Die Lügnerin (ABC-Etüde)

Packen. Heute ist die Schlafzimmerkommode dran. Wie konnte sich das alles nur ansammeln haben, fragt Isabelle sich erschöpft, alles Zeugs, das sie an irgendetwas erinnert, Zeit verschlingt, Zeit, in der die Ankunft des Umzugslasters unerbittlich näher rückt. Poesiealbum? Behalten. Aber um Himmelswillen nicht hinein schauen. Schulzeugnisse dito,.Verstaubte Osterküken. Durchatmen. Blauer Sack. Läuft richtig gut heute. Noch eine Muschel? Bitte in die Tüte für den zukünftigen Garten.

Keine Muschel, ein Perlmuttdöschen, kleiner als zwei Brühwürfel, achteckig mit silbernen Rändern, zierlich gearbeitet wie alles aus Frau van Santens Haushalt.

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Frost (ABC-Etüde)

Es gibt Frost. Die Kürbisse müssen rein.

Das war das letzte , das die Meli gesagt hat, sagt Penny, Fassungslosigkeit in jeder einzelnen Silbe.

Dass eine wie die Meli überhaupt Krebs kriegen und sterben kann, geht schon eigentlich nicht, aber dass sie uns keine Worte hinterlässt wie Haltegriffe.

Die Kürbisse hätten wir auch so reingeholt und hätten dabei gesagt es gibt Frost, die Meli hätt gewollt, dass wir die Kürbisse reinholen.

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Flötentöne (ABC-Etüde)

Blockflötenfiepser dringen aus dem Erdgeschoss und ich breche in Tränen aus. Furchtbar wie nah ich zurzeit am Wasser gebaut bin.

Komm, so schlimm flötet sie nun auch wieder nicht, Stefan lacht liebevoll und ich verkrieche mich in seine Umarmung.

Gabriela hatte auch eine Blockflöte, erinnerst du dich?

Ich denke auch noch oft an sie, sagt er schluckend und streichelt meinen runden Bauch.

Ich denke an unsere quasi erste Begegnung, verloren im Wohnzimmer eines Pfarrhauses voller edler Biedermeier- Möbel.Stefan war damals optisch noch der Antifa, der er im immer Herzen geblieben ist, und ich sprach vor Aufregung piepsig wie eine Sechsjährige.

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Geheime Künste (ABC-Etüde)

Jajaja, genau daher komm‘ ich, da, wo sie jetzt alle von reden, wo plötzlich Blumen in Strandkörben blühen, richtig echte Blumen, glaubste kaum, mit den Wurzeln im Plastik und ohne Wasser, haste bestimmt im Fernsehen gesehen oder im Internet.

Und echt, der Duft haut dich um, schade eigentlich, den können sie im Fernsehen nicht zeigen.

Und soll ich dir mal was sagen? Diese Strandkörbe, die habe ich aufgestellt, mache ich seit Jahren.

Verdammt anstrengend, kann ich dir sagen, im Oktober rein, im April raus, wer da nicht Rücken kriegt. Und letztes Jahr wars fast umsonst, erst Corona, dann dieses Schietwetter, und nu‘ hamse alles abgesperrt wegen die Blumen, dabei tun die keinem was, wer se nicht leiden kann, kann se ja rausreißen, sag ich immer.

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Ein Todesfall (ABC-Etüde)

Den Laden aufschließen, die Kasse öffnen, jeder Handgriff eingesponnen in den Kokon der Traurigkeit.

Was hast du?, fragt Marieke, die liebste Kollegin. Ach, schlecht geschlafen, Kopfschmerzen, einen Kaffee, dann ists besser. Wir öffnen gleich. Ich kann mich nicht verkrümeln. Ich werde ihr nicht von Micha erzählen, Marieke wird überhaupt nie erfahren, dass ich einen Bruder gehabt habe. Auf den spärlichen Fotos sieht sein Gesicht inzwischen aus wie ausgeliehen. Beim Zurechtrücken der Auslagen stelle ich mir vor in Mariekes Armen zu weinen. Es täte unendlich gut. Anständig wäre es nicht.

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Frühstück mit Tante Polly (ABC-Etüde)

Und dann stell ich mir vor, ich träfe mich mit Tante Polly im Café. Zum Frühstück vielleicht, dann sind unsere Jungs in der Schule und wir können kurz nachlassen in unserer Daueraufmerksamkeit, die Sorgen ein Käffchen lang in die Handtaschen stecken. Wir sollten unsere kostbare Freizeit nicht nur mit Putzen und Kochen verbringen. Wir brauchen Zuwendung, um durchhalten zu können.

Polly, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie in ein Café im Jahre 2021 einladen würde? Es ist keine gute Zeit, vielleicht ist es die letzte, aber ehrlich gesagt, Ihre ist mir noch unheimlicher. Die Sklaverei, der Rassismus, mir grauts allein schon beim Vorlesen. Dass Sie einen Sklaven haben, habe ich erst als erwachsene Leserin kapiert.

Wie sollt ich das denn wohl schaffen ohne den Jim, sagt sie, da hätt‘ ich gut reden mit meiner Spülmaschine. Und für Gesellschaftskritik habe sie keine Kraft.

