Kuno — Julian und Cardámine 60

Liebe Frau Stachelbeemond, heute zeigt sich, warum ich vom Genuss von Feengetränken vorsichtig abriet. Für die lila Punkte habe ich inzwischen auch eine Erklärung bekommen, ich hoffe ich schaffe bald sie aufzuschreiben.

So erschöpft wie ich bin, würde ich einen Feentrank glatt annehmen.


Für alle, die jetzt erst einsteigen: Hier fängt die Geschichte an und geht dann fortlaufend nummeriert weiter:

Endlich durfte Julian den Bagger auch mal fahren. Eingequetscht zwischen Wolfgangs Beinen bediente er mit dem rechten Fuß das Gaspedal und Wolfgang half wirklich nur ein bisschen beim Lenken mit den zwei Hebeln. Julian gelang es, genau neben Paminas Grabungen zum Stillstand zu kommen. Dann musste man den Bagger „hinsetzen“, nach links und rechts fuhr er seine Raupenketten aus und ließ sich mit einem kleinen Rumms dazwischen nieder. Weiterlesen

Haarsträhne – Julian und Cardámine 59

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Unser Kobel am Weststamm war nur noch eine leere Zweigkugel. Schön wäre es, dachte ich, wenn ein Gartenschläfer seine Starrmonde darin verbringen oder im nächsten Haselkätzchenmond eine Blaumeise ihre Eier hineinlegen würde. Mit unserem Feuersteinmesser schnitt ich mir ein paar Haarsträhnen ab, als Einzugsgeschenk für zukünftige Bewohner. Feenhaar war ein allseits beliebtes Nestbaumaterial. Dann packte ich das Messer in meinen Korb. Der Abschied wurde uns nicht schwer gemacht.

Auch nachdem der große Menschenschwarm verschwunden war, wurden wir weiter belästigt. Zuerst kam eine Gruppe, die genauso aussah wie die Teichzuschieberbande, sodass uns die Eingeweide gefroren. Sie waren jedoch ziemlich harmlos. Ihr Auto sah wie ein Zwilling des versunkenen aus. Klug geworden, hatten sie es am Harten Weg abgestellt. Sie luden ein paar Schaufeln voll Schlamm in riesige Feenfallen, pieksten mit endlos langen Nadeln ins Erdreich und ersetzten schließlich das rot-weiß gestreifte Bannband durch einen soliden Zaun, auf dem stand: „BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!“, was seit meinem Verrat bloße Übertreibung war. Weiterlesen

Retter– Julian und Cardámine 58

Die Frau Fundevogel ist ja von Natur aus etwas fahrig und tut sich schwer damit ihre Dinge zu beaufsichtigen, weshalb gerne die Warnung kommt: Pass besser auf deinen Krempel auf, die Menschheit ist schlecht. In der derzeitigen Coronafundevogelwirrnis habe ich das große Glück dem guten Teil der Menschheit zu begegnen, dem Teil, der von der Frau Fundvogel abfallende Portemonaies, Kontokarten und Schlüssel nicht zu bösartigen Zwecken nutzt, sondern ihr noch hinterher trägt. Schlecht ist doch nur ein Teil der Menschheit und deshalb darf ich auch Geschichten wie diese ohne echte Bösewichte schreiben. Wie erfreulich! Trotzdem nehme ich mir zum hunderelften Male vor meine Siebensachen besser zu hüten. Viel Ärger sparte das schon. Weiterlesen

Megaphon– Julian und Cardámine 57

Heute morgen trafen der Kleine Fundevogel und ich eine kleine Katze, klein im Sinne von noch sehr jung. Sie wollte sich zwar nicht streicheln lassen, aber heftete sich an des Kleinen Fundevogels Fersen und ließ sich nicht mehr abschütteln, zwischendurch raste sie halsbrecherisch im Zickzackkurs über die Straßen. Weil sie so klein war, sich so leichtsinnig verhielt und es so schüttete, nahmen wir sie schließlich mit nach oben.

Über eine „Vermisste Katzen Gruppe“ des Fratzenbuchs gelang es dem Studenten der Geowissenschaften den Besitzer ausfindig zu machen. Weiterlesen

Proviant — Julian und Cardámine 56

„Wir sollten nachsichtig miteinander sein, das Leben ist beschissen genug“, mit dem Satz habe ich heute eine Kollegin verärgert, die von mir wollte, dass ich Patienteneltern wegen irgendwelcher auch sie nicht ganz überzeugenden Coronavorschriften diszipliniere.

Mit dem Satz im Herzen habe ich eben die verbalen Ausfälle des Großen Fundevogels ohne eigenen Wutanfall überlebt, wenn auch die dringend abzugebenden Hausaufgaben immer noch nicht erledigt sind.

Wir brauchen alle viel Nachsicht in dieser zermürbenden Zeit, sogar jene die in ihrer Sorge und ihrem Regelungswahn vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu weit gegangen sind.

