Kein Applaus (ABC-Etüde)

Die gelben Kittel knistern bei jeder Bewegung. Ehe das Zimmer halb fertig ist, rinnt einem der Schweiß unterm Plastik den Rücken hinunterIrgendwas liegt da, nicht das übliche Verpackungszeugs, das die Schwestern erstaunlich achtlos auf den Boden fallen lassen. Das Faceshield macht die Vorzüge der Gleitsichtbrille zunichte. Abnehmen soll man das sperrige Ding lieber nicht. Seit ich fertig geimpft bin, habe ich allerdings nicht mehr solche Panik, weil dann ist es wohl mehr wie eine Erkältung.

Anfangs war ich irre vor Angst. Die Ärzte und die Pflege haben sie sofort geimpft, als das ging. Uns nicht. Für die Schwestern klatschen sie auch, nicht dass die sich was dafür kaufen können. Schön wärs trotzdem, wenn es auch Applaus für unsereins gäbe oder sich ’ne Bundeskanzlerin bedanken würde, auch ihr Laden läuft nur, wenn den einer putzt.

Das Ding auf dem Boden ist ein kleiner Koran, der gehört der Frau im Bett, gestern hat sie noch gesessen, sich gefreut, dass eine Farsi mit ihr spricht, ein bisschen Wackelpudding gegessen hat sie auch. Jetzt hängt sie leblos an einer von den Beatmungsmaschinen. Ich lege den Koran auf den Nachtschrank, streichel ihr sacht über die Hand. Darf ich eigentlich nicht. Die Maschinen anfassen auch nicht, die putzen die Schwestern.

Hoffentlich schafft sie es.

Nie hätte ich erwartet in Deutschland so viele Menschen sterben zu sehen.

Schwester Irina erzählt, sie kriegen demnächst Supervision, da reden sie darüber, was das mit ihnen macht, wenn so viele hier sterben.

Wir machen ja nur die Grundreinigung hinterher.

Schwester Irina klopft, Merima, in der Acht muss noch eine Grundreingung gemacht werden. Ich lüfte schon mal und räum alles raus. Schaffst du das noch vor Feierabend?

Ich werfe den Knisterkittel in den Müll und ziehe unverdrossen den nächsten an.

In einer Viertelstunde? Eine Grundreinigung? Hilft nix, sie brauchen die Zimmer ja.

Ja, mal ehrlich, haben Sie schon mal einen offiziellen Dank an die Reinigungskräfte auf den Coronastationen gehört?

Ohne sie läuft im Krankenhaus wenig, trortzdem leisten sich die wenigsten Krankenhausträger auch nur sie selbst zu beschäftigen, das wird meist an Subfirmen ausgesourct.

Wertschätzung sieht anders aus.

Darüber ärger ich mich gerade bei jedem Krokodilstränentext, der die Situation der Pflege bejammert.

Die Wörterspende (Wackelpudding, knistern, unverdrossen) für die zweite Etüdenrunde des Jahres stammt von einer meiner Lieblingsbloggerinnen, der Frau Stachelbeermond mit ihren herrlichen Gefährten, dem Schweinehund, dem Fräulin Honigohr, Herrn Miesling samt seinem Engel und einem gefilzten Schweinchen namens Oink.

Manchmal unterhält sie sich auch ganz locker mit Gott.

Und schreibt Gedichte, ach, die sind einfach nur schön.

Das hätte eigentlich einen heiterern Text verdient. Vielleicht kommt der ja noch um die Ecke.

An Christiane wie immer der Dank für das Bereiten des Etüdenbeets.

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22 Gedanken zu “Kein Applaus (ABC-Etüde)

  1. Pega Mund Januar 21, 2022 / 11:48 pm

    danke, liebe natalie, dass du das c-thema mal SO aufgegriffen hast, von der alltagsrealen basis aus …

    lieben gruß zur nacht:
    pega

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  2. Christiane Januar 22, 2022 / 9:59 am

    Es geht mir ähnlich wie dir. Wo auch immer man hinschaut, Anspruch und Wirklichkeit klaffen extrem weit auseinander.
    Albern sein fällt mir gerade echt schwer.
    Ganz herzliche Morgenkaffeegrüße und meinen Dank 😁🌧️☕🍪👍

