Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

Das Junikind wurde im Regen geboren. In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen, sah ich abgeblühten Kastanienblüten beim zerregnet werden zu. Als das Kind dann endlich da war, gab es unzählige Sträuße Pfingstrosen und aus dem kalten Juni wurde einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken, jedenfalls aus damaliger Sicht. Das neue Jahrtausend hat später neue Maßstäbe gesetzt.

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Jensens Tod (ABC-Etüde)

Jensen ist tot, sagt mein Vater am Telefon. Saß tot auf der Bank. Den Kaffee und den Klöben noch vor sich. Ich hatte nach ihm geschaut, weil seine Hühner nicht eingesperrt waren. Ein sanfter Tod und das mit sechsundneunzig.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

Line, könntest du die Tage kommen und helfen das Haus auszuräumen?Wer sonst sollte es tun?

Und die Beerdigung, Papa? Wer kümmert sich darum?

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DD (ABC-Etüde)

In der Grundschulzeit hatte Svenja noch nicht mitgetan, wenn die anderen zwischen Dallrupps Häusern Verstecken mit Abschlag spielten, so gut lief sie nicht, nicht mal drei freie Schritte bekam sie damals hin, steuerte gerade aufs ewige Außenseiterinnentum zu. Vergiss‘ diese Kinder, sie würden dich eh nur ärgern, tröstete Mutti sie. Hart kämpfte Svenja, das undankbare Stück, um sich aus ihrer klebrigen Hülle Fürsorge zu befreien.

Mit der neuen Gehhilfe schaffte sie es zu den Baracken, diesem Schandfleck, der endlich abgerissen gehört, vorzudringen.

Mit Melanie musste sie nicht rennen. Die hatte ihre Barbies mit. Im Gebüsch spielten sie „weggelaufene Kinder werden von der Polizei verhauen“ und das wog allen Ärger und Muttis Sorgentränen tausendfach auf.

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In der Wanne (furchtbar verspätete ABC-Etüde)

Peregrin kreischt, als ob ich ihn verhaue, ich zieh ihn aber nur aus. Unger von unten kriegt im Homeoffice die Krise und klingelt, sagt mir notdürftig Bedeckten, ich soll machen, dass mein Blag still ist.

Ha, ha wie denn?

Geht gleich los, locke ich den Peregrin und zeige auf die dampfenden Schwaden, die aus dem Wasserhahn kommen. Bis wir endlich im Wasser sind, wird es Wohlfühltemperatur haben.

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Konfirmation (nachgereichte ABC-Etüde)

Dich hätte ich am liebsten dabei, schreibt Amelie, aber du weißt ja, die Familie…der Smiley rollt genervt die Augen.

Sie lädt mich zu ihrer Konfirmation, per Videostream, weil wegen Corona nur fünf Gäste pro Konfirmand leibhaftig zugelassen sind.

Ich bin perplex. Es lassen sich 2021 noch Jugendliche konfirmieren. Über vieles reden Amelie und ich, oft nebenbei, wenn Gemüse in der Pfanne schmort oder wir an den Bienenkisten sind. An Gott habe ich nie gedacht.

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Das alte Pferd (ABC-Etüde)

Das alte Pferd steht in der noch zögerlichen Frühlingssonne und lässt sich von Ebba den Rücken massieren. Mager ist es geworden, allen Kraftfutter- und Vitamingaben zum Trotz.

Irgendwann werden wir es einschläfern lassen müssen, hat Julia gerade wieder gesagt. Sie behauptet das alte Pferd hat Schmerzen, vielleicht hat sie sogar recht damit. Es läuft kaum noch, steht meist einfach herum, den Apfel, den Ebba ihm hinhält zermalmt es dennoch mit Genuss.

Ohne das Pferd hätten sie das Café nie eröffnen können.

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Herr M. (ABC-Etüde)

Damals wohnten noch viele dauerhaft in der Schrebergartenkolonie, Behelfsheime nannte man das. Unser Garten war nur Hobby und ich habe die Kinder in den Behelfsheimen immer beneidet, weil sie sozusagen nie nach Hause mussten.

Am Ende der Kolonie, direkt neben dem Parkplatz wohnte Herr M. mit seinen Kaninchen. Ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Dackelfaltengesicht, wie meine Mutter sagte.

Wir liebten die Kaninchen, wir liebten Herrn M. und seine Hütte, in der es fruchtig nach eingelagerten Äpfeln roch

Manche Eltern in der Kolonie waren zu eingesponnen in ihre Sorgen, um die Sorgen ihrer Kinder wahrzunehmen. Herrn Ms freundliche Mahnung Halt die Ohren steif löste keine Probleme, aber seine tiefe Anteilnahme half eben doch.

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Die Verschwörung der Dinge (ABC-Etüde)

Die neue Ärztin, so eine mit einem Zopf, aus dem keine einzige Strähne zippelt, behauptet ich würde dement.

Das ist Blödsinn. Ich war immer so. Von Anfang an haben mir die Dinge den Krieg erklärt.Trotzdem habe ich studiert, im Ausland gearbeitet, eine Tochter großgezogen, Bücher geschrieben, einen Bioladen geführt…

All das ist mir ohne nachhaltige Katastrophen gelungen und ich sage Ihnen, das war ein hartes Stück Arbeit.

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Nach dem Winterschlaf (ABC-Etüde)

Lilly band sie sich ihre Strickjacke um die Hüften, die Märzsonne wärmte. Eben hatten sie und Julian die Bienenstöcke durchgesehen. Alles strotzte vor Honig, die Immen schwankten fast unter der Last der Pollen, die sie an ihren Hinterbeinen heranschleppten.

Und doch fühlte sie sich verwundet, seit sie in den letzten Februartagen fassungslos zugesehen hatten, wie ein Großteil ihrer geliebten Schlehen von einem Trupp Arbeiter abgesägt und in Holzhäckselmaschinen gestopft worden war.

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Der Doktor und sein Äffchen (ABC-Etüde)

Eine Geschichte so oft gehört, dass sie Teil der eigenen Erinnerung wurde. Erst beim Aufschreiben, fallen die Lücken zwischen den vertrauten Wörtern auf.

Der Sohn des Doktors und mein Vater waren Schulfreunde, soviel ist sicher. Wann und warum sie sich aus den Augen verloren, ist kein Teil der Geschichte.

Der Doktor leitete die gynäkologische Abteilung des örtlichen Krankenhauses.

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