Montags im Jugendclub (ABC-Etüde)

Humaira, spielst du mit?

Wenn ihr die Musikbox ausmacht.

Ey, haste was gegen Domiziana, oder was?

Billard musst du hören, das Klicken, das Klacken, das Rollen, sonst ist es nur der halbe Spaß.

Echt jetzt?

Ihr dürft gern allein spielen,

Arthur dreht schon am Regler. Ziemlich schnell bringe ich sie zum Schwitzen. Kleine lasse ich gern gewinnen. Aber Jungs wie Arthur, Halil und Steven durchschauen jedes Anbiedern gnadenlos.

Ey, das ist einfach verboten, dass eine Frau so gut spielt.

Arthur, ich zieh dir mein rosa Einhorn über die Rübe.

Er lacht. Ein respektvolles Lachen.

Dürfen Frauen in Afghanistan überhaupt Billard spielen? Stevens Frage ist kein Fall fürs rosa Einhorn, er meint es ernst.

Die Taliban lassen niemanden Billard spielen. Ich hab es als Praktikantin in einem Jugendclub gelernt.

Krass.

Ja, – ne härtere Schule als euereins gibt es nicht und nun nimm dich in Acht.

Ich stoße heftig, gib zu, es ist ein cooles Geräusch, ehe hier noch persönlichere Fragen kommen oder ich an die aktuelle Situation meiner Verwandten in Herat denke und anfange zu heulen.

Damals hatte ich gedacht: Jugendclub! kann dem Amt nichts Vernünftigers einfalle? Ich wollte etwas für mein Land, für die Welt tun, nicht verwöhnten deutschen Kids den Nachmittag gestalten.

Genommen hatten sie mich natürlich, weil ich Dari spreche und so war ich Afghanistan näher als gedacht und die Deutschen, die hier in den Jugendclub kommen, sind selten verwöhnt, wenn ich allein seh, was auf Stevens schmächtigen Schultern alles lastet.

Seit bald 27 Jahren schlag ich mich nun mit ihrer glitzernden Respektlosigkeit herum, versuche sie mit meinem rosa Einhorn Respekt vor Frauen und Anstand zu lehren, bewahr sie vor idiotischen Wetten, unnötigen Schlägereien und manchmal vor zu früher Ehe und Abschiebung.

Ey, Humaira du bist draaaaan. Träumst du, oder was.

Ach, wenn sie wüssten, wie lieb ich sie hab.

Illustratiobn der ABC-Etüden mit den drei Wörtern Billard, aktuell, gestalten
Diesen Text widme ich F. vom hiesigen Jugendclub. Was an diesen Orten für eine besserer Welt getan wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes unermesslich.

Die inspirierenden Wörter ( Billard, aktuell, gestalten )spendete Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken für die aktuelle Etüdenrunde, die Christiane, die Etüdenpflegerin, wieder so schön für uns gestaltet hat.

Kommen Sie, kommt gut durch dieses seltsam warmen Oktobertage.

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10 Gedanken zu “Montags im Jugendclub (ABC-Etüde)

  1. Christiane Oktober 24, 2022 / 8:25 am

    Dem kann/muss man nichts hinzufügen, denke ich. Gar nichts.
    Danke dir, komm(t) gut in und durch die Woche!
    Morgenkaffeegrüße 🌤️🍁☕☁️🍂👍

    Gefällt 2 Personen

  2. fundevogelnest Oktober 24, 2022 / 1:17 pm

    Ja, warum sollte es die nicht geben.
    Die inspirierende F, die der Kleine Fundevogel (der im Jugendclub noch gaaaaar nix zu suchen hat) so liebt, stammt allerdings aus dem Iran.
    Die afghanische Community in Hamburg ist riesig und Erzieherin und Sozialpädagogische Assistentin sind typische Ausbildungsangebote an Migrantinnen.

    Gefällt 3 Personen

  3. Myriade Oktober 24, 2022 / 1:39 pm

    Vielleicht gibt es die eine oder andere. Ich kann nur von Wien reden. Da besteht die große, afghanische community praktisch nur aus Männern, vor allem aus jungen Männern. Die wenigen Frauen, die es gibt, sind schon vor 2015 eingewandert und eher nicht in irgendwelchen Ausbildungen zu finden. Die Bevölkerungsstruktur im Iran ist ja eine ganz andere, da gibt es immer noch eine gebildete Mittelschicht …

    Gefällt mir

    • fundevogelnest Oktober 24, 2022 / 3:09 pm

      Da ist die Struktur in Hamburg sehr anders…
      Hier leben viele Familien z.T. seit den Neunzigern und länger, in jeder Klasse oder Kitagruppe meiner Kinder waren afghanische Kinder., die nun natürlich ihre Ausbildungen m,achen, studieren …
      Natürlich gibt es auch die Strengstreligiösen, extrem Rückständigen, aber viele sind ja hier, weil sie genau das nicht wollen.

      Gefällt 3 Personen

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