Beim Namen nennen

Ein junger Mann, zuhause auf der anderen Seite der Erde, möchte gerne ein Jahr als AuPair mit uns verbringen. Auch drastische Schilderungen des Lebens im Nest halten ihn nicht davon ab Zeit mit dem Kleinen Fundevogel verbringen zu wollen

Nur das Visum fehlt ihm noch. Ein Visum für AuPair ist keine dramatische Angelegenheit, es gilt ein paar klar definierte Kriterien zu erfüllen und dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Nur ist es ihm über Monate nicht gelungen, überhaupt einen Termin zur Visumsbeantragung in der Deutschen Botschaft zu bekommen.

Irgendwann hat es mir dann gereicht und ich habe versucht selbst in der Vertretung meines Heimatlandes auf der anderen Seite der Erde anzurufen, das war aber nicht möglich wegen Corona, also weiter zu Ebene darüber, dem Auswärtigen Amt, freundlich durchaus freundlich, arbeite doch selbst in äußerst komplexen Zusammenhängen mit zu wenig Personal und weiß was da alles so schief und verloren gehen kann, ich bin alleinerziehende Mutter eines behinderten Kindes, ich brauch einfach die Unterstützung.

Keine acht Stunden später hat jemand in der Deutschen Botschaft auf der anderen Seite der Erde überraschend seinen Termin dort storniert und dieser konnte problemlos an unser hoffentlich zukünftiges AuPair weitergereicht werden.

Solche Zufälle erfreuen einen doch immer sehr.

Und ich kam sich angesichts dieses durch Mitleid in Gang gesetzten Getriebes vor wie eine Hochstaplerin, mindestens wie eine, die hemmungslos übertreibt.

Als spielte ich mich irgendwie auf.

Dabei ist es einfach so. Ich brauche ziemlich dringend Unterstützung, jeder Arbeitstag ist im Moment gefühlt doppelte Arbeit, weil die Fundevogelbetreuung für jeden Arbeitstag einzeln organisiert werden muss, meist handelt es sich nur um eine Stunde vor der Schule, aber ohne mein Cousine, meine alte treue, vom Kleinen Fundevogel eigentlich überforderte Babysitterin und das ehemalige Dauergastkind wäre ich seit dem Auszug meines großen Sohne einfach verdampft.

Soviel Dankbarkeit wie ich fühle, kann ich gar nicht zeigen.

Trotz dieser Wunderbaren schaffe ich es nicht zum Elternabend, werde mit meiner Terminverschieberei zum Schrecken aller Arzthelferinnen und dass der Große Fundevogel und ich am Mittwoch nun doch noch zu Astrids Beerdigung werden gehen können, grenzt an ein Wunder, ein Wunder der Freundschaft und Freundlichkeit.

De jure bin seit über 27 Jahren alleinerziehend – und habe mit dem Wort immer gefremdelt und mit der Selbstorganisation Alleinerziehender erst recht.

Ich kann gar nicht so genau sagen warum, vielleicht weil ich viele Alleinerziehende als extrem klagend und defizitorientiert erlebt habe und ich immer das Gefühl hatte, echt jetzt?, mir geht es doch so gut, mit dem Befrriff muss jemand anderes gemeint sein als ich,sonst hätte ich mir kaum mutwillig noch zwei Zusatzvögel ins Nest geholt.

Eigentlich war ich nie so richtig allein, das erweiterte Nest war immer da, ich habe mich und meine Kinder immer in einem großen Netzt der Freundschaft und Familie gesehen und ich finde sie haben auch sehr davon profitiert, dass sie nicht allein meinen pädagogischen Bemühungen ausgeliefert waren, wobei ich die beiden Großen selten „wegorganisiert“ (ein abscheuliches, aber oft gehörtes Mütterwort) habe, zum Arbeiten natürlich schon, aber sonst waren sie auf Festen, Veranstaltungen, Demonstrationen, Konzerten, Besuchen und was weiß ich nicht noch alles, dabei. Nicht immer hat das gut geklappt, manchmal war es besser den Rückzug anzutreten, meist aber hatte ich den Eindruck, sie wachsen, sie nehmen vieles in sich auf, sie fühlen sich geschätzt und zugehörig.

Bestimmt nicht pädagogisch wertvoll war der Tag oder besser die Nacht, als der damals noch ziemlich kleine Große und die, die heute manchmal den Kleinen Fundevogel zur Schule fährt, an einem Konzert der indianischen PunkBand Black Fire teilgenommen haben, weil an ihren -nun ja – alleinerziehenden- Müttern irgendwie die Organisation hängen geblieben war. Sie fanden es super aufregend und haben später zum Erstaunen aller vom Lärm unerschüttert im Nebenraum geschlafen.

Ich hätte sie auch mit zu der Trauerfeier genommen, wenn sie das gewollt hätten.

Dem Kleinen Fundevogel sind so viele Reize zuviel und wenn ihm etwas zuviel ist, ist er ganz schnell allen anderen zuviel und ich bin ausschließlich mit Schadensbegrenzung beschäftigt.

Das Leben mit den Kleinen Fundevogel funktioniert definitiv am besten, wenn man allein(erziehend) mit ihm unterwegs ist und möglichst kein magisch anziehender Elektroroller am Wegesrand abgestellt ist.

Aber auch solte man eine 360 Grad-Rundumsicht durchhalten, damit der Verschwindetrick nicht gelingt, und viel sehr lauten Fundevogelfrust aushalten können, wenn nicht alles angefasst werden darf, was er gern anfassen würde.

