Vorzeitig

Zeit für Weihnachtsgeschichten

„Und? Was hat er gesagt?“, flüstert Søren, der Elch.

„Er ist dagegen, habe ich euch doch gleich gesagt. Wenn wir erst mit solchen Vorzeitigkeiten anfangen, sagt er, werden die Menschen noch anspruchsvoller und dann zieht es sich bald übers ganze Jahr. Außerdem könnten sich die Eltern dank dieses neumodischen Onlinebestellgedöns auch selbst drum kümmern“.

„Wenn wir es machen, ist es was anderes.“

„Habe ich ihm auch gesagt und da ist er richtiggehend sauer geworden, eben deshalb müsste es auf Heiligabend beschränkt bleiben. Keine vorzeite Bescherung! Sonst wäre es nicht Besonderes mehr.“

„Hat er ja auch irgendwie recht, aber es sind doch besondere Zeiten. Soll ich noch mal mit ihm reden?“, fragt Søren, doch eigentlich haben sie ihren Chef die letzten Jahrhunderte gut genug kennengelernt. Wenn der langmütige Wichtel Ziegenbart nichs bei ihm ausrichten kann, meint er es wirklich ernst.

Grübelnd sehen der Elch und die Wichtel Hinnak und Ziegenbart einander an.

„Außerdem hat er Angst, dass wir krank werden.“

„Wir sind doch keine Menschenwesen.“

„Ja, aber das ist ja was Neues, da weiß man nichts Genaues nicht.“

„Gemeiiiiin“, kreischt es unterm Tisch.

„Pssst! Was machst du denn schon wieder hier? Wir wollen dich hier erst wieder sehen, wenn du die 743 zerbissenen Geschenkverpakungen neu gemacht hast.“

Eine kritzegrüne Zunge schiebt sich frech zwischen zwei gewaltigen Fangzähnen in einem pelzigen Gesicht hervor.

„Kaaaan nich… kaaannnn nur zerbeiiißen“

„Jajaja, Rumpelquietsch, versuch es wenigstens“.

Die kleine pelzige Polarkoboldin fängt an zu schreien: „Gemeiiiiiiiiiiiiiin. Kinder weinen. Mamas weiiiiiiinen….“

Die Dielen der großen Treppe erbeben, der Nordpolarbär kommt ins Zimmer gestapft.

„Mäßige dich Rumpelquietsch, bei deinem Geschrei kann kein Wesen Geschenke einwickeln. Und euch allen soll ich noch einmal vom Chef sagen, redet nicht mehr drüber!

Es gibt wahrhaftig schlimmeres Ungemach auf der Welt. Nur die Verwöhnten dieser Welt zetern mal wieder am lautesten!“

Ohne Antwort abzuwarten poltert der uralte Bär wieder nach unten.

Ziegenbart guckt auf seine Füße, er, der Sanftmütige, hat es noch nie ausgehalten angeschrien zu werden. Alles in ihm bebt, sogar die Seele.

Wer ist es denn, der Jahr für Jahr den Chef zu überreden versucht, die Gaben endlich gerechter in der Welt zu verteilen? Und sich dann anhören muss, dass sie das im klammheimlichen Rahmen seit jeher tun und letztlich steckten sie doch alle am meisten Umsicht und Geschick in die nicht vorgesehenen Geschenke… Mehr sei nun mal nicht möglich ist, aus diesen und jenen und welchen Gründen und er möge bitte die Jahrhunderte alte Tradition bedenken, Teil derer zu sein, doch auch sein Stolz sei.

„Na ja, die Rentieren können vor dem 23. Dezember ohnehin nicht fliegen… war vielleicht wirklich keine gute Idee“, murmelt er, das innere Beben lässt seinen Willen bröseln wie vertrocknete Zimtsterne.

Sanft pustet Søren ihn durch seine Nüstern an. Wärme durchdringt ihn, das Beben ebbt ab.

„Vergiss nicht, Elche sind stark.“

„Und wenn wir wirklich zur Bescherung krank werden? Was macht er dann ohne uns?“

„Guckt mal ich habe uns was gebastelt“

Hinnak, der geschickte Jungwichtel, hält ein Bündel seltsamer Lappen hoch. Die für ihn und Ziegenbart haben ein apartes Zimtsternmuster und sehen ansonsten genauso aus wie die Dinger, die seit bald zwei Jahren in fast allen menschlichen Gesichtern prangen.

