Die leise Woche

Der Kleine Fundevogel war verreist, eine ganze Woche lang ohne mich und es hat ihm richtig gut gefallen. Ich hätte nie gedacht, dass das ohne Weglaufen und andere Holen Sie Ihr Kind sofort wieder ab-Katastrophen überhaupt gehen kann.

Aber mit dem richtigen Rahmen geht das doch, Wildfang ist ein Anbieter der sich wie der Name schon sagt auf solche Kaliber wie den Kleinen Fundevogel spezialisiert hat, man kann verschieden intensive Betreuungsformen buchen und der Kleine Fundevogel hat selbstverständlich das DeLuxePaket gebucht bekommen und hatte immer jemanden an seiner Seite.

Das DeLuxePaket lässt sich mit der Krankenkasse als Kurzzeitpflege bzw.Verhinderungspflege abrechnen und ich hatte nicht mehr zu zahlen als andere Leute für eine gute Kinderreise auch.

(Das war jetzt die unbezahlte Webung, aber vielleicht lesen welche mit, denen diese Info hilft.)

Da liegt sie nun vor mir knusprig und appetilich duftend diese Woche ganz für mich allein. Dass ich in dieser Woche Vollzeit arbeiten werde – um den Rest der Sommerferien frei zu haben – das fällt gefühlt kaum ins Gewicht. Es wird LEISE in der Wohnung sein. Ich werde nicht sämtliche Antennen non stop auf Empfang haben müssen, alle Zimmertüren, Fenster und Balkontür sperrangelweit auflassen dürfen. Da wird noch genug Zeit bleiben zum Schlafen, zum im Garten und bei den Bienen abhängen und zum Schreiben natürlich auch.

Und zum Frisör zu gehen. Und zum Zahnarzt. Und… Ähh…

Aber erst wollten meine Mutter und ich es uns schön machen. Sie hat den Kleinen Fundevogel und mich bei der Anreise in die Magdeburger Börde begleitet und uns für die Nacht ein Hotel gebucht, spazieren gehen wollten wir, gut essen, gut schlafen, schön frühstücken und uns beim Umsteigen in Hannover mit meiner Tante treffen.

Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, mach dann noch nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht ,,,(B.Brecht)

Um es kurz zu machen: Die Pension lag irgendwo im Nirgendwo, bot kein Frügstück an, Abendbrot natürlich schon mal gar nicht. Wir spazierten eine Stunde durch Industriebrachen in die nächste Stadt, um alle renommierten Restaurants geschlossen zu finden, außer einem sehr netten und auch ziemlich gutem Imbiss.

Das Bett war bequem, das Bad blitzeblank und ich habe mir die halbe Nacht Sorgen um mein Vögelchen gemacht-

Am nächsten Morgen verendete direkt vor unserem ICE eine Regionalbahn, was soviel Verspätung einbrachte, dass meine Tante entnervt vom Bahnhof wieder nach Hause fuhr und auch an keinerlei Treffen mehr interessiert war,

Aber der Taxifahrer war sehr nett,das Personal des liegengeblieben Zuges nicht minder und soviel Zeit ungestört miteinander zu reden hatten Mutter und Tochter bestimmt seit zehn Jahren nicht gehabt.

Und nach einer sehr netten SMS der Fundevogelbetreuer kann ich auch etwas Abstand nehmen.

Zahnarzt und Frisör sind schnell erledigt, Christiane bekommt meine Adventüde dieses Jahr pünktlich und der Garten ist eine wahre Wonne , jetzt reift alles um die Wette, Blaubeeren, Zucchini, Bohnen, Mangold. Ich bin zutiefst gerührt, was dieser deutlich unterpflegte Garten mir alles schenkt.

Und plötzlich sind da wieder ein paar Pfauenaugen, nicht die Mengen wie früher , aber immerhin ein paar leibhaftige. Der Scheinalant scheint sie wo auch immer her gelockt zu haben, bleibt, raune ich ihnen zu, bleibt und gründet eine neue Dynastie, wenn ihr wollt, pflanze ich noch ein paar Scheinalants dazu (die sind ürigens auch ausgesprochen attraktiv, wenn man kein Schmetterling ist…)

Am liebsten würde ich im Garten übernachten, aber der Große Fundevogel klagt, dann bin ich ja schon wieder eine ganze Nacht allein zu Haus .

Gemeinsam essen ohne Vögelchenkrawall , das sollte man genießen, aber komisch ist es schon ohne ihn, sagt der so oft beschimpfte und bespuckte Große Fundevogel dabei mindestens alle fünfzehn Minuten, ja komisch ist es schon.

Im Bett noch ein wenig vor sich hinträumen und mich verdriftend fragen, wieso um Himmels Willen ausgerechnet in meiner leisen Woche um Mitternacht eine Straßenkehrmaschine fährt und wieso sie mit ihrem Getöse nicht einfach zügig weiterfährt.

UND WAS MACHT DIESE HÖLLENMASCHINE EIGENTLICH IN UNSERER WOHNUNG?

Vom Hochbett runter tappe ich in die erste Pfütze, nix Straßenkehrmaschine, Das Hauptwasserrohr ist entzwei, unter der Spüle sprudelt es raus und ich habe bei der Suche nach dem Haupthahn Angst in meiner eigenen Küche zu ertrinken.