    Gefällt 3 Personen

  3. myokard Januar 22, 2022 / 12:09 pm

    Phew… Wie Pega Mund schreibt: danke, dass du das aufgegriffen hast…

    (Und dann wird einem plötzlich klar, wie “privilegiert” man ist, an einer Klinik zu arbeiten, wo alle (!) Beschäftigten (vom Chefarzt und der Verwaltung bis zum Reinigungspersonal, den Menschen vom Catering, der Landschaftspflege etc. pp.) vom Betriebsarzt geimpft werden konnten. Nja – bis auf die, die eingestellt wurden, als der Impfstoff schon weg war *ähäm
    Aber der Gedanke, dass Reinigungskräfte ohne Impfung in Iso-Zimmer geschickt werden… puh. Puh… Vor allem: da hat man teilweise ja nochmal mehr bzw. “anders” Kontakt mit kontaminierten Oberflächen etc…)

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Januar 23, 2022 / 10:34 pm

      Sind denn bei dieser Klinik die Reinigungskräfte direkt angestellt?
      Die meisten arbeiten ja mit Subfirmen.
      Das Zeitfenster , in dem die einen geimpft waren und die anderen nicht war auch eher klein,lag auch an der Priorisierung.
      Wenn man mit vernünftiger Schutzkleidung – das war 2020 ja auch ein Riesenproblerm – arbeitet, ist die Ansteckungsgefahr glaube ich gar nicht so hoch. Wir haben noch immer einige ungeimpfte Kollegen,, die stecken sich auch nicht in der Klinik an. Im Augenblick kriegen wir es alle – ob geimpft oder nicht – von unserern eigenen Kindern

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      • myokard Januar 24, 2022 / 1:55 pm

        Ja genau, bei mir an der Klinik sind alle (auch Landschaftspflege, Reinigung, Technik etc.) direkt angestellt. Das ist dann der Vorteil von einem Maximalversorger… Und das Impfen wurde innerhalb von drei bis sechs Wochen durchgezogen, sobald Impfstoffe da waren. Zwar priorisiert, aber es wurden eben alle sehr nah an dem Zeitfenster geimpft, in dem die Ärzt:innen etc. geimpft wurden – im Vergleich dazu war der „Rest“ ja teilweise erst 3-4 Monate später dran… deswegen war mir gar nicht bewusst, dass das bei Subfirmen nicht so gehandhabt wird. Weil: Patientenkontakt ist Patientenkontakt.

        Zu den Infektionen durch die Kinder wegen fehlendem Schutz etc… Sagt ja auch viel über die Prioritäten, ne… orrrrr…

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  4. Myriade Januar 22, 2022 / 1:12 pm

    Deine Geschichten (und wahrscheinlich auch dein Leben) zeichnen sich durch 100% Humanismus und Respekt und gleichzeitig durch 0% Weltfremdheit aus, das ist eine ebenso wunderbare wie äußerst seltene Mischung.

    Gefällt 4 Personen

  5. Werner Kastens Januar 22, 2022 / 3:09 pm

    Kommt mir so vor wie Tschernobyl: da hat man auch die einfachen Soldaten bedenkenlos in die Strahlung geschickt.

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    • fundevogelnest Januar 23, 2022 / 10:40 pm

      Nun ja im ersten Coronajahr war niemand geimpft und in der ganzen Zeit hat sich bei uns eine Schwester angesteckt, die hat allerdings auch echt lange was davon gehabt.
      Die Ansteckungen im Privatleben sind deutlich häufiger, da trägt man eher keinen Vollschutz.
      Es ging mir um das Gefühl zweitklassig behandelt zu werden.
      Und meinen Eindruck, dass Reinigungskräfte in dieser Pandemie kaum gewürdigt werden.

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  6. stachelbeermond Januar 23, 2022 / 7:00 pm

    Was für eine tolle Etüde, und das mit den Wörtern! Großartig.
    Diese mangelnde Wertschätzung zieht sich überall durch, wo ich bin und irgendetwas tue, und das geht mir mächtig auf die Nerven. Entweder die Menschen mit den „einfachen“ Diensten werden komplett vergessen oder man ist der Meinung, dass das ja wohl „deren“ Job wäre. Boah! Ich könnte jetzt bis ins kleinste Detail gehen, aber dann rege ich mich auf, und das ändert ja leider überhaupt nichts. Deswegen: Tolle Etüde!!!

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Januar 23, 2022 / 11:12 pm

      Und von der Bezahlung haben wir noch gar nicht gesprochen.
      Das Knistern war es, dass das Thema, das mich mit jeder Krankenschwesternlobhudelung (die den Beruf aber eher immer noch unattraktiver reden) mehr ärgerte , in den Etüden gelandet ist.

      Gefällt 1 Person

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