Die Sonderanfertigung für Søren erinnert an jene Futterbeutel die früher Droschkengäulen umgehängt wurden und wird mit zwei prachtvollen roten Schleifen an den Elchschaufeln befestigt. Sich selbst übertroffen hat Hinnak mit der leuchtend pinken Fangzahnumhüllung für Rumpelquietschs Exemplar. Blöd nur, dass sie es sofort mitsamt Band auffrisst.

„Dieses Weihnachten wirst du wirklich kielgeholt“, zischt Hinnak, der ihr gerade die letzte FPP2-Fetzen aus dem Fang ziehen kann.

„Aber nicht unter meinem Bauch durch, da warte bitte auf den Fliegenden Schlitten“, lacht Søren freundlich in seinen Beuetel hinein. “Ehrlich Hinnak, Polarkobolde werden NIE krank, die haben viel zu viel Widerspruchsgeist in sich.“

„Aber es hätte sie vielleicht am Kekse klauen gehindert“

Den Rest des Tages wickeln sie Geschenke ein, dass der Weihnachtsmann nicht aus dem Staunen rauskommt. Selbst Rumpelquietsch schafft drei halbwegs ansehnliche Exemplare, dank Ziegenbarts Zuspruch und Hinnaks jüngst entwickeltem Spezialwunderleim für die ganz hartnäckigen Fälle.

Niemanden fällt in der allgemeinen Betriebsamkeit auf, dass der Elch und seine Freunde das ein oder andere ausgewählte Päckchen in einem Sack verschwinden lassen.

„Wintersonnenwende und fast fertig!“, lobt der Chef.

„Wisst ihr was? Ich koche uns einen Punsch und dann gucken wir einen Weihnachtsfilm, so eine Santa Claus-Machwerk, wo man sehen kann, wie die Menschlichen sich unsere Leben vorstellen.“

Großes Hallo in der Crew, solche Filme erfreuen sich außerordentlicher Beliebtheit, kommt wesen doch aus dem Lachen zwei Stunden lang nicht heraus. Kurz nach dem Abendessen drängen sich Rentiere, Wichtel, der alte Esel des Weihnachtsmanns und der Nordpolarbär in der großen Halle.

Vier Mitglieder der Crew allerdings, drei von ihnen maskiert, stehlen sich leis‘ mit einem großen Sack davon.

Nie wird ein menschliches Auge den Sprung wahrnehmen können, den der Elch mit Hilfe von etwas Zauberstaub von Jener in Dieser Welt macht.

Hohläugig guckt die zerzauste Frau über ihren Mundschutz, „darf sie leider nicht einlassen, bin mit den Kindern in Quarantäne“.

„Wissen wir, wissen wir, deshalb kommt die Bescherung ausnahmsweise früher“. Befriedigt lauschen die vier durch die Tür, der erschöpfte Tonfall ist ein freudiger geworden.

„Ich sagte doch, sie sind alle am Ende ihrer Kraft, sie brauchen uns.“, sagt Hinnak, als sich wieder hinter einer Tür zäher Streit in Lachen verwandelt hat.

„Und was werden sie Weihnachten machen?

„Dafür haben sie jetzt wieder eigene Kraft.“

Nach der vorletzten Bescherung passiert es natürlich doch: Rumpelquietsch vertilgt die letzten beiden Lebkuchenpackungen samt Cellophan und Karton und dazu eine Schüssel Katzenfutter, die vor der Türe steht. Prompt ertönt das gefüchtete Grphh und sie fällt ihnen schlafend vor die Füße.

„Ich weiß schon wofür ich ihr einen Mundschutz genäht hatte“, murmelt Hinnak. Sie wissen alle , die nächsten zehn Minuten wird die Polarkoboldin nicht vom Fleck bewegen zu sein.

Ein kleiner Junge kommt barfüßig vor die Tür. Verwundert starrt er den maskierten Elch an.

„Ich habe meine Maske vergessen, aber ich bin auch schon negativ“, sagt er verlegen.

Søren schiebt auch seine zur Seite und bläst sanft auf die nackten Füßchen auf kalten Fliesen.

„Ist gut. Wir verraten es keinem. Aber kannst auch du ein Geheimnis bewahren?“

Der Kleine nickt.

