Frühstück mit Tante Polly (ABC-Etüde)

Und dann stell ich mir vor, ich träfe mich mit Tante Polly im Café. Zum Frühstück vielleicht, dann sind unsere Jungs in der Schule und wir können kurz nachlassen in unserer Daueraufmerksamkeit, die Sorgen ein Käffchen lang in die Handtaschen stecken. Wir sollten unsere kostbare Freizeit nicht nur mit Putzen und Kochen verbringen. Wir brauchen Zuwendung, um durchhalten zu können.

Polly, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie in ein Café im Jahre 2021 einladen würde? Es ist keine gute Zeit, vielleicht ist es die letzte, aber ehrlich gesagt, Ihre ist mir noch unheimlicher. Die Sklaverei, der Rassismus, mir grauts allein schon beim Vorlesen. Dass Sie einen Sklaven haben, habe ich erst als erwachsene Leserin kapiert.

Wie sollt ich das denn wohl schaffen ohne denn Jim, sagt sie, da hätt‘ ich gut reden mit meiner Spülmaschine. Und für Gesellschaftskritik habe sie keine Kraft.

Früher habe ich Sie ausgelacht, Polly, mit Ihrer komischen Haube waren Sie das hartnäckigste Hindernis bei Toms wunderbaren Abenteueren. Wie habe ich gejubelt, wenn er Sie reinlegen konnte.

Heute bin ich die lächerliche Figur, die mit zerzausten Haaren ihrem Kind nachrennt, voller Panik es könnt in ein Auto laufen, während Sie Ihres ertrunken im Schlick des Missisippi wähnen.

Wer sein Kind liebt, der züchigt es, die Bibel gibt Ihnen die Erziehung vor. Genutzt hat die Rute nichts, können Sie selbst nachlesen. Heute sind Schläge verboten wie die Sklaverei. Gottlob. Aber ich kenne den Zorn, der der zu großen Sorge entspringt viel zu gut.

Ihr Familienverhältnisse erscheinen mir lesend immer reichlich ominös. Sie, Tom, Sid, Mary. Wessen Kinder sind das alles? Haben die auch Väter?

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Pfützen (ABC-Etüde, Sommeredition)

Die Goldruten blühen, die Hühner mausern und wenn morgens der Wecker klingelt, müssen wir das Licht einschalten. Der Sommer ist zum Spätsommer geworden und es ist höchste Zeit die Sommerextraetüde in die virtuelle Welt zu entlassen. Sie ist nicht auf den letzten Drücker geschrieben, sondern begleitete mich die ganze Zeit wie ein mäandrierendes, verklausuliertes Tagebuch meines Sommers, auch wenn ich nichts aus der Geschichte erlebt habe, die Personen frei erfunden sind und ich noch lange nicht Großmutter bin.

Die Geschichte durfte so lang sein wie sie wollte und wurde in den letzten Tagen von übermäßig ausschweifend auf knapp achtfache Etüdenlänge zusammengekürzt.

Mindestens sieben der in der Graphik unten aufgelisteten Wörter mussten darin vorkommen, zehn sind es geworden, das Eigentor und das Wetterleuchten erlitten im Rahmen der Kürzung Platzverweise.

Und ein Gewässer musste vorkommen, ein real existierendes. Heikel wie eine Diva sah sich die Geschichte um, wo wir zu Fuß, per Fahrrad, Kanu oder Tretboot unsere Sommertage verbrachten: an der Berner Au, wo unser Garten liegt, auf der Außenalster, dem Kuhmühlenteich, am Oberlauf der Alster, an der Beste, der Trave und da wo die Pfingstbeek in die Ostsee mündet.

Siegerin war schließlich die Bille.

Meine Heimatstadt Hamburg liegt ja „an’ne Elbe, an’ne Alster, an’ne Bill'“, wobei die letztere die unbekannteste unter ihnen ist. Die Bille ist ein 65 km langer nördlicher Zufluß der Elbe. Sie entspringt bei Lienau in der Nähe von Trittau und durchfließt große Teile des Sachsenwaldes. Bei Reinbek ist sie zum Mühlteich aufgestaut, an dessen Ufer liegt ein Schloss, in Hamburg wird sie von vielen Brücken gequert, die wie in einem Kinderbuch Blaue Brücke, Rote Brücke, Braune Brücke …. heißen. Mitten in einem Industriegebiet mündet sie in Rothenburgsort bei der Brandeshofer Schleuse in die Elbe. Dort ist sie nur noch Industriekanal, aber im Sachsenwald fließt sie wild und unreguliert durch die Grundmoränen. Wir sind von Grande nach Aumühle am Fluß entlang gelaufen, die ganze Zeit durch den Wald. Eine Wanderung, die ich jeder und jedem ans Herz lege. In Aumühle gibt es dann bei Bedarf reichlich – ich glaube ziemlich teure – Restaurants und eine S-Bahnstation.

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Familienbesuch (ABC-Etüde)

Das trockene Gras kitzelt unter Ziegenbarts Füßen. Seit über 300 Jahren kennen sie nur das Innere seiner Stiefel, seines Schlafsacks und gelegentlich das Wasser des Waschzubers im Weihnachtsmannhaus.

