Schlaflos (ABC-Etüde)

Mein einst süßer Schlaf hat sich davongemacht wie ein Liebhaber, der eine Jüngere gefunden hat.

Mama ist mondsüchtig, witzeln die Mädchen, wenn sie mich bei ihren habschlafenden Toilettengängen am Fenster stehen sehen. Ich wäre zufrieden, läg ich nur in Vollmondmächten eingesponnen da, mit klopfendem Herzen, preisgegeben dem Schwinden der Tiere. Tagsüber suchen meine Augen nach Faltern und Vögeln, vielleicht wird der flüchtig übers Firmament huschende Mauersegler nicht bleiben können.

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Zlata und Matilda (ABC-Etüde)

Die Magnolie blüht, die Tulpen auch. Zlata schiebt ihr Püppi im Puppenwagen von Matildas Tochter herum, jahrelang hatte der ungenutzt auf Enkel wartend auf dem Boden gestanden. Die Kleine geht jetzt in die Kita und versteht jeden Tag mehr, so lang dauert dieser verdammte Krieg nun schon.

War das mit dem Deutsch bei Frau Rahloff und ihr damals auch so flott gegangen? Sie weiß es nicht mehr.

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Osternacht (sehr späte ABC-Etüde)

Mit ratlosem Wohlwollen akzeptierten ihre Eltern, dass ihre Tochter dieses Ostern in den Armen der Kirche und mit Jadwiga verbringen würde.

Kaum hatten sie ein paar Stunden nach der durchgemachten Gründonnerstagsnacht geschlafen, rannten sie in den Gottesdienst zur Sterbestunde Jesu. Am Karsamstag, an dem die Gläubigen doch in andächtiger Stille verharren sollten, waren die Jugendlichen aufgerufen, die Kirche zu schmücken mit dem Grün der jungen Birken, mit Osterglocken, Tulpen und vor allem Buchsbaum, den sie an diesem Tag eimerweise im Kirchgarten schnitt, weil Jadwiga ständig mehr davon verlangte.

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Gründonnerstag (ABC-Etüde)

Machst du mit bei der Gründonnerstagsnacht?, fragte Jadwiga sie und sie wusste gar nichts darauf zu antworten.

Gründonnerstag, das Wort hatte sie immer geliebt, grün wie die ersten Birkenblätter, violett wie Lerchensporn, hatte gehört, dass es bei manchen Leuten da Spinat zu Mittag gab.

Aber was war mit der Nacht?

Der Abend war apriliger wie er nicht hätte sein können, ein sanfter Regen fiel und um die kleine katholische Kirche am Stadtrand herum lugten Buschwindröschen und Scharbockskraut unter blühenden Felsenbirnen hervor.

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Der Taschendrache handelt auf seine Weise (verschlafene ABC-Etüde)

Jeden Tag freut sich der Taschendrache darauf in den Garten zurückzukehren, in dem er auf so wundersame Weise entstand. Was wird heute blühen, fragt er sich, wenn er aus ihrer kuscheligen Rocktasche schlüpft und freut sich, wenn sie ruft schau mal der Huflattich, sieh nur das Scharbockskraut, und hier die Buschwindröschen.

An zu vielen Tagen aber registriert sie die Schönheit nur aus dem Augenwinkel, hakt wie eine Buchalterin ab, Buschwindröschen 2022 erblüht, kein Handlungsbedarf. Wo bleibt der saumselige Lerchensporn?

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Der Taschendrache (ABC-Etüde)

Die ersten Krokusse ringen ihr ein Lächeln ab, vorsichtig entfernt sie die Grasbüschel um die kleinen Stauden herum und genießt den frischen Erdduft, dabei hat sie so viel Wichtigeres zu tun.

Erst hält sie ihn für ein verlorenes Spielzeug, aber was für eines! Die geschuppte Haut wirkt absolut echt und seine Augen würden die herzloseste Ausmistaktivistin in die Knie zwingen.

Er passt genau in die Höhlung ihrer Hand.

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21. Geburtstag (ABC-Etüde)

Ich fühle mich wie ein Vogel, der sich im Sturm verzeifelt an die Äste krallt. Der Wind pfeift durch die Fenster, als gäb es sie nicht. Sie sagen, ich bilde mir das ein, das Haus schwankt nicht,das liegt an den Medikamenten sagen sie, aber ich merk`doch wie alles verrutscht.

Diese Nacht kann ich nicht aufhören zu weinen.Ich will Lütten eine Birthday-SMS schicken, aber ich schaffs nicht, ich pfeffer das Handy quer durch den Raum.

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Das Sportfest (ABC-Extra-Etüde)

Vorbemerkung:

Kobolde ernähren sich vorwiegend von menschlicher schlechter Laune, Gereiztheit, Nörgelei und Wutausbrüchen. Diese Grundnahrungsmittel erzeugen sie mit großem Fleiß selbst.

Zu besonderen Gelegenheiten jedoch lieben sie Passasa, eine Leckerei, die im Wesentlichen aus einer Mischung aus Schokoladenpudding und Beton besteht. Beim Schlingen knistert sie verheißungsvoll in der Kehle, wegen der eingearbeiteten Gummibären, Nägel, Reißzwecken und Luftpolsterfolienschnipstel.

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Kein Applaus (ABC-Etüde)

Die gelben Kittel knistern bei jeder Bewegung. Ehe das Zimmer halb fertig ist, rinnt einem der Schweiß unterm Plastik den Rücken hinunterIrgendwas liegt da, nicht das übliche Verpackungszeugs, das die Schwestern erstaunlich achtlos auf den Boden fallen lassen. Das Faceshield macht die Vorzüge der Gleitsichtbrille zunichte. Abnehmen soll man das sperrige Ding lieber nicht. Seit ich fertig geimpft bin, habe ich allerdings nicht mehr solche Panik, weil dann ist es wohl mehr wie eine Erkältung.

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Eine kleine Decke (ABC-Etüde)

Da manche von Ihnen das gern vorher wissen; Es ist eine durchaus traurige Geschichte, denn sie erzählt vom Tod zur Unzeit.

Tage hat sie gebraucht, um überhaupt dieNummer zu wählen, beim ersten Versuch dann was von verwählt genuschelt und rasch aufgelegt.

Nun aber ist sie unterwegs zu Frau Fabian, die große Einkaufstasche prall gefüllt mit Neles Sachen, samtene Strampler, naturfarbene Wollhemdchen, geringelte Bodys, der kleine Pulli mit Weihnachtsmotiv, gekauft für ein Fest, das es nie gab. Wegwerfen wäre unverzeilich, die Tasche ewig stehen lassen eigentlich auch, denn sie muss ja weiterleben. Muss. Irgendwie uneingestanden will sie es sogar, ist doch noch keine dreißig und kann nicht Jahrzehnte verbringen mit einer Tasche voll Samtstramplern, Wollhemdchen und einem winzigen Weihnachtpulli.


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