Das Leben ist nämlich beschissen genug. Weiterlesen

Bier — Julian und Cardámine 55

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Herr Börner wachte auf. Sein Schädel brummte, als sei er zusammen mit seiner verlorenen Karre in der Schrottpresse gewesen. Krampfhaft versuchte er sich zu erinnern, wieso er nicht nur in all’ seinen Klamotten, sondern auch mit völlig verschlammten Turnschuhen an den Füßen eingeschlafen war. Mit welchem seiner Kumpel hatte er gezecht? Und warum um Himmels Willen lag Dennis‘ Mountainbike in der nicht mehr genutzten Hälfte des Ehebetts? Weiterlesen

Sondersendung — Julian und Cardámine 54

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Julian war gefangen und versank vermutlich gerade im Schlamm. Seine Arme und Beine ließen sich kaum noch bewegen. Eine weiche Masse drückte ihm auf Nase und Mund.

„Nein“, keuchte er. „Nein, nein.“

„Julian, erwache.“ Weiterlesen

Aethusa — Julian und Cardámine 53

Aethusa ist heil und unversehrt von ihrem Rendezvous mit Frau Stachelbeermonds Schweinehund zurückgekehrt. Auf den Schweinhund trifft heil und unversehrt leider nicht ganz so zu.


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„Carámine! Carámine!“

Meinen Namen wusste er immer noch nicht. Wie eine Blindschleiche robbte der Junge Dennis durch die Binsen, wohl in der Hoffnung so nicht von seinen Mitmenschen entdeckt zu werden, er wusste wie unglaublich schlechte Beobachter sie waren. Kein einziger bemerkte die blonden Borstenhaare, oder ihnen war egal, was jenseits des Bannbandes geschah. Um seine rechte Hand hatte Dennis eine Feenfalle geschlungen, aus der goldglitzernd Strafschleim quoll. Ich hatte richtig vermutet. Fee brauchte nicht besonders schlau zu sein, um zu raten, was er von mir wollte. Aber weder hatte er Wünsche frei, noch ich einen Zauberstab. Er würde lebenslang vor sich hin glibbern. Dieser Strafschleim zehrte den Körper aus. Zauberstabdiebe lebten meist nur noch wenige Sommer nach ihrer Tat. Ein elendes Siechen, das der Junge Dennis nicht verdient hatte. Weiterlesen

Schlafen — Julian und Cardámine 52

Der Titel passt heute sehr gut. Ich bin zum Umfallen müde, zwei Frühschichten hintereinander – aus mir wird in diesem Leben kein früher Vogel mehr.


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Bevor er sich richtig ausgestreckt hatte, stürzte Julian schon in abgrundtiefen Schaf. Plötzlich schreckte er hoch, ohne zu wissen, was ihn geweckt hatte. Othello, Tamino und Dennis atmeten beruhigend nah bei ihm. Nur das strahlende Sonnenlicht störte die vertraute Gemütlichkeit. Es war seltsam, tagsüber im Bett zu liegen ohne krank zu sein. Ungebeten flatterten die Ereignisse der letzten Tage durch seine Gedanken: Blut troff aus Frau Steffkes Stirn, die Hassfee stieß Todesdrohungen aus, die tote Fee lag mit verdrehten Gliedern in schwarzem Schleim, Filipendula sagte: „Der Junge Dennis läuft dem Jungen Julian nach wie ein Entenküken“. Wie ein Echo hallten die verzweifelten Schreie der versinkenden Bauarbeiter in seinem Kopf. Weiterlesen

Wasserlache — Julian und Cardámine 51

Heute trafen der Kleine Fundevogel und ich an dem Bach, der in die Feenwasser fließt, zwei Kindergärtnerinnen, die mit allerlei Stofftieren und Figuren für ihre zu Hause weilenden Kitakinder einen Film mit ihren Handys drehten. Feen waren auch dabei.


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Erschöpft kauerten wir bei Ortigas Leichnam. Filipendula weinte vor Verzweiflung. Sie hatte versucht, den Zauber zu sprechen, der Ortigas Geist den Wassern zurückgeben sollte. Das musste geschehen, wenn eine Feenartige starb. Leider hatte Ortiga uns nicht gelehrt, wie es ging. Ich hatte zugesehen, wie sie damals Angélica den Wassern übergeben hatte. Während der letzten Starrmonde hatte eine Lungenentzündung diese ewig kränkelnde Fee dahingerafft. Sogar über den paar Resten, die eine Katze von Jasione übergelassen hatte, hatte Ortiga die magische Formel gesprochen. Beide Male hatte sie mehrere Anläufe gebraucht bis die komplizierten magischen Bewegungen und Worte gelungen waren. Wahrscheinlich deshalb hatte sie die Totenriten an keine von uns weitergegeben. Weiterlesen