Gedankenrieseln zwischen den Jahren

Die Quarantäne ist auch für das letzte Nestmitglied vorbei. Nun sind Weihnachtsferien. Der Erzählvogel sitzt geduldig neben einem Winterkormoran hoch in der Birke und passt auf, dass die Frau Fundevogel nicht in die Versuchung kommt ihre unsterbliche Seele an wen auch immer zu verkaufen, bloß für ein paar Stunden mit sich allein.

Um meine Regentonnen habe ich gebangt in den Tagen, in denen der Garten unerreichbar war, aber sie scheinen dem Frost getrotzt zu haben. Nun da es taut, kippen der Kleine Fundevogel und ich gewaltige Eisblöcke auf die Wiese und er jubelt während er sie zerhackt, zersägt, zerbohrt. Entfesselt, befreit und läuft am nächsten Tag doch wieder weg, ohne Jacke, aber zum Glück schnell wieder eingesammelt.

Dann ernten wir unseren Grünkohl.

Der Kleine Fundevogel schluchzt herzzereißend, weil eine Buslinie eingestellt wird, die er so lieb hatte und er vermisst sie so.

Und ich halte in der Küchenarbeit inne, sitze auf dem Küchenstuhl und weine, weil Desmond Tutu gestorben ist.

Ein bischen seltsam finde ich uns beide.

Der Große Fundevogel hat Behördentermine, die ihm unheimlich, aber unumgänglich sind und muss gelockt, geschoben, becirct und moderat erpresst werden.

Das Verfassungsgericht mahnt eine Regelung zur Triage an. Ich merke wie sich mein Gehirn an der Stelle trotz über dreißigjähriger Erfahrung in der Intensivmedizin der Einsicht verweigert. Nee, nee das gibt es nicht, sagt es, wir schieben halt fünf mal um, wir bleiben länger, wir springen ein, wir sind gewöhnt Unmögliches zu organisieren. Natürlich können wir den Tod nicht besiegen und immer wieder gibt es den Punkt, wo der Zeitpunkt gekommen ist, ihm kampflos den Vortritt zu lassen, ja auch bei den Kleinen. Aber aus organisatorischen Gründen? Weil wir Pflegenden, über die man inzwischen spricht wie über seltene Erden, endgültig nicht mehr hinterher kommen? Das geht nicht in den Kopf. Und ich wünsche mir sehr, dass es da auch im nächsten Jahr nicht reinmuss.

Der bedrohliche Drache an der Unterelbe, das Atomkraftwerk Brokdorf, das mein Leben über viele Jahre so geprägt hat, stellt morgen nach 35 Jahren Laufzeit endgültig den Betrieb ein, seltsam lautlos geht das vor sich, vielleicht liegt es daran, dass große Treffen zurzeit so schwierig sind, aber irgendwie hätte ich von mir erwartet in diesem Moment glücklicher zu sein. Feierlicher. Stolzer.

Meine müden Gedanken kommen mir vor wie Mehl, das durch ein Sieb rieselt. Bleiben einfach liegen, warten, was kommen wird.

Ihnen und euch allen wünsche ich einen sanften Übergang nach 2022, eine hübsche Zahl ist das.

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18 Gedanken zu “Gedankenrieseln zwischen den Jahren

  1. Elke H. Speidel Dezember 31, 2021 / 6:39 am

    Einen ruhigen Übergang von 2021 nach 2022 wünsche ich dir und deiner gesamten „Vogelfamilie“. Und hey, das Atomkraftwerk wird abgeschaltet, was hätte uns das in den 1980er Jahren zum Tanzen gebracht! Ich stoße mit einer Tasse entkoffeinierten Kaffees mit dir darauf an!

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane Dezember 31, 2021 / 10:07 am

    Ich wünsche dir, dass du auch im neuen Jahr immer gut auf das Nest achten kannst (und das Nest auf dich) und nie die Hoffnung verlierst.
    Alles Liebe 😁☁️🕯️☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Januar 1, 2022 / 10:56 pm

      Liebe Christiane, Auch dir einen zuversichtlichen Start nach 2022.
      Der letzte Monat war derartig erschöpfend, dass ich zum ersten Male eine Ahnung bekommen habe, wie sich so ein Burn-out wohl anfühlen könnte und das hat mir schon Angst gemacht, aber ich hoffe, dass sich die Strukturen nun langsam wieder einfinden und dann wird das ganze auch wieder laufen.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  3. kommunikatz Dezember 31, 2021 / 10:30 am

    Wie soll mensch in diesen Zeiten nicht um Buslinien und Tutu weinen? Letzteres habe ich gestern Abend auch getan, nachdem ich diesen Nachruf in der taz las:
    https://taz.de/Suedafrika-trauert-um-Erzbischof/!5822152/

    Möge es mehr Eisblöcke geben, an denen der kleine Fundevogel sich austoben kann! Ich wünsche Euch alles Gute und vielleicht doch noch mehr Freude über das Brokdorf-Aus, wenn sie auch langsam rieseln mag.
    liebe Grüße
    Lea

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    • fundevogelnest Januar 1, 2022 / 11:00 pm

      Der Artikel in der taz war wirklich sehr ergreifend, ich wundere mich nur manchmal was mich zum weinen bringt und was nicht, aber Tutu war auf jeden Fall einer dereran denen ich als junger Mensch meinen moralischen Kompass ausgerichtet habe.

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  4. stachelbeermond Dezember 31, 2021 / 11:04 am

    Alles, alles Gute euch im Nest… ich glaube, ein klein wenig rieseln wir gerade alle wie Mehl durch ein Sieb, wir bemerken es nur recht selten. Was ja vielleicht auch ganz gut so ist. Heute morgen in den Nachrichten: Zurückhaltend vorsichtig positive Einschätzung der Lage hinsichtlich des Virus… man nimmt ja, was man kriegen kann an guten Nachrichten.
    Liebe Grüße
    Tanja

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Januar 1, 2022 / 11:06 pm

      Ja, dieses seltsam schwunglose, findet sich fast überall.
      Nachdem ich es die ganze Zeit geschafft habe, Corona relativ rational gegenüber zu stehen und es in meinem Fall ja auch nur eine der weniger beschissenen Erkältungen war, habe ich nun eine regelrechte Quarantänephobie entwickelt.
      Gespenster sind halt auch kreativ..
      Wie auch immer die , Fräulein Honigohr, Herrn Miesling, seinem Engel, Böllermanni, dem Schweinehund , Oink und dem heißgeliebten Adventsbegleiter ein wunderbares 2022 mit sorgsam eingehegten Gespenstern

      Gefällt 2 Personen

      • stachelbeermond Januar 4, 2022 / 9:34 am

        Ich danke dir! Nein, WIR danken dir. 😁
        Ich bin die endlosen Diskussionen leid über das, was richtig ist – dummerweise sieht es ja jeder anders. Wäre es nicht toll, wir hätten in diesem Fall alle dieselbe Meinung? Es müsste natürlich meine sein, is ja klar. 😁

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  5. Myriade Dezember 31, 2021 / 4:23 pm

    Meine ganz herzlichen Wünsche für ein Neues Jahr mit Freude, Glück, genialer Organisation und eisernen Nerven ! Ja eben, wir rieseln alle, mehr oder weniger schnell …..

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  6. piri Januar 6, 2022 / 9:01 pm

    Nun ist das Jahr schon 6 Tage alt. Die Welt steht noch, oder wieder? Herzlich willkommen darin – auch im neuen Jahr.

    Gefällt 1 Person

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