21. Geburtstag (ABC-Etüde)

Ich fühle mich wie ein Vogel, der sich im Sturm verzeifelt an die Äste krallt. Der Wind pfeift durch die Fenster, als gäb es sie nicht. Sie sagen, ich bilde mir das ein, das Haus schwankt nicht,das liegt an den Medikamenten sagen sie, aber ich merk`doch wie alles verrutscht.

Diese Nacht kann ich nicht aufhören zu weinen.Ich will Lütten eine Birthday-SMS schicken, aber ich schaffs nicht, ich pfeffer das Handy quer durch den Raum.

Einundzwanzig ist er nun. Auch eine Sturmnacht war das, der Regen hat die ganze Zeit gegen die Fenster geklatscht, wo ich mich gequält hab. Da war nämlich was Klügeres im Raum, das hat ihn in seiner Mama festhalten wollen, da wo er hingehört.

Schließlich haben sie ihn rausgeschnitten und wie ich noch völlig duselig war, haben sie mir den Zwerg kurz hingehalten und gesagt, sie nehmen ihn mit, Sie wissen schon, die vielen Medikamente, die Sie genommen haben. Mit dem Herzen, da stimmt was nicht, da müssen wir schauen.

Weg war er und ich bin so fürchterlich zornig geworden, da haben sie die Bullen geholt und ich habe ihn erst Tage später gesehen. Winzig war er, voller Kabel, hat immer geschrien, das konnt ich nicht aushalten. Ein paar Tage musste ich da schlafen, aber die waren so pingelig mit ihren Regeln, das glaubt man nicht, da bin ich wieder ausgerastet.

Das mit dem Herzen haben sie hingekriegt.

Nur zurückgegeben haben sie Lütten nie, haben ihn anderen gegeben.

Er hat es da schon gut, lernt Konditor jetzt, aber ich bin doch die Mutter. Jedes Jahr an seinem Geburtstag habe ich geschworen, ich krieg den Zorn in den Griff , werde die Medikamente los, fang eine Ausbildung an und krieg Lütten zurück.

Einundzwanzig Jahre sind so zerronnen.Wer sollt‘ da nicht weinen.

Unterm Sofa pfeift es. SMS von Lütten.

Ja, der Große Fundevogel ist gerade 21 geworden und die Frage, wie es der leiblichen Mutter mit diesem Tag wohl gehen möge, sprang mich unvermutet heftig an.

Außer dass ihr Kind in einer Pflegefamlie lebt, hat die Geschichte der Protagonistin NICHTS mit der Geschichte der Fundevogelmutter zu tun. Es ist keine verfremdete Geschichte, sondern eine komplett ausgedachte. Die Geschichten der Fundevogelmütter haben hier nichts zu suchen.

Ihre Gefühle zu erfinden steht mir nicht zu.

Aber sie lösen durchaus starke Gefühle in mir aus.

Und so entstand dieser Beitrag zu den ABC-Etüden, nachdem mein erster Versuch zu Kain Schreibers Wortspende (Zwerg, quer, fühlen) mit einem Zwerg aus der anderen Welt zu ausschweifend wurde, vielleicht mal mit mehr Zeit und in einem anderen Format.

Dank an Kain Schreiber, dem Blogger mit dem genialen Pseudonym (denke ich doch … oder heißt du wirklich so ….?) , dessen Blog ich empfehle, wenn Sie schöne Fotos und Geschichten mögen und an Christiane die treue Etüdenpflegerin.

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12 Gedanken zu “21. Geburtstag (ABC-Etüde)

  1. Christiane Februar 17, 2022 / 7:19 pm

    Das ist eine dieser Geschichten, die bei mir einen Kloß im Hals auslösen und wo ich nicht weiß, was ich schreiben soll, außer dass sie mich berührt und ich mich freue, dass ihr Handy fiept. So allein. So allein. So verzweifelt.
    Abendgrüße von der, die zu „treue Seele“ so ein Verhältnis hat wie andere zu „nett“ … 😉

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    • fundevogelnest Februar 18, 2022 / 6:41 pm

      Dass ihr Handy fiept, sagt, dass sie trotz allem ein Verhältnis zu ihrem Sohn aufbauen konnte, das ist eine große Leistung von ihr und auch seinen Pflegeeltern.
      Mein Lob war nicht ironisch, sondern ernsthaft wertschätzend.

      Gefällt 1 Person

  2. Kain Schreiber Februar 17, 2022 / 8:22 pm

    oh oh schwere Kost; aber sehr gut geschrieben/nachempfunden. so könnte es schon oft gewesen sein und ich habe viel mitgefühl mit jeder Frau und jedem Menschen, der kämpfen muss, um sein Leben auch nur halbwegs zu meistern…

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  3. gelassenausgebremst Februar 17, 2022 / 10:01 pm

    Eine ganz starke Geschichte, die auch bei mir den Hals eng macht.
    Die Tatsache, dass du als Pflegemutter eine solche Geschichte schreibst eröffnet mir einen tiefen Blick in die emotionalen Herausforderungen, denen sich Pflegeeltern stellen müssen. Bisher hatte ich immer nur mit Respekt an die Schwierigkeiten gedacht, ein zunächst fremdes Kind aufzuziehen. Dass man dabei auch mit solchen Fantasien über den Hintergrund zu kämpfen hat, ist ja eigentlich logisch, hatte ich aber bisher nicht so auf dem Schirm.
    Das erhöht meinen Respekt für Menschen, die Pflegekinder haben, noch zusätzlich.
    Herzliche Grüße
    Stefan

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Februar 18, 2022 / 6:49 pm

      Die Kinder bringen ihre Geschichte mit und sie fügt sich in die Geschichte der eigenen Familie ein, das kann man verdrängen oder akzeptieren.

      Gefällt 1 Person

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