Zwischen Nacht und Morgen

Die Nachtgespenster und der Sturm spielen Kriegen zwischen den Baumkronen, Zweige klatschen gegen die Scheiben, im Lüftungsschacht der Gästetoilette findet ein Gespenstergesangswettbewerb statt. Der Kleine Fundevogel wühlt neben mir und ich frage mich, was schlimmer wäre, die nächsten dreißig Minuten bis der Wecker zur Frühschicht klingelt wieder einzuschlafen oder einfach wach zu bleiben.

Dann blitzt und donnert es, der Kleine Fundevogel wird wach und sagt sehr ernst zu mir.

Wenn es blitzt, musst du dich flach auf den Boden legen.

Schätzchen mach dir kein Sorgen, mich wird der Blitz nicht treffen, ich fahre doch nicht über freies Feld.

Vielleicht doch.

Du kennst doch den Weg zum Krankenhaus.

Aber FALLS doch ein Feld kommt.

Lege ich mich bei Blitz flach auf den Boden, ich verspreche es.

Dem Kleinen Fundevogel fallen die Augen wieder zu, ich mummle ihn ein, stelle den Wecker aus und stehle mich davon.

Als ich auf dem Fahrrad sitze, regnet es nicht mehr. Blitz, Sturm und Gespenster sind schlafen gegangen. Die Luft ist wunderbar klar, Amseln singen, auf Dächern und Autos liegt Schnee, die Reifen rollen vergnügt durch tiefe Pfützen Ich fahre durch unsere Wohnstraße, ein Einkaufszentrum, das Villenviertel, das so übergangslos wie in einem erbaulichen Buch in ein Hochhausghetto übergeht. Nirgendwo tut sich unerwartet ein Feld auf und da liegt auch schon das Krankenhaus, hinter dem die Felder beginnen.

Am Fahrradständer fällt mir ein Gedicht ein, ich freue mich es noch auswendig zu wissen.

Der, den ich liebe
hat mir gesagt,
dass er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich Acht
sehe auf meinen Weg und
fürchte von jedem Regentropfen,
dass er mich erschlagen könnte.

Bertolt Brecht

Um mit dem Kleinen Fundevogel auf Dauer zusammenleben zu können, muss ich gut zu mir sein, genug schlafen vor allem, Nährendes und nicht bloß Füllendes essen, sinnlosen Ärgernissen die rote Karte zeigen, dem Erzählvogel und dem Wolkenkuckuck ihre Räume zugestehen, anstatt müde starrend im Internet zu verdriften.

Und mich natürlich bei Blitzschlag auf freiem Feld flach auch den Boden legen.

Es ist gut, immer wieder daran erinnert zu werden.

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7 Gedanken zu “Zwischen Nacht und Morgen

  1. Myriade Februar 8, 2022 / 10:15 am

    Gut wenn man seine Bedürfnisse so gut kennt und sie auch umsetzen kann. Und bei Blitzen flach auf den Boden legen ist entscheidend. Ob er auch die vpn ihm ausgehenden Gewitter gemeint hat 😊

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Februar 9, 2022 / 9:44 pm

      Das Umsetzen übe ich noch 😉
      Und egal wie vielschichtig es gemeint war, sich um Viertel nach Vier über Blitze und sich materialisierende Felde zu unterhalten hat einfach was

      Gefällt 1 Person

  2. Pega Mund Februar 8, 2022 / 2:20 pm

    das ist so ein schöner beitrag – ganz wunderbar mit dem brecht-gedicht, das i auch sehr mag, und das durch dein erzählen verlebendigt wird!
    danke dir!

    Gefällt 2 Personen

  3. Christiane Februar 8, 2022 / 4:14 pm

    Ein paar von den Brecht’schen Liebesgedichten haben sich mir auch für mein Leben eingeprägt. Deins gehört dazu, und dann natürlich auch noch: „Ich will mit dem gehen, den ich liebe.“ Damals habe ich viel über Liebe und Kompromisse nachgedacht.
    Gestern war ein besonderer Tag.
    Nachmittagskaffeegrüße bei Regen 😁🌧️☕🍪👍

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  4. fundevogelnest Februar 9, 2022 / 10:25 pm

    Besonders zu Herzen geht mir immer dieses „Sonett Nr 19“
    Kennst du bestimmt.
    Nur eins möcht ich nicht, dass du mich fliehst …

    Gefällt 1 Person

    • Christiane Februar 10, 2022 / 8:15 am

      Denn „wer gebraucht wird, ist nicht frei“. Das Bedürfnis nach einem freiwillig eingegangenen Wir, das so selbstverständlich sein kann und so schwer …

      Gefällt 1 Person

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