„Wir sind von der Crew, weißt du, vom Weihnachtsmann“

„Klar darum habe ich eben schon neue Schienen für meine Bahn gekriegt, die kann ich so gut gebrauchen, wo ich mich doch so langweile. Ich darf gar nicht raus“

„Das geht vorbei, sicher.“

„Ich kriege bestimmt gleich Ärger, weil ich schon wieder heimlich rausgegangen bin..“

„Wir verraten nichts, aber verrätst auch du dem Weihnachtsmann nicht, dass wir heute schon hier waren? Versprochen? Sonst kriegen wir nämlich Ärger.“

„Versprochen“

In dem Augenblick ist die Polarkoboldverdauung vollbracht. Sie schieben den Kleinen sanft zurück in den Windfang und landen kurz darauf ohne weitere Zwischenfälle wieder in Jener Welt.

Aus der Halle brandet Gelächter und Gesang.

„Søren, meinst du er hat wirklich nichts bemerkt?“

„Sei nicht albern, ein Elch mehr oder weniger fällt immer auf, von einem verfressenen Polarkobold mehr oder weniger gar nicht zu reden, aber wir haben doch seinem Wunsch entsprochen“

???

„Wir haben nicht mehr davon geredet und nun tun tu mal deine affige Maske weg. Die kannst du in drei Tagen auf dem Fliegenden Schlitten tragen.“

„Puuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuunsch“, keischt Rumpelquietsch und schießt an ihnen vorbei in die große Halle des Weihnachtsmannhauses.

ein Stapel CDs von "Pu der Bär"
Das hat eine rettende Weihnachtswichtelin im Nest abgeladen.

Die Weihnachtszeit und die Quarantäne nähren sich dem Ende, wir sind gesund, auch das Riechen klappt wieder wie es sein soll, was mich sehr beruhigt. Geblieben ist die Müdigkeit, die wahrscheinlich mehr mit der Situation als mit dem Virus zu tun hat.

Ungeduldig und reizbar wie eingesperrte Tierchen scharren wir mit den Hufen, bald, bald ist Heilige Nacht, machen wir hoch das Tor und die Türen sperrangelweit. Kommen Sie gut durch die Wintersonnenwendenacht, wenn Sie Ihnen etwas bedeutet.

Falls Sie mehr von der Crew lesen wollen – klicken Sie einfach die Schlagwörter „Weihnachtsgeschichten“ oder „die Crew“ unter dem Text an.

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6 Gedanken zu “Vorzeitig

  1. Christiane Dezember 20, 2021 / 4:51 pm

    Da habt ihr aber Schätze bekommen! Als ich Pu kennenlernte, war ich im falschen Alter, aber Harry Rowohlt kann man als Sprecher einfach nur verehren …
    Ich freue mich über ein Extraabenteuer der Crew, die wieder mal das Unmögliche möglich macht und das Menschliche in den Vordergrund stellt . 🧡🌲🕯️❤️ Großes Hach! Vielen Dank! 🎄🍩🍫
    Frühabendgrüße 😁🌕🕯️🧡👍

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Dezember 21, 2021 / 2:30 pm

      Und stell dir vor, die Ausgabe mit Harry Rowohlt ist vergriffen, unsere Wichtelin erbeutete sie via EBAY.
      Pu war ein treuer Begleiter der Welten meiner Kindheit und daher war es immer das erste „richtige“ Buch , mit dem ich mit dem Vorlesen angefangen habe.
      Nun kennt der Kleine Fundevogel die Geschichten an sich so gut, dass er dauernd beanstandet, dass die CDs nicht richtig sein – und nun weiß er was eine Übersetzung ist.

      Gefällt 1 Person

      • Christiane Dezember 21, 2021 / 2:39 pm

        Dass Harry Rowohlt vergriffen ist, habe ich auch schon mal festgestellt, als ich ihn haben wollte, ich habe ihn mir allerdings über die Bücherhallen ausleihen und aufnehmen können. Besser als nix. 😁
        Stimmt, man gewöhnt sich extrem an Aufnahmen, das gilt für Sprache wie auch für Musik. Ich hoffe, es verunsichert ihn nicht zu sehr. 🤔😉

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    • fundevogelnest Dezember 21, 2021 / 2:32 pm

      Eigentlich wollte sie ja an alle ihre treuen Fans Autogrammkarten verschicken,aber da diese neben einer Lebkuchenpackung lagen, hat sie die versehentlich ….
      Vielleicht im nächsten Jahr.

      Gefällt 2 Personen

      • Myriade Dezember 21, 2021 / 4:25 pm

        Wie schade ! Aber als Fan einer so außergewöhnlichen Persönlichkeit wie Rumpelquietsch muss man halt kleine Unfälle in Kauf nehmen 😉 herzliche Grüße

        Gefällt 1 Person

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