Ein Erbstück (ABC-Etüde)

Zur Übergabe hatte er sich mit Britta in Lübeck getroffen, er hatte vorgehabt seine Schwägerin auf einen Kaffee einzuladen, aber sie hatte ihm mit schmalstmöglichen Dank den Behälter in die Hand gedrückt und sich verabschiedet.

Im Zug hatte es gelegentlich unter dem Tuch auf dem Plastikboden des Behälters geklackert., sonst war er still.

Am heimatlichen Bahnhof angekommen schnürte er den Behälter sorgfältig auf dem Gepäckträger fest . Vorsichtshalber schob er. Kurz hinter dem Yachtclub nahm er das Tuch ab, alles war vollgekackt und der Vogel fing munter an zu kreischen, das hatte Britta nicht mehr ertragen.

Schau , sagte er leise zu ihm, jetzt wohnst du am Meer, hier rufen Möwen und Austernfischer, Vögel wie du. Wenn du auch einst ein Waldbewohner warst. Endlich bekommst du eine Freiflugvoliere und eine Gefährtin dazu.

Er hatte alles irgendwie relevante aus dem Internet zusammengekratzt und vermutete, dass der Vogel noch ein Wildfang aus Asien sein könnte.

Abspecken, Mamilein, abspecken!, krächzte der Beo zur Antwort. Oma hatte bei diesem Vogelsatz jedesmal gezuckt. Sein Bruder und er hatten gelacht. Am lautesten aber, wenn der Beo mit Omas Stimme .Schluckspecht! rief.

Ob der Lehrling, der schnell das Weite gesucht hatte, das Besenrein, Kalle, besenrein! noch im Ohr hatte?

Opa war vermutlich kein guter Lehrherr gewesen, reizbar, ungeduldig, kurz angebunden und, ja, ein Schluckspecht, Er hatte die Republikaner gewählt und heute wäre er AfD-Mitglied. Bestimmt. Er hatte bei der Steuer geschummelt, war homophob, latent rassistisch, frauenfeindlich – und der liebevollste Opa der Welt.

Den Beo hatte er auch geliebt, wenn die Liebe das unkontrolliert kackende Tier auch nie aus dem Käfig entließ.

Artgerecht? Der hat doch gut zu futtern.

Wenn du die Jungs nicht so lieb hättest, sagte der Beo auf einmal mit Omas Stimme

Genau deswegen, dachte er und schob das Tier umsichtig die Strandpromenade entlang.

Ich gebe es zu, ich habe mich etwas schwer getan, Anjas Wortspende (Yachtclub, abspecken, besenrein ) mit Leben zu füllen, dafür habe ich mich in ihrem Blog festgelesen.

Und dann kam von irgendher ein Beo angeflattert, 297 weitere Wörter gruppierten sich um ihn herum und es gibt doch einen Beitrag zur aktuellen Etüdenrunde.

Mit dank an Christiane für Illustration, Organisation und überhaupt.

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15 Gedanken zu “Ein Erbstück (ABC-Etüde)

  1. Werner Kastens Juni 17, 2022 / 12:37 pm

    Toll verpackt die Worte! Und realitätsecht dazu, denn die BEOs können das tatsächlich so. Unsere Blaustirn-Amazone bemüht sich zwar auch und hat mich mit der Stimme meiner Frau schon des öfteren aus dem Garten ins Haus gerufen, kommt aber lange nicht an die BEOs heran.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Juni 18, 2022 / 9:32 pm

      Werner, das freut mich.
      Ich habe Beos zwar immer mal wieder in Vogelparks bewundert, mir das Beowissen für diese Etüde aber nur rasch im Internet zusammengerecht, um so schöner, dass es halbwegs glaubwürdig rüberkommt.
      In unserem Schrebergarten wohnte lange eine Amsel, die den perfekten Nokiaklingelton drauf hatte.
      Viel Spaß noch mit eurem Vogel, den ich erstmal nachschlagen mussste, schönes Tier.

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  2. Christiane Juni 17, 2022 / 2:43 pm

    So viele Geschichten in einer, wie so oft bei dir, und alle haben etwas mit Liebe zu den Menschen und zum Leben zu tun.
    Ich hoffe, der Beo vermisst seine alte Umgebung nicht zu sehr und kommt gut ins neue Leben. 🐦
    Und dann dieser Schluss … 👍
    Berührte 🧡 Nachmittagskaffeegrüße

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  3. Myriade Juni 17, 2022 / 3:02 pm

    Eine absolut fantastische Idee, die Wörter unterzubringen. Und diese ambivalente Figur des Großvaters, da hast du dich selbst übertroffen ! Deine Kunst berührende, aber kein bisschen rührselige Geschichten zu schreiben, bewundere ich.

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    • Fundevogelnest Juni 18, 2022 / 9:53 pm

      Ein wenig ist die Figur an meinen eigenen Großvater angelehnt, er war nicht sooooo schlimm und auch anders.
      Aber auch bei ihm finde ich heute, dass Großvatersein, das ist was ihm am besten gelungen ist.

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  4. Petra Schuseil Juni 17, 2022 / 9:13 pm

    Huhu, auf die Idee mit dem Beo und seinen Sprüchen muss frau ja erstmal kommen! Super gelungen. Viele liebe Grüße. Petra

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    • Fundevogelnest Juni 18, 2022 / 9:54 pm

      Besonders zu „bsenrein“ ist mir rein gar nichts eingefallen … da kam mir der Beo gerade recht.

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  5. blaupause7 Juni 17, 2022 / 11:58 pm

    Beos sind wahre Imitationskünstler- ich wollte es selbst nicht glauben, bis ich das Dauerquietschen einer nicht geölten Türangel ständig im Ohr hatte. Als ich mich umdrehte, war da gar keine Tür, sondern ein Beo.

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    • Fundevogelnest Juni 18, 2022 / 9:59 pm

      Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass ich ganz froh bin, keinen Beo geerbt zu haben. So im täglichen Zusammenleben stelle ich sie mir ziemlich nervig vor.
      Und sie selbst sind im Regenwald vermutlich auch zufriedener

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  6. Annuschka Juni 18, 2022 / 4:06 pm

    Liebe Natalie, das ist eine Geschichte, die ich als „Tiramisu zum Lesen“ empfinde: verschiedene Schichten und alle bieten etwas schönes und überraschendes.
    Der rechtslastige, aber trotzdem liebevolle Opa ist außerdem eine Figur, an der man sich herrlich reiben kann, die aber eine Facette zeigt, welche wir gern übersehen: Dass auch solche Leute manche Sachen richtig machen.
    Danke!
    Viele Grüße
    Anja

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