Und sonst so?

Ein Nest ist von Natur aus ein Zuhause auf Zeit, bei manchen Spezies dauert die Jungenaufzucht länger bei anderen kürzer. Aber am Ende sollte das Nest ein Ort sein, den man hinter sich lässt.

Bei zwei von dreien ist ist hier nun der Zeitpunkt gekommen, sie streben fort. Wem wird es zuerst gelingen seine Flügel über den Nestrand zu schwingen? Was ist das zehrendere Unterfangen: Zu zweit eine Wohnung auf dem freien Markt einer Großstadt zu finden oder einen Platz in einer betreuten Wohngruppe? Das Rennen ist offener als ich erwartet hatte. Und lehrreich mal wieder, was man so alles wissen könnte über Eingliederungshilfe, Grundsicherung, Wohnformen, da hatte ich mir bisher nicht übertrieben viele Gedanken drum gemacht.

Das verbleibende Vögelchen machen diese Aussichten traurig und wenn das Vögelchen traurig ist, dann wird es zornig. Immer besser gelingt es mir, mich von diesem Zorn nicht einfangen zu lassen, das Schiffchen auf Kurs zu halten. Unser Leben, das ich für strukturiert und voraussehbar bis zur Langenweile hielt, hatte bei näherem Hinsehen doch noch einige fundevogelerschreckende Unsicherheitsfaktoren, auch lehrreich und sehr viel interessanter als nach allen Regeln der Kunst verschleppten Anträgen hinterherzutelefonieren.

Und dann schreibe ich abends in mein Tagebuch wunderbarer Fundevogeltag, so viel Freude aneinander gehabt, wir sind auf dem richtigen Weg, yeah. Beim Einschlafen fällt mir ein, dass er vormittags von der Polizei gesucht werden musste und andere Familien diesen Tag vielleicht nicht ganz so unkompliziert gefunden hätten. Doch nach meiner kurzen Unaufmerksamkeit und dem Kribbeln, dem er nicht widerstehen konnte, haben wir einfach wieder zueinander gefunden. Gerade gekeimte kleine Freiheiten sind nur leider wieder unter einer dicken Mulchdecke verborgen. Der Polizist war etwas verdutzt, als ich das Fundevogelfahrrad wortlos an der Wache angeschlossen habe. Gibt es da Videoüberwachung?, fragteder Fahrradbesitzer bang, aber damit war es gut, keine entfesselte, grenzenlose Wut, kein Schlagen, kein Zerstörungsrausch.

Das ist viel, sehr viel.

Am nächsten Schultag habe ich das kleine Herzensrad nach Hause gebracht, nun wartet es im Keller auf bessere Zeiten.

Immer wieder schleichr Corona sich in Alltagsgespräche, gefühlt haben oder hatten es bald alle. Bei der einen Hälfte der Bekanntschaft stößt man auf Unverständnis , wenn man gegen die Impfpflicht ist, bei der anderen, wenn man Impfen für überaus sinnvoll hält.

Beim Kochen höre ich zum Holocaustgedenktag die Rede von Inge Auerbach vor dem Deutschen Bundestag, sie wurde mit sieben Jahren in das KZ Theresienstadt deportiert Ich muss fürchterlich weinen, es ist doch schon so lang her, aber eben auch nicht, noch immer wird viel zu vielen Menschen das Recht auf Leben abgesprochen, Kindern die Kindheit genommen, wenn nicht gleich das ganze Leben, im Namen von Überzeugungen, die niemals so wertvoll sein können, dafür zu morden.

Solches niemals hinnehmen, die Stimme erheben ist die niemals zu oft ausgesprochene Mahnung dieser Tage. Und ich weiß meine Stimme, meine politische Stimme, die über die eigenen kleinen Sorgen hinausreicht, die liegt auch im Keller und harrt besserer Zeiten. Sie war zwar immer tendenziell piepsig, aber sie hat sich Mühe gegeben.

Dass so ein Zustand eintreten kann, hätte ich stets von mir gewiesen.

Ich kann zurzeit nicht anders, aber es beschämt mich.

Jochen Stay ist gestorben, ein Unermüdlicher, mit lauter Stimme, kraftvoll und kampfeslustig, einer der fehlen wird, der vieles in Bewegung gebracht hat. Wir kannten uns kaum und doch war da immer die Gewissheit man sieht sich bei Gelegenheit. (Abgesehen davon ist es immer seltsam , wenn einer stirbt, der nur wenige Monate älter ist als man selbst. Vermutlich gibt sich das, je älter man wird.)

Die Fundevogelschule hat sich für das Chaos um den Coronaausbruch entschuldigt, eine Hand wusste wohl wirklich nicht was die andere tat, nebenbei haben sie nämlich den Fundevogelklassenlehrer rausgeworfen. Grund für Fundevogelzorn findet sich immer.

Heute ist schulfrei, die Sonne scheint und Krik oder Krak schaut mir völlig angstfrei beim Schreiben durch die Balkontür zu. Sie planen ihr nächstes Nest.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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