Etwas Buntes flattert vorbei, er lächelt, auch Schmetterlinge hat er seit Jahrhunderten nicht gesehen. Ein Kleiner Fuchs ist es, das weiß er noch.

In seiner Kindheit gauckelten sie zu hunderten über den Vorplatz ihrer Wohnhöhle.

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Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

Das Junikind wurde im Regen geboren. In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen, sah ich abgeblühten Kastanienblüten beim zerregnet werden zu. Als das Kind dann endlich da war, gab es unzählige Sträuße Pfingstrosen und aus dem kalten Juni wurde einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken, jedenfalls aus damaliger Sicht. Das neue Jahrtausend hat später neue Maßstäbe gesetzt.

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Jensens Tod (ABC-Etüde)

Jensen ist tot, sagt mein Vater am Telefon. Saß tot auf der Bank. Den Kaffee und den Klöben noch vor sich. Ich hatte nach ihm geschaut, weil seine Hühner nicht eingesperrt waren. Ein sanfter Tod und das mit sechsundneunzig.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

Line, könntest du die Tage kommen und helfen das Haus auszuräumen?Wer sonst sollte es tun?

Und die Beerdigung, Papa? Wer kümmert sich darum?

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DD (ABC-Etüde)

In der Grundschulzeit hatte Svenja noch nicht mitgetan, wenn die anderen zwischen Dallrupps Häusern Verstecken mit Abschlag spielten, so gut lief sie nicht, nicht mal drei freie Schritte bekam sie damals hin, steuerte gerade aufs ewige Außenseiterinnentum zu. Vergiss‘ diese Kinder, sie würden dich eh nur ärgern, tröstete Mutti sie. Hart kämpfte Svenja, das undankbare Stück, um sich aus ihrer klebrigen Hülle Fürsorge zu befreien.

Mit der neuen Gehhilfe schaffte sie es zu den Baracken, diesem Schandfleck, der endlich abgerissen gehört, vorzudringen.

Mit Melanie musste sie nicht rennen. Die hatte ihre Barbies mit. Im Gebüsch spielten sie „weggelaufene Kinder werden von der Polizei verhauen“ und das wog allen Ärger und Muttis Sorgentränen tausendfach auf.

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In der Wanne (furchtbar verspätete ABC-Etüde)

Peregrin kreischt, als ob ich ihn verhaue, ich zieh ihn aber nur aus. Unger von unten kriegt im Homeoffice die Krise und klingelt, sagt mir notdürftig Bedeckten, ich soll machen, dass mein Blag still ist.

Ha, ha wie denn?

Geht gleich los, locke ich den Peregrin und zeige auf die dampfenden Schwaden, die aus dem Wasserhahn kommen. Bis wir endlich im Wasser sind, wird es Wohlfühltemperatur haben.

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Konfirmation (nachgereichte ABC-Etüde)

Dich hätte ich am liebsten dabei, schreibt Amelie, aber du weißt ja, die Familie…der Smiley rollt genervt die Augen.

Sie lädt mich zu ihrer Konfirmation, per Videostream, weil wegen Corona nur fünf Gäste pro Konfirmand leibhaftig zugelassen sind.

Ich bin perplex. Es lassen sich 2021 noch Jugendliche konfirmieren. Über vieles reden Amelie und ich, oft nebenbei, wenn Gemüse in der Pfanne schmort oder wir an den Bienenkisten sind. An Gott habe ich nie gedacht.

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Das alte Pferd (ABC-Etüde)

Das alte Pferd steht in der noch zögerlichen Frühlingssonne und lässt sich von Ebba den Rücken massieren. Mager ist es geworden, allen Kraftfutter- und Vitamingaben zum Trotz.

Irgendwann werden wir es einschläfern lassen müssen, hat Julia gerade wieder gesagt. Sie behauptet das alte Pferd hat Schmerzen, vielleicht hat sie sogar recht damit. Es läuft kaum noch, steht meist einfach herum, den Apfel, den Ebba ihm hinhält zermalmt es dennoch mit Genuss.

Ohne das Pferd hätten sie das Café nie eröffnen können.

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Herr M. (ABC-Etüde)

Damals wohnten noch viele dauerhaft in der Schrebergartenkolonie, Behelfsheime nannte man das. Unser Garten war nur Hobby und ich habe die Kinder in den Behelfsheimen immer beneidet, weil sie sozusagen nie nach Hause mussten.

Am Ende der Kolonie, direkt neben dem Parkplatz wohnte Herr M. mit seinen Kaninchen. Ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Dackelfaltengesicht, wie meine Mutter sagte.

Wir liebten die Kaninchen, wir liebten Herrn M. und seine Hütte, in der es fruchtig nach eingelagerten Äpfeln roch

Manche Eltern in der Kolonie waren zu eingesponnen in ihre Sorgen, um die Sorgen ihrer Kinder wahrzunehmen. Herrn Ms freundliche Mahnung Halt die Ohren steif löste keine Probleme, aber seine tiefe Anteilnahme half eben doch.

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