Früher habe ich Sie ausgelacht, Polly, mit Ihrer komischen Haube waren Sie das hartnäckigste Hindernis bei Toms wunderbaren Abenteueren. Wie habe ich gejubelt, wenn er Sie reinlegen konnte.

Heute bin ich die lächerliche Figur, die mit zerzausten Haaren ihrem Kind nachrennt, voller Panik es könnt in ein Auto laufen, während Sie Ihres ertrunken im Schlick des Missisippi wähnen.

Wer sein Kind liebt, der züchigt es, die Bibel gibt Ihnen die Erziehung vor. Genutzt hat die Rute nichts, können Sie selbst nachlesen. Heute sind Schläge verboten wie die Sklaverei. Gottlob. Aber ich kenne den Zorn, der der zu großen Sorge entspringt viel zu gut.

Ihr Familienverhältnisse erscheinen mir lesend immer reichlich ominös. Sie, Tom, Sid, Mary. Wessen Kinder sind das alles? Haben die auch Väter?

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Pfützen (ABC-Etüde, Sommeredition)

Die Goldruten blühen, die Hühner mausern und wenn morgens der Wecker klingelt, müssen wir das Licht einschalten. Der Sommer ist zum Spätsommer geworden und es ist höchste Zeit die Sommerextraetüde in die virtuelle Welt zu entlassen. Sie ist nicht auf den letzten Drücker geschrieben, sondern begleitete mich die ganze Zeit wie ein mäandrierendes, verklausuliertes Tagebuch meines Sommers, auch wenn ich nichts aus der Geschichte erlebt habe, die Personen frei erfunden sind und ich noch lange nicht Großmutter bin.

Die Geschichte durfte so lang sein wie sie wollte und wurde in den letzten Tagen von übermäßig ausschweifend auf knapp achtfache Etüdenlänge zusammengekürzt.

Mindestens sieben der in der Graphik unten aufgelisteten Wörter mussten darin vorkommen, zehn sind es geworden, das Eigentor und das Wetterleuchten erlitten im Rahmen der Kürzung Platzverweise.

Und ein Gewässer musste vorkommen, ein real existierendes. Heikel wie eine Diva sah sich die Geschichte um, wo wir zu Fuß, per Fahrrad, Kanu oder Tretboot unsere Sommertage verbrachten: an der Berner Au, wo unser Garten liegt, auf der Außenalster, dem Kuhmühlenteich, am Oberlauf der Alster, an der Beste, der Trave und da wo die Pfingstbeek in die Ostsee mündet.

Siegerin war schließlich die Bille.

Meine Heimatstadt Hamburg liegt ja „an’ne Elbe, an’ne Alster, an’ne Bill'“, wobei die letztere die unbekannteste unter ihnen ist. Die Bille ist ein 65 km langer nördlicher Zufluß der Elbe. Sie entspringt bei Lienau in der Nähe von Trittau und durchfließt große Teile des Sachsenwaldes. Bei Reinbek ist sie zum Mühlteich aufgestaut, an dessen Ufer liegt ein Schloss, in Hamburg wird sie von vielen Brücken gequert, die wie in einem Kinderbuch Blaue Brücke, Rote Brücke, Braune Brücke …. heißen. Mitten in einem Industriegebiet mündet sie in Rothenburgsort bei der Brandeshofer Schleuse in die Elbe. Dort ist sie nur noch Industriekanal, aber im Sachsenwald fließt sie wild und unreguliert durch die Grundmoränen. Wir sind von Grande nach Aumühle am Fluß entlang gelaufen, die ganze Zeit durch den Wald. Eine Wanderung, die ich jeder und jedem ans Herz lege. In Aumühle gibt es dann bei Bedarf reichlich – ich glaube ziemlich teure – Restaurants und eine S-Bahnstation.

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Familienbesuch (ABC-Etüde)

Das trockene Gras kitzelt unter Ziegenbarts Füßen. Seit über 300 Jahren kennen sie nur das Innere seiner Stiefel, seines Schlafsacks und gelegentlich das Wasser des Waschzubers im Weihnachtsmannhaus.

Etwas Buntes flattert vorbei, er lächelt, auch Schmetterlinge hat er seit Jahrhunderten nicht gesehen. Ein Kleiner Fuchs ist es, das weiß er noch.

In seiner Kindheit gauckelten sie zu hunderten über den Vorplatz ihrer Wohnhöhle.

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Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

Das Junikind wurde im Regen geboren. In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen, sah ich abgeblühten Kastanienblüten beim zerregnet werden zu. Als das Kind dann endlich da war, gab es unzählige Sträuße Pfingstrosen und aus dem kalten Juni wurde einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken, jedenfalls aus damaliger Sicht. Das neue Jahrtausend hat später neue Maßstäbe gesetzt.

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Jensens Tod (ABC-Etüde)

Jensen ist tot, sagt mein Vater am Telefon. Saß tot auf der Bank. Den Kaffee und den Klöben noch vor sich. Ich hatte nach ihm geschaut, weil seine Hühner nicht eingesperrt waren. Ein sanfter Tod und das mit sechsundneunzig.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

Line, könntest du die Tage kommen und helfen das Haus auszuräumen?Wer sonst sollte es tun?

Und die Beerdigung, Papa? Wer kümmert sich darum?

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