten).

Wie oft war ich ein stiller, planloser Teil der Horde und habe das erst zu spät gemerkt, habe meiner Wahrnehmung zum entscheidenden Zeitpunkt nicht misstraut.

Einmal, da hatte ich den Mut etwas anzusprechen, etwas das, eine im Beruf immer wieder getan hat und das in den Bereich des Strafbaren ging und alle, die mit am Tisch saßen, die fast alle über dieses auch schon geklagt hatten, taten. als hätten sie keine Ahnung, von was ich da eigentlich faselte. Bis ich meiner Wahrnehmung selbst kaum noch traute.

Das habe ich dann irgendwie auch bereut, aber anders.

Ich denke an diese Situation manchmal, wenn ich von dem Krankenpfleger Niels Högel lese, der zum Massenmörder wurde, und geklagt wird, dass sein Umfeld ihn viel zu lange deckte.

Da werden viele vieles bereuen, aber vielleicht war der Mechanismus ähnlich wie in der viel harmloseren Geschichte, die ich erlebte.

Der für mich daraus gezogene Schuss: Erlebtes und erzählt bekommenes penibel am besten schriftlich voneinander trennen und bei Bedarf gleich ein Gespräch unter vier Augen an höchster Stelle erbitten, ob ich das eines Tages bereuen werde, musste ich noch nicht ausprobieren.

Aber einen Plan zu haben ist immer gut.

In letzter Zeit nehme ich wahr, was ich mich vorher auch nie so recht getraut habe wahrzunehmen: Erschreckend viele Menschen bereuen erschreckend wenig.

Aber, dass die Frage Bereust du es? (manchmal um ein fast hörbares jetzt endlich ergänzt) zurzeit reichlich inflationär an mich gerichtet wird, hat mit allen meinen oben dagelegten Unzulänglichkeiten wenig zu tun. Sie bezieht sich auf die Aufnahme der Fundevögel,auf die des Kleinen ganz besonders.

Da gibt es nichts zu bereuen. Klar manches hatte ich mir einfacher vorgestellt, manches habe ich mir überhaupt gar nicht vorgestellt. Manches vermisse ich, am meisten vielleicht quasi gar nicht mehr politisch aktiv sein zu können. Ich hoffe sehr, dass ich dafür iegendwann wieder Raum finden werde.

Und vieles ist viel wunderbarer und einzigartiger, als ich es mir je hätte ausmalen können.

Ich bin ziemlich sicher, dass ich es jahrelang bereut hätte, wäre ich dem Ruf des Kleinen Fundevogels, den ich so deutlich gehört hatte, nicht gefolgt.

Dann hätte ich mir vermutlich ewig wehmütig eine rosigere, fluffigere Version dessen ausgemalt, das wir hier leben.

Und mein Leben hätte andere Herausforderungen gehabt,

Nun hat es diese und das ist gut so.

Es ist ja gerade schwer in Mode sich irgendwelchen Challenges zu stellen, die meisten find ich ziemlich künstlich und läppisch obendrein, da nehme ich doch lieber echte Herausforderungen an.

Ein lapidares Leben wollte ich nämlich nie.

PS: Der Herr Laptop, auf dem ich dieses schreibe, scheint mal wieder Festplattenzipperlein zu haben und wird sich morgen in Behandlung begeben. In wieweit der Herr Smartphone, mit dem ich noch immer fremdele, ihn vertreten kann, wird man sehen.

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14 Gedanken zu “Vom Bereuen und vom Nicht-Bereuen

  1. piri November 18, 2021 / 3:50 pm

    Ich bereue auch so manches. Meistens das, was ich nicht getan habe. Denn vieles passiert im Augenblick und den kann man nicht wiederholen.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest November 18, 2021 / 9:50 pm

      So ist es.
      Wahrscheinlich gehören solche verpassten Momente auch zu den Dingen des Lebens, die man akzeptieren muss.
      Und jetzt gerade finde ich , dass in meinem Text die Wut darüber, dass man mir sozusagen nahe legt,, die Annahme meines Kindes zu bereuen gar nicht rüberkommt.
      Das kann ich jetzt bereuen oder noch mal etwas neues schreiben.
      Wie geht es Carsten mittlerweile?

      Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou November 18, 2021 / 6:32 pm

    Ich möchte dir sagen, dass du sehr sehr klug gehandelt hast, als du den kleinen Fundevogel aufgenommen hast. Denn die einzigen Entscheidungen, die ich wirklich bedaure, sind die, wo
    mein Gefühl mir sagte: tu es! und ich mich im Einklang fühlte, dann aber „von des Gedankens Blässe angekränkelt“ zurückschreckte und kniff. Solches Kneifen ruiniert die innere Kraft, die innere Stimme spicht nicht mehr deutlich. Es bleiben Reue, Unsicherheit und Scham. Und es braucht lange, bis die Stimme wieder zu flüstern beginnt und sagt: diesmal aber hörst du auf mich, nicht wahr? Und du dann dankbar weinend sagst: ja, diesmal höre ich auf dich, egal wie schwer zu sein scheint, was mich erwartet. Und schon fühlst du die Kraft zurückkehren.

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    • fundevogelnest November 18, 2021 / 9:55 pm

      Liebe Gerda, das hast du mit schönen Worten auf den Punkt gebracht. So fühlt es sich an.
      Schlecht geht es mir immer, wenn die innere Stimme ihren Kompass nicht findet.

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  3. geschichtenundmeer November 18, 2021 / 7:37 pm

    Ich bereue gerade auch etwas, aber das liegt in meiner Natur: vertrauen, für bare Münze nehmen, von anderen nichts Böses denken wollen. Die Anzeichen waren da, aber ich wollte sie nicht sehen. Tja, das werde ich auch noch überleben. Alles Gute!

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      • fundevogelnest November 19, 2021 / 8:38 am

        Womit man wieder sieht, dass man seine Vorurteile regelmäßig durchwaschen sollte.
        Hier ist es eine Querdenkerin, die mir hier als eine dr treusten die Stange hält.

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  4. Wolfram November 19, 2021 / 9:03 am

    Die Leute, die nachher sagen, „ich hatte dich gewarnt!“ Eine Stufe schlimmer: „das hätte ich dir gleich sagen können!“ Ich habe manches Mal den Preis gezahlt, auch teuer – aber ich bereue nicht, mich auf die Begegnung mit Menschen eingelassen zu haben. Gerade Menschen, die von den Leuten abgestempelt werden, haben mich schon ungemein bereichert.
    Bereut habe ich eher, wenn ich mich auf einen guten Leumund verlassen habe, der sich dann als falsch herausstellte.
    Der Kleine Fundevogel ist einer der großen Edelsteine in Gottes Schatzkästlein, und besondere Edelsteine brauchen eine ganz besondere und einzigartige Fassung. Man kann sie nicht einfach an die Kette legen, sie müssen auf dem Herzen getragen werden.

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  5. fundevogelnest November 19, 2021 / 9:34 pm

    Das sind aber schöne Worte.
    Danke.
    Ich glaube von Roald Dahl stammt der kleine,mickrige Schurke, dessen perfide Schurkigkeit vor allem darin besteht immer „Ich habe es dir ja gesagt“ zu sagen 🙂

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