Montags im Jugendclub (ABC-Etüde)

Humaira, spielst du mit?

Wenn ihr die Musikbox ausmacht.

Ey, haste was gegen Domiziana, oder was?

Billard musst du hören, das Klicken, das Klacken, das Rollen, sonst ist es nur der halbe Spaß.

Echt jetzt?

Ihr dürft gern allein spielen,

Arthur dreht schon am Regler. Ziemlich schnell bringe ich sie zum Schwitzen. Kleine lasse ich gern gewinnen. Aber Jungs wie Arthur, Halil und Steven durchschauen jedes Anbiedern gnadenlos.

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Dereinst (ABC-Etüde)

Dereinst, wenn meine Bewegungen nicht mehr wohlwollend behäbig genannt werden können, sondern nur noch Zittern, Zaudern und Stolpern sind; wenn die Systeme meines Leibes nur durch Kästchen vielfarbiger Tabletten unvollkommen am Zusammenbruch gehindert werden: wenn mein Geist und die Gegenwart einander nicht mehr erkennen, meine Seele zwischen den Welten herumgeistert und durch eine Zeitlupe blickend nach Mustern sucht, in dem was so verwirrend mein Leben gewesen sein soll, dann habt Nachsicht mit mir.

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Die Phantasie (ABC-Etüde)

Aus dem Haar der Schrifttstellein rinnt Wasser, ihr Kleid klebt klatschnass am bibbernden Leib. Da sie gerade vorhat, ihr Manuskript samt Laptop in der Regentonne zu versenken, passt das literarisch nicht schlecht.

Und auf Regen haben doch alle sehnsüchtig gewartet.

Kein Wort haben wir über diese Regenflut geschrieben, kein Wort., also übertreib mal nicht so.

Mit klammen Fingern versucht die Schriftstellerin das handhohe, an den Rändern ausfransende Männchen vom Tonnenrand zu schubsen. Wer von denen, die sie in den Feuilletons als sensible Prophetin des Untergangs preisen, ahnt, dass ihre Phantasie ein bleiches, keifendes Rumpelstilzchen ist?

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Ein Erbstück (ABC-Etüde)

Zur Übergabe hatte er sich mit Britta in Lübeck getroffen, er hatte vorgehabt seine Schwägerin auf einen Kaffee einzuladen, aber sie hatte ihm mit schmalstmöglichen Dank den Behälter in die Hand gedrückt und sich verabschiedet.

Im Zug hatte es gelegentlich unter dem Tuch auf dem Plastikboden des Behälters geklackert., sonst war er still.

Am heimatlichen Bahnhof angekommen schnürte er den Behälter sorgfältig auf dem Gepäckträger fest . Vorsichtshalber schob er. Kurz hinter dem Yachtclub nahm er das Tuch ab, alles war vollgekackt und der Vogel fing munter an zu kreischen, das hatte Britta nicht mehr ertragen.

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Das Päckchen (ABC-Extra-Etüde)

Jonte schreit und tritt nach mir als ginge es um sein Leben, dabei versuche ich nur ihn im Buggy festzuschnallen. Frau Schultze öffnet die Wohnungstür, schweigend soweit ich das bei dem Lärm beurteilen kann. Ihr Hass brandet gegen meinen Leib.

Ich hätte früher selbst nicht geglaubt, dass ein Kind so schreien kann.

Sind Se‘ nich, odda?, brüllt man von hinten in mein Ohr und rammt mir etwas fast ins Gesicht, Instinktiv ducke ich mich.

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Schlaflos (ABC-Etüde)

Mein einst süßer Schlaf hat sich davongemacht wie ein Liebhaber, der eine Jüngere gefunden hat.

Mama ist mondsüchtig, witzeln die Mädchen, wenn sie mich bei ihren habschlafenden Toilettengängen am Fenster stehen sehen. Ich wäre zufrieden, läg ich nur in Vollmondmächten eingesponnen da, mit klopfendem Herzen, preisgegeben dem Schwinden der Tiere. Tagsüber suchen meine Augen nach Faltern und Vögeln, vielleicht wird der flüchtig übers Firmament huschende Mauersegler nicht bleiben können.

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Zlata und Matilda (ABC-Etüde)

Die Magnolie blüht, die Tulpen auch. Zlata schiebt ihr Püppi im Puppenwagen von Matildas Tochter herum, jahrelang hatte der ungenutzt auf Enkel wartend auf dem Boden gestanden. Die Kleine geht jetzt in die Kita und versteht jeden Tag mehr, so lang dauert dieser verdammte Krieg nun schon.

War das mit dem Deutsch bei Frau Rahloff und ihr damals auch so flott gegangen? Sie weiß es nicht mehr.

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Osternacht (sehr späte ABC-Etüde)

Mit ratlosem Wohlwollen akzeptierten ihre Eltern, dass ihre Tochter dieses Ostern in den Armen der Kirche und mit Jadwiga verbringen würde.

Kaum hatten sie ein paar Stunden nach der durchgemachten Gründonnerstagsnacht geschlafen, rannten sie in den Gottesdienst zur Sterbestunde Jesu. Am Karsamstag, an dem die Gläubigen doch in andächtiger Stille verharren sollten, waren die Jugendlichen aufgerufen, die Kirche zu schmücken mit dem Grün der jungen Birken, mit Osterglocken, Tulpen und vor allem Buchsbaum, den sie an diesem Tag eimerweise im Kirchgarten schnitt, weil Jadwiga ständig mehr davon verlangte.

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Gründonnerstag (ABC-Etüde)

Machst du mit bei der Gründonnerstagsnacht?, fragte Jadwiga sie und sie wusste gar nichts darauf zu antworten.

Gründonnerstag, das Wort hatte sie immer geliebt, grün wie die ersten Birkenblätter, violett wie Lerchensporn, hatte gehört, dass es bei manchen Leuten da Spinat zu Mittag gab.

Aber was war mit der Nacht?

Der Abend war apriliger wie er nicht hätte sein können, ein sanfter Regen fiel und um die kleine katholische Kirche am Stadtrand herum lugten Buschwindröschen und Scharbockskraut unter blühenden Felsenbirnen hervor.

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Der Taschendrache handelt auf seine Weise (verschlafene ABC-Etüde)

Jeden Tag freut sich der Taschendrache darauf in den Garten zurückzukehren, in dem er auf so wundersame Weise entstand. Was wird heute blühen, fragt er sich, wenn er aus ihrer kuscheligen Rocktasche schlüpft und freut sich, wenn sie ruft schau mal der Huflattich, sieh nur das Scharbockskraut, und hier die Buschwindröschen.

An zu vielen Tagen aber registriert sie die Schönheit nur aus dem Augenwinkel, hakt wie eine Buchalterin ab, Buschwindröschen 2022 erblüht, kein Handlungsbedarf. Wo bleibt der saumselige Lerchensporn?

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