Das macht auch mit guter Bezahlung nicht viele freiwillig, ich hoffe unser AuPair hält durch, er wird auf jeden Fall nicht die Stundezahl arbeiten müssen, die zur Visumserlangung im Vertrag stehen muss, eine Stunde mit dem Kleinen Fundevogel verschleißt Kraft für zwei.

Das liegt in erster Linie an seiner Behinderung.

Auch dies ein Begriff mit dem ich mich in Bezug auf die Fundevögel sehr lange wenig souverän anstellte.

Als hätte ich das ewige der ist nicht behindert, der braucht mal eins hinter die Ohren aus Versehen doch verinnerlicht.

Und manchmal kriegt er das ab, nicht so offensichtlich hinter die Ohren, subtiler und wahrscheinlich dennoch verletzend, kriegt er ihn ab, diesen Zorn, dass ich das akzeptieren muss, dass ich nicht einfach plötzlich im 743. Erziehungsratgeber oder 569. Elternblog endlich den Tipp finde, was ich an mir ändern muss, damit man den Eindruck bekommt, ich sei doch im Stande mein Kind zu erziehen.

Oder liebe ich etwa nicht genug?, fragt eine kleine, hinterhältige Stimme in mir.

Geschichten von Kindern, die weglaufen, die Dinge zerstören, unflätige Wörter von sich geben, in Prügeleien verwickelt werden, den Unterricht aufmischen … gibt es mehr als genug und eigentlich sind in diesen Geschichten immer die Eltern schuld, zu streng, zu lieblos, zu nachgiebig, zu nachlässig, zu sehr aufs Kind fokussiert, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu verkopft, zu asozial.

Das hallt nach, auch wenn man es eigentlich besser weiß.

Der Besten Freundin werde ich immer dankbar sein für zornige Worte, die ich erst ungerecht fand und die wichtig waren. Damals ging es um den Großen Fundevogel.

Findest du Behinderte so schrecklich oder warum kannst du nicht zugeben, dass dein Kind behindert ist? Wo ist dein Problem?

Das Problem war, dass ich glaubte es läge an mir.

Aber wenn ich nicht zugeben kann, dass mein Kind behindert ist,dann ist das verletzend.

Für mein Kind.

Wenn ich so dringend meine Erziehung, meine Liebe gar glaube ändern zu müssen, um es zu ändern, vermittle ich es sei grundlegend überarbeitungswürdig.

Was es nicht ist.

Es ist behindert.

Und die Behinderung ist nicht offensichtlich, nicht so wie nicht laufen oder nicht sprechen können.

Aber nicht weniger da.

Auch wenn die, die alles besser wissen, das in Zweifel ziehen.

Sorry, das weiß ich jetzt gerade mal besser und dazu sollte ich auch stehen.

Ich bin eine alleinerziehende Mutter eines behinderten Kindes. Punkt.

Das macht uns nicht schlechter.

Und nicht besser.

Es ist einfach so.

Und manchmal brauchen wir halt Unterstützung.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

6 Gedanken zu “Beim Namen nennen

    • fundevogelnest Juli 3, 2022 / 8:54 am

      Ich weiß zwar nicht wofür, aber gern geschehen, leider ist der Etüdentext, der als Kern mal drin lag hintenüber gekippt
      Vielleicht im Lauf der Woche

      Gefällt 1 Person

      • Christiane Juli 3, 2022 / 8:56 am

        Wann immer dir danach ist, ich trage dich gerne nach. Komm vorbei zum Wörterspenden, der Aufruf ist draußen!
        Wandervogelgrüße 😉🌳🌼👍

        Gefällt 2 Personen

  1. Olpo Olponator Juli 1, 2022 / 10:04 am

    Deine Reife war für mich in deinen Schilderungen immer präsent, an dieser bestand niemals ein Zweifel.
    Daß du sie nun dermaßen durchdacht und durchgearbeitet präsentieren kannst, zeigt nicht nur den Hader auf -den du häufig noch immer empfinden willst, dem du offenbar jedoch nicht mehr relativ eigenschutzlos ausgeliefert bist- sondern auch, daß du vieles akzeptieren gelernt hast, was Realität ist für euch. Ich wünsche dir ganz viel Zustimmung im Alltag und daß dir dieses Fassenkönnen in Worte selbst hilft und du dich an jenen in ebendiesem orientieren kannst bei aufkommenden Zweifeln.
    Und ich freue mich, daß es, ganz offensichtlich, auch in Ministerien Menschen gibt – mehr ist dazu nicht zu sagen…
    Du weißt besser als ich, daß südamerikanische Familien anders funktionieren als westeuropäische; so gesehen, würde ich mir nicht im Vorhinein wüste Gedanken machen – ein wenig Optimismus darf auch sein !
    Alles Gute jedenfalls für das Experiment – und möge es nicht eine weitere Aufgabe für dich bedeuten, sondern tatsächlich etwas Entlastung bringen.

    Gefällt 4 Personen

  2. fundevogelnest Juli 3, 2022 / 9:00 am

    Ich freue mich sehr auf unseren Gast und bin ziemlich optimistisch.
    Wen du mich hier live und in Farbe verzweifelt zwischen sich prügelnden. Fundevögeln mal wieder meinen Schlüssel suchen sehen würdest, würden dir wohl Zweifel an meiner Reife kommen

    Gefällt 1 Person

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