Dereinst (ABC-Etüde)

Dereinst, wenn meine Bewegungen nicht mehr wohlwollend behäbig genannt werden können, sondern nur noch Zittern, Zaudern und Stolpern sind; wenn die Systeme meines Leibes nur durch Kästchen vielfarbiger Tabletten unvollkommen am Zusammenbruch gehindert werden: wenn mein Geist und die Gegenwart einander nicht mehr erkennen, meine Seele zwischen den Welten herumgeistert und durch eine Zeitlupe blickend nach Mustern sucht, in dem was so verwirrend mein Leben gewesen sein soll, dann habt Nachsicht mit mir.

Die Zeit läuft aus, Versäumtes wird versäumt bleiben, Verprasstes verprasst. Lang waren die Jahre, kurz die Zeit, der Tag wird zur Stunde, die Minute zum Jahr, Ziffernblätter und Landkarten verweigern die Auskunft, die Leitsterne sind vom Firmament gefallen.

Verschont mich mit euren Hast du endlich?s, schaut selbst nach, wenn es noch wichtig für euch ist. Mich ficht anderes an auf dem Weg, der vor mir liegt.

Schubst und drängt mich nicht, aber nötigt mich nicht Häppchen um Löffelchen zum Bleiben.

Das Zerschneiden der Fäden ist schwer genug.

Verzeiht mir, wenn ich schroff zu euch sein werde, weil ich weiß, unsere irdische Gemeinschaft endet nun und alles in allem war sie doch das Beste, was sich finden ließ auf diesem geknechteten Planeten, der so unendlich einsam durch das Weltall rast.

Ich habe ihn lieb gewonnen, jede Welle, jeden Flügelschlag, jede neugeborene Maus. Und ich liebe euch, möchte sitzen bleiben an eurem Tisch, aber meine Heimat auf Erden, mein Körper ist ein zerbröselndes Haus, in dem kein sicheres Bleiben mehr ist, all euren tapferen Reparaturversuchen.zum Trotz. Garstig macht sie mich manchmal, die Unerbittlichkeit des tausendfachen Abschieds.

Versagt mir nicht strafend eure Hände und Stimmen.

Entlasst mich mit Zärtlichkeit und Zuversicht auf den tiefsten Weg.

Das wünsche ich mir dereinst ,wenn meine Zeit gekommen sein wird.

Am liebsten wenn die Astern blühn und die Gänse ziehn.

Aus gegebenem Anlass – nein gegebenen Anlässen.

Die Wortspende für diese Etüdenrunde stammt vom treuen Etüdenschreiber Werner Kastens, der sowohl Ernste, wiePolitisches, wie Witziges wunderbar erzählen kann.

Seine gespendeten Wörter sind drei Kostbarkeiten der deutschen Sprache, Zeitlupe, behäbig und verprassen.

Danke dafür und danke an Christiane für all die Arbeit um die Geschichten drumrum.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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16 Gedanken zu “Dereinst (ABC-Etüde)

  1. Myriade Oktober 11, 2022 / 1:55 am

    Ein großartiger Text, liebe Natalie! Soviel Empathie in die Zukunft geschickt. Genauso wird es uns wohl alle treffen, früher oder später. Vorsicht, die dämliche Korrektur hat „Mich fechten anderes an“ geschrieben. Es ist doch schade wenn ein Text wie dieser durch solche Dinge verschandelt wird.

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane Oktober 11, 2022 / 7:47 am

    Hier auch Anlässe. Danke dir dafür, den schicke ich weiter, in der Hoffnung, dass er passt und tröstet.
    Morgenkaffeegrüße 🌄🍃🌻☕👍

    Gefällt 1 Person

  3. antoniazoe Oktober 11, 2022 / 9:38 am

    Liebe Natalie, Danke dafür! Das hilft für den heutigen Tag! Ganz schön geschrieben 🙏❤️

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    • fundevogelnest Oktober 19, 2022 / 12:07 am

      Hallo meine Liebe, das habe ich leider eben erst aus dem Spam gefischt..
      Danke dir und unsere Gespräche hatten gewiss Anteil daran.

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  4. Werner Kastens Oktober 11, 2022 / 4:02 pm

    Erst einmal soll nicht unbemerkt bleiben, dass ich mich für Deine lobende Erwähnung meiner vielen „Talente“ ganz herzlich bedanke!

    Zu Deiner Geschichte: so toll und einfühlsam geschrieben, wie man es sich wohl kaum besser vorstellen kann. Ich wünschte mir nur, wenn der Zeitpunkt mal gekommen ist, diese Sätze auch so sagen zu können!

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