Das Päckchen (ABC-Extra-Etüde)

Jonte schreit und tritt nach mir als ginge es um sein Leben, dabei versuche ich nur ihn im Buggy festzuschnallen. Frau Schultze öffnet die Wohnungstür, schweigend soweit ich das bei dem Lärm beurteilen kann. Ihr Hass brandet gegen meinen Leib.

Ich hätte früher selbst nicht geglaubt, dass ein Kind so schreien kann.

Sind Se‘ nich, odda?, brüllt man von hinten in mein Ohr und rammt mir etwas fast ins Gesicht, Instinktiv ducke ich mich.

Es ist aber nur der DHL-Bote und als mir gelingt den Kopf ein wenig zurückzubiegen, schreie ich:

Doch! Das ist mein Mädchenname, quittiere einhändig, stopfe das Päckchen ins Buggynetz und sehe zu die Szene zu verlassen.

An der Bushaltestelle sehe ich es kurz an, es ist ordentlich mit Bindfaden verschnürt, so wie es heute niemand mehr macht, es trägt keinen Absender und der Poststempel ist aus Wismar, wo ich nie war und niemanden kennne.

Wer um Himmels Willen kennt diese Adresse, aber meinen Ehenamen nicht?

Dann wird das Päckchen von drei Paar Kindergummistiefeln nach unten geschoben, denn der Wetterbericht meint, dass wir die im Urlaub brauchen werden, ein Beutel Äpfel im Sonderangebot kommt dazu und schließlich ein praller Umschlag mit Überweisungen des Kinderarztes und der Hoffnung doch jemals rauszukriegen, warum Jonte ist wie er ist.

Janne ruft an, sie muss irisieren definieren und versteht die Erklärung im Internet nicht. Während ich von Lichtbrechung und Regenbögen fasele, kreischt Jonte los. Janne legt auf.

Tage später komme ich von einem Elternabend nach Hause und es ist irritierend ruhig bei uns. Die Mädchen wispern in ihrem Doppelstockbett, Nils ist offensichtlich mit Jonte eingeschlafen, dezent brummt die Spülmaschine, ins Küchenfenster scheint der volle Mond. Das Päckchen fällt mir ein. Ich suche eine Schere, wickele viele Lagen Zeitungspapier und Einwegtaschentücher ab, bis ich eine winzige Giraffe aus Glas in der Hand halte, kein Kärtchen, kein Zettel, keine Erklärung.

Ich stelle die Giraffe aufs Fensterbrett. Das Mondlicht schimmert durch sie hindurch.

Sie irisiert denke ich und beschließe Janne den Effekt morgen zu demonstrieren, das Licht bricht sich in ihrem zarten Leib und macht das ganze Farbspektrum sichtbar.

Ich lächele und denke an ihn.

Hinter vorgehaltener Hand nannten wir ihn den Außerirdischen. Er sehr klein und zart, seine Züge fast weiblich. Still war er und konnte doch die hitzigsten Diskussionen durch seine bloße Anwesenheit in konstruktive Bahnen lenken. Auf allen Demos führte er ein uraltes Shetlandpony hinter sich her wie einen Hund.

Nie baggerte eine Frau an. Auch keinen Mann.

Seine altmodische Höflichkeit stach ab von der Leichtigkeit mit der viele hier zueinander in die Zelte krochen.

Genau deswegen verliebte ich mich in ihn.

Und bekam eine Abfuhr.

Meine Liebe ist nicht von dieser Welt , sagte er und ich nahm es als Anspielung auf seinen Spitznamen.

Kurz darauf verschwand er. Niemand kannte seinen Nachnamen, niemand wusste wo er in der Großstadt samt Pony gelebt hatte.

Plötzlich steht Nils hinter mir. Er legt seine Arme warm um mich.

Nanu, wo kommt den diese kleine mondsüchtige Giraffe her?

Aus einer anderen Welt, antworte ich.

Die Kartons des im April ausgezogenen Kindes stapeln sich noch immer in der Diele, das nächste Kind will ausziehen, was so dieses und jenes an Bürokratie nach sich zieht. Dem verbleibenden Kind wird es mulmig und es möchte die Nächte in Mamas Arm verbringen, nicht dass die heimlich auch noch auszieht, außerdem sollte es idealerweise demnächst ab und an von einem AuPair betreut werden, was der Mama vielZeit in den Telefonwarteschleifen der deutschen Botschaft in Lima und dem Auswärtigen Amt in Berlin beschert hat.

Aber nun hat der hoffnungsvolle Anwärter den Termin zur Visumsbeantragung, auf den er seit November wartet.

Das Krankenhaus gibt es auch noch irgendwie und ohne großen Bruder und AuPair geht jedem Arbeitstermin muntere Telefoniererei mit möglichen Babysittern voraus, wenigstens haben die keine Telefonwarteschleifen.

So ist es ein großes Glück, dass der Mai fünf Sonntage hatte und somit eine Extraetüdenrunde fällig wurde denn sonst hätte ich mich Puzzleblumes Wortspende (Wetterbericht, irisieren, ordentlich) gar nicht annehmen können und auch sonst war es hier im virtuellen Teil des Nests recht mager.

Insgesamt fünfhundert Wörter darf so ein Extraetüdentext haben – ich verzichte selbstverständlich auf keines davon. Zu Puzzleblumes Wörtern kommen die von Myriade (Giraffe, suchen, mondsüchtig).

Zusammen schon eine recht herausfordernde Kombination, hat aber Spaß gemacht.

Danke Christiane, dass du dir weiterhin viel Zeit nimmst, um uns diese Freude zu ermöglichen.

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13 Gedanken zu “Das Päckchen (ABC-Extra-Etüde)

  1. Christiane Juni 2, 2022 / 7:55 am

    Ach, Natalie, was für eine Mischung aus Erinnerung, Alltag, Emotionen und Wunderbarem. Bitte, hör nie auf zu schreiben – und wenn ich nur für dich die Etüden aufrechterhalte. 🧡
    Herzliche Morgenkaffeegrüße in den Norden 🌤️🌳☕🍪🌼👍

    Gefällt 3 Personen

  2. puzzleblume Juni 2, 2022 / 2:10 pm

    Wie du die Wortspenden in die lauten und leisen Szenen eingeflochten hast, und beim Lesen ein Gefühl von Nähe eines Beobachters zu diesen entsteht, das ist schon etwas Besonderes.

    Gefällt 1 Person

  3. Myriade Juni 2, 2022 / 2:19 pm

    Wieder einmal eine ganz besondere Geschichte, liebe Natalie. Ich nehme an, der Student der Geowissenschaften ist ausgezogen. Er wird wohl fehlen im Bereuungsnetz für den Jüngsten.

    Gefällt 1 Person

  4. lachmitmaren Juni 2, 2022 / 2:21 pm

    Hach, sooo eine Giraffe wünsche ich mir auch! 💕 Möge Sie dir den Bürokratiekram mit Auszügen und Visum für Einzügen deutlich erleichtern… . Ich frage mich ohnehin, warum ein Land wie Deutschland seinen Einwohnern und Besuchern so derartig viele bürokratische Hürden für allen möglichen Mist aufbürden muss.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Juni 3, 2022 / 11:21 pm

      Ich glaube die Giraffe ist eher Tand, es geht um das, was sie auslöst.
      AuPair Visa sind eigentlich gar nicht so kompliziert, wenn beide Seiten die notwendigen Voraussetzungen mitbringen, es ist wohl wieder ein typischer Fall menschlicher Fehlbarkeit gewesen, ich hätte einfach früher freundlich nachfragen sollen

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