Klar weiß man theoretisch, dass es Druck braucht, um Trinkwasser in der zweiten Stock zu pumpen, aber die Dimensionen waren mir nicht klar.

Der Große Fundevogel ist aus der Wohnung geflohen und muss bleich und zitternd im Treppenhaus wieder eingefangen werden.

Wir reißen sämtliche Lappen und Handtücher aus den Schränken und auch die gesamte Bettwäsche landet in den Fluten. Wir wischen und wringen bis kurz nach drei in der Nacht, zerren die zentnerschwer gewordenen Teppiche unter den Möbeln hervor, die Wohnung unter uns mit ihren schwer fundevogelgeprüften Bewohnern bleibt trocken, das sechzig Jahre alte Parkett sieht am Ende nur unwesentlich ramponierter aus als zuvor.

Der auf diese Nacht folgende heißeste Tag des Jahres ist in dieser Hinsicht ausgesprochen hilfreich und plötzlich gaukelt ein Pfauenauge durch die ungestraft sperrangelweit offene Balkontür herein, ja, ja, ich verstehe schon, brumme ich in meine Wäscheberge und höre brav auf mich im Selbstmitleid zu suhlen.

Trotzdem hat der nächtliche Angriff der vermeintlichen Straßenkehrmaschine meine Woche Auszeit gründlich ramponier. Die restlichen Tage mäandrieren zwischen Putz-und Lohnarbeit sowie Telefongesprächen mit der Hausverwaltung bis es Zeit ist den Kleinen Fundevogel wieder nach Hause zu holen.

Er staunt über sein hochkant stehendes Bett mit dem darüberhängenden Teppich und kann natürlich nicht die Finger von dem brummenden Trockenapparat lassen, den mir der Hausmeister in die Wohnung gestellt hat. Tausendmal muss ich ihm zeigen, wo das Wasser raus kam und wie die Hausverwaltung kann er es einfach nicht fassen, dass ich keine Fotos von der nächtlichen Seeenplatte im Nest gemacht habe.

Morgen Honigernte, sage ich ihm und er strahlt, während mir die Aussicht auf das große klebrige Fest unter diesen Umständen nur mäßig behagt.

Aber was soll ich sagen, es wird die problemloseste Honigernte unserer bisherigen Imkerei und nächstes Jahr möchte der Kleine Fundevogel unbedingt wieder vereisen.

Ich freue mich jetzt schon auf eine – unter Umständen- leise Woche.

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12 Gedanken zu “Die leise Woche

  1. geschichtenundmeer Juli 31, 2022 / 2:10 am

    Für den kleinen Fundevogel war das sicher eine wertvolle Erfahrung. (Aber der Wasserschaden, oh weh! Ich drücke die Daumen, dass alles bald wieder in Ordnung kommt.)

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Juli 31, 2022 / 10:05 pm

      Wasserschade ist eigentlich erledigt, wir haben wirklich sehr effektiv gearbeitet, am längsten hat der Wollteppich in der Stube gebraucht und die Wohnung roch tagelang wie ein nasses Schaf.

      Gefällt 2 Personen

  2. Christiane Juli 31, 2022 / 7:14 am

    Nächtliche Seenplatte – grusel. Aber der Rest klingt vielversprechend und positiv. Wie war die Honigernte, außer problemlos?
    Morgenkaffeegrüße 🌤️🌾🌳☕🍪🌼👍

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Juli 31, 2022 / 10:09 pm

      Ein Zehnlitereimer Honig, es tropft noch zögerlich, ich rechne mit ca. 12 Kilogramm.
      Und problemlos Hand in Hand arbeiten macht auch glücklich, mich jedenfalls. Ich habe die Waben rausgeschnitten, der Kleine Fundevogel die Bienen abgefegt (sehr effektiv, wir hatten kaum tote Bienen zu beklagen)und die Geschätze Mitimkerin die Beute blitzschnell in einer bienendichten Kiste verschwinden lassen.

      Gefällt 1 Person

  3. Myriade Juli 31, 2022 / 11:32 am

    Ich denke mir, dass es immer sehr ermutigend sein muss, eine Möglichkeit zu finden, bei der du entlastet wirst und der Kleine glücklich und zufrieden ist.

    Gefällt 1 Person

  4. Pega Mund Juli 31, 2022 / 12:26 pm

    solche projekte/angebote wie „wildfang“ sind sowas von wichtig … es sollte viel mehr davon geben. hier im süden kenne ich „kunterbunt reisen“, gute angebote vom VdK, von der lebenshilfe usw. … aber es dauert halt oft, bis sich für ein kind die wirklich passende möglichkeit findet.

    wünsche dir jedenfalls von herzen, dass das weitergeht mit dem reisen – und dass die seenplatte richtig gut austrocknet und sich auch keine neue je wieder bildet❣️

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  5. fundevogelnest Juli 31, 2022 / 10:51 pm

    Im Augenblick bin ich sehr zuversichtlich, dass er nächstes Jahr wieder fährt.
    Hier haben wir uns nun für diese Woche ein Eltern-Kind-Tandem geliehen und das ist auch eine ziemlich coole Art „im zaum gehalten“ zu werden.

    Gefällt 